Ausgabe 
29.6.1899 Erstes Blatt
 
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lit. 150 Ei-ftes Blatt. Donnerstag den LS. Juni

1899

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Fernsprecher Nr. 51.

Amtlicher Heil.

Bekanntmachung.

8tinr.: Das Droschkenfuhrwesen während des Schützenfestes.

Auf Grund der § 37 der Gewerbe-Ordnung und des 8rt. 56 der Städr-i-Ordnung wird für die Dauer des in Kiljßen vom 2. bis 9. Juli l. I. stattftndenden 17. 23er- KiLdsschießens des Bad. Landes-Schützenvereins, des Pfalz, ynl Mittelrhein. Schützenbundes bezüglich des Droschken- suh: wesens das nachstehende bestimmt:

1. Die Aufstellung von Droschken und deren Verwen­dung während des Schützenfestes ist nur denjenigen Personen geflutet, welche ihr Vorhaben bei dem Großh. Pollizeiamt Gießen angemeldet haben.

2. Kutscher darf nur sein, wer mindestens 18 Jahre ilt, des Fahrens kundig und gut beleumundet ist; er muß fniiher und anständig gekleidet, sein Gefährt rein sein und Hut dem Fahrgast gegenüber ein höfliches und anständiges Vernehmen zu beobachten.

3. Die Droschken müssen mit zwei gesunden kräftigen Pskvrden bespannt, solid gebaut, mindestens viersitzig, ge- doNert, von innen zu öffnen und mit Laternen versehen sein.

4. In jeder Droschke ist der von Großh. Polizeiamte Kiijßen speziell für die Tage des Schützenfestes festgesetzte larif anzubringen.

Der Tarif muß den Stempel des Großh. ^Polizeiamts Glijßen, sowie den von dieser Behörde beigesetzten Namen des Kutschers enthalten.

5. Die Droschken haben stets in kurzem Trab und rechts zu fahren. Peitschenknallen ist verboten.

Das Mitnehmen dritter Personen ist nur mit Zu­stimmung der Fahrenden gestattet.

Die Bezahlung geschieht an den Kutscher gemäß Tarif iDtt der Fahrt.

6. Als Aufstellungsplätze von Droschken werden bestimmt:

n. Hauptbahnhof;

th. Südanlage an der Lesehalle;

oo. Marktplatz;

öl. Ludwigsplatz;

io. Platz zwischen Neue Kaserne und Schützenhaus.

Bei der Aufstellung haben sich die später anfahrenden Drvoschken je nach der Zeit ihres Eintreffens auf dem Platz hMer der zuerst am Platz befindlichen anzureihen.

7. Zuwiderhandlung gegen diese Bestimmungen oder nachstehenden Tarif zieht den Verlust des Rechtes zur Aus- ibmng des Gewerbebetriebes nach sich.

8. Für die Benutzung von Lohnfuhrwerk gilt der nach- jotgienbe

Droschken Taris

für die Dauer des Schützenfestes in Gießen vom 2. bis 9. Juli 1899.

1. Streckenfahrten.

Für eine Fahrt vom Bahnhof nach dem Fest- »Iclltz oder umgekehrt:

eine bis zwei Personen . . 1,50 Mk.

drei Personen.....2,00

vier Personen.....2,50

jede weitere Person 30 Pfg. mehr.

Für eine Fahrt v om Bahnhof nach irgend einem Cuintte der Stadt

eine Person......0,80 Mk.

zwei Personen.....1,20

drei Personen.....1,80

vier Personen.....2,00

jede weitere Person 20 Pfg.

Für eine Fahrt vomFestplatz nach irgend einem stumkte der Stadt gelten dieselben Sätze.

2. Zeit-Fahrten.

Eine Stunde in der Stadt

eine bis zwei Personen . . 2,50 Mk.

drei bis vier Personen . . 3,00

Jede weitere Viertelstunde ohne Rücksicht auf die Zahl )tc Fahrgäste 50 Pfg.

Jede angebrochene Viertelstunde wird für voll berechnet.

Fahrten nach auswärts unterliegen besonderer Ver- liibtarung. , . __ m

Von abends 10 Uhr ab tritt eine Erhöhung von 50 Pro- M für alle Fahrten ein.

Alle Droschken sind zweispännig.

Für Breaks beträgt der Preis einer Fahrt vom Bahn- Hof nach dem Festplatz ober umgekehrt 40 Pfg. für bie Person.

Gießen, ben 21. Juni 1899.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Muhl._________________

Das Kabinett Waldeck-Rousseau vor der französischen Volksvertretung.

Die Befürchtung, baß das Ministerium nicht einmal das erste Erscheinen vor der Kammer überstehen werde, hat sich nicht erfüllt. Dagegen läßt die mit einer Mehrheit von nur 26 Stimmen angenommene Tagesordnung zu Gunsten des neuen Kabinetts nicht gerade viel gute Hoff­nungen für die nächste Zukunft. Der Draht berichtet aus Paris über die Montagssitzung:

Die Tribünen sind überfüllt. Die Abgeordneten sind fast vollzählig anwesend. Um 2 Uhr erscheinen die Minister mit Waldeck-Rousseau an der Spitze, hinter ihm General Galliset. Verschiedene Deputierte drücken Waldeck-Rousseau und Gallifet die Hand. Dieser unterhält sich lebhaft mit Caillaux. Der Präsident eröffnet die Sitzung. Auf der äußersten Linken ertönen die Rufe:Es lebe die Kommune!" Diese Rufe dauern etwa fünf Minuten an. Auf der Rechten wird vereinzelt Beifall gezollt. Von der äußersten Linken wird gerufen:Nieder mit dem Mörder!" Gallifet wirft einen verächtlichen Blick nach der äußersten Linken. Präsident Deschanel erklärt, er verlange von jedem Selbstbeherrschung. (Lebhafte Er­regung.) Eine Stimme ruft:Wir verlangen den Henker!" Nun verlas Waldeck-Rousseau folgende ministerielle Er­klärung, die im Senat in gleicher Weise vom Minister Monis verlesen wurde:

Nachdem die Kammer ihren Entschluß ausgesprochen hat, nur eine Regierung zu unterstützen, welche entschlossen ist, mit Entschiedenheit bie republikanischen Einrichtungen zu »erteibigen unb für bie öffentliche Orbnung zu sorgen, ist bie Aufgabe, welche dem neuen Kabinett zufällt, klar bestimmt. Wir haben keinen anberen Wunsch, als biese Aufgabe zu erfüllen. Es hanbelt sich barum, bas uns allen gemeinsame Erbe unversehrt aufrecht zu erhalten. Wir sinb ber Ansicht, baß bie Spaltung der Parteien hiergegen zurücktreten muß, daß das Werk, welches wir unternehmen wollen, die Mitwirkung aller Republikaner erfordert. Die Streitfragen ruhen gegenüber der Pflicht, den Umtrieben ein Ende zu machen, welche sich gegen bie Regierungsform richten, bie bas allgemeine Stimmrecht aufrecht erhalten wirb. Es erforbert bies in allen Dienstzweigen treue Mit­arbeit unb ben Mut ber Verantwortlichkeit. Die Regierung ist entschlossen, ihren Entscheibungen Achtung zu verschaffen; sie kann biejenigen, welche über Menschen zu Gericht sitzen, nicht mit verschobenem Maße messen. In bie erste Reihe der mit der Erhaltung und der Würbe einer Nation aufs engste verknüpften Interessen stellen wir biejenigen ber Armee. Wir benfen mit den bedeutendsten unb zuverlässigsten Führern derselben, daß ein unverletzliches Festhalten an der Disziplin die erste unb bie wesentlichste Garantie für bie Größe ber Armee bilbet. Wir sinb entschlossen, bieselbe mit Energie zu verteibigen sowohl gegen bie Angriffe, benen sie ausgesetzt sein könnte, als auch gegen bie Bestrebungen, welche bie unverbienteste aller Beleibigungen sinb. Wir wünschen vor allem, baß Beruhigung eintrete. Sie wird sofort eintreten, wenn jeder darauf verzichtet, sich selbst Recht zu verschaffen und Urteilssprüche vorzubereiten und zu diktieren, und vor dem Gesetz sich beugt. Wir verlangen die weitestgehenden Vollmachten von Ihnen. Wir bitten Sie, einen Waffenstillstand zu schließen in den erregenden Kämpfen, die ein liebel für die Interessen des Landes zu sein scheinen, und ohne Aufschub die für ein gutes Funktionieren der öffentlichen Dienste notwendigen Gesetze zu genehmigen. Wir werden glauben, unsere Pflicht erfüllt zu haben, wenn wir von neuem einer Politik den Weg eröffnet haben werden, die geeignet ist, alles bas auszuschließen, was bie Repu­blikaner von all bem getrennt hat, was sie einigen kann."

Die Verlesung würbe von lebhaften Zwischenrufen unterbrochen. Der Deputierte Roche ruft:Nur bie In­teressen Eiffels!" Roche wird zur Ordnung gerufen. Waldeck Rousseau fährt fort, seine Stimme zittert etwas. Der Deputierte Zevaes giebt ben Anlaß zu einem neuen Tumult unb wirb zur Orbnung gerufen. Als Walbeck- Rousseau bie Stelle verliest, welche bavon spricht, ber Kon­stitution unb ber Gerechtigkeit Achtung zu verschaffen, ertönt Beifall. Lasies ruft: Sie Schalk! Als Walbeck-Rousseau sagt:Wir wünschen, baß Beruhigung Platz greife", wirb

auf ber Rechten unb im Centrum gelacht Auf ber Linken ruft man :Sie zittern!" Als Walbeck-Rousseau bie Stelle verliest, welche von ber Einigkeit aller Republikaner hanbelt, wirb ihm im Centrum unb auf einigen Bänken ber Linken Beifall gezollt. Präsibent Deschanel teilt mit, baß Massa- buau, Roche, ferner Caffagnae unb Viviani über bie all­gemeine Politik interpellieren wollen. (Lärm.) Caffagnae zieht eine Interpellation zurück. Die sofortige Erörterung wirb leschlossen.

Ernest Roche (Sozialist) erhebt gegen bas Kabinett bie Anklage, eine Regierung bes Kampfes unb ber Herausforde­rung zu fein (an'haltenber Lärm) unb greift besonbers heftig Gallifet an. (Wiberspruch.) Mirman (Sozialist) wirb infolge heftiger Angriffe gegen Gallifet unb ben Marine­minister be Lanessan zur Orbnung gerufen. Diviani (Soz.) erklärt, baß er unb feine Freunbe bas Kabinett gegen bie zäsaristische unb klerikale Reaktion unterstützen werben. (Beifall auf den Bänken ber Sozialisten.) Ministerpräsibent Walbeck-Rousseau beantwortet bie Interpellation. Es sei richtig, baß bie Minister bezüglich zahlreicher politischer unb wirtschaftlicher Fragen verschobener Ansicht seien, (Ge­lächter rechts) boch habe das Kabinett ein Ziel, welches alle Streitigkeiten überrage, nämlich, alle Republikaner zusammen­zuführen. (Bewegung.) Jeder Minister vertrete sein repu­blikanisches Ideal. (Unterbrechungen, Tumult.) Der Kammer­präsident Deschanel droht, daß er sich bedecken werde. Waldeck-Rouffeau fährt dann fort und hofft, nicht gezwungen zu fein, strengere Maßregeln zu ergreifen. (Bewegung). Es würde ihm leicht sein, nachzuweisen, von welcher Seite die Angriffe gegen bie Einrichtungen bes Staates gekommen seien. Das Ministerium wolle jebe Jurisbiktion achten. Kein General habe sich mehr aus freien Stücken vor ber Verfassung gebeugt, als Gallifet.Ich habe geglaubt, baß bie gegen gewisse Militärs zu ergreifenben Maßregeln um so maßvoller sein könnten, von je höherer Stelle sie kämen." (Zwischenrufe.)

Hierauf wirb bie Diskussion geschlossen; von ben acht Tagesorbnungen billigt Walbeck-Rousseau biejenige Penlliers, in welcher es heißt, baß bie Kammer bie Erklärungen unb Hanblungen der Regierung billigt. Diese Tagesordnung Perilliers wirb mit 263 gegen 237 Stimmen angenommen.

Im Senate wurde die ministerielle Erklärung mit leb­haftem Beifall aufgenommen. Guyot bringt folgenden An­trag ein:Der Senat nimmt Akt von den Erklärungen der Regierung, unb indem er auf ihre Wachsamkeit unb Festigkeit für bie Verteibigung ber republikanischen In­stitutionen unb in ber Aufrechterhaltung ber Ruhe unb Orbnung rechnet, geht er zur Tagesorbnung über." Der Antrag wurde mit 187 gegen 25 Stimmen angenommen. (Beifall.) Die Sitzung wurde hierauf aufgehoben.

Die Mehrheit setzte sich zusammen aus 158 Radikalen, 26 Sozialisten, 74 gemäßigten Republikanern und einem Mitglied der Rechten, die Minderheit aus gemäßigten Re­publikanern, Nationalisten, Monarchisten und Ralliierten und einem Radikalsozialisten. Der Abstimmung enthielten sich 29 gemäßigte Republikaner, darunter Charles Dupuy, Krantz, Ribot, Lebret und Barthou, ferner 19 Sozialisten, 13 Radikalsozialisten, 12 Radikale. Radikale Blätter weisen auf bie rein republikanische Mehrheit hin unb mochten gar zu gerne glauben, baß bas Ministerium von berfelben Mehrheit noch weiter getragen werbe. Die ge­mäßigten und nationalistischenBlätter erklären, dasMinisterium habe seinen Sieg nur bem in den Wandelgängen der Kammer verbreiteten Gerücht zu verdanken, daß der Sturz des Kabinetts den Rücktritt des Präsidenten herbeiführen werde. Viele hätten auch deswegen für die Regierung gestimmt, weil ber Polizeipräfekt Löpine mehreren Parlamentariern gegenüber geäußert habe, er könne für bie Aufrechterhaltung der Ruhe nicht einstehen, falls das Ministerium falle.

Deutsches Reich.

Berlin, 27. Juni. Die Kanal-Kommission des Abgeordnetenhauses setzte heute vormittag die all­gemeine Besprechung der Kompensations-Forderungen fort. Abgeordneter Wallenborn (Centrum) begründete im Einver­ständnis mit einer Anzahl Abgeordneter die Wünsche in betreff der Kanalisierung der Mosel. Ministerial-Direktor Möll- hausen erklärte die Befürchtungen der Saar- und Mosel- Industrie, welche an ben Bau bes Mittellanb-Kanals geknüpft würben, für unbegrünbet. Der Vorsitzenbe teilte mit, baß eine Fortführung ber Besprechungen in dem bisherigen Umfange die Beratungen auf Monate und Jahre hinaus verlängere und die Kommission nötigen würden, sich in