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29.8.1899 Zweites Blatt
 
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Nr. 202 Zweites Blatt Dienstag den 29. August

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Goethe-Feier.

Die Redensart:Wenn Frankfurt ausfährt, fährt es vierspännig", hat sich in den letzten Tagen und besonders heute zu Beginn der offiziellen Feierlichkeiten zum 150. Ge­burtstage des großen Sohnes unserer Stadt wiederum glänzend bewährt. Ein klarer Himmel, eine überaus reich geschmückte Stadt, eine festlich gestimmte Bevölkerung, kurz­um alle Vorbedingungen für ein glänzendes Gelingen der seit langem sorgsam vorbereiteten Feier waren gegeben. Von auswärts sind viele Tausende nach der Geburtsstadt des großen Meisters gepilgert, um zu sehen, wie man in Frankfurt den Geistesheroen feiert, welcher vor 150 Jahren hier das Licht der Welt erblickt hat. Seit den frühesten Morgenstunden durchwogt die Straßen eine ungeheuere Menschenmenge, welche sich nicht satt sehen kann an den reichen Ausschmückungen der Straßen und besonders des Goethe-Platzes, auf welchem das Standbild des Geburtstags- Kindes gewissermaßen die Gratulanten empfangen soll. Hier ist aus städtischen Mitteln eine Ausschmückung zu stände gekommen, wie Frankfurt eine solche seither noch nicht ge­sehen hat. Um das Denkmal hat man einen griechischen Tempel errichtet, der Platz selbst wird eingesäumt von Guirlanden tragenden Säulen. Einen gewaltigen Eindruck wird dieses Arrangement am Abend machen, denn Tempel sowohl wie auch Säulen und Guirlanden sind übersät mit elektrischen Glühlampen. Außerdem ist der Rasen des Goetheplatzes mit anderen Jlluminationskörpern förmlich überschüttet. Die Staats- und städtischen Gebäude, die großen Hotels, viele Geschäfts- und Privathäuser haben ebenfalls reichen Schmuck angelegt und zwar herrscht überall die elektrische Glühlampe in allen Farben vor. In vielen Fällen hat man die Büste Goethes, sowie die Namen Goethescher Gestalten in geschmackvoller Weise verwendet. Sogar am Hauptbahnhof prangt ein elektrischer Stern in­mitten der Jahreszahlen 1749 und 1899 in elektrischen Glühlampen.

Vormittags von 10 Uhr ab versammelten sich die Ver­treter von ungefähr 200 Vereinen, meistens mit ihren Fahnen, auf dem Paulsplatz und zogen unter Vorantritt eines Musikkorps nach dem Goethehaus, wo sich die Ver­treter der städtischen Körperschaften (Magistrat und Stadt­verordnete), die Mitglieder der Handelskammer, des Freien deutschen Hochstists, die Abordnungen der Goethe-Gesellschaft, die Vertreter der deutschen Universitäten und die Mitglieder des Ausschusses an die Spitze begaben, und den Zug nach dem festlich dekorierten Goethe-Platz führten. Hier bildeten die Schüler und Schülerinnen der höheren Lehranstalten Spalier. Für die Vertreter der Presse, welche zum Teil von weit her hierher gereist waren, war so gut wie gar nicht gesorgt, denn der für dieselben reservierte Platz war derart, daß sie weder etwas sehen noch hören konnten. Vor dem Denk­mal hatten sich kurz vor Eintreffen des Zuges eingefunden:

die Spitzen der staatlichen Behörden. Wir bemerkten u. a. den kommandierenden General des 18. Armee-Korps, Ex­zellenz von Lindequist, Generalleutnant von Chappuis und Polizeipräsident, von Müffling. Als die Spitze des Zuges vor dem Denkmal angelangt war, ergriff Herr Oberbürger­meister Adickes das Wort zu folgender Ansprache: Dem größten Sohne dieser Stadt bei der 150sten Wiederkehr seines Geburtstages zu huldigen, sind wir hier versammelt. Vertreter der Behörden und aller Kreise der Bürgerschaft gemeinsam mit Vertretern von Deutschen Hochschulen und den Vertretern der Goethe-Gesellschaften. Festliches Gewoge erfüllt die Straßen, und teilnahmsvolle Bewegung durch­zittert die Bürgerschaft, wie vor vierzig Jahren, als Schillers hundertjährige Geburtstagsfeier festlich begangen wurde, so weit die deutsche Zunge klingt. Allein während damals mit der Dichterfeier sich sehnsuchsvolle Klage' für unseres Volkes entschwundene Einheit und Freiheit verband, als deren Sänger man ihn liebte, verknüpfen sich mit dieser Feier keine politischen Nebengedanken.

Vom festen Boden des neuen deutschen Reiches aus und darum sicherer, lebendiger und umfassender als vor fünfzig Jahren gilt an diesem Tage alle Feier Ihm dem Herrlichen, dem Unvergleichlichen, der im Alter von 25 Jahren, aus dieser alten Reichsstadt heraus, die er nachher so wunderbar gezeichnet, mit einem Schlage eine erste Stelle in der Weltlitteratur eroberte, der damit unser verkümmertes und mißachtetes Volk mit neuer Freude zum Leben und mit neuem Mut erfüllte. Und der dann über ein halbes Jahrhundert von dem stillen und für alle Zeit geweihten Weimar aus, getragen von der Verehrung und dem nie versagenden Verständnis seines fürstlichen Freundes sein Volk mit immer neuen Schätzen der Dichtkunst und immer neuen Eröffnungen seiner Menschheit und Welt zugleich umfassenden Genius beschenkt.

Eine vaterländische, eine echt nationale Festfeier be­gehen wir daher allerdings, und stolz erhobenen Hauptes rufen wir laut hinaus unseren Dank, daß aus dieser Stadt, daß aus unserem Volke erstehen durfte der, den immer weitere Kreise in aller Welt als einen König im Reich der Geister verehren.

Allein diese Feier wäre eitel und fruchtlos, wenn unser Dank sich in äußerlichen Dingen erschöpfte. Nein! Diese Fahnen und Kränze und heute abend die Fackeln und Lichter, sie sollen es weithin künden, daß wir uns der Pflichten eines so kostbaren Besitzes wohl bewußt sind. Daß es vor allem gilt, i h m täglich aufs neue uns innerlich anzueignen, und jeder nach seiner Kraft mit Goethe'schem Geiste, und und wenn auch im zersetzenden Gewirr der Parteileidenschaft, ja im Kampf um die Weltanschauung, wie im schatz- gräberischen Suchen nach schnellem Gewinn zu erfüllen. Wer von allen Dichtern und Weltweisen könnte uns besser die Quellen weisen, aus denen wir den Mut des reinen

Lebens trinken mögen. Wer könnte kräftiger unseren Willen mit Selbstzucht, unseren Geist mit Verständnis und Duldung für andersdenkende, unsere Herzen mit Verehrung für das unerforschliche und die geheimnisvollen Gesetze langsamen Werdens erfüllen, als er.

So rufe ich denn, indem ich eine erste Kranzspende zu seinen Füßen niederlege: Heil dieser Stadt und Heil diesem Volke, daß es diesen Großen der Welt schenken und sich damit einen unverlierbaren Besitz erwerben durfte. Und abermals Heil dem deutschen Volke, wenn es in und mit der politischen Arbeit an der heilvollen und kräftlichen Ent­wickelung unseres Reiches und mitten im wirtschaftlichen Kampfe auch den Idealen reinen, durch die Kunst geedelten Menschentums treu bleibt, deren vornehmster Bannerträger Er war, unser Johann Wolfgang Goethe.

Nach Schluß der Ansprache stellte sich das Musikkorps an die Spitze des Zuges der Deputationen, welche nunmehr am Denkmal vorbeidefilierten. Die Vertreter der einzelnen Vereine, an Zahl circa 200, legten ohne Ansprachen Kränze, zum größten Teil mit wertvollen Schleifen, sowie Blumen- nnd Palmen-Arrangements am Denkmal nieder. Besonders hervorzuheben ist eine goldene Lyra inmitten eines Palmen- Arrangements, gestiftet vom Germanischen Museum in Nürn­berg. Während des etwa eine Stunde dauernden Vorbei­marsches wurden von der Frankfurter Sängervereinigung verschiedene Gesänge, zum Teil mit Goethe'schem Text, zum Vortrag gebracht.

Um 31/2 Uhr begann die Auffahrt zum großen Fest­kommers im Hippodrom. Um 4V2 Uhr betrat die Kaiserin Friedrich, geführt von den Herren des Festausschusses, die Loge, und nahm zwischen der Kronprinzessin von Griechen­land und der Prinzessin Friedrich Karl von Hessen Platz. In der Loge befanden sich außerdem Prinz Friedrich Karl von Hessen und das Gefolge der Kaiserin Friedrich, ferner Oberbürgermeister Adickes.

In dem Fest-Kommers, bei welchem die Mitglieder der Museums-Gesellschaft, des Cäcilien-Vereins, des Rühl'schen Gesangvereins und der Süngerchor des Lehrer-Vereins, außerdem verschiedene Solisten mitwirkten, wurden vier Kompositionen Goethe'scher Dichtungen zu Gehör gebracht; ferner als Instrumental-Nummern die Wagner'sche Faust- Ouvertüre und Beethovens Ouvertüre zuEgmont". Um 6V4 Uhr kehrte die Kaiserin Friedrich mit Gefolge nach Cronberg zurück.

Inzwischen hatte ein gelinder Gewitterregen einen wohlthätigen, staubreinigenden Erfolg erzielt.

Um 6l/z Uhr begann die Aufstellung des Fackelzuges, an welchem über 16 000 Personen, ca. 140 Gruppen und 16 Musik-Korps teilnahmen. Der Zug bewegte sich vom Bahnhof durch die Hauptstraßen der Stadt, am Goethe- Denkmal vorbei nach Sachsenhausen und endete am Schau­mainkai. Mit Eintreten der Dunkelheit begann die glänzende

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Hoeche als Knaöe.

Zum 150. Geburtstage des Dichters.

Non Dr. Adolf Kohut.

(Nachdruck verboten.)

Von den Wunderknaben, die vielfach die Zeitgenoffen beschäftigten und das lebhafteste Interesse der Psychologen erweckten, haben verhältnismäßig nur wenige die auf sie gesetzten Hoffnungen erfüllt. Nur einigen war es vergönnt, sich zu Genies zu entwickeln, bahnbrechende Thaten zu voll­führen und Werke von mehr oder weniger dauerndem Werte zu schaffen, während so manche vielversprechende Wunder­knaben, zu Männern gereift, alle Welt durch ihre schwachen Leistungen enttäuschten. Zu der geringen Zahl der gott­begnadeten Geister, denen es vergönnt war, alle störenden Einflüsse von innen und außen zu bewältigen und unge­hindert einem großen Ziele entgegenzueilen, zurückstoßend, was ihnen fremd, und das Verwandte mit sich fortreißend, gehörte auch Goethe. Es bietet nun einen ganz eigenen Reiz, auf die Knabenzeit dieses gewaltigen schöpferischen Mannes zurückzugehen, dessen Leben und Wirken wie ein langer, schimmernder Streif durch die Glanzperiode unserer Nationallitteratur hindurchleuchtet und an dessen unerschöpf­lichen Geistesgaben noch kommende Jahrhunderte zehren werden. Goethe selbst verweilte stets mit großer Liebe bei den Jahren seiner Kindheit, und bemerkt einmal treffend:

Wer wäre im stände, von der Fülle der Kindheit würdig zu sprechen! Wir können die kleinen Geschöpfe, die vor uns herumwandeln, nicht anders als mit Vergnügen, ja, mit Bewunderung ansehen. Das Kind, an und für sich betrachtet, mit seinesgleichen und in Beziehungen, die seinen Kräften angemessen sind, scheint so verständig, so vernünftig, daß nichts darüber geht, und zugleich so bequem, heiter und gewandt, daß man keine weitere Bildung für dasselbe wünschen möchte. Wüchsen die Kinder iu der Art fort, wie sie sich andeuten, so hätten wir lauter Genies."

Goethe behauptet bekanntlich in seiner Selbstbiographie, die er unter dem TitelWahrheit und Dichtung" am Abend seines Lebens schrieb, daß er von der Mutter die Frohnatur und die Lust zum Fabulieren, vom Vater jedoch die Statur und des Lebens ernstes Führen geerbt habe. Dieser Held der Feder, der nicht allein in der deutschen Dichtung, son­dern in der Weltlitteratur einen mächtigen Umschwung her­vorbrachte, hatte nichts von der genialen Unordnung so vieler Kraftgenies seiner Zeit an sich. Schon der Knabe befolgte den Grundsatz, den später der Dichter desFaust" ausspricht, nämlich:

Gebrauckt der Zeit, sie zieht so schnell von hinnen. Doch Ordnung lehrt euch Zeit gewinnen.

Und der Vater, der mit Unrecht von vielen Seiten als Pedantisch-streng verschrieene kaiserliche Rat Johann Kaspar, war es, welcher dem Kinde diesen Ordnungssinn einpflanzte. Ihm gebührt das Verdienst, daß er durch eine geistige, die erwachenden Kräfte seines Sohnes belebende Erziehung über­aus günstig auf die Selbstthätigkeit desselben einwirkte. Der

scharfblickende Mann, der sich nur seiner Familie widmete, er­kannte frühzeitig das Wesentlichste beim Unterricht, nämlich die Selbstthätigkeit des Schülers, und war bestrebt, die großen Anlagen seines Knaben durch Aufmunterung und Belohnung zur Reife zu bringen.

Die uns erhalten gebliebenen Jugendarbeiten des Knaben liefern hierfür den besten Beweis. Der Vater, der zugleich auch sein erster Lehrer war, diktierte entweder, was ihn selbst unmittelbar angeregt hatte, eine Darstellung der Tages­ereignisse oder eine Anekdote vom alten Fritz, die eben be­kannt geworden, und die den Verehrer des großen Königs begeisterte, oder er überließ dem Sohne, sich selbst den Stoff zu wählen, und da finden wir denn kindliche Aeußerungen, dichterische Ergüffe, dialogisierte Selbsterlebnisse und moralische Betrachtungen, die schon klar andeuten, welche Richtung der Erwachsenenehmen würde. Was er anschaute und laS, was er hörte und erlebte, alles wurde wieder in diesen selbst gewählten Aufgaben verarbeitet, und so könnte man diese Aufsätze als eine Reihe von Szenen aus dem Knaben­leben Goethes bezeichnen. Der strenge Ordnungssinn, den er vom Vater ererbte und bis ins späteste Alter hinein walten ließ, die Scheu vor allem Verzerrten, Exaltierten, Widrigen, Unsauberen, die ihm allezeit eigen war, tritt uns schon in den Schulheften des Knaben vor die Augen; von der ersten bis zur letzten Seite finden wir dieselbe reinliche, feste Schrift, und der Trieb zur Ordnung ist überall un­verkennbar.

In der That war der Knabe Goethe ein Wunderkind in des Wortes wahrster und schönster Bedeutung. Schon