Freitag den 29. December
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und sich als Stiefkinder der Monarchie zu betrachten I brauchen. Daß das Unterfangen des Grafen Clary aber I sehr gefährlich war, haben die Ereignisse gelehrt, und beleidigt zogen sich die Tschechen in den Schmollwinkel zurück, 1 um der Regierung Verlegenheiten über Verlegenheiten zu I bereiten. Man strebt in Böhmen einen Boykott der Regierung an, wie der Entschluß der Laienrichter bei den Handelsgerichten Böhmens zeigt, ihre Aemter niederzulegen. Daß ähnliche Handlungen folgen werden, ist zu erwarten, dadurch werden aber die Gegensätze nur weiter verschärft und die Schwierigkeiten vermehrt.
Graf Clary hat sein Amt niederlegen muffen, wett er die Unmöglichkeit einsah, der ihm gestellten Aufgabe gerecht zu werden. Für längere Zeit war seine Wirksamkeit von | vornherein nicht vorgesehen, aber man hegte doch die Hoffnung, nach ihm ein Desinitivum zu schaffen und ine Negierung nicht wieder einem Uebergangskabinett anvertrauen zu müssen. Aber es kam anders! Der leidige Ausgleich mit Ungarn, der auf dem heften Wege war, zu gelingen, ist noch immer nicht zu stände gekommen, die Verteilung der Kosten zu den gemeinsamen Staatsausgaben bildet auch heute noch den wunden Punkt, der die Verständigung erschwert. Die Angriffe gegen den berüchtigten § 14 der Verfassung sind überdies äußerst heftig, und doch vermag die Negierung ohne diesen Paragraphen unter den heutigen Verhältnissen nicht fertig zu werden. Der Nachfolger Clarys, Ritter von Wittek, ist ein altbewährter Staatsmann, ob er aber genügenden Einfluß hat, um über sein Programm hinaus zur Besserung der Lage beizutragen, das muß die ! Erfahrung lehren. Auch ihm ist nur die Aufgabe vor- 1 gezeichnet, fortzuwursteln; was er mehr thut, darf ihm als außerordentliches Verdienst angerechnet werden.
Man spricht außerhalb des Kaiserstaats an der Donau schon viel von dem sich mehr und mehr bemerkbar machew den Zerfall der österreichischen Monarchie. Ganz so pessimistisch wollen wir die Lage nicht beurteilen, aber mit frohen Hoffnungen dem neuen Jahrhundert entgegenzublicken, dazu hat Oesterreich keine Veranlassung. Sehr trübe liegt im Gegenteil die Zukunft vor ihm, da die Aussichten auf ein Besser- I werden nur ganz minimal sind. Wir würden uns freuen, I wenn wir uns getäuscht hätten, denn unter Habsburgs I Szepter leben ja so viele Millionen unserer Landsleute!
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Fernsprecher Nr. 51.
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* Vom Kriegsschauplatz.
Ob die Weihnachtstage den Kriegern in Südafrika auch I eine kurze Ruhepause gebracht oder ob neue Kämpfe statt- qefunben haben, ist nach den bisher vorliegenden Nachrichten nicht festzustellen. Nur über kleinere Vorfälle in den letzten Tagen der vorigen Woche wird verschiedenes berichtet.
General Buller hat einen neuen Vorstoß aus Colens o unternommen, über welchen dem „Daily Telegraph" aus dem britischen Lager von Chieveley vom 19. d. Mts. gemeldet wird: Heute wurden die Verschanzungen und Erdwerke der Buren bei Colenso von unserer Artillerie zwei Stunden lang mit Lyddit-Granaten beschossen. Die Fahrstraßenbrücke wurde dabei zerstört, sodaß es jenen Buren, die mit Wagen und Geschützen auf dieser Sette des Flusses stehen, schwer fallen wird, wieder hinüber zu gelangen. Die englischen Schiffsgeschütze beschossen ine Chausseebrücke von Colenso und zerstörten dieselbe völlig. Nach einem Telegramm des Reuter'schen Bureaus aus Chreveley sind auch am 20. d. Mts. die Stellungen der Buren in Colenso und am jenseitigen Tugela-Ufer einige Stunden lang mit Lyddit-Granaten beschossen worden. Die Buren antworteten nicht. . . r .
Aus Ladysmith ist mittelst Heliographen folgende Mitteilung nach Pietermaritzburg gesandt worden: „Die Nachricht von dem erfolglosen Angriff General Bullers auf Colenso wurde hier mit Gleichmut ausgenommen. Jedermann ist voll Zuversicht, daß der Entsatz nur auf kurze Zett verschoben und die Garnison imstande ist, unbegrenzte (?) Zett auszuhalten." Das wird ja abzuwarten sein.
Eine weitere Depesche aus Ladysmith vom 25. Dezember teilt mit, daß dort fünf Todesfälle infolge von Krankheit vorgekommen seien. Das Reuter sche Bureau füßt ! hinzu, vorstehende Meldung beweise, daß sich Ladysmith bis I zu diesem Tage noch gehalten habe.
Die Times meldet: Bei Mafeking schienen die Belagerer schwer gelitten zu haben, die Belagerung ist schwacher geworden - Es gehe das Gerücht, der Oranje-Freistaat beabsichtige, den Sitz der Regierung von Bloemfontein nach Wünburq zu verlegen, da Bloemfontein unbefestigt und nicht verteidigungsfähigsei. - Eine Depesche der T.mes aus I Kapstadt vom 20. d. Mts. meldet, daß der kriegsgefangene
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Rr. 305 Erstes Blatt.
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Die innere Lage in Oesterreich.
Die ganze Misere in den innerpolitischen Verhältnissen deS Kaiserstaats an der Donau wird enthüllt durch den häufigen Wechsel der Kabinette. Die Suppe, welche Graf Badeni eingebrockt, ist so ungenießbar, daß noch jeder Nachfolger sich den Magen daran verdorben hat. Man ist in Oesterreich dazu übergegangen, sog. Jnterimsmimstenen zu bilden, deren Aufgabe es ist, dafür zu sorgen, daß die Reqierungsmaschine nicht ganz still steht, und die nebenbei noch den Auftrag haben, nach ihren Kräften eine ^Ahnung der Parteien herbeizuführen und dadurch ihren Nachfolgern den Weg ebnen zu helfen. Baron^Gautsch, Gra K.el- mannseaa und Graf Clary waren solche Jnterimsrabinetts- chefs, während Graf Thun ein Dauerministerium bilden sollte. Wie lange seine Herrschaft gewährt hat, haben wir zesehen: denn auch er vermochte nichts auszurichten, er hat vielmehr die Gegensätze noch schroffer gestattet. Graf Clary, der ihn ablöste, hat fein Möglichstes gethan, um den inneren Frieden herzustellen, ihm gebührt das Verdienst, wenigstens den Deutschen zu ihrem Rechte verhalfen zu haben, Damit fit nicht mehr abseits von Thron und Regierung zu stehen
Buren-Kommandant de Meillon entkommen ist. — Unter den Pferden der Buren ist die „Pink-eye“ genannte m- fluenzartige Seuche aufgetreten. Dieselbe zeigt sich auch unter den Pferden der Truppen des Generals Gatacre und in de Aar. Auch die Dysenterie macht sich einigermaßen bemerkbar, insbesondere in Modderriver. Mehrere Kriegsberichterstatter sind vom Modderfluß nach Kapstadt zurückgekehrt, wodurch man dort in der Ansicht bestärkt wird, daß Methuen für den Augenblick nicht beabsichtigt, vorzurücken. Eine amtliche Meldung besagt: „Am Modderriver ist die Sage unverändert. Methuen ist gut verschanzt. Der Feind beunruhigt ihn nicht. General Joubert ist von seiner Erkrankung genesen und zur Front zurückgekehrt." Au- Durban wird gemeldet: „Die norwegische Bark „Regina", von Java mit einer Ladung Balken und Schwellen zum Bahnbau kommend, wurde in der Nähe der Delagoa-Bay von dem englischen Kriegsschiff „Forte" aufgebracht und dann nach Durban eskortiert."
Ein Privattelegramm meldet:
London, 26. Dezember. General Gatacre depeschiert: Dordrecht wurde ohne Verlust genommen; die Buren zogen sich zurück. — General White depeschiert aus Ladysmith: „Die Garnison hatte am 22. Dezember neun Tote und 15 Verwundete, einschließlich von fünf Offizieren.
Ein Brief Krügers
I an die amerikanische Nation veröffentlicht das dortige Nork Journal". Der Präsident begrüßt darin den Präsidenten und das Volk der Vereinigten Staaten von Amerika und erklärt, daß er stets bereit gewesen wäre, sich einem Schiedssprüche zu unterwerfen; England aber habe dies immer verweigert. Krüger schließt: „Demnach sino wir zum Kriege gezwungen gewesen, denn England sandte
I Tausende von Soldaten nach Südafrika und bis an unsere Grenzen mit dem stillen Eingeständnis, uns zu zwingen,
I alles das thun, was England uns aufzulegen das Recht zu haben glauben würde. Die große amerikanische Nation, welche vor mehr als hundert Jahren gegen diese englische
I Nation kämpfen mußte, um ihre Freiheit aufrechtzuerhalten, I wird der kleinen Schwester-Republik in der Ferne gewiß I ihre Sympathien zuwenden bei ihrem Kampfe gegen ein mächtiges Reich, um ihr Eigentum und ihre Unabhängig-
I kett zu schützen."
Ueber weitere Rüstungen
I liegen folgende Mitteilungen vor:
London, 26. Dezember. Offiziell wird gemeldet, die I Reichsregierung erkenne zwar die generöse Unterstützung durch die indische Regierung während der südafrikanischen Krisis an, sei aber der Ansicht, daß es nicht wünschenswert
I sei, an die europäische Garnison Indiens weitere Anforderungen zu stellen, außer -wenn unvorhergesehene Schwierigkeiten entstehen sollten. Nur die 16. Lancers sollen sich dorthin begeben. Dies bestätigt die Meldung, daß man die Lage in Indien für ernst hält.
London, 26. Dezember. Der „Standard" meldet aus Durban vom 18. Dezember: Das Transportschiff „Guelph"
I tam mit auswärtigen Militär-Attachees an. Ein Extrazug I wartete auf sie und ging sofort mit ihnen zur Front ab, I wo sie sich Bullers Hauptquartier anschließen werden.
Ferner wird telegraphiert:
Malta, 26. Dezember. General Kttchener ist hier an- I gekommen und sofort nach Gibraltar abgefahren.
Petersburg, 26. Dezember. Die vom russisch-hollandi- I scheu Hilfskomitee ausgerüstete Abteilung des Roten Kreuzes hat heute die Reise nach Transvaal über Berlin und Neapel
I angetreten. Die dazu veranstaltete Kollekte ergab mehr als
Ein Schlachtbericht der Sieger von» Tugelaftuh liegt jetzt vor und gibt eine sehr bemerkenswerte Darstellung von diesem Kampfe; er lautet:
I Loudon, 26. Dezember, 6 Uhr 30 Mm. abends. Eine hochinteressante Schilderung der Tugelaschlacht aus dem
I Hauptquartier der Buren bei Colenso wird wie folgt ge- ; meldet: Der Kommandant Pretorias von der Artillerie gab die Meldung, daß Bullers Entsatzkolonne in voller Schlachtordnung gegen die Positionen der Buren anrucke. -Die
; englische Streitmacht zählte zirka 17 000 Mann. Im Zentrum war das Gros der Infanterie, auf beiden Flanken die Artillerie. Die Artillerie der Buren bewahrte absolutes
: Schweigen und enthüllte ihre Positionen nicht. Zwei eng- ; I Usche Söatterieen kamen dicht an die Positionen der Buren i I heran. Nun eröffneten die Buren em tätliches Feuer, ■ welches die Engländer in totale Verwirrung versetzte. Die- ! selben glaubten, daß die FlußbrÜcke ihnen offen stände. - Die britische rechte Flanke griff nun bie südlichste Buren-
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Amtlicher Heil. I
Bekanntmachung.
Betr.: Die Maul- und Klauenseuche.
Die Seuche ist in Leusel, Kreis Alsfeld, ausgebrochen I und Gehöfte- und Gemarkungssperre ungeordnet worden.
Wegen weiterer Ausbreitung der Seuche in Zell und | Heimertshausen, Kreis Alsfeld, ist Gemarkungssperre I ungeordnet worden.
Die Seuche ist in je einem Gehöfte zu Brüchen brücken I und Dortelweil, Kreis Friedberg, ausgebrochen und I Gehöftesperre verfügt worden.
Zu Griedel und Steinfurth, Kreis Friedberg, I ist bie Maul- unb Klauenseuche wieber erloschen; bie an- I georbneten Sperrmaßregeln würben aufgehoben.
Nachbem in einem weiteren Gehöfte ber Gemeinde | Hermannstein, Kreis Biebenkopf, unter bem Ninbvieh I bie Seuche ausgebrochen ist, ist Gemarkungssperre verfügt I worben.
In Dutenhofen, Krofborf, Launsbach unb 1 Wißmar, Kreis Wetzlar, ist bie Seuche erloschen. Die Gemarkungs- und Gehöftesperren sinb aufgehoben worben.
Gießen, den 23. Dezember 1899.
Großh. Kreisamt Gießen.
v. Bechtolb. _______
Gießen, den 27. Dezember 1899.
Betr.: Den Beginn des neuen Jahrhuuberts.
Die
Großh. Kreis-Schnlcommisfion Gießen
an die Schulvorstände des Kreises.
Die Regierungen sämtlicher Staaten des deutschen Reichs haben sich dahin verständigt, baß als Anfangstag des nächsten Jahrhunberts allgemein ber 1. Januar 1900 angesehen werben soll. . . .
Wir beauftragen Sie daher, am ersten Aage des wieder- fieginnenbcn Schulunterrichts' in den Ihnen unterstehenden Schulen eine angemessene Schulfeier zu veranstalten, bei der unter Hinweis auf die Bedeutsamkeit der diesmaligen Jahreswende und auf die großen Errungenschaften und Ereignisse des 19. Jahrhunderts der Jugend zum Bewußtsein gebracht wird, wie es Pflicht des Heranwachsenden Geschlechtes ist, mit Dank gegen Gott das von den Vätern überkommene Erbe in Treue zu bewahren und zu fördern.
___________ v. Bechtold.__
Gießen, den 27. Dezember 1899.
Betr.: Die Strafregister; hier: die Nachweisungen der im 2. Halbjahr 1899 verstorbenen bestraften Personen.
Der Großh. Ober-Staatsanwalt beim Landgericht der Provinz Oberhessen
au sämtliche Ortspolizeibehördeu des Kreises Gießen.
Sie werden ersucht, die obenerwähnten Nachweisungen bezw. Fehlanzeigen bis zum 1. Februar 1900 ohne nochmalige Erinnerung an mich einzusenden.
Dr. Güngerich.
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