Ausgabe 
30.4.1899 Viertes Blatt
 
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Sonntaq den 30. April

An»ts- tt'.d A»zeigebl«tt für den Ureis Gietzen.

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Alle Anzeigen-BermittlmigSstellen bei Ja- «ad Äiiilanbt« nehmen Anzeigen für den Lietzener Anzeiger tnigegm.

und als Spoi ich gediegen:

WtWioti, Expedition und Druckerei:

ZchntSr.tze Vr. 7.

Beute zu stochern, während sie die Ställe, deren Vieh mit fortgetrieben wurde, außer acht ließen.

Peetz erzählt in seinem Werke:Chiemgauer Volk" von einem Schmied, der seinem Nachwuchs bezüglich desersparten Hundes" nicht mehr traute und das Spargeld unter den Dach­ziegeln seiner Werkstatt verbarg, indem er heimlich die Balken mit Doppelgulden belegte. Der Schmied kalkulierte, daß man sie da auf dem Dächlein seiner Hnfbeschlagstätte an der offenen Gasse und im Freien gewiß nicht vermuten oder suchen werde. Als er einmal selbst eine größere Summe benötigte und wechseln laffen mußte, da hatte das Geld von dem Essenrauch einen platinartigen Glanz angenommen, und der verdutzte Schmied geriet in den Verdacht der Münzfälschung. Dümmer war jenes Chiemgauer Bäuerlein, das sich die Neuerung der Hypothekenbanknoten zu eigen machte, solche für sein Hartgeld kaufte und ohne jede Um­hüllung in eine Wand seines Hauses einmauerte. Die Ueberraschung war nach Jahren groß, als der Schlauberger die Noten beim Aufbrechen der Geheimstelle vom Mörtel und der Feuchtigkeit bis zur Unkenntlichkeit zerfressen und wertlos geworden vorfand. Den modernen Sinn vombe­grabenen Hund" hätte man in diesem Falle gut anwenden können.

Auch mit dem T a n z p l a tz hat derHund" Be­ziehungen. DenHund hüten oder feilhaben" heißt bei Mädchen auf dem Tauzplatz zugegen sein und nicht zum Tanz gezogen werden. Also das Mauerblümchen der Jetztzeit. Ein Mädchenführt den Hund heim", wenn es vom Tanzplatz geht, ohne ei» einziges Mal getanzt z» haben. Wird das Mauerblümchen erlöst, so kann es den Hund verkaufen". Die Tanzaufforderuug hieß früher denHund ablösen".

Die Redensart:Der Hund geht «ir vor dem Licht um" kennt schon Hans SachS; diese will besagen, daß man nicht klar sehe in der Sache.

j» suck: iift.

I: fren Chiemsee herum hieß vor Zeiten erspartes Keldii KßHenHunde haben". Sagte man von einem gut fitirrt an Bauer, er habeviel Hunde hinten", so .-ebeitattte ltaS, daß er Kapitalist sei; das Gegenteil lautete:

Adresse für Depeschen: Anzeiger chiehen.

Fernsprecher Nr. 61.

habe, für sie zu werben durch Wort und Beispiel, durch Kraft und Begeisterung. Das sind zunächst die Angehörigen der Deutschen Turnerschaft. Alle können dazu beitragen, daß außer der Jugend diejenigen gewonnen werden, die nicht zu entbehren sind: Eltern, Vormünder, Lehrherrn und vor allen die gesamte Lehrerschaft. Wie viele Eltern ver­lieren ihre Kinder, wenn sie der Schule entwachsen sind, ganz aus den Augen! Der Junge geht tagsüber ins Geschäft oder zur Werkstatt. Und abends? Ja, das ist der kritische Punkt. Ist er gut erzogen, dann wird er abends zu Hause bleiben. Das sollen die Eltern auch nicht dulden. Der Junge soll hinaus, sich erholen von den Geschäften de« Tages und frische Kraft an Körper und Geist sammel». Oder soll er das nicht?

Und wo kräftigt er den Körper? In dem Turnverein. Und wo kräftigt er den Geist? Auch da, wo er mit gleich­altrigen Genossen sich besprechen, über turnerische Dinge nachdenken, gute Bücher lesen und auf fröhlichen Märschen sich aeistia erquicken kann. Und wenn der Junge nicht abends zu Hause bleibt? Dann besucht er die Abendschule oder er schwänzt sie, oder er hat diese und jene Ausrede, um Orte und Stätten und Leute zu besuchen, die entweder etwas taugen oder nichts taugen.

In den Turnvereinen haben aber die Eltern und Vor­münder die Kontrolle in der Hand; sie brauchen nur de» Turnwart nach ihrem Sohn zu fragen, der giebt ihnen getotp die richtige Auskunft. Aber wie viele Eltern sagen: Mem Sohn arbeitet den ganzen Tag so viel, daß er abends ruhen muß. Gewiß, dafür ist auch nicht jeden Abend Turn­stunde, wöchentlich wohl nur zweimal; kommt aber der Junge nicht auf ganz andere Gedanken, wenn er sich ein paar Male abends körperlich ordentlich austobt? Sieht ma« nicht unfern Jungen und Mädchen, die aus der Schule nach kräftigem Lauf, Sprung und Turnen nach Hause kommen, die roten Backen an, daß es eine Lust ist? Schmeckt das Butterbrot nicht noch einmal so gut? Schläft es sich nicht noch einmal so gut? Bemerkt man nicht den Unter­schied sofort gegen einen Jungen, der nicht turnen darf oder dessen Eltern das Turnen nicht fein genug ist? Soll der bleichwangige Ladenlehrling, der hinter dem Pult oder dem Ladentisch in staubigem Lokale stand, nicht durch Körper­bewegung, die anders ist, als die gewohnte alltägliche, sich neue Blutzufuhr und gesunde Gehirnthätigkeit verschaffen? Gewiß muß der Zimmergeselle schwere Balken schleppen und die Axt gebrauchen, der Schlosser kräftig hämmern, der Schmied fest zuschlagen und der Bauer früh und spät hinter

Gegenwart so viel, als eine Ursache, einen Anstand heraus- fiuden. , ,,, _

Ueber die Besitzverhältniffe obevbayerrscher Bauern hätten seinerzeit die Kupferschmiede von Rosenheim, Traun­stein und Trostberg bessere Auskunft als die Rentamtleute geben können, wenn absolutes Schweigen über derartige Angelegenheiten nicht Ehrensache und Vertrauensangelegenheit gewesen wäre. Die Kupferschmiede fabrizierten vor Jahr- zehnten für die sparfleißige Bevölkerung des Chiemgaues spezielle kupferne Urnen, die im VolksmundeTausend- guldenflaschen" genannt wurden, und genau tausend Silber­gulden faßten. Die Füllung und Verlötung solcher Spar- flaschen war wieder Vertrauenssache, denn man überließ dieses Geschäft dem Kupferschmiedemeister ausschließlich, und dieser füllte die Urne mit dem Gelde ohne Zeugen, ohne Gehilfen, Nachts bei Licht in verschloffener Werkstatt, und lieferte die verlötete Geldflasche gleichfalls heimlich an den Besteller ab. Niemals ist ein Zweifel aufgetaucht oder ausgesprochen worden. Dem Spezialforscher nach solchen Verhältnissen, dem verstorbenen Rentbeamten Hartwig Peetz in Traunstein, ist kein Fall bekannt geworden, daß je eine unlautere Handlungsweise eines Kupferschmiedes vorgekommen sei. Die Besitzer der Hundeflaschen begnügten sich mit dem respektablen Gewicht der Urnen und fragten nie nach dem selbstverständlich silbernen Inhalt. Gewöhnlich wurden solche Schatzurnen in die Stollen des Herdes eingemauert, ent- weder vom Bauer selbst oder von einem vertrauenswürdigen Maurer. Merkwürdigerweise weiß man vereinzelte Fälle, daß das Hundeschmecken zum Hundfinden geführt hat, daß Maurergehilfen solche Sparflaschen wieder ausmauerten und ohne Erlaubnis des Besitzers forttrugen. Wenn ein Bauer seine Sparbüchse unter den Dielen des viehftalles vergrub, war meist große Gefahr im Verzug, Kriegsgefahr, Plün­derung und Feuersbrunst. Die feindlichen Scharen pflegten meist immer im Schutte eines Wohnhauses nach silberner

Politische Wochenschau.

eätm Anschein nach wird es über die verschiedenen, Dtm M-(id)ytngc vom Staatssekretär v. Podbielski vorgelegten poft, zescs Novellen doch noch zu einer Verständigung zu'ifch ta ftibgierung und Volksvertretung kommen. Wenn nun Inebeni, wie heftig die genannten Gesetzentwürfe an- gegrififtn wurden, als sie im Reichstage eingebracht worden wäre», dann muß man sich eigentlich über die Wendung bf 7i«ngc wundern. Aber der neue Postchef kommt dem - ichc^tzge, wie aus den Kommissionsverhandlungen zu

-c ii|t, uuch ziemlich weit entgegen. Er hält nicht starr ar jein cm vorgefaßten Entschluß und giebt der Ansicht ' fllL-yorhnctcn ebenfalls Raum, wie die Beratungen über den PostzeitungStarif wieder zeigen.

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Sffltui man heutzutage von jemandem sagt, er seiauf mcf iQintb gekommen", so bedeutet das den wirtschaft- rcheni kerssall. Der Betroffene wird über die Entstehung ver WeitSart nicht viel nachdenken, er fühlt ihre Schwere ... und SiM|t unter dem Druck der schlechten Verhältnisse viel- \\ eicht t;Kimmen. Aber auch jene, die sich solcher Redens- * | artemi binnen, begnügen sich mit dem bezeichnenden Aus- I druck dri Sümmern sich nicht weiter um deffen Entstehung, die in de mitten Kriegszeiten fehdelustiger Wittelsbacher Fürsten

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Di-Ir tz'sener

Cftffet »rrbte t rt Anzeiger u uchrs-rlU 1 iermal I be?ie|t

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Feuilleton.

Der Kund als Htedensarl.

Bon Arthur Achleitner.

(Nachdruck verboten.)

ttincr auf den Hund gekommen," d. h. er

' :iat 4iii t o« Anzeige» zu btr nachmittags für bat elgmrinliy erscheinenden Nummer bis norm. 10 Uhr.

.Tie Hetzrede des Kapitäns Loghlan hat zu einer eSSCfl. ikalttng Iber Beziehungen zwischen Deutschland und den ereilAigtrn Staaten nicht geführt. Wir halten auch dafür, EckeBahf ß solche Vorkommnisse am besten mit Verachtung gestraft laPl i löfnunb deS Aufgebots eines großen Apparats zur Er- |,..tLüiigu ng einer Genugtuung kaum wert sind. Die Ameri- / ner iMrhollten sich jetzt in der Samoa-Angelegenheit durch-

Ifahr ßoqiW ,n8 1 Wreil, während die Engländer das Bombardement !IJUI'W»bfr Qjnbfr ^ü|tc siegenden Dörfer fortsetzen und auch den Fest-Anzuges dKönig» Kaliietoa gegen feinen Konkurrenten Mataafa wirk- , ..fam in «erst ätzen.

ins für das - ^txx jg am Mittwoch der frühere Minister- !g Badisch - .. asid'ndl -Graf Hohenwart gestorben. Er war nur

, QPhützenbund6 N.jnt ,m Amte, aber er hat den Grund legen helfen bn i je|.igen verhängnisvollen innerpolitischen Zustanden Oestektneilh».

f Her Arbeiterstrike im Industrie gebiete :ielgl| itnfi dauert fort; er nimmt immer größere Aus- 'ehuuiiM a». Großer Schaden wird dadurch wieder dem ''attolWlvrtrmögen zugefügt.. Glücklicherweise ist es bisher

»lte nhrind", so bedeutete das, daß Geld noch von den BsrelMnl vorhanden sei.

Aleriessierten sich Diebe oder das Steueramt für ver- b»rge,M Apatthaler, so nannte der Volksmund dies den , .. .Hu nlsllhmecken". Die Bedeutung denHund finden" '^IfjE 'hat f ift iiw unseren Tagen verändert, es heißt das in der

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*eht Angelegenheit von mehr lokaler Bedeutung, die ..w J tl kill Äuse der Zeit einen hochpolitischen Anstrich er- 'hhiniym «nfn- galten« f)üt, beschäftigte den Berliner Bezirksausschuß im g Saufe* tiefet Woche: nämlich da« Friedhofsportal der )8v zu verwai: .; ^rsLllenen in Berlin. Dieses Portal soll ja die hul tt Nagen, daß der Oberbürgermeister der Reichshaupt- Lich für jede ibt «4 unbestätigt ist. Die Verhandlungen vor dem k' sirttMSjchuß waren vom Geiste der Versöhnung getragen, mb e S ist .alle Aussicht vorhanden, daß bald eine Einigung &g 31k. ds.*1 de,r:ftik!>en Frage erzielt wird.

-ußtik-üemHund" angehen, das Kapital oder die Er- ' sparE tr.ngreifen. Die Bedeutung zwischen einst und jetzt fit a n alch eine verschiedene, eine schlimmere geworden. Der tttuk Mr alten Zeit wurde stets verborgen gehalten,

bataiu!erjUanb das Sprichwort:Da liegt ein Hund begr^ibeia", d. h. in dem Hause ruht vergrabenes Geld. 'LauteM! diie Redensart:In dem Hause steckt ein

,u keinerlei groben Ausschreitungen gekommen, die hoffent- iich auch ferner vermieden werden.

Die italienische Regierung will einen neuen Kreuzer in England bauen laffen, was der Volksvertretung nicht recht ist. Man munkelt, daß es darüber zu einer teilweisen Ministerkrisis kommen werde. Wie weit diese Vermutung berechtigt ist, muß die Zukunft lehren.

Fortgesetzt erregen die Veröffentlichungen des Figaro" über die Verhandlungen des KaffationShofes das lebhafteste Interesse. Vielleicht tragen diese Indis­kretionen zu einer Beschleunigung der Erledigung der An- gelegenheit bei, waS für den inneren Frieden in Frankreich nur wünschenswert wäre. (xx)

Ruf zum Turne«.

Wenn auch im Laufe der Jahre die deutsche Turnsache einen großen Aufschwung genommen hat, so steht doch die Zahl der zur deutschen Turnerfchaft gehörigen 600 OOU Personen nicht im richtigen Verhältnis zur Bevölkerungs­zahl. Dieses Verhältnis ist umsoweniger gerechtfertigt, als heute das Turnen überall zum Schulunterricht gehört. Erst wenn etwa 10 Prozent der nicht schulpflichtigen Jugend turnt, dann wird annähernd das Verhältnis richtig her­gestellt sein Unbesttitten wächst die Turnsache von Jahr zu Jahr langsam, nicht aber im richtigen Verhältnis zum An­wachsen der Bevölkerung. Darf ein solcher Zustand uns befriedigen? Hierauf giebt der Vorsitzende der deutschen Turnerschaft, Dr. med. Ferd. Götz, in seinem NeujahrS- gruße die treffende Antwort:

Und hätten alle diejenigen, die heute als Reformatoren im Gebiete der Leibesübungen auftreten, von jeher ihre Kraft und ihre Begeisterung in den Dienst der auf dem Boden deS vom Feind zertretenen Vaterlandes in Kampf und Not so kräftig und herrlich erstandenen deutschen Turn­sache gestellt und in ihrem Schoß reformierende und neue Ideen verbreitend gewirkt, dann wäre vielleicht schon jetzt die Turnsache mit all ihren Zweigen der Leibesübungen das umfassende Meer, das die Grenzmark des Vaterlandes schützend umflutet!"

Das sind Worte, die nicht achtlos verhallen dürfen; enthalten sie doch neben dem Zeugnis, daß unsere deutsche Turnsache in Kampf und Not groß geworden sei, daß sie aber noch viel größer wäre, wenn nicht nur viele, sondern ausnahmslos ein jeder seine Pflicht erfüllt hätte, innerlich noch die Mahnung, daß es nicht genüge, der Turnsache anzuhängen, sondern daß jeder ihrer Zugehörigen die Pflicht