Ausgabe 
29.11.1899 Zweites Blatt
 
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geteilt und daraufhin vom Kaiser und der Kaiserin eine herzliche Dankdepesche erhalten. Eine für den 30. No­vember angesagte Abendgesellschaft ist abgesagt worden.

Loudon, 27. November. In unterrichteten Kreisen rechnet man mit der Möglichkeit, daß Lord Salisbury in absehbarer Zeit von der Leitung der Geschäfte zurücktreten wird. Als mutmaßlicher Nachfolger im Minister-Präsidium gilt der Herzog von Devonshire. Das Staatssekretariat des Aeußern dürfte dem Lord Rosebery angeboten werden.

London, 27. November. Nach den bisherigen Arrange­ments wird die Kaiser-Familie morgen Dienstag­nachmittag 2 Uhr dieHohenzollern" in Port Viktoria besteigen, die Nacht über dort bleiben und Mittwoch früh 7 Uhr abfahren.

Loudon, 27. November.Daily Mail" erfährt über den Abschied in Windsor: Die Königin begleitete das Kaiserpaar bis oben an die Freitreppe am Schloß­portal. Dann sagte sie mit Thränen und Küssen Adieu. Der Kaiser beugte das Knie und küßte seiner Großmutter mit Ehrfurcht die Hand. Kaum hatte sich der Kaiser auf- gerichtet und war im Begriff, die Stufen hinabzusteigen, als, von gemeinsamem Impulse getrieben, die Königin die Arme ausstreckte und der Kaiser zurückflog, um die Königin noch einmal zu umarmen.

Grauada, 27. November. Infolge des Verbotes einer Versammlung der Freidenker fanden Unruhen statt. Der Präfekt wurde bei der Einfahrt mit Stemwürfen empfangen. Die Gendarmerie stellte die Ruhe wieder her und nahm mehrere Verhaftungen vor.

Belgrad, 27. November. Im Gemeinde-Steuer­amt wurden größere Unterschlagungen entdeckt.

Der Khalifa Abdullahi

ist, wie gemeldet wird, gefallen und sein Heer ge­schlagen! Oberst Wingate's Erfolg bezeichnet einen weiteren bedeutenden Merkstein in der Geschichte des öst­lichen Sudans. Die Engländer konnten im vorigen Jahre wohl bedauern, daß der Khalifa Abdullahi bei der Ein­nahme Omdurmans am 2. September v. I. entkommen war, nachdem die Hälfte seiner Leute tot oder verwundet auf dem Platze geblieben. Man mußte sich sagen, daß er von Kordofan aus, wo er wie sein Vorgänger, der Mahdi, die Einwohner zur Heeresfolge zwingen würde, sehr bald wieder hervorbrechen könnte. Diese Vermutung erwies sich auch als richtig. Vor einigen Wochen verlautete, der Khalifa rückte wieder gegen Westen vor, und schon schickten die englischen Heerführer sich an, mit englischen sowohl wie egyptischen Truppen gegen ihn zu Felde zu ziehen, als das Unternehmen wegen des Krieges mit Transvaal auf­gegeben wurde. Indes war Khartum stark besetzt, und man vermutete nicht, daß der Raubritter mit seinen Scharen einen Vorstoß gegen die Stadt unternehmen würde. Mit blindem Eifer ist er nun doch seinem Schicksal entgegen gegangen, und noch ehe er seinen früheren Sitz erreicht hatte, stieß er auf die wohlvorbereiteten englischen Heer­führer und egyptischen Truppen, welch letztere diesmal allein standen und bewiesen haben, daß ihre europäischen Führer sich auf sie verlassen können. Wenn etwas auf die fana­tischen Scharen, aus denen der Mahdi und der Khalifa ihr Hcerhaufen zu bilden pflegten, Eindruck zu machen geeignet ist, so muß es das Verhalten der in sechzehn­jähriger Arbeit von den englischen Offizieren neu heran­gebildeten egyptischen Armee sein. Ein Teil dieser Armee besteht aus Leuten, die einst, dem Zwang gehorchend, mit den Derwischen unter dem Khalifa kämpften. Schon nachdem vor vier Jahren Slatin Pascha aus der Gefangen­schaft des Khalifa entronnen war, lag es klar, daß deffen nur durch eine grausame Gewaltherrschaft aufrecht erhaltenes Ansehen im Schwinden sei. Dies bestätigte sich im vorigen Jahre bei der Einnahme Omdurmans, wo der Khalifa von der sudanischen Bevölkerung verlassen wurde, sobald die englisch-egyptischen Truppen im Lande erschienen. Trotzdem ist noch nichts weniger sicher als das Ende des Mahdismus. Von den entkommenen Heerführern Abdul- lahis ist Osman Digma der tüchtigste; vielleicht wirft er sich jetzt zum Khalifa auf. Allein bis er Zeit fände, seinerseits einen Schlag gegen die europäische Herrschaft im Sudan vorzubereiten, würde mehr Zeit vergehen, als die Engländer brauchen, um ihre Herrschaft genügend zu be­festigen.

* Vom Kriegsschauplatz.

Nach dem Gefecht bei Belmont war die Frage, wie General Methuen seinen Sieg ausnutzen werde. Einige militärische Autoritäten in England waren der Ansicht, daß gerade deshalb, weil das Kriegsamt als das Ziel der Ab­teilung Methuen's mit aller Umständlichkeit die Entsetzung Kimberleys in die Welt posaunt habe, der General eine ganz andere Aufgabe habe, und diese nur darin bestehen könnte, daß er von der Bahnlinie nach Kimberley östlich in den Freistaat einzudringen und mit den von Süden vor­gehenden Abteilungen der Generäle Forestier-Walker und Gatacre Fühlung zu nehmen habe. Die Entsatzkolonne in Natal, nahm man an, werde nach der Entsetzung von Ladysmith dazu verwandt werden, die Transvaaler unter Joubert in den Drakensbergen festzuhalten, während die Hauptarmee unter General Buller von Natal aus westlich, also etwa an der Eisenbahn nach, Harrismith, auf Bloem- fontain vorgehen werde. Es sei also geplant, die Haupt­stadt des OranMaates von Westen, Osten und Süden zugleich anzugreifen.

Haben diese Dispositionen wirklich bestanden, so dürften sie neuerdings geändert sein, denn General Methuen ist, nachdem die Buren sich thatsächlich von Belmont in nörd­licher Richtung zurückgezogen haben, diesen auf den Fersen gefolgt, scheint also die Absicht zu haben, Kimberley zu erreichen und zu entsetzen. Daß er auf dem Wege

Flaggeulied der Bure».

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Die vierkleur van ons dierbaar land Di waai wie oer Transvaal En wee di God vergeten hand Wat dit weer neer wi haal! Waai hoog nou in ons beider lug Transvaalse vrijheidsvlag, Ons vijande is weggevlug Nou blinkn blijer dag.

Veul storme bet jy deurgestaan Maar ons was jou getrouw, En nou di storm is oergaan, Wijk ons nooit weer van jou. Bestormd der Kaffer, Leeuw en Brit, Waai jy steeds oer hui kop: En tot hui spyt ankou hui dit Ons hijs jou hoger op.

Waai hoog nou in ons beider lug Transvaalse veijheidsvlag!

Ons vijande is weggevlug Ons blinkn blijer dag. Waai hoog nou oer ons dierbaar land, Waai, vierkleur van Transvaal! En wee di God vergeten hand, Waat jou ooit neer wil haal!

Bei dem Mangel an Militärmusik, die zum Kampf anfeuert, stimmen die Buren vor dem Angriff ihr National- und ihr Flaggenlied an. Besonders das Flaggenlied zeichnet sich durch seine markige Komposition und den begeisternden Inhalt aus. Wir geben nachfolgend die Kom­position und den Text in Ursprache und Ueber- setzuug wieder.

Und wieder ob dem Vaterland Das heiige Banner schwebt, Und weh' der gottoergesi'nen Hand, Die frech nach ihm fich hebt. Nun flatt're hoch zum Himmelszelt, Der Feind entfloh zu Thal. Heil Rot-Weiß-Blau im grünen Feld Freibanner von Transvaal.

In schweren Nöten oft erprobt, Bewachtest du uns treu. Nun auch der Sturm vorbeigetobt, Geloben wir aufs neu: Ob Löwe, Kaffer oder Brit Mit gierem Hohn dir droht, Du weh'st uns stolzer nur beim Ritt Voran in Kampf und Tod.

Drum flatt're hoch im Sonnenbrand Freibanner von Transvaal.

Heil Rot Weiß-Blau am grünen Rand, Vom Drachenberg zum Vaal!

Der Feind entfloh im Freiheitslicht Das hetlge Vierfarb webt Und wrh' dem gottverlass'nen Wicht, Ders uns noch einmal schmäht.

dorthin schon unmittelbar hinter Belmont bei Gras Pan von neuem auf befestigte Stellungen der Buren treffen würde, hatte er schwerlich vermutet. Aber die Ab­teilungen, mit denen er am Donnerstag handgemein wurde, waren lediglich die Arriöregarde der Buren; ein weiteres Detachement wartete bei Graspan. Hier ist nun ein neuer heftiger Kampf entbrannt, über welchen unser Londoner Gewährsmann, dem Reuter'schen Bureau vorauseilend, bereits berichtet hat. Die seine Mitteilungen bestätigende Reutermeldung lautet:

Loudon, 26. November. Nach einer hier eingegangenen Dpesche des Lord Methuen ist dieser am 25. ds. Mts. bei Tagesanbruch vorgerückt und bei Graspan auf eine feind­liche Abteilung in der Stärke von 2500 Mann mit 6 Ge­schützen und 2 Mitrailleusen gestoßen. Um 6 Uhr früh kam es zum Gefecht. Die Batterien eröffneten das Feuer und schossen mit Shrapnels, bis die Höhen verlassen schienen. Hierauf gingen die Seesoldaten und die Infanterie im Sturm vor. Nach heftigem Kampfe, der bis 10 Uhr dauerte, wurden die Höhen genommen. Die Buren zogen sich in der Richtung auf einen Punkt zurück, wo das 9. Lancier-Regiment Aufstellung genommen hatte, um ste ab­zuschneiden. Im Augenblicke der Absendung des Telegramms war das Ergebnis dieser Bewegung noch nicht bekannt. Die Artillerie benutzte sofort den Rückzug der Buren. Bei Be­ginn des Gefechts griffen 500 Buren die englische Nachhut an, die Gardebrigade schlug sie aber zurück und deckte die Flanken. Die Marinebrigade focht mit größter Tapferkeit und erlitt große Verluste. Einzelheiten sind noch nicht be­kannt. Die Buren leisteten hartnäckigen Widerstand und müssen große Verluste erlitten haben. So viel bis jetzt bekannt, find 31 Buren gefallen und 48 verwundet. Auf einem Platze lagen 50 Pferdeleichen. Die englische Kolonne wird einen Tag bei Graspan bleiben, um zu ruhen und Vorräte und Munition zu erneuern; sie ist bereit, alle Schwierigkeiten zu überwinden.

Das amtliche Telegramm Lord Methuen's lautet selbst­verständlich für die Engländer in den Einzelheiten günstiger, aber er muß doch zugeben, daß die englische Marine­brigade große Verluste erlitten hat. Handelt eS sich also um einen neuenSieg der Engländer, so ist er wieder mit unverhältnismäßig bedeutenden Opfern erkauft worden. Wir zweifeln aber noch stark an dem Erfolg, da der Kampfibei Absendung des amtlichen Berichtes noch fortdauerte. Auffallend ist auch die Bemerkung, daß die Höhen nach dem Shrappnellfeuer von den Buren verlassen schienen und dann erst nach heftigem Kampfe gestürmt werden mußten.

Man geht also wohl nicht fehl, wenn man annimmt, daß die Buren wieder erfolgreich ihre oft bewährte List anwendeten, sich, angeblich geschlagen, zurttckzuziehen, den Feind dadurch vorzulocken und nun unerwartet in größeren Haufen gegen ihn vorzubrechen. Die Versicherung Lord Methuens am Schluß seines Telegramms, die englische Kolonne sei bereit, alle Schwierigkeiten zu überwinden, läßt erkennen, daß man solche nicht erwartet hatte und sich auf weitere Hemmungen im Vormarsch gefaßt hält. Jedenfalls bringt das Gefecht bei Graspan die Engländer nicht vor­wärts, da sie erst auf den Nachschub von Munition und Vorräten aus dem großen Lager bei de Aar warten muffen: sie sind ja bekanntlich nur mit Tornistern und i^nte auS- gerückt, um nur so rasch wie möglich den Weg nach Kimber­ley frei zu machen.

Das wird ihnen nun freilich so leicht nicht gettnge«, denn die Buren haben auf diesem Wege Etappe nach Etappe besetzt und das Endresultat der Expedition Methuens dürfte sein, daß er sich bis Kimberleyhindurchfiegt", dort aber von seinen 13000 Mann nicht so viel mehr zur Verfügun­hai, daß er den Entsatzversuch wagen kann. Vor allem rst auch noch der Uebergang über den Modder River südlich von Kimberley zu bewerkstelligen, eine Expedition,