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30.8.1899 Zweites Blatt
 
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Nr. 203 Zweites Blatt- Mittwoch den 3V. August L8VS

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Fernsprecher Nr. 61.

&ine Pflicht Europas.^

Wenn der Sultan mit seinen lieben christlichen Unter- thanen in Streit geraten ist und ihnen in einer schwachen Stunde bewilligte Reformen vorenthält, so fühlen sich die europäischen Mächte verpflichtet, einzuschreiten und dem Padischah die Daumschrauben aufzusetzen, bis er sein Wort einlöst oder aber wie das ja meistens der Fall ist durch eine Hinterthür entschlüpft. Jedenfalls hat das durch die Großmächte repräsentierte Europa die Ueber- zeugung, zu einer Intervention berechtigt zu sein, wenn gemeinsame Interessen auf dem Spiele stehen. Vor kurzem erst sind die Vertreter fast aller Nationen der Welt ver­sammelt gewesen, um gegen einen mächtigen Feind der Menschheit, gegen den Krieg und dessen Greuel, sich zu vereinigen, um Maßnahmen zur Beseitigung oder wenigstens doch zur Verminderung der Kriegsgefahr zu treffen. Wenn auch der Erfolg zu wünschen übrig läßt, so waren die Bemühungen jedenfalls anerkennenswert. Heute wird Europa durch eine schwere Gefahr unmittelbar bedroht, die ein entschiedenes Eingreifen der Mächte dringend erfordert. Wir meinen die in Portugal zum Ausbruch gekommene Pest.

Nach allen Meldungen, welche aus Oporto einlaufen, ist es um die von den portugiesischen Behörden gegen die Weiterverbreitung der Seuche ergriffenen Maßnahmen recht schlecht bestellt: entweder wird die Größe der Gefahr ver­kannt oder aber die Behörden scheuen scharfe Absperr­maßregeln, um die Bevölkerung nicht aufzuregen. Schon die von der portugiesischen Regierung beliebte Verheim­lichung hat der Ausdehnung der Epidemie erheblichen Vorschub geleistet, und der Krankheitsstoff kann bereits seinen Weg in weite Distrikte genommen haben. Wie schon oben gesagt, geht die Portugiesische Behörde mit ihren Maß­nahmen sehr lax vor, und auf die spanischerseits vor­genommene Absperrung ist ebenfalls kein rechter Verlaß. Nun sind aber bei einer Ausdehnung der Pest nicht nur diese beiden Reiche beteiligt, sondern alle europäischen Länder werden in Mitleidenschaft gezogen. Was hilft es z. B. uns in Deutschland, wenn die Herkünfte aus Oporto von der Einfuhr ausgeschlossen bezw. einer längeren Quaran­täne unterworfen werden? Ueber Frankreich, Spanien, England, Holland usw. können portugiesische Waren ihren Weg zu uns finden, wenn in diesen Ländern die Sicher­heitsmaßregeln ungenügend durchgeführt werden. Und wer leistet denn Gewähr dafür, daß darin überall hinreichende Vor­sicht geübt wird. Unserer Ansicht nach besteht das einzige Mittel, die Ausdehnung der Seuche sowie jeder anderen Epidemie zu verhindern darin, daß man auch thatsächlich den Entstehungsherd eingrenzt und mit aller Strenge die Ab­

sperrung durchführt, sodaß die Ueberschreitung der gezogenen Grenze zur Unmöglichkeit gemacht wird. Sollten die be­stehenden Sanitätskonventionen nicht ausreichen, so wäre es jedenfalls nicht schwierig, internationale Vereinbarungen zu treffen, wonach in allen Fällen, in denen ein Seuchenherd entdeckt wird, welcher eine Gefahr für Europa bildet, einer mit großen Machtbefugnissen ausgestatteten internationalen Kommission alle in Betracht kommenden Maßnahmen über­tragen werden. Nur so wird es ermöglicht, daß das In­teresse aller Länder gewahrt und nicht von einer einzelnen Regierung das Wohl ganz Europas aufs Spiel gesetzt wird.

(xx)

Goethe-Feier.

(Zweiter Tag.)

Frankfurt a. M., 28. August.

Heute früh 11 Uhr traf Kaiserin Friedrich mit der Kronprinzessin von Griechenland von Cronberg hier ein und begab sich in Begleitung der Prinzessin Friedrich Karl von Hessen nach dem Saalbau, um der von dem Freien Deutschen Hochstift und der Goethe-Gesellschaft veranstalteten akademischen Feier beizuwohnen. An der Thüre wurden die hohen Herrschaften durch den Oberbürgermeister empfangen und nach der Loge geleitet. Nachdem die Kaiserin Platz genommen hatte, ertönte derGesang der Geister über den Wassern", eine von Schubert für Männer-Chor komponierte Goethe'sche Dichtung. Hierauf bestteg Oberbürgermeister Adickes die Rednertribüne, um im Namen der Stadt allen Erschienenen herzlichst zu danken und den von auswärts hierher geeilten einWillkommen" zuzurufen. Er begrüßte zunächst die Kaiserin Friedrich, dann die Vertreter der Staatsbehörden, die Vertreter der deutschen Hochschulen und zuletzt die Vertreter der Goethe-Gesellschaft, welcher er dafür dankte, daß sie im Einverständnis mit ihrem hohen Protektor auf ein Goethe-Fest in Weimar verzichtet hatte. Dr. Benkard dankte im Namen des Freien Deutschen Hochstifts den Er­schienenen und gab seiner Freude Ausdruck, daß das Freie Deutsche Hochstift, welches nun schon vierzig Jahre besteht, diese Feier mit der Goethe-Gesellschaft vereint hier begehen könne. Er dankte den deutschen Universitäten, von welchen zwölf teils durch ihre Rektoren, teils durch ihre Dekane hier vertreten seien, ebenso dankte er den Vertretungen der Wiener Goethe-Gesellschaft und der englischen Goethe- Gesellschaft. Hierauf brachte der Vorsitzende der Goethe- Gesellschaft in Weimar, Professor Dr. Rohland Grüße des Protektors, Fürsten Karl Alexander, der ihn gebeten habe, seinem Bedauern Ausdruck zu geben, nicht persönlich hier erscheinen zu können.

Die Depesche des Fürsten wurde ebenso wie eine solche

des Sachsen-Weimarischen Kultus-Ministeriums von Dr. Rohland verlesen, welcher um die Erlaubnis bat, dieselbe im Namen der Versammelten erwidern zu dürfen. Nachdem die Versammlung sich durch starken Applaus hiermit ein­verstanden erklärt hatte, überreichte Dr. Rohland sowohl der Stadt als auch dem Freien Deutschen Hochstift je ein Exemplar in Prachtband des von den wissenschaftlichen An­stalten Weimars zu Ehren des 150. Geburtstages Goethes herausgegebenen Werkes. Der Rektor der Universität Jena, Professor Dr. Eucken dankte im Namen der deutschen Hoch« schulen für die Einladung nach Frankfurt zu dieser Feier zu kommen. Hiermit war die Reihe der Begrüßungen zu Ende und Professor Dr. Erich Schmidt-Berlin hielt die Festrede über Goethes Beziehungen zu seiner Vaterstadt und schloß mit einem Hoch auf die Goethe-Stadt Frank­furt a. M. Jubelnder Beifall folgte dem Vortrag. Nach­dem noch Professor Dr. Veit Valentin-Frankfurt a. M. über Natur und Kunst" bei Goethe gesprochen hatte, ertönte das Goethesche GedichtMahomeds Gesang" von Kempter komponiert, von dem Sängerchor des Lehrer-Vereins meister­haft gesungen durch den Saal. Um 3 Uhr nachmittags fand im Palmengarten ein offizielles Festmahl statt.

Schon um 21/, Uhr begann der Saal sich zu füllen. Präzis 3 Uhr nahmen an der großen Längstafel die Spitzen der Behörden Platz. In der Mitte der Oberbürgermeister zwischen dem kommandierenden General des 18. Armeekorps Exzellenz von Lindequist und dem Vorsitzenden der Goethe- gesellschaft. Außerdem saßen an der großen Tafel die Spitzen der Behörden zum größten Teile mit ihren Damen. Außer an der großen Tafel wurde an neun Quertafeln und an vielen kleinen Tischchen serviert.

Nach dem zweiten Gange schlug Oberbürgermeister Adickes an das Glas, und sämtliche Anwesende erhoben sich mit ihm. Er sprach von der Zeit vor 150 Jahren, von einer Zeit in welcher Deutschland Helden brauchte, um sich wieder erheben zu können, Helden des Geistes und Helden der That. Beide seien uns Deutschen in diesem Zeiträume erstanden. Redner erinnerte an die Helden der That, Kaiser Wilhelm den Großen und Bismarck, welche das Ideal Goethes, des Helden des Geistes, erfüllen durften. Er schloß seine Ansprache mit den Worten: Möge des Himmels Segen ruhn auf unserm Kaiser Wilhelm. Unser aller­gnädigster Kaiser König und Herrn, er lebe hoch! Die Versammlung stimmte dreimal in den Hochruf ein und sang stehend die Kaiserhymne. Hierauf ergriff der Vorsitzende des Freien Deutschen Hochstifts das Wort um allen zu danken, welche an dieser Feier sich beteiligten. Derselbe verlas eine größere Anzahl eingelaufener Telegramme, dar­unter eins von Wilhelm Jordan, welcher seinem Bedauern

FeuMetm.

Hoetfie aks Knaöe.

Zum 150. Geburtstage des Dichters.

Von Dr. Adolf Kohut.

(Nachdruck verboten.)

(Schluß.)

Während Wolfgang durch seinen Vater und seine ersten Lehrer und Erzieher sich des Lebens ernstes Führen an­eignete, sorgte die geniale Mutter, dieFrau Aja", wie sie von ihren zahllosen Verehrern genannt wurde, dafür, daß ihr Junge kein Pedant wurde, und daß ihr idealistischer Hang und die Lyrik, welche in ihr lebten, auch dem Sohne eigen wurden. Auch der kräftige Hauch von Humor, der ihre ganze Erscheinung umwehte, jene genannte Frohnatur, teilte sich ihrem herrlichen Sohne mit. Diese köstliche Gottesgabe verließ diese außerordentliche Frau selbst im Sterben nicht, was schon folgende wohl beglaubigte kleine Anekdote beweist. Am Morgen ihres Todestages lief von einer befreundeten Familie, welche die Krankheit der Frau Rat für unbedenklich hielt, eine Einladung ein, woraus die Sterbende zurücksagen ließ:Die Frau Rat kann nit kommen; sie hat alleweil zu sterben." Bei all ihrem Phantasiereichtum war sie aber nichts weniger als eine Phantastin, sie wußte das Leben geschickt zu fassen und praktisch zu führen. Jenen gesunden, derben, humor­gewürzten Realismus der Mutter finden totr nun auch bei dem jungen Goethe. Sie hat auch wesentlich dazu bei­getragen, den freien, offenen Blick für die Natur und die

Menschheit, sowie das frische und mutige Erfassen der Wirk­lichkeit in dem geliebten Sohne zu entwickeln. Selbst eine Spielgenossin und Kameradin ihres Knaben beide waren ja noch so jung pflegte sie auch das Schooßkind Jovis, die Phantasie, und erschloß durch ihre Unermüdlichkeit im Erzählen von Märchen und Gedichten dem begierig auf- horchenden Wolfgang die Pforten der idealen Welt, und bevölkerte ihm dieselbe mit den Gestalten unserer alten Volksbücherpoesie; Frau Aja merkte bald, daß aus ihrem Jungenwas Extraordinäres" werden würde, und sie lehrte ihn vor allem das Köstlichste: Lebensfreudigkeit.

Wenn sich des Dichterfürsten Leben und Schaffen so harmonisch gestaltete, wenn wir an ihm nichts von mond­scheinblasser Romantik, krankhafter Gemütsstimmung und pessimistischer Selbstquälerei entdecken, so hat er diese geistige Gemütsanlage in erster Linie Vater und Mutter zu ver­danken. In behaglichen bürgerlichen Verhältnissen aus­gewachsen, wie ein Augapfel behütet, mit allen Bildungs­mitteln ausgestattet, strahlte schon dem Knaben die Sonne des Glückes in ihrem vollen Glanze. Man könnte beinahe versucht sein, anzunehmen, daß Friedrich Schiller, der große Bruder Goethes im Geist, auf ihn die Strophe ge­dichtet habe:

Wie leicht ward er dahin getragen, WaS war dem Glücklichen zu schwer, Wie tanzte um des Lebens Wagen Die lustige Begleitung her.

Auch die Zeitumstände trugen dazu bei, dem Genius die Schwingen zu lösen. Als neunjähriger Knabe hatte er bereits reiche Gelegenheit, den kosmopolitischen Sinn und das Weltbürgertum, die zu seinen charakteristischen Eigen­schaften gehörten, zu entwickeln, denn im Dez-mber 1758,

als der Oberstkommandierende der französischen Truppen, Prinz Soubise, sich genötigt sah, einen Teil seiner Armee in sichere Quartiere zu bringen, quartierte sicy der berühmte Königsleutnant Graf von Thoranc im Hause des Kaiserlichen Rats Johann Kaspar Goethe ein und bezog mit seinen Leuten deffen wohlgeputzte, meist verschlossene Staatszimmer zum großen Aerger des Rats, der bekanntlich ein be­geisterter Anhänger des großen Fritz war und die Franzosen nicht leiden konnte. Der Knabe lernte so die Sitten und Anschauungen der Fremden kennen, und da überdies der Königsleutnant ein außerordentlicher Kunstmäcen war, und die Frankfurter und Darmstädter Maler durch zahlreiche Bilderaufträge auszeichnete, wurde seine Liebe zur Kunst dadurch noch mehr gefördert. Wie leuchteten die Augen des jungen Wolfgang, als er all die Künstler im schnell im­provisierten Mansardenatelier unter der Aufsicht des Leutnants frisch drauf los pinseln sah, und sich mit ihnen unterhalten, ja, dieselben sogar mit Ratschlägen unterstützen konnte!

Noch bedeutungsvoller für ihn wurde die französische Schauspielertruppe, die in einem Saale des Junghofs auf einer notdürftig hergerichteten Bühne ihre Vorstellungen gab. Wolfgang hatte hierzu von seinem Großvater Textor ein Freibillet erhalten, das er, freilich sehr gegen den Willen des theaterfeindlichen Vaters, gern und häufig benutzte. So lernte er spielend die Sprache RacineS und Corneilles, und ebenso auch die Bühne mit all ihrem Zauber, ihren Ge­heimnissen, ihren heiteren und tragischen Seiten frühzeitig kennen. Der alte Rat freilich wollte verzweifelt die Hände über den Kopf zusammenschlagen, als es herauskam, daß der solide Sohn des Frankfurter Patriziers sich für die wandernden Komödianten, und besonders für die Schau-