Das Interesse für Wisby war geweckt, und als auf der großen Jubiläums Kunstausstellung in Berlin ein grandioses Gemälde des rühmlichst bekannten schwedischen Malers Hellquist die Unterjochung Wisbys durch König Waldemar von Dänemark in sarbenglühender Sprache vor die Seele rief, da wußte wenigstens der größte Teil der Gebildeten, was Wisby der Welt einst gewesen.
Der Boden war also genügend vorbereitet, als eine Stettiner Rhederei eine Extrafahrt veranstaltete, um vermittelst des trefflichen Dampfers „Thjelvar" den deutschen Touristen den Weg nach Stockholm über Wisby zu weisen.
Ungefähr vierzig Naturfreunde hatten sich dieser Fahrt angeschlossen.
An einem herrlichen Julitage dampften wir in gehobenster Stimmung von Stettin ab. An Bord des „Thjelvar" fanden wir schon Alles „svensk“ — das liebenswürdige Wesen des biederen Kapitäns, die graziöse, die Schwedinnen auszeichnende Anmut der Schiffsheben, die schwedische Küche, alles das heimelte uns besonders an.
Die Fahrt durch das Haff bot den meisten Bekanntes. Dann ging es hinaus aufs offene, urewige, gewaltige Meer, wo der frei Odem Gottes weht.
Unwillkürlich gedenkt man der Worte Jasons, des kühnen Meerfahrers in Grillparzers „Medea": „Götter, allgewaltige Götter, weitet meine Brust". Man steht auf Deck und läßt den Blick hinausschweifen in die Weite des Wassers. Ost- und westwärts sind uns noch die bewaldeten Inseln Wollin und Usedom mit ihrem traulich schimmernden Strand zur Seite. Allmählich verschwinden auch diese, wir haben nur noch das in beinahe südlichen Farben leuchtende Meer um uns und den Gotteshimmel über uns.
Die Fahrt war von Neptun gesegnet — er forderte kein Opfer, und gewährte es stilllächelnd, daß sogar der deutsche Skat hier seine Herrschaft über die Gemüter er
proben durfte. In den Nachtstunden dampften wir an Bornholm vorüber, jener dänischen Insel, die sich nicht minder durch ihre pittoresken Landschaftsbilder wie durch ihre Ungastlichkeit gegen deutsche Besucher auszeichnet.
In der Frühe des nächsten Tages sahen wir westlich die Küste des schwedischen Oeland in der Ferne leuchten, und zwischen der „Frukost" und dem „Middagsmal" tauchte östlich eine merkwürdig geformte Insel auf, ein schwimmendes Hochplateau, wie mit' dem Lineal gezeichnet, in graden Linien und an den äußersten Enden abgerundet, als habe die Natur sich darin gefallen, eine Jnselform, etwa einen riesigen Sarkophag, zu schaffen. Es war die größere der beiden Carlsinseln, welche in Sicht kamen.
Wir dampften dann vorbei an der kleineren Carlsinsel und sahen nach kurzer Fahrt in der Ferne die langgestreckte Insel Gothland auftauchen.
Auch bei dieser ist die Hochplateauform scharf ausgeprägt — lang zieht sich die gleichmäßige Linie am Horizont. Wir kommen näher und näher und können bald die Gcsteins- art der Küste unterscheiden, die aus Silurischem Kalk und Sandstein gebildet ist. Die Insel ist fruchtbar und hat mildes Klima. Maulbeer- und Walnußbäume gedeihen auf ihr, auch der Rebenstock reift hier, und es giebt in seinen gut gepflegten Gärten manch' traulichen Winkel, der in seiner Fülle und Farbenpracht die Erinnerung an südlichere Gegenden in uns weckt.
Die Fahrt war so glücklich und unter so günstigem Winde verlaufen, daß wir schon 2 Stunden vor der Zeit in Wisby anlangten. Der Anblick Wisbys, von der See aus gesehen, ist wahrhaft überraschend. Wir wissen von Wisby, daß es nur etwa 7000 Einwohner noch zählt und glauben ein kleines Hafenstädtchen zu sehen, statt dessen gewahren lwir zu unserem Erstaunen, das von 3)hnntc zu Minute und in dem Berhültnis wächst, wie sich dies Stadt-
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Deutsches Keich.
— Arbeiterfürsorge auf Bauten. DerMinister der öffentlichen Arbeiten und die Minister des Innern und für Handel und Gewerbe haben Grundzüge für Polizeiverordnungen, betreffend die Arbeiterfürsorge auf Bauten ausarbeiten und den Nachgeordneten Behörden zur weiteren Veranlassung zugehen lassen. Sie schreiben geeignete Räume zur Unterkunft für Die an Bauten beschäftigten Arbeiter bei ungünstiger Witterung und in den Ruhepausen, und genügende und gesundheitsgemäße Aborte vor und beschäftigen sich auch mit der Sorge für die Gesundheit der in Neubauten arbeitenden Personen. In letzterer Beziehung bestimmen sie, daß vom 15. November bis 15. März Stuckateur-, Putzer- und Töpferarbeiten in Neubauten nur dann ausgeführt werden dürfen, wenn die Räume, in denen gearbeitet wird, durch Thüren und Fenster verschlossen sind, sowie daß in Räumen, in denen offene Koksfeuer ohne Ableitung der entstehenden Gase brennen, nicht gearbeitet werden darf, vielmehr solche Räume gegen andere, in denen gearbeitet wird, dicht abzuschließen sind.
— Die Frage der Feuerbestattung geht nun auch in Württemberg ihrer Lösung entgegen. Das evang. Konsistorium hat feinen Widerspruch aufgegeben und in der Regierung hat, wie „Frkf. Ztg." berichtet, keiner der Departementschefs irgend welche Bedenken. Es ist deshalb auch die Zulassung der Feuerbestattung, dem Mehrheitsbeschluß der Kammer der Abgeordneten entsprechend, in der nächsten Zeit zu erwarten. Die Sinnesänderung des Konsistoriums ist nicht nur der öffentlichen Meinung zuzuschreiben, sondern auch der Agitation des Vereins für Feuerbestattung in Heilbronn, der verstanden hat, eine Konzession um die andere zu erringen, so daß nun auch die Trauerfeierlichkeiten bei Feuerbestattungen fast alle Merkmale der Oeffentlichkeit tragen, was bisher peinlich verboten war. Die etwa noch weitergehende Beteiligung der Kirche behält das Konsistorium der Beratung und Beschlußfassung der neuen, im kommenden Frühjahr tagenden Landessynode vor.
Vermischtes.
* Wie Fahrräder ruiniert werden. Beinahe die Hälfte der Fahrräder in der Welt wird allein durch Leichtsinn ruiniert. Die meisten Anfänger zum Beispiel springen auf ihre neuen Maschinen, ohne sich erst darum zu kümmern, ob sie auch ihren Erfordernissen angepaßt sind. Dadurch wird auf manche Teile des Rades ein Druck ausgeübt, der
für dieselben viel zu groß ist, und der Fahrer hat es nur feinem eigenen Leichtsinn zuzuschreiben, wenn seine Maschine über kurz oder lang reparaturbedürftig wird. Eine große Anzahl guter Räder wird durch die allzugroße Bequemlichkeit ihrer Besitzer ruiniert. Wie oft findet man nicht Räder, an denen die Speichen buchstäblich eingerostet sind. Ein Rad sollte nie benutzt werden, wenn eine Speiche gebrochen ist. Viele Leute glauben, daß das Fehlen einer einzelnen Speiche nicht viel Unterschied machen könne. Dies ist jedoch nicht der Fall. Früher oder später wird das Rad dadurch aus dem Mittel gebracht. Was die Pneumatiks betrifft, so werden dieselben von der Mehrzahl der Radfahrer keineswegs gut behandelt. Nach einem Defekt im Luftschlauche wird es meistens für überflüssig gehalten, auch den betreffenden Riß im Mantel zu reparieren, und dadurch ist es möglich, daß Wasser einbringt, und den inneren Schlauch ruiniert. Die Pneumatiks sollten nach jeder Fahrt nicht nur untersucht, sondern auch gereinigt werden. Unvorsichtigkeit beim Oelen der Maschine kann dazu führen, daß Oel auf die Pneumatiks tropft, und nichts ist schädlicher für Gummi als die Berührung mit Oel. Auch durch das Aufbewahren des Rades in einem zu warmen Raum können die Pneumatiks ruiniert werden. Mit der Zeit verursacht die Hitze, daß der Gummi springt. Falls der Aufbewahrungsort der Maschine zu warm sein sollte, empfiehlt es sich, die Pneumatiks von Zeit zu Zeit mit einem feuchten Tuche abzuwischen. Sehr viele Leute übersehen, daß ein gutgebautes Rad ein beinahe ebenso empfindliches Instrument ist, wie eine Uhr. Man sollte daher stets daraus achten, das Rad in guter Kondition zu erhalten, denn sonst ist irgend ein Bruch eines Bestandteiles unvermeidlich. Vor einer Fahrt sollte man jede Schraube einer genauen Besichtigung unterziehen. Niemals soll man ein Rad ausleihen, denn man darf nicht vergessen, daß ein jedes Rad nur für ein bestimmtes Gewicht gebaut ist, und daß jedes nachträgliche Pfund eine Ungerechtigkeit gegen die Maschine ist. Wenn zum Beispiel der jüngere Bruder sich hinten auf den Aufstieg stellen will, so sollte man ihm dies höflich, aber entschieden verbieten. Kurz gesagt, wenn man verlangt, daß ein Rad dauerhaft fei und zufriedenstellen sollte, so ist es unbedingt notwendig, daß man auf dasselbe auch Rücksicht nimmt.
* Der zunehmende Petrolenmreichtum von Japan verdient allseitige Aufmerksamkeit. Die Gewinnung von einheimischem Erdöl in dem Bezirk von Echigo ist durch die Einführung von Maschinen sowohl zum Aufpumpen als zum Raffinieren wesentlich vermehrt worden und stellt sich
jetzt jährlich auf 6—700 000 Fässer. Außerdem sind aber, wie dem „Engineer" berichtet wird, vor kurzem neue und sehr reiche Oelquellen in demselben Bezirk entdeckt worden. Die japanischen Eisenbahnen haben schon besondere Wagen für die Beförderung von Petroleum in großen Behältern eingeführt; auch große Lagerhäuser für Erdöl sind an verschiedenen bedeutenden Handelsplätzen errichtet.
• Aus Bayern, 25. Juli. Die Leiche des auf der Zugspitze verunglückten Apothekers Rocken st ein wurde in einem Gletscherschlunde des Höllenthalferners, der zehn Minuten unter dem Gipfel selbst gelegen ist, von der ausgesandten Rettungsexpedition entdeckt. Die Bergung der Leiche dürfte aber noch mit schwierigen Umständen verbunden fein, lieber den Unglücksfall wird der „Allgem. Ztg." aus Garmisch berichtet: Einige Herren der Alpenvereinssection Bayerland brachen am Sonntag früh von der Höllenthal- Hütte, wo sie übernachtet hatten, auf, um den Zugspitz- gipfel zu besteigen. Etwa zehn Minuten unter dem Gipfel glitt einer der Herren, Apotheker Ferdinand Rockenstein aus München, in einer Eisrinne aus und verschwand mit dem Rufe: „O weh, jetzt gehts dahin!" spurlos — die Rinne biegt an der Unglücksstelle eine scharfe Kurve aus — vor den Augen feiner Gefährten. Einer der Teilnehmer an der Partie, Schuldirektor Römer, bemerkte das Ausgleiten Rocken- steins und eilte zu ihm, konnte ihn jedoch nicht mehr erreichen.
* Wir machen jetzt schon auf eine ganz eigenartige und außerordentlich reichhaltige Veröffentlichung der bekannten Münchner Wochenschrift „Jugend" aufmerksam: Nummer 35 der „Münchner Jugend" (vom 26. August) erscheint als Huldigungs-Nummer zum 150. Geburtstage Goethe's mit zwei bisher unveröffentlichten Originalzeichnungen Goethe's, dem Facsirnilie der Originalhandschrift des Goethe- schen Gedichtes „Geistesgruß", sowie Beiträgen von N. M. Eichler, Fritz Erler, Walther Georgi, Julius Diez, Max Feldbauer, Bernhard Pankok, Walther Pültner, Arpad Schmidharnrner, Friedrich Spielhagen, Ferdinand Avenarius, Hugo von Hofmannsthal, Otto Ernst, Houston Stewart Chamberlain, Georg Hirth, Otto Erich Hartleben, Gustav Falke, Paul Lindau, Max Bernstein, Fritz v. Ostini u. a. Preis der Nummer 30 Pfg.
Unioerfitüts Nachrichten.
— Berlin. Dem Privatdozenten an der technischen Hochschule Dr. Wilhelm Müller ist das Prädikat „Professor" betgelegt worden.
— Halle. Dem Lektor der englischen Sprache an der hiesigen Universität Dr. Georg Thistlethwaite wurde daS Prädikat „Professor" betgelegt.
Feuilleton.
ßin nordisches Iouipeji.
Touristeu-Fahrt nach Wisby auf Gothlaud.
Von Paul Gisbert.
(Nachdruck verboten.)
Zwei Städtemärchen wirken an den Gestaden des Baltischen Meeres fort, und weben in das Tagewerk ihrer Bewohner Sagenleben und Poesie: Vineta und Wisby. Beide reden von vergangener Pracht und Größe. Vineta ist ins Meer gesunken, Wisby lebt noch, lebt als ein nordisches Pompeji, welches nicht die Eruption eines Feuerberges, aber die nicht minder zerstörende der Weltgeschichte in Schutt und Moder gelegt.
Von Wisby wußte man vor ungefähr zwei Dezennien bei uns kaum mehr, als daß es noch existiert. Nur eine kleine Zahl von Touristen hatte seine Ruinen gesehen, die von der Bedeutung der alten mächtigen Hansestadt reden. Es schien wie von dem großen Weltverkehr, so auch von der Touristenstraße in den stillen Winkel der Idylle gedrängt, in einem Traumleben, dem Weltgetriebe abgewandt.
Da begann man mit dem erstarkten Nationalgefühl in Deutschland sich auch der glorreichen Geschichte des Hansa- bundes zu erinnern, und im Jahre 1891 kam jene denkwürdige Hansafahrt nach Wisby zustande, an welcher sich die distinguiertesten Persönlichkeiten aus den Hansestädten Nord- und Westdeutschlands beteiligten, und die zuerst wieder die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf die entthronte Handelskönigin des Nordens lenkte. Die mächtigen Eindrücke teuer Fahrt, bet enthusiastischen Aufnahme in Wisby leben noch in ber Erinnerung der Daran Beteiligten.


