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29.10.1899 Viertes Blatt
 
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Viertes Statt.

Sonntag den 29. October

1809

Gießener Anzeiger

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* Zwei Besuche beim Kaiser.

Gießen, den 28. Oktober 1899.

Der offiziöse Draht hat soeben eine anscheinend recht wenig aufregende Nachricht verbreitet, die ganz in dem bei Hofberichten üblichen Tone abgefaßt ist und dennoch in der gesamten Presse lebhafte Beachtung findet und eine Fülle von Gedanken und Kombinationen wachruft. Am Dienstag abend haben Graf Bülow, der Leiter der auswärtigen Politik, und Kontreadmiral Tirpitz, der verantwortliche Ver­treter der Marineangelegenheiten, dem Kaiser gemeinschaft­lichen Vortrag gehalten und schon am nächsten Morgen ist Herr Tirpitz nach Baden-Baden gereist, um den Reichskanzler über die Lage zu orientieren. In Zeiten, die weniger ernst find, als die, in denen wir jetzt leben, wäre es vielleicht angebracht, einige ironische Glossen über den Kanzler zu machen, der seine Zeit zwischen Werki, Aussee und Baden-Baden teilt, um von Zeit zu Zeit in Berlin aufzutauchen und hier im Reichstage eines seiner kümmerlichen Zettelchen zu ver­lesen; man könnte auch seine Verwunderung darüber äußern, daß die Bedeutung der Ressorts gegenüber der im Reiche allein verantwortlichen Stelle in einem nie geahnten Um­fange zugenommen zu haben scheint, sodaß selbst in den einschneidendsten Fragen der Monarch mit den Reffort­vertretern gewissermaßen ein fait accompli schafft, von dem erst nachträglich der Kanzler verständigt wird. Aber solche Betrachtungen sind schon oft augestellt worden und sie illustrieren lediglich die Thatsache, daß zwar formell Fürst Hohenlohe die Verantwortung trägt, in Wirklichkeit jedoch der Kaiser sein eigener Kanzler ist, und daß in den letzten Jahren schon so manches geschah, was Onkel Chlodwig in mehr oder weniger freudiger Ueberraschung erst aus der Zeitung erfuhr.

Aber nicht an den hier angedeuteten, in stilleren Zeiten weiter zu diskutierenden Fragen haftet jetzt das Interesse; bte gespannte Aufmerksamkeit der Nation richtet sich viel­mehr auf die Vorgänge, die sich auf der weiten Bühne des Welttheaters abspielen, auf die Haltung Deutschlands in diesen folgenreichen Händeln und auf die Möglichkeiten, die sich uns erschließen, Schon die gleichzeitige Berufung der Herren v. Bülow und Tirpitz deutet darauf hin, daß die auswärtige Politik und Fragen des Marineamtes in engsten Zusammenhang gebracht worden sind, und wenn auch Einzel­heiten über das in der Unterredung zwischen dem Monarchen und seinen Ministern gestellte thema probandum natur­gemäß nicht in die Welt hinausgedrahtet werden, so bietet doch die Lage Anhaltspunkte genug, um den auftauchenden Fragen auf den Grund zu kommen.

Was ist denn geschehen? In Hamburg hat Kaiser Wilhelm in einer feurigen Rede die Notwendigkeit betont, unsere Seestreitkräfte zu schützen, damit wir nicht Not leiden in unseren auswärtigen Jntereffen. Er hat es beklagt, daß das rechte Gefühl hierfür nur langsam in unserem Vater- lande Platzgreife, weil wir uns noch immer allzusehr in fruchtlosen Parteiungen verzehren. Und indem Kaiser Wilhelm den Blick lenkte auf die tiefen Wandlungen, die sich im Leben der Welt vollziehen, auf das Vergehen und Entstehen der Reiche und auf den raschen Wechsel der wirt­schaftlichen Bedingungen, beklagte er mit bitteren Worten die Hemmnisse, die einem kräftigen Ausbau unserer Flotte sich dauernd entgegenstemmten. Schon damals, als diese Rede, die zündendste, die Kaiser Wilhelm jemals gehalten S)at, bekannt wurde, haben wir darauf hingewiesen, daß die «Schuld an dem langsamen Fortschreiten nicht lediglich das Volk und seine Vertreter treffe, sondern zur guten Hälfte Luch eine Regierung, die, in steter Konfliktsfurcht lebend, Len Intentionen des Monarchen nicht Genüge leiste. In offiziöser Schrift hat denn auch alsbald dieNordd. Allg. Ztg." einen Artikel gebracht, der nicht warm und nicht kalt mr und ebenso gut von Flottenfreunden wie von Flotten- ftinden zur Verstärkung ihrer Argumentationen angeführt

werden konnte. Die einzige positive Feststellung dieses wunderlich lauen Artikels lag in der Erklärung, daß für das kommende Etatsjahr jedenfalls eine Novelle zum Flotten­gesetz nicht in Aussicht genommen sei.

Es ist kaum anzunehmen, daß die Lektüre dieses Ar­tikels auf Kaiser Wilhelm einen besonders angenehmen Eindruck gemacht hat. Denn sollen seine in Hamburg gesprochenen Worte eine Bedeutung haben, die über die landläufige Bedeutung von Tischreden hinausgeht, so mußte der offiziöse Artikel um so wunderlicher erscheinen, als er doch selbst zugiebt, daßschwerwiegende Gründe" schon innerhalb des Septennats eine Verstärkung der Flotte er­zwingen könnten. Keine Regierung der Welt, und stände an ihrer Spitze auch ein anderer Mann als Fürst Hohen­lohe, kann alle Ereignisse der Zukunft voraussehen, sie kann nur Sorge treffen für ihre Möglichkeiten. Wer konnte damals, als der Flottenbauplan festgestellt wurde, die politischen Veränderungen voraussehen, die sich an den spanisch-amerikanischen Krieg, an Faschoda und Samoa, an den Burenkampf anknüpfen würden? Was heute noch dem Bedürfnis genügt, kann morgen bereits als völlig ungenügend erscheinen, und Herr Eugen Richter und seine Freunde mögen noch so heftig und im Brustton anklagender Ehrlich­keit darauf Hinweisen, daß die Regierung sich verpflichtet und sich an ein bestimmtes Programm gebunden habe, daß Vertrauen auch wieder Vertrauen erfordere und was der­gleichen schöne Redensarten mehr sind, so wird er doch die Thatsache nicht aus der Welt schaffen, daß der Gang der Geschichte nicht nach dem Schema reguliert wird und daß der neue Tag auch neue Forderungen stellt. Wenn Regen droht, bringt man das Heu ein. Schließlich unterliegt doch eine wahrhaft nationale Politik nicht den Usancen eines Termingeschäftes:So ist abgemacht, so muß geliefert werden." Denn die Differenzen, die bei der Regulierung bezahlt werden müßten, würden nicht mit Gold oder Papier, sondern mit Blut ausgeglichen werden. Es ist nichts so fade, aber auch so bequem, als die ewige Wiederholung von Worten, die unter ganz anderen Voraussetzungen ge­sprochen wurden und in demselben Augenblick hinfällig werden, wo diese Voraussetzungen sich ändern.

Freilich, die finanziellen Bedenken! Aber wurden sie nicht gerade von denselben Leuten erhoben, die so eifrig bereit sind, Hunderte von Millionen aus der preußischen Staatskaffe zu ziehen, um einen Kanal zu bauen, der doch erst in ferner Zukunft eine Rente verspricht?Hand wird nur von Hand gewaschen. Wenn du nehmen willst, so gieb", heißt es beim Altmeister Goethe. Ernster ist in der Thal ein Bedenken, das von agrarischer Seite erhoben wird: Eine starke Flotte habe nur dann Wert, wenn sie das aus­schlaggebende Werkzeug in der Hand einer starken und klugen Staatskunst sei. Wenn wir aber nichts anderes wollen, als uns hinausdrängen zu lassen, wenn wir weiter keinen Ehrgeiz haben, als im Kielwasser Englands zu segeln, wenn wir die Ausnützung günstiger Gelegenheiten zur Stärkung unserer Weltmacht als Schnapphahnpolitik offiziös bezeichnen, dann brauche man überhaupt keine Flotte. Aber darf ein solcher Pessimismus, so begründet er sein mag, den Arm lähmen? Darf eine unerfreuliche Gegenwart die Rechnung auf die Zukunft ausschließen? Bietet der Fehler von heute die Gewißheit, daß auch das Morgen seine Fehler haben wird? Jetzt liegen die Dinge doch wahrlich so, daß Entscheidungen an der Schwelle harren, die für lange Zeit unsere Stellung im Rate der Völker bestimmen dürften. Russische und französische Schiffe wollen sich im Mittelmeer vereinen, die englische Flotte wird mit aller Kraft ausge­rüstet, gewaltige Gegensätze drohen sich zu erheben. Da hat auch Deutschland das Recht und die Pflicht, nicht abseits zu stehen, sondern sich einen Platz in der Sonne zu wählen. Man muß nicht nur wissen, daß es ein Deutsches Reich giebt, sondern man muß auch fühlen, daß dieses

Reich nicht mehr, wie im Krimkriege, gewillt ist zu anti­chambrieren und sich, während die großen Fragen der Welt entschieden werden, mit der Lösung von Doktorfragen im Stile der Eschenheimer Gasse beschäftigt. Die Flügel sinl dem Adler wieder gewachsen, ach nein, wir stehen je am Vorabende der Reise nach England!

Deutsches Reich.

Berlin, 27. Oktober. Der Kaiser ist gestern in Blankenburg am Harz eingetroffen und von dem Regenten von Braunschweig, dem Prinzen Albrecht von Preußen, und dessen Sohn empfangen worden. Während der Fahrt nach dem Schloß begrüßte eine zahlreiche Volksmenge enthusiastisch den Monarchen.

Die Kaiserin fuhr heute vormittag, begleitet von den jüngsten Prinzen und der kleinen Prinzessin, durch die Sieges-Allee, um die Verstümmelung der Kunstwerke in Augenschein zu nehmen.

DerStaatsanzeiger" meldet, daß der Fürst ChristianKraftzuHohenlohe-Oehringen, Herzog von Ujest, seinem Anträge gemäß von dem Amt des Oberst- Kämmerers entbunden worden ist. DieKöln. Ztg." schreibt dazu:

Die Nachricht wird auch für die Kreise der hiesigen Hofgesellschaft völlig Überraschmd gekommm sein. Der Fürst hatte als Erbprinz am 1. Juli 1894, nach dem Rücktritte des Oberstkämmerers Fürsten Otto zu Stolberg-Wernigerode, dieses wichtigste Hofamt übemommen, we dem die Bestimmungen über die Hofetikette und das Hofzeremoniell, über die Angelegenheiten und die Beaufsichtigung der königlichen und prinz- lichen Hofstaaten einschließlich der Kammerherren reffortteren und da« gemeinsam mit dem Ministerium des königlichen Hauses die Angelegen- legenheiten der Chefs und der Mitglieder der einzelnen königlichen Hof- verwaltungen zu bearbeitm hat. Ueber die Grunde, die den Fürsten jetzt nach fünfjähriger Amtsführung zum Rücktritte veranlaßt haben, ist bisher nichts Näheres mitgeteilt wordm. Vielleicht darf man annehmen, daß sie sich daraus herleiten, daß dem Fürsten nach dem vor zwei Jahren erfolgten Ableben seines Vaters eine so umfassende Guts- und Vermögensverwaltung in Schlesien und in Württemberg zugefallen ist, daß er weniger in Berlin sich aufhaltm kann, als sich das mit den Pflichten dieses Hofamtes verträgt. Der Fürst, der gleichzeitig bet* preußischen Herrenhause und der württembergisch en Kammer der Standes- herrn angehört, ist seit dem Jahre 1880 Vertreter des Wahlkreises Kreuzburg-Rosenberg im deutschen Reichstage und nimmt als Mitglied der deutschkonservativen Fraktion lebhaften Anteil an den parlamentarischen Beratungen. Er ist erst 51 Jahre alt und unvermählt.

Dem Bundesrat ist die Vorlage betreffs Ein­führung des Postchek-Verkehrs zugegangen.

Der neue Oberpräsident von Bethmanu- Hollweg erschien heute in der Magistrats-Sitzung, in welcher das Kollegium vollzählig versammelt war. Nach­dem Bürgermeister Kirschner den Oberpräsidenten willkommen geheißen, ergriff letzterer das Wort, um zunächst für die Begrüßung zu danken und darnach die Erklärung abzugeben, daß ihm daran liege, im freundschaftlichen Einvernehmen zum Wohle der Stadt und des Landes, dessen Hauptstadt Berlin sei, zusammen zu arbeiten. Ec wünsche daher die Herstellung persönlicher Beziehungen, die das wechselseitige Verständnis wesentlich erleichtern. Der Ansprache folgte die Vorstellung der einzelnen Mitglieder des Kollegiums.

DieNational Zeitung" glaubt, daß die Absicht besteht, dem Reichstag eine Denkschrift über die nach der Meinung der Marine-Verwaltung erforderliche Erweite­rung des Flottenplanes von 1898 vorzulegen. Allem Anscheine nach werde die öffentliche Erörterung der Angelegenheit bis zum Beginn der Reichstags-Verhandlungen bereits einen derartigen Umfang angenommen haben, daß sie denAnlaß zu einerMarinedebatte bei der ersten Lesung des Etats geben dürfte.

Der Sohn des Finanzministers Assessor Dr. von Miquel hat das Examen als Legations-Sekretär bestanden und ist der Pariser Botschaft zugeteilt worden.

Wie derReichsanzeiger" meldet, ist der Herzogin Johann Albrecht zu Mecklenburg und der Prinzessin Ludwig von Battenberg die Rote Kreuz-Medaille 1. Klaffe so­wie der Prinzessin Mathilde von Württemberg die Rote Kreuzmedaille 2. Klaffe verliehen worden.

DerReichsanzeiger" veröffentlicht die Versetzung des Regierungs Präsidenten von Oertzen zu Sigmaringen in gleicher Amtseigenschaft an die Regierung in Lüne­burg.

Wie demBerliner Tageblatt" aus Washington telegraphiert wird, heißt es daselbst, ein befriedigender