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31.12.1899 Erstes Blatt
 
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Rr. 307 Erstes Blatt. Sonntag den 31 December L8VS

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* Zur Jahrhundertwende.

Gießen, den 30. Dezember 1899.

Nur noch wenige Stunden, und das 19. Jahrhundert hat seine Schuldigkeit gethan es kann gehen. Ein be­deutungsvoller Abschnitt im Leben der Völker liegt hinter uns, und es mag noch gewaltigere Ereignisse im Laufe der Jahrtausende gegeben haben, als sie das abgelaufene- kulum gebracht hat, aber sie hatten ihre Bedeutung für uns mehr oder weniger verloren, sie sind vergessen worden im Zeitenlaufe, und deshalb ist der Abschnitt der Weltgeschichte, den wir das 18. Jahrhundert nennen, für uns die Ver­körperung alles dessen, auf das wir unser politisches, wirt­schaftliches und gesellschaftliches Leben gründen. Am Schlüsse jeder besonders wichtigen Zeitperiode blicken wir zurück auf die Vergangenheit, und deshalb ist heute an der Wende deS Jahrhunderts ein Rückblick auf dieses wohl am Platze. Natürlich kann es nur ein Griff sein in die Ereignisse, den wir thun, aller hervorragenden Begebenheiten zu gedenken, ist uns hier unmöglich.

Jedem Unbefangenen muß das 19. Jahrhundert als der Anfangspunkt einer neuen Kulturperiode erscheinen, deren Ausgang noch gar nicht abzusehen ist. Und das gilt nicht nur für Deutschland, sondern für die ganze Welt. Diese stand zu Beginn des Säkulums vollständig unter dem Eindruck der französischen Revolution, die insofern eine heil­same Wirkung ausgeübt hat, als sie den Völkern geistige Freiheit sowie die Mitwirkung an der Gesetzgebung und den Staatsgeschäften sowie das Selbstbestimmungsrecht der Nationen in Bezug auf ihre Staatszugehörigkeit brachte. Und jener Geistesfreiheiheit haben wir in erster Linie die ungeheuren Fortschritte zu danken, welche die Wissenschaft gemacht hat, haben wir zu verdanken die politische und geistige Umwälzung in der ganzen Kulturwelt. Großes Unheil hat zwar die französische Revolution angerichtet, schwer drückte dann die Macht des Korsen insbesondere auf Deutschland, aber das Gute hat die unselige Zeit doch gt- habt, daß die Völker sich wieder auf sich selbst besannen, daß das Vertrauen in die eigene Kraft gestählt wurde, daß das Gefühl der Zusammengehörigkeit gegen einen gemein­samen Feind Wurzel schlug, die freilich erst dreiviertel Jahrhundert später einen kräftigen Zweig trieb, der heute unser zweites deutsches Reich bildet.

Jene schwere Zeit führte auch zu derHeiligen Allianz", zu welcher Zar Alexander I. eigenhändig den Entwurf aus­gearbeitet hatte. Zwar hatte dieses sonderbare Bündnis keine unmittelbaren politischen Folgen, aber desto nachdrück­licher wirkte es mittelbar auf die politischen Verhältnisse der nächsten Jahrzehnte, insbesondere diejenigen Deutsch- lands.

Neben den Befreiungskriegen, die erfreulich den sehn­lichsten Wunsch nach einer Einigung der deutschen Stämme zeitigten, aber doch nicht die nachhaltigen Folgen hatten, welche man sich von ihnen hätte versprechen dürfen, waren es sodann die Erhebungen im Jahre 1848, welche die größten Umwälzungen, diesmal in unseren innerpolitischen Zuständen, herbeiführten. Wer will einen Stein werfen auf die Männer, welche damals Gut und Blut einsetzten, um der Nation zu politischen Rechte zu verhelfen? Jeder ob- jeküv Urteilende muß zugeben, daß die Ereignisse des Jahres 1848 eine natürliche Folge der damals herrschenden Zu­stände waren. Viel Not, viel Elend und Jammer hat das verhängnisvolle Jahr über Deutschland gebracht, aber die Früchte waren wertvoll, und noch heute erfreuen wir uns des Genusses derselben.

Freilich scheiterte damals das in Frankfurt a. M. be­gonnene Verfassungswerk, weil es unmittelbar aus der gährenden Bewegung hervorgegangen und eine Abklärung in jener stürmischen Zeit unmöglich war. Aber darum sind die Errungenschaften doch nicht verloren gegangen, und das deutsche Volk, das damals sich erhob zur Erkämpfung politischer Rechte, hat noch Jahrzehnte später gezeigt, daß es reif war zur Verteidigung der nationalen Ehre, zur Zusammenfassung in ein einiges deutsches Reich. Aus den Kriegen 1864, 1866 und 1870/71 hat sich unser Volk em­porgerungen zu der großen Nation, als welche Deutschland am Schlüsse deS Jahrhunderts geachtet in aller Welt da­steht. Schwer war der Kampf, aber groß auch der Sieg. Und wenn wir heute, auf der Schwelle des XX. Jahr­hunderts, uns ernstlich die Frage vorlegen, ob wir uns zurückversetzt sehen möchten um 100 Jahre, so würden wir ein solches Ansinnen weit zurückweisen. Das abgelaufene Jahrhundert hat für uns so goldene Früchte getragen, die wir nicht wieder missen möchten, und wenn es auch mit

einer Sonde hineinlangte in die Wunden der Völker und liefen heftige Schmerzen verursachte, so hat es doch auf allen Gebieten einen Heilungs-, einen Werdeprozeß ge- ördert, der das Glück verheißt im neuen Jahrhundert.

Für uns bilden die letzten hundert Jahre wir be­tonen es nochmals die bedeutungsvollste Zeit unserer Geschichte, und wir geben der Zuversicht Ausdruck, daß im neuen Säkulum, dessen Morgenröte uns bereits winkt, die Errungenschaften seines Vorgängers noch weiter ausgebaut und weiter ausgebreitet werden, zum Segen der Völker, zum Segen des deutschen Vaterlandes!

Läßt doch die Thatsache, daß die Nationen im letzten Viertel des 19. Säkulums das Bedürfnis fühlen, Allianzen zu schließen, um den Weltfrieden zu erhalten, daß sie sich vereinigen, um das vorläufig Menschenmögliche zur Ver­meidung von Kriegen, zur Linderung deren Greuel zu er­reichen, läßt doch alles dieses die Hoffnung zu, daß auf dem Wege weitergewandelt werde, daß uns die Segnungen des Friedens noch weit in das 20. Jahrhundert hinein er- freuen dürfen.__________________________________________

* Vom Kriegsschauplatz.

Nichts Neues! Das ist auch heute der Inhalt aller Nachrichten vom Kriegsschauplätze, wenigstens nichts Neues von Bedeutung.

Ju Natal

ist die Lage noch völlig unverändert. Wir verzeichnen zu­nächst das folgende Telegramm:

Chieveley (Lager), 27. Dezember. Schwere Ge­schütze traten heute früh in Thätigkeit, als der Feind beim weiteren Ausöau seiner Ver­schanzungen gesehen wurde. Das Granatfeuer zwang die Buren zum Zurückgehen. Sie flüchteten über die Berge hinweg. Als später kleine Trupps des Feindes wieder erschienen, wurden sie sofort beschossen. Der Lange Tom" schoß vom Jsimbulwana-Berge den Vor­mittag über auf Ladysmith, die britische Garnison ant­wortete jedoch nicht. Patrouillen sahen, daß der Feind auf der äußersten Linken in großer Anzahl stand. Im Fort Wylie ist ein Buren-Hospital errichtet worden; die britische Artillerie wurde daher angewiejen, dorthin nicht zu schießen. Etwa 3 Meilen von hier kam es zu einem Gefecht, in dem 9 Buren getötet und 6 Burenwagen erbeutet wurden.

General Bullers ganze Thätigkeit beschränkt sich also darauf, die Buren bei der immer enger werdenden Um­schließung seines Lagers bei Chievelcy zu stören. Dabei giebt es öfter kleinere Zusammenstöße, die vomReuter'schen Bureau" eiligst unter die bisher nur fiktive Rubrik:Eng­lische Erfolge", eingereiht werden, über deren wirklichen Verlauf man aber thatsächlich im Unklaren bleibt.

Was macht Ladysmith?"

das ist die stereotype Frage, mit der man sich auf der Straße oder sonstwo begegnet. Eine der Wirklichkeit ent­sprechende Antwort kann man aber nirgends erhalten. So geht uns heute folgende Nachricht zu:

Loudon, 2£. Dezember. DieTimes" berichten in ihrer zweiten Ausgabe aus Ladysmith unter dem 19. Dezember: Die Lage ist keineswegs verzweifelt. Die Nahrungsmittel reichen für zwei Monate aus. Die einzige Beunruhigung könnte der Futtermangel verursachen. Da aber ein reichlicher Regen gefallen ist, beginnt innerhalb des Bereiches des Lagers Gras zu wachsen. Die Verluste, die durch das Geschützfeuer des Feindes in den letzten Tagen entstanden sind, sind schwerer, da der Feind die Entfernungen genau abschätzt. (Wiederholt.)

Daß die Beschießung wirksamer geworden ist, wird auch von anderer Seite bestätigt. Heute vor acht Tagen wurden nicht weniger als acht Soldaten vom Gloucestershire- Regiment durch ein einziges Geschoß getötet. Nach der Times"-Meldung ist man trotzdem noch gutes Mutes und sieht voll Zuversicht in die Zukunft. Andere englische Blätter stellen die Lage in Ladysmith dagegen viel trüber dar. Namentlich heben sie hervor, daß der Gesundheits­zustand immer schlechter werde; unter anderen ist der m der Stadt eingeschlossene Korrespondent derDaily Mail", Stevens, schwer erkrankt. DemDaily Chronicle" zufolge wartet man ängstlich auf Ersatz. Man beabsichtigte, Weihnachten zu feiern, hat das aber auf Neujahr verschoben, Die pessimistischer gefärbten Berichte dürften der Wahrheit am nächsten kommen. Namentlich muß darauf gerechnet werden, daß der Heroismus der Besatzung der fortwähren­den Verringerung der Rationen nicht mehr lange Stand halten wird. ES sind nicht Männer, die für ihr Vaterland, für Haus und Herd kämpfen, sondern geworbene Söldner,

denen die Befriedigung ihres Magens schließlich doch höher teht, als das Prestige Großbritanniens.

DieTimes" wollen bekanntlich wissen, unter den Familien der Buren herrsche großer Mangel. Die Glaubwürdigkeit dieser Meldung wird vortrefflich durch den in einem Atem hinzugefügten Satz charakterisiert, die Pferde der Buren würden unbrauchbar infolge falscher Behandlung. Die Buren ihre Pferde falsch behandeln, mit denen sie von Jugend aus verwachsen sind! Der Berichterstatter der Times" hat entweder an seiner Sehkraft Schaden gelitten, oder es ist ihm noch Schlimmeres zugestoßen.

Bis jetzt haben die deutschen Behörden mit dem Burenkriege nur insofern zu thun gehabt, als deutschen Offizieren, soweit sie zur Armee noch in Beziehung stehen, die Teilnahme an den Feindseligkeiten untersagt wurde. Jetzt dürfte die

Verhaftung eines deutschen Farmers

neuen Anlaß geben. Folgende Nachricht läßt dies annehmen:

Durban, 28. Dezember. Ein deutscher Farmer namens Sturke und Reverend Hartes, der Direktor der hannöverschen Missionsstationen in Natal, sind unter der Anschuldigung, mit dem Feinde, als dieser in Mooi River stand, Verkehr gepflogen zu haben, verhaftet worden. Beide haben den Schutz des deutschen Konsuls in Anspruch genommen. Sie wurden verhört und in das Gefängnis von Estcourt gebracht.

Sturke soll bewaffnete Buren beherbergt haben. Allem Anschein nach wird die Angelegenheit den diplomatischen Apparat in Bewegung setzen.

Menschenfreundlichkeit der Buren.

Der Leutnant Kina hau von den irischen Königs- Füsilieren hat aus Prätoria einen Brief an seine Freunde in England gerichtet, in dem es heißt:Alles, was Ihr in England über die Buren gelesen habt, ist unroabr. Die benehmen sich in der liebevollsten Weise gegenüber den Ver­wundeten und Gefangenen, und sie berauben sich oft selbst, um einer Bitte, die an sie gerichtet wird, zu entsprechen. Wir leiden in keiner Weise Mangel. Wir bekommen alles, von Kleidung bis auf die Zahnbürste, und man beschenkt uns mit Zigarren und Nahrungsmitteln aller Art. Uns fehlt nichts als die Freiheit." Noch kein englischer Ge­fangener hat sich über das Benehmen der Buren zu be­klagen gehabt.

*

London, 29. Dezember. *Daily Telegr." berichtet aus New-York, für nächsten Sonntag sei daselbst eine große Volksversammlung seitens der Irländer einberufen, welche einen ausgesprochen anti-englischen Charakter haben werde. Es soll eine Anzahl heftiger Reden gegen England gehalten werden, besonders von dem irländischen Senator Cumyns.

Es erhält sich das Gerücht, daß Lord Salisbury der Königin brieflich seine Demission gegeben und diese mit seinem hohen Alter motiviert habe. Die Königin habe indeffen Salisbury gebeten,, bis nach Be­endigung des Krieges im Amte zu verbleiben, und derselbe habe dem Wunsche der Königin entsprochen.

Gerüchtweise verlautet, das Kriegs amt habe gestern abend einen längeren Bericht Lord Methuens erhalten. Bis heute früh hatte das Kriegsamt indessen darüber noch nichts veröffentlicht.

__ Die heutigen Morgenblätter verlangen die Er­setzung des jetzigen Kapkabinetts durch einVer- waltungsministerium, welches von London aus ge­leitet werden soll.Morningleader" sieht darin das einzige Mittel, einen allgemeinen Aufstand , der Afrikander der Kap- kolonie zu verhüten.

London, 29. Dezember. DerMorning Post" zufolge unternahm am 27. d. Mts. Reiterei und reitende Artillerie unter General Babington eine Rekognoszierung in west­licher Richtung des Modderriver. Es ergab sich dabei, daß die Stellung der Feindes eine derartige Ausdehnung habe, daß eine Umgehungsbewegung nach Westen wegen der großen Entfernung, die man in einer rauhen Gegend ohne Wasser würde zurücklegen müssen, nicht denkbar sei. Eine Reuter"-Meldung besagt, daß am Modderflusse augen­blicklich ein scharfer Artilleriekampf stattfände. Die Buren hätten sich auf einen nächtlichen Bajonettangriff seitens der Engländer gefaßt gemacht. Der Feind eröffnete in der letzten Nacht ein heftiges Gewehrfeuer, welches die Briten unbeantwortet ließen. Ueber die Lage am Tugela- flusse berichtet dasBureau Reuter" vom 27. d. Mts, daß die schweren englischen Geschütze bereits früh am Morgen in Action traten, als man bemerkte, daß die