Ausgabe 
30.9.1899 Zweites Blatt
 
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Nr. 230 Zweites Blatt Samstag den 30. September

1899

Gießener Anzeiger

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Politische Tagesübersicht.

Berlin, 28. September. DieNorddeutsche All­gemeine Zeitung" schreibt: Wenn dieMünchener Neuesten Nachrichten" ihre jüngste Mitteilung über die in der letzten Staats-Ministerial-Sitzung ge­faßten Beschlüsse aufrecht erhält, so können wir auf Grund unanfechtbarer Informationen nach wie vor fest­stellen, daß diese Mitteilungen unrichtig sind. Der Inhalt der Staats-Ministerial-Beratungen wird, wie allgemein bekannt ist, von allen Beteiligten streng geheim gehalten. Nachrichten darüber können daher nur aus sehr trüber Quelle fließen, und es muß umsomehr wnnder nehmen, daß große Blätter kein Bedenken tragen, solchen offenbar völlig unzuverlässigen Meldungen Aufnahme zu gewähren.

DieBerliner Korrespond." veröffentlicht folgende Erkürung: In letzter Zeit finden sich in mehreren liberalen und konservativen Blättern allerlei Angaben über das Ver­halten einzelner Minister zu der Kanal-Frage und zu verschiedenen damit in Zusammenhang stehenden Maßregeln der Staats-Regierung, besonders in Betreff des Vorgehens gegen die politischen Beamten. Wir können auf das bestimmteste versichern, daß alle diese Mitteilungen jeder thatsä chlichen Grundlage entbehren. Irgendwelche Uneinigkeiten innerhalb des Staatsministeriums bestehen in keiner Weise, wie denn auch alle Minister für die in Rede stehenden Maßregeln die gleiche Verantwortung tragen. Die in den Zeitungen hier­über mitgeteilten Einzelheiten sind völlig unzutreffend.

DieBerliner Reuest. Nachr." hören, es bestehe die Absicht, den wirtschaftlichen Ausschuß zur Be­ratung der Handels-Verträge in diesem Herbste zur Beratung in Berlin zusammenzuberufen.

Zu der gestrigen Erklärung des Herrn v. Zedlitz in derPost" schreibt dieNordd. Allg. Ztg.": Wie wir hören, entspricht diese Erklärung den Wünschen der Staatsregierung, welche auch ihrerseits der Ansicht ist, daß sich eine derartige journalistische Thätigkcit, wie sie von dem Freiherrn v. Zedlitz ausgeübt worden ist, mit der Stellung eines Beamten nicht verträgt.

Die neuerlichen Gerüchte von einer angeblich be­stehenden Ministerkrisis, die ihren Grund in Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Ministerpräsidenten Fürsten zu Hohenlohe und dem Finanzminister 0r. v. Miquel haben sollte, werden uns von bestunterrichteter Seite.als unzutreffend bezeichnet. Innerhalb des gesamten Staats Ministeriums herrscht über die wesentlichen schwebenden Fragen volle Uebereinstimmung. Daß auch das Einver­nehmen zwischen dem Fürsten zu Hohenlohe und dem Vice­präsidenten des Staatsministeriums durchaus nicht zerstört ist, dürfte schon daraus erhellen, daß Fürst Hohenlohe gestern abend Herrn v. Miquel besucht und eine lang an­dauernde Unterredung mit ihm gepflogen hat.

Deutsches Reich.

Berlin, 28. September. Der Kaiser begrüßte am Dienstag Nachmittag nach der Ankunst auf der Rhede von Danzig zunächst die Besatzung des aus Ostasien heimgekehrten großen Kreuzers Kaiser und besichtigte hierauf denselben. Abends hörte der Kaiser an Bord der Hohenzollern den Vortrag des Admirals Köster. Gestern morgen wohnte der Monarch von ?i/4 bis 10/2 Uhr der Inspizierung des Kreuzers Kaiser durch den Admiral Köster bei und hörte später auf der Fahrt von Danzig nach Rominten die Vorträge des Chefs des Militär-Kabinetts, von Hahnke und des Staatssekretärs des Reichs-Marineamtes, Kontre-Admiral Tirpitz.

Die gesamte Jagdbeute des Kaisers während seines fünftägigen Aufenthaltes in Schwed en beträgt 62 Rehböcke, 1 Fuchs und 7 Bussarde. Davon ent­fallen 24 Böcke und 1 Fuchs auf Snogeholm, während die übrigen 38 Böcke und die 7 Raubvögel in dem Jagdgebiet des Grafen Thott-Skabersjö erlegt wurden. Die Mehrzahl der erbeuteten Gehörne ist außerordentlich stark und prächtig geperlt. Von den während seines Aufenthalts hergestellten Photographien hat der Kaiser eine ganze Mappe kaufen und mit nach Deutschland nehmen lassen. Von dem Gefolge ist der Generalmajor v. M o l t k e als Gast des Grafen Piper h Snogeholm verblieben. Interessant ist es zu erfahren, rote der Kaiser dazu gekommen ist, dem Grafen Piper und dem Grafen Thott einen Besuch abzustatten. Bei einem Besuche im Hause des Generalmajors Grafen v. Moltke in

Potsdam sah der Herrscher eine schöne Sammlung vonTrophäen, die der Hausherr von seinen Jagdausflügen in Schonen mit­gebracht hatte. Ein alter Freund der Familie Moltke, Herr Marcher, der auf Schonen angesessen ist, hatte den Generalmajor zu diesen Jagdausflügen veranlaßt. Es ist vielleicht nur wenig bekannt, daß Herr Marcher bei dem Tode des greisen Feldmarschalls zugegen war, und daß dieser in seinen Armen verschied. Als der Kaiser seine Be­wunderung über die Jagdtrophäen aussprach und den Wunsch äußerte, in Schonen zu jagen, erfuhr Graf Piper davon und lud durch den Grafen Moltke den Kaiser zur Jagd ein. Der Kaiser sagte zu, drückte aber den Wunsch aus, auch Herrn Marcher eingeladen zu sehen, und natürlich wurde dem gern entsprochen, lieber die weiteren Jagddispositionen des Mo­narchen liegen noch folgende Nachrichten vor: Zu der großen Hofjagd, welche am 26. Oktober im Heimburger Reviere bei Blankenburg am Harz stattfindet, wird der Kaiser am 25. Oktober als Gast des Prinzregenten von Braunfchweig in Blankenburg eintreffen. Für die dort stattfindende Jagd auf Rot- und Schwarzwild sind die Schießstände für die Teilnehmer bereits errichtet und einige hundert Stück Schwarzwild eingekörnt. Ferner wird sich im Laufe des November der Kaiser auf einige Tage nach Slawentzitz begeben, um auf Einladung des dort an­sässigen Oberstkämmerers Herzogs von Ujest- an den Herbst­jagden teilzunehmen. Weiter hat der Monarch in Aussicht genommen, in demselben Monat auch dem Fürsten v. Pleß auf dessen Besitzung Pleß in Oberschlesien einen mehrtägigen Jagdbesuch abzustatten und bei dieser Gelegenheit auch einen mehrtägigen Abstecher nach Primkenau zum Jagdbesuch bei feinem Schwager, dem Herzoge Ernst Günther von Schleswig- Holstein, zu unternehmen. Die näheren Daten dieser Jagd­ausflüge sind noch nicht bekannt.

Berlin, 28. September. Zu der Mitteilung, daß der Minister v. Miquel zur Zuspitzung der Gegen­sätze zwischen den Konservativen und der Staatsregierung beigetragen habe und insbesondere an der Maßregelung der Beamten beteiligt sei, wird der Kreuzzeitung" auch von anderer Seite auf das bestimmteste versichert, daß diese Annahme unzutreffend ist. Bei der im Staatsministerium einheitlich getroffenen Maßnahme könne auch von dieser besonderen Verantwortlichkeit eines einzigen Mitgliedes keine Rede sein.

Berlin, 28. September. Reichskanzler Fürst Hohenlohe hatte derStaatsbürger Zeitung" zufolge mit Finanzminister Miquel gestern nachmittag eine längere Konferenz. In politischen Kreisen bringt man dieselbe mit der ungewöhnlich scharfen Zuspitzung der inneren Lage in Zusammenhang.

lieber die Besetzung einiger höherer Ver­waltungsämter erfährt die National-Zeitung folgendes: Der Regierungs - Präsident von Oertzen-Sigmaringen, von dem cs hieß, er werde als Nachfolger des Herrn von Bitter, Direktor im Ministerium des Innern werden, wird als Negierungs-Präsident nach Düsseldorf versetzt werden. Zum Regierungs Präsidenten in Posen soll der Vortragende Rat im Ministerium des Innern, Geheimer Ober Regierungs- rat von Holleuffer bestimmt sein. Als künftigen Direktor im Ministerium des Innern nennt man jetzt den Negierungs- Präsidenten von Dewitz in Erfurt und den Regierungs- Präsidenten von BischoffShausen in Minden.

Die heutige Stadtverordneten-Versammlung hat be­schlossen, dem Bürgermeister Kirschner für feine der Stadt Berlin geleisteten außerordentlichen Dienste einen Extrabetrag von 12,000 Mark zu gewähren. Der Magistrat wurde ersucht, der Bewilligung dieser Summe zuzustimmen.

Auch an hiesiger unterrichteter Stelle wird die Meldung englischer Blätter, wonach wegen der Ver­pachtung der Delagoa-Bay an England Verhand­lungen zwischen der deutschen und portugiesischen Regierung eing.Ieitet seien, als durchaus unbegründet bezeichnet.

Wie dieNational-Zeitung" hört, ist die Ernennung des Herrn Viktor Schoultz zum landwirtschaft­lichen Attache in Petersburg thatsächlich erfolgt.

Hamburg, 28. September. Das Gnadengesuch des P h o l o g r a p h e n W i l cke, der bekanntlich wegen unbefugten Eindringens in das Sterbezimmer des Fürsten Bismarck und Photographierens der Leiche zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt worden war, ist vom Kaiser abschläglich beschieden worden.

Ausland.

Wien, 28. September. In parlamentarischen Kreisen wird versichert, Baron Gautsch sei bereits mit der Bil­dung eines allen Parteien genehmen Beamten- Ministeriums betraut. Derselbe habe auch schon die geeigneten Mitarbeiter ausgesucht, und stehe die amtliche Publikation der neuen Ministerliste unmittelbar bevor.

Wien, 28. September. Die Oppositionsmänner des Polen- und Jungtschechen Klubs, Jaworski und Dr. Engl sowie Bielinski und Baron Dipauli sind vom Kaiser zur Audienz berufen worden.

Loudon, 28. September. Die heutigen Blätter kündigen die Veröffentlichung einer Broschüre des Deutschen Lehmann an, welcher während 50 Tagen Gefangener des Khalifen vom Sudan war. Lehmann macht in der Broschüre interessante Mitteilungen über die dortigen Ge­bräuche und über das Leben des Khalifen.

Paris, 28. September. Der Staatsrat hat die Re­gierung ermächtigt, in Abwesenheit der Kammer über eine Summe von 300000 Franks zur Aufbesserung der Sanitäts-Posten in Marseille, Bordeaux und Nantes zur Verfügung zu stellen. Diese Maßregel be­zweckt, die Einschleppung der Pest aus Egypten und Portugal zu verhindern.

Warschau, 28. September. Der Gehilfe des General-Gouverneurs der Weichsel-Provinzen, Onoprienko wurde plötzlich seines Amtes ent­hoben, angeblich wegen zu milder Behandlung der in der Warschauer Citadelle untergebrachten polnischen Gefangenen.

Belgrad, 28. September. Der Belagerungszu­stand, soll, wie offiziös gemeldet wird, demnächst auf- gehoben werden.

Foksies huü ^LsvMMürs.

Gieße», 29. September 1899.

** Gabelsberger Stenographenverein Gießen. Der am heutigen Tage zum Abschluß gekommene erste Damen­kursus des Gabelsberger Stenographenvereins Gießen, darf mit Recht als ein in jeder Beziehung be­friedigender Anfang für den stenographischen Unterricht in Damenkreisen betrachtet werden. Kann doch der Verein mit Stolz verzeichnen, daß es unter der bewährten Unterrichts­leitung des Herrn Lehrer Müller gelungen ist, die die herrliche Kunst Gabelsbergers erlernenden Damen bis zum Abschluß des Kurses der guten Sache zu erhalten. Das am letzten Dienstag von dem Verein veranstaltete Wett­schreiben darf in Bezug auf Korrektheit und Schönheit der Schriftzüge als wohlgelungen betrachtet werden, und rechnet es sich der Verein zur höchsten Ehre an, die wirk­lich vorzüglichen Leistungen der Schülerinnen Gabelsbergers mit Diplomen auSzeichnen zu können. Es wurde durchweg gut geschrieben, und stand keine der Schülerinnen hinter dem gesteckten Ziele zurück. Das Gelernte wird durch einen Fortbildungskursus weiter entwickelt und dem Gedächtnis fester eingeprägt werden, und sollen die Schülerinnen zur ge­meinsamen Arbeit und zur Begeisterung für Meister Gabels­bergers erhabene Kunst gewonnen werden. Es ist zu hoffen, daß auch der neue Anfangskursus (Beginn im Oktober) seiner Zeit gleich schöne Erfolge zu verzeichnen haben wird. Ein Meisterwerk hast Du geschaffen, Der Du die Schnell­schrift gäbest uns; Wir werden nimmermehr erschlaffen, Zu lehren Gabelsbergers Kunst.

** Militärdienst der Volksschullehrer. Zum letzten Male werden dieses Jahr die Volksschullehrer zu einer zehnwöchigen militärischen Hebung herangezogen. Mit dem nächsten Jahre tritt bekanntlich die Bestimmung bezüglich des einjährigen Militärdienstes für Volksschullehrer in Kraft. Es wird sich bann in allen deutschen Staaten ein bedeutender Lehrermangel fühlbar machen; sollen doch nach amtlicher Schätzung dann etwa 3060 Lehrer dem Volksschuldienst jährlich entzogen werden. Es werden dann viele Lehrer- stellen mit Schulamtsaspirantinnen besetzt werden müssen, an denen bis jetzt noch kein Mangel, vielmehr bedeutender Ueberfluß herrscht. Erwähnte Hebung findet beim 1. Nassauischen Jnf.-Regiment Nr. 87 in Mainz statt und beginnt am 28. September. An demselben Tage rückt auch eine größere Anzahl hessischer und nassauischer Volksschul­lehrer beim Jnf.-Regiment Nr. 117 ein.

** Hessische Klassenlotterie. Eine Abordnung der Lose­händler, Rachor und Anger-Mainz und Dinkelmann- Worms begaben sich gestern nach Darmstadt in's Finanz­ministerium, um Aufklärungen darüber zu erhalten, zu