1899
Donnerstag den 30 November
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GrsttskMsgr«: Gießemr Fsmüincklätter, Her hrUsche zandwitt, ZtStter für hessische DMskMde.
Da Plötzlich gegen 12 Uhr mittags ertönte weithinschallend die Signalflöte zum Zeichen, daß die Besucher das Schiff zu verlassen hätten, bald daraus ertönten die Abfahrtssignale und von der Kapelle des Schiffes, die vorher die deutsche und holländische Nationalhymne gespielt hatte, erscholl das alte Lutherlied: „Ein feste Burg fft unser Gott!"
Unter den Klängen dieses Liedes setzte sich der „Herzog , gezogen von einem Schlepper langsam in Bewegung. Die Menge, ergriffen von den weihevollen Klängen des Liedes und der Bedeutung des Augenblicks, verharrte in tiefem Schweigen. Dann aber erscholl um so stärker der brausende Ruf: „Lewe de Buren!" Die Tücher wehten, die Hüte wurden geschwenkt und das Hurrah pflanzte sich fort von Dock zu Dock, von Schiff zu Schiff, von Brücke zu Brücke! Ein unvergleichlicher Augenblick! Der Himmel trüb und regnerisch, alles grau in grau gesärbt; dennoch aber eine vielrausendköpsiige Menge, begeistert und von nationalen Hochgefühlen erfüllt, welcher unser ganzes Volk durchzittert. Und auf dem Schiffe 45 hoch- und niederdeutsche Aerzte, Pfleger und Pflegerinnen zu gemeinsamer edler That tm Dienste der Menschlichkeit und Barmherzigkeit verbunden. Möge es eine gute Vorbedeutung für die Zukunft sein, daß dieser dem deutschen Gedanken entsprossene Hilfszug auf dem deutschen Dampser „Herzog" hinausging, welcher die Hamburger Flagge führt, während am Vormast die Transvaalflagge wehte, vom Hauptmast die Zeichen der Deutschen Reichspost und am Heck die schwarz-weiß-rote Flagge Deutschlands! Eine dreistündige Fahrt durch den Nordseekanal brachte den „Herzog" in die Schleuse von Nmuiden: hier verließen die Herren des Hufsausschuffes den Dampfer. Der Hamburgische Vertreter, Herr Rechtsanwalt A. M. Jacobsen, rief den von Hamburg aus entsandten Teilnehmern ein letztes Lebewohl zu. Ein Heu Jssendorff, Heil Hamburg! scholl hinauf zur Kommandobrücke, auf der grüßend der Kapitän stand, um den „Herzog", ein beweisendes Zeugnis deutscher hanseatischer Arbeitsund Schaffenskraft, mannhaft und sicher hinauszubegleiten in das wogende Meer.
Rr. 282 Zweites Blatt
Kokales und Provinzielles.
Gießen, 29. November 1899.
** Geschichtskalender. (Nachdruck verboten.) Vor 155 Jahren, am 30. November 1744, würbe aus Waller»ein der Dichter Kar! Ludwig v. Knebel geboren. Mit Goethe stand er über ein Menschenaller im vettraulichsten Verkehr. Seine Tagebücher, sowie sein Briefwechsel bilden eine wichtige Quelle zur Erkenntnis jener goldenen Lttteratur-poche. Hingegen werden seine Gedichte und philosophischen Abhandlungen kaum noch gelesen. K. staro am 2d. tfee- ruar 1834 in Jena.
virrikljährliL 2 Mark 20 W menatüd) 75 Ps^ mit vringcrletz«.
Bei Postbezug 2 Mark 50 Pf,.
vierteljährlich.
schmack von Karlsbader Sprudel auf der Zunge empfand. Ich musterte mit zärtlichen Kennerblicken den hübschen, gold- grundierten Deckel, schlug ihn aus und las den Titel: „Spemanns goldenes Buch der Musik. Eine Hauskunde sür jedermann. ^ef Erich, „meine musikalische Pythia! Ich bemerkte das Buch kürzlich im Schaufenster, und konnte der Versuchung nicht widerstehen, es zu kaufen, obwohl ich damit meinen ganzen Monatsetat über den Haufen geworfen habe. Seit zwei Wochen lese ich täglich einen kleinen Abschnitt — mit welchem Erfolge, weißt Du."
„Du handeltest wie ein Weiser, Polyhymma segne Derne Entschlüsse!" sagte ich feierlich, und blätterte mit Interesse in dem Werke.
Eine Stunde später kaufte ich mir beim nächsten Sortimenter „Das goldene Buch der Musik". Es ist seltsam __ mir hegen kaum Bedenken, süns Mark sür eine Flasche Wein oder eine Handvoll Importen oder sonst einen flüchtigen Moment des Genuffes hinzugeben, aber wenn wir uns sür süns Mark ein Buch kaufen, und sei der Preis, iw Verhältnis zum Gebotenen auch noch so billig, so bilden wir uns immer ein, ein direkter Nachkomme von Raimunds Verschwender zu sein.
Aber diesmal bereute ich die Ausgabe Nicht, ^ch las und lese noch mit Vergnügen in dem kleinen, dicken Buche, allerdings nicht zu dem Zwecke, um gleich meinem Mosen Freunde Erich in Gesellschaft mit schöngeistigem unter- haltunqsstoff zu prunken, sondern um die vielen Lücken der musikalischen Bildung, die bei Laien doch ganz natürlich sind, auszufüllen, und meine musikalische Genußfähigk^t zu steigern. Und dazu eignet sich, meiner Ansicht nach,
Nwlimg urber 1899,
Spemanns „Goldenes Buch" ganz vortrefflich. Wie das Werk sich äußerlich schmuck und ansprechend präsentiert, so zeichnet es sich auch durch gediegenen und praktisch gegliederten Inhalt aus.
Der Herausgeber hat zur Durchführung seiner Ausgabe: „in einem handlichen Werke alles zu sammeln, was jedermann, welcher der holden Musika huldigt, wissen sollte", Mitarbeiter von bestem Rufe zu gewinnen verstanden: Professor Karl Reinecke, den Nestor der deutschen Klavierkünstler, Dr. Hugo Riemann, den berühmten Historiker, Prof. Beruh. Scholz, den Freund Joachims und Klara Schumanns, Dr. Karl Grunsky, Dr. Leopold Schmidt, Otto Hollenberg u. a. Wo so bewährte Kräfte zusammenspielen, da darf man wohl etwas Gutes und Harmonisches erwarten. £, _
Ein Blick in den Inhalt zeigt die große Reichhaltigkeit des behandelten Stoffes: Das Musiktalent und seine Ausbildung, Epochen und Heroen der Musikgeschichte, Künstlerlexikon, Klang-, Harmonie- und Formlehre, Jnstrumenten- und Orchesterkunde, einen Führer durch Konzertsaal und Oper mit knappen, aber erschöpfenden Analysen der Werke rc. Besonderes Jntereffe verdient auch das biographische Tom künstler-Verzeichnis derjGegenwart mit zirka 300 vorzüglich gelungenen Porträts der bemerkenswertesten Persönlichkeiten. Außerdem ist „Das goldene Buch" noch mit einer großen Anzahl von Vollbildern geschmückt.
Alles in allem ein Buch, wie cd nur deutscher Autoren- und Verlegerfleiß zu schaffen im stände ist; ein Buch, dem man von Herzen wünscht, daß ihm überall eine Hemistätte gewährt wird, wo Frau Musika waltet. P. W.
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** In Kriegszeiten. Jeder Krieg wirkt störend aus die Beziehungen der Völker. Für die w'rtschaftliche Entwickelung ist er ein Moment, mit dem sich an Plötzlichkeit kaum ein anderes vergleichen läßt. Naturgemäß brmwt er immer Handelsstockungen mit sich. Er unterbricht stellenweise den Seeverkehr, wie wir ja deutlich tm Vorjahre spürten, als Spanien und Nordamerika in Fehde lagen, und auch momentan wieder, wenn die beteiligten Handelskreise von amtlicher Seite ersucht werden, zu erwägen, ob es nicht ihren Interessen entspricht, während des letztgen Krieges die Benutzung britischer Dampser zur Beförderung von Waren nach Südafrika zu vermeiden. Der Krieg macht immer den Transport gefährlicher und deshalb thenrer. Er verhindert vielfach Geschäftsreisen, vermindert persönliche Beziehungen und ruft schon durch die Unsicherheit der Lage die Neigung hervor, sich vom Geschäft teilweise zuruckzuziehen. Diese Beobachtung ließ sich im Vorjahre machen und zum Theil auch jetzt wieder. Und mit dem Handel merkts der Geldmarkt. Das flüssige Geld, welches man sonst in Werten anlegt, wird rar, woraus sich dann sehr ost ein Coursrückgang ergiebt. Jede Versteifung des Geldmarktes hat außerdem Diskonterhöhungen zur Folge. Treten dazu noch starke Engagements auf dem Geldmarkt ein, wtt m der Regel vor Weihnachten, so macht sich die indirekte Wirkung eines Krieges erst recht geltend. Erfreulicher Weise ist ja die Lage der deutschen Arbeit immer noch eine günstige, doch pendelt nach den neuesten Beobachtungen des ..Arbeitsmarktes" die Konjunkturkurve bereits zwischen Aus- und Abstieg hin und her. Bei manchen Handelsartikeln ist der Einfluß des jetzigen Krieges unverkennbar, namentlich bei Wolle. Naturgemäß werden durch die Hausse bei einem solch wichtigen Handelsartikel sofort eine Reihe Berufe der Bekleidungsindustrie in Mitleidenschaft gezogen. Man merkt es also recht deutlich, daß bei den innigen Wechselbeziehungen der Völker des Erdballs untereinander ein Krieg — und sei er noch soweit entfernt — die großen fremden Staaten nicht unberührt läßt. Den praktischen Beweis liefern die Notizen in unserem heutigen Handelsteil.
»* Die Staatsanwalt in Gießen hat auf erhobene Anzeige gegen 12 bis 15 Burschen aus der Gemeinde Pfordt wegen eines hier nicht näher zu bezeichnenden Splnn- stubenunfugs Untersuchung eingeleitet. Die Opfer in der betr. Affaire waren 15- und 18jährige Mädchen aus Pfordt und dem benachbarten Qu eck. Die Strafanzeige ging von letzterer Gemeinde aus. Der Spinnstubenskandal ereignete sich in einer Pfordter Wirtschaft.
— Friedberg, 28. November. Seitdem die Frankfurter Quartett-Vereinigung (Herren Hermann
Feuilleton.
Gin musikalischer Kausfreund.
Mein Freund Erich - er ist Kunstmaler und seine Eltern haben auch nichts - bot se.t -m'g-r Z-.t seltsame Symptom- dar. Obwohl ich genau weist, daß er unmusikalisch ist wie -in Karpsen, und ,-de Melodi-, die er zu pseisen beginnt, in die „Wacht am Rhein übergehen lübt, verblüffte er in den letzten Wochen unsere geselligen Kreise durch seine wahrhaft fundamentalen Kenntnisse in der Musikwiffenschast. Bald spricht er über den Kontrapunkt wie -in Professor, und bald über Transpositionen, bald rieht er über die Programmmusiker los, und bald stimmt er ein Klagelied darüber an, daß die heutige Generation nicht genug Achtung vor Joh. Seb. Bach habe.
Als er neulich in einer Gesellschaft wiederum feine musikalischen Sentenzen durch den Saal schleuderte, zog ich ibn in einen Winkel.
Sage mal, alter Schwede," fragte ich, „von wannen ward" Dir eigentlich diese fabelhafte Erleuchtung ? Soll ich wirklich an eine Inspiration glauben, oder darf ich um eine meinem Skeptizismus besser angepaßte Erklärung des Phänomens bitten?" r _ . . ,
Er lachte. „Du ahnungsvoller Engel Du! Ja, ich will Deinen Wiffensdrang befriedigen. Wenn Du nächstens in mein Studio kommst, werde ich Dir meinen Inspirator v°^Äls ich ihn bald darauf besuchte, deutete er auf den Tisch; dort lag ein Buch von kleinern Format, aber so liebenswürdigem Embonpoint, daß ich unwillkürlich den Ge
4- Für die Bureu.
Hamburg, 26. November 1899.
Bon einem gelegentlichen Mitarbeiter aus Hamburg wird uns geschrieben: r _ _
Am Nachmittage des 24. Novembers setzte sich der aus insgesamt 35 Personen, Aerzten, Pflegern und Schwestern hochdeutschen, holländischen und vlämischen Stammes bestehende Antwerpener Hilfszug für die verwundeten Buren, begleitet von emer ungeheuren Menschenmenge, nach dem Amsterdamer Bahnhof in Antwerpen in Bewegung, die Teilnehmer in ihrer für den Kriegsschauplatz berechneten malerischen Kleidung und am Arme die Binde des roten Kreuzes. Der Lebendigkeit der Antwerpener Bevölkerung entsprechend, steigerten sich die Kundgebungen, je mehr der Zeitpunkt der Abfahrt näher rückte. Ein brausendes Hurrah nach dem andern erscholl, und die Zurufe „Leve de Buren!" wollten kein Ende nehmen. In Amsterdam wurde der Hilfszug auf dem herrlichen Hamburger Dampfer „Herzog", Kapitän v. Irndorf, erwartet, mit welchem die Hamburger Teilnehmer bereits an- qekommen waren. Zu ihnen stießen noch einige Aerzte, darunter der ostmärkische Chirurg des St. Pöltener Hospitals in Nieder-Oesterreich, Herr Dr. Albrecht, sowie der Leipziger Arzt Herr Dr. Tilemann. Am Morgen der Abfahrt, dem 25. November, strömte es bereits um 8 Uhr morgens nach dem Dock, an welchem der „Herzog" vertäut war. Immer neue Tausende kamen heran und suchten und sanden Platz an den langen Docks, auf den Dächern der Speicher, auf den Schiffen und in den Böten. Geduldig harrte die Menge des Augenblicks der Abfahrt. Das stolze Amsterdam mit seinen zahlreichen Kanälen, Türmen und hochragenden öffentlichen Gebäuden war eingehullt in einem leichten Nebelschleier und unaufhörlich rieselte em ferner Staubregen hernieder. Auf dem Dampfer entwickelte sich em überaus reges Leben. Es drängte sich di- Menge in den Gängen und Kajüten um die Teilnehmer. Jeder wollte ihnen ein lieb-S Wort des Abschieds zurufen Exzellenz Dr LeydS, der Brüsseler Gesandte der Sudaftikamschen Republik, ließ sich alle Mitglieder des Hilfszuges vo^ stellen. Ganz besonders lange und teilnehmend sprach er mit der alten Frau Siemssen aus Ottensen, die ihren Gatten, drei Söhne und zwei Schwiegersöhne gegen England im Felde stehen hat. Herr Dr. Koster und der Generalkonsul des Oran;efreistaats hielten Ansprachen Die Zeitungsberichterstatter sammelten eifng ihre Bemerkungen Photographen vom Fach und Liebhaber suchten und fanden hinreichend Gelegenheit, die Teilnehmer zu photographieren, kurzum es herrschte auf dem Dampfer einige Stunden lang ein ungemein fesselndes Leben und Treiben.
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