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Mittwoch den 29. März
Zweites Blatt
1899
Wehemr Anzeiger
Keneral-Anzeiger
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Demokratie und Sozialdemokratie.
Hierzu schreibt der „Mainzer Anzeiger":
Wir haben schon der neuesten Schrift des sozialdemo- Wütischen Schriftstellers Bernstein Erwähnung gethan, die in allen politischen Kreisen lebhaft diskutiert wird. Die «llra: evolutionären „Genossen" sprechen schon Bernstein die Prttnzugehörigkeit ab, weil er aus der Sozialdemokratie ■nltü Beseitigung mancher theoretischer Phrasen eine demo« Iiolisthe Reformpartei machen will. Bernstein räumt ent« sschiedi-n und rücksichtslos mit allen Glaubenssätzen der Cozitttdemokratie auf und hält seinen Parteigenossen das Dor, was er für falsch erachtet. Das thut er auch in dem ■ Sopiti I „Demokratie und Sozialdemokratie". Das Kapitel sl nicht blos für die Anhänger dieser beiden Parteien sehr achtenswert, sondern auch für andere Parteien und Poli« i irütr, bnie eine solch große Furcht vor der Demokratie haben. .Zuerst beantwortet Bernstein die Frage: Was ist Derno- littatie?0 Er sagt:
Die Antwort hierauf scheint sehr einfach, auf den ersten -M möchte man sie mit der Uebersetzung: „Volksherrschaft" >ür amgethan halten. Aber schon ein kurzes Nachdenken > ajl uns, daß damit nur eine ganz äußerliche, rein formale 5Dßniiion gegeben ist, während fast alle, die heute das j MoN Demokratie gebrauchen, darunter mehr wie eine bloße 5 Hmschaftsform verstehen. Viel näher werden wir der Sache 1 huimmt, wenn wir uns negativ ausdrücken und Demokratie
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r mit Abwesenheit von Klassenherrschaft übersetzen, als Be« zsichnrng eines Gesellschaftszustandes, wo keiner Klasse ein ! Misthes Privilegium zusteht.
Uieber die Demokratie selbst schreibt dann Bernstein:
G-ewiß, die Demokratie ist keine absolute Schutzwehr g Lzkn »Gesetze, die von einzelnen als tyrannisch empfunden n scheit. Aber in unserem Zeitalter ist eine fast unbedingte Cxicherlheit gegeben, daß die Mehrheit eines demokratischen (^«Miniwesens kein Gesetz machen wird, das der persönlichen Fstniheit Abbruch thut, da die Mehrheit von heute stets die L Mdel heit von morgen werden kann und jedes die Minder« h H br brückende Gesetz die Mitglieder der zeitweiligen Mehr- h jtiil sellbst bedrohen würde.
Die Demokratie ist Mittel und Zweck zugleich. Sie is! das Mittel der Erkämpfung des Sozialismus, und sie isß die Form der Verwirklichung des Sozialismus. Sie tdinn, Las ist richtig, keine Wunder thun. Sie kann nicht ina du cm Lande, rote die Schweiz, wo das industrielle Pro- leltltmaH eine Minderheit der Bevölkerung bildet (noch nicht eiwnt halbe Million von zwei Millionen Erwachsenen), diesem
Feuilleton.
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Die Kaiserwahr zu AranKfurt.
Jahrestage der Erwählung Friedrich Wilhelms IV. zum Kaiser der Deutschen
am 28. März 1849.
Von Dr. Berth. Holtz.
(Nachdruck verboten.) (Schluß.)
Rann kam die Nacht, und es dämmerte der Morgen, urnul herauf stieg aus dem eisigen Nebel in strahlendem ®fc|c das Tagesgestirn und goß sein goldiges Licht über di!ick üiuppeln der Paulskirche, und es flutete durch die fcdmligen Fenster, wie um anzudeuten, daß es Licht werden jchODt! ihn deutschen Vaterlande. Und immer höher stieg die Süme.. die Kaisersonne, und immer Heller, immer glänzender tofKjjtt ihr Licht durch den Aether herab und leuchtete einer ulin^'elhbaren Menschenmenge, welche durch das Portal der Kirche hindurch auf die Tribünen hindrängte, um diese zum ©fairiidien zu füllen. Nie wieder hat das Gotteshaus eine schch Versammlung beherbergt.
ll: .m 12 Uhr 37 Minuten wird die unvergeßliche Sitzung dck ch Äen Präsidenten Simson eröffnet. Der Lärm wird ziM Geflüster und dieses zur Totensülle.
Nüch Verlesung und Genehmigung des Protokolls tritt Mit Werfassungsausschuß vor und stellt die folgenden HWchchen Anträge:
1)0 Die Wahl des Kaisers soll sofort vollzogen werden. 2)0 Die Wahl erfolgt durch absolute Stimmenmehrheit. 3|i Jedes Mitglied der Nationalversammlung wird mdi Ärnfruf seines Namens aufgefordert, denjenigen regie« Tcmlen i deutschen Fürsten zu nennen, welchem er seine SEvii'ir giebt.
Proletariat die politische Herrschaft in die Hand spielen. Sie kann auch nicht in einem Lande wie England, wo das Proletariat die bei weitem zahlreichste Klasse der Bevölkerung bildet, dieses Proletariat zum Herrn der Industrie machen, wenn dasselbe teils überhaupt keine Neigung dazu verspürt, teils aber auch sich den damit verbundenen Aufgaben nicht oder noch nicht gewachsen fühlt. Aber in England wie in der Schweiz und ebenso in Frankreich, den Vereinigten Staaten, den skandinavischen Ländern rc., hat sie sich als ein machtvoller Hebel des sozialen Fortschritts erwiesen.
Im Einzelnen führt dann Bernstein die fortschrittlichen Errungenschaften in England auf: das allgemeine Wahlrecht; die allgemeine Volksschule; die stetige Herabsetzung der indirekten Steuern; die Fabrikgesetzgebung u. a. m. Daraus schließt dann Bernstein:
All das, und die Nachahmung, die es in verschiedenem Grade auf dem Festlande gefunden, ist nicht ausschließlich, aber wesentlich der Demokratie oder dem realisierten Stück Demokratie geschuldet. Über welches die betreffenden Länder verfügen. Und wenn in einzelnen Fragen die Gesetzgebung der politisch vorgeschrittensten Länder nicht so rasch vorgeht, als es in politisch verhältnißmäßig rückständigen Ländern unter dem Einfluß thatendurstiger Monarchen oder ihrer Minister gelegentlich der Fall, so giebt es dafür in Ländern eingewurzelter Demokratie in diesen Dingen kein Rückwärts.
Die Demokratie ist prinzipiell die Aufhebung der Klassenherrschaft, wenn sie auch noch nicht die faktische Aufhebung der Klassen ist. Man spricht vom konservativen Charakter der Demokratie, und in gewisser Hinsicht mit Recht. Der Absolutismus oder Halb-Absolutismus täuscht seine Träger wie seine Gegner über den Umfang ihres Könnens.
Daher in Ländern, wo er herrscht oder seine Traditionen noch bestehen, die überfliegenden Pläne, die formierte Sprache, die Zickzackpolitik, die Furcht vor Umsturz und die Hoffnung auf Unterdrückung. In der Demokratie lernen die Parteien und die hinter ihnen stehenden Klassen bald die Grenzen ihrer Macht kennen und sich jedesmal nur so viel vornehmen, als sie nach Lage der Umstände vernünftigerweise hoffen können durchzusetzen. Selbst wenn sie ihre Forderungen etwas höher spannen, als im Ernst gemeint, um beim unvermeidlichen Kompromiß — und die Demokratie ist die Hochschule des Kompromisses — ablassen zu können, geschieht es mit Maß. So erscheint in der Demokratie selbst die äußerste Linke meist in konservativem Lichte, und
4) Die erfolgte Wahl des Kaisers wird sofort namens der Nationalversammlung durch ihren Präsidenten öffentlich verkündigt.
5) Der erwählte Kaiser soll durch eine Deputation der Nationalversammlung eingeladen werden, die auf ihn gefallene Wahl auf Grundlage der Reichsverfassung anzunehmen.
6) Die Nationalversammlung spricht das feste Vertrauen aus, daß die Fürsten und Volksstände Deutschlands, großherzig und patriotisch in Uebereinkunft mit der Nationalversammlung, die Verwirklichung der von ihr gefaßten Beschlüsse mit allen Kräften fördern werden.
Darauf richtete der Präsident folgende Worte an die Versammlung:
„Meine Herren!
„Ich werde nun jedes Mitglied mit Namensaufruf „auffordern lassen, den regierenden deutschen Fürsten zu „nennen, welchem er seine Stimme fü die Kaiserwürde giebt! Ich weiß, meine Herren, es ist niemand in ^diesem Hause, der nicht mit mir in dem inbrünstigen Wunsche sich vereinigt daß der Genius unseres Vaterlandes walten möge über dieser Wahl!"
Unter feierlichem Schauer und lautloser Stille im Zuschauerraum beginnt die Abstimmung um 2 Uhr 10 Min. Beim Aufruf ihrer Namen erheben sich die Mitglieder und geben laut ihre Stimmen ab. Um 3 Uhr 5 Min. erhebt sich Präsident Simson und richtet folgende Worte an die Versammlung:
„Meine Herren!
„Ich verkündige Ihnen das Ergebnis der vollzogenen „Wahl. Die 290 abgegebenen Stimmen haben sich auf "den König von Preußen, Friedrich Wil- „helm IV., vereinigt! 248 Mitglieder haben sich der ^Wahl enthalten. Die verfaffunggebende deutsche Reichs« "Versammlung hat also in ihrer 196. öffentlichen Sitzung
die Reform weit gleichmäßiger, langsamer, als sie in Wirklichkeit ist. Aber doch ist ihre Richtung unverkennbar.
Und aus diesen Prämissen kommt dann Bernstein zu der Mahnung an seine Parteigenossen: sie sollen doch nicht immer vom Kampf gegen die Bourgeoisgesellschaft rede«. „Dann", sagt er, „würde man auch einen guten Teil anderer Widersprüche los, welche die Gegner nicht ganz mit Unrecht zwischen die Phraseologie und der Praxis der Sozialdemokratie konstatieren. Einzelne sozialistische Blätter gefallen sich heute in einer formiert antibürgerlichen Sprache, die allenfalls am Platze wäre, wenn wir sektierermäßig als Anachoreten lebten, die aber widersinnig ist zu einer Zeit, die es für keinen Verstoß gegen die sozialistische Gesinnung erklärt, sein Privatleben durchaus „bourgeoismäßigeinzurichten. Schließlich wäre es auch zu empfehlen, i« Kriegserklärungen gegen den „Liberalismus" etwas Maß zu halten."
Und das Kapitel selbst schließt er mit den Worten:
„Ausbildung einer wahren Demokratie — das ist, dessen bin ich sicher, die dringendste und wesentlichste Aufgabe, die vor uns liegt. Das ist die Lektion, die unsere zehn Jahre sozialistischen Feldzuges gelehrt haben. Da» ist die Lehre, die sich aus all meinen Kenntnissen und Erfahrungen politischer Dinge ergiebt. Bevor der Sozialismus möglich sein kann, müssen wir eine Nation von Demokraten aufbauen."
Deutsches Reich.
Berlin, 27. März. Der Kaiser horte heute vormittag den Vortrag des Chefs des Civil-Kabinetts v. LukanuS sowie die des Staatssekretärs Tirpitz und des Kapitäns v. d. Gröben.
Berlin,27. März. Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe gedenkt sich morgen zum Aufenthalt während der Osterfeiertage nach Baden-Baden zu begeben.
Berlin, 27. März. Wie der „Germania" aus Jena gemeldet wird, äußerte sich Reichstagsabgeordneter Bebel in einer dort abgehaltenen Versammlung dahin, daß gegen- roärtig in der Sozialdemokratie tiefgehende Meinungsverschiedenheiten herrschten, deren Losung nicht abzusehen sei. Sollte es zur Spaltung kommen, bann werde eine viel radikalere neue Partei entstehen.
Berlin, 27. März. Gegenüber einer Zeitungsmeldung, daß bereits eine Teilung d er Samoa-Inseln unter die drei Mächte in Aussicht stehe, erfährt die „Post", daß
„heute, Mittwoch den 28. März des Jahres 1849, auf „Grund der von ihr beschlossenen, angenommenen und „verkündigten Reichsverfassung die in derselben be« „gründete erbliche Kaiserwürde auf den König „von Preußen, Friedrich Wilhelm IV., übertragen.
„Möge der deutsche Fürst, der wiederholt und öffent« „lieb in unvergessenen Worten den warmen Herzschlag „für die deutsche Sache sein kostbarstes mütterliches Erb- „teil genannt hat, sich nun als Schutz und Schirm der „Einheit, der Freiheit und Große unseres Vaterlandes „bewähren, nachdem eine Versammlung, aus dem Gesamt- „willen der Nation hervorgegangen. Ihn an deren Spitze „gerufen hat! An unserem edlen Volke aber möge sich, „wenn es auf die Erhebung des Jahres 1848 und auf „ihr Ziel zurückblickt, der Ausspruch des Dichters dewahr- „heiten, dessen Wiege vor jetzt fast einem Jahrhundert „in dieser alten Kaiserstadt gestanden hat:
„„Nicht dem Deutschen geziemt es, die fürchterliche Bewegung
„„Ziellos fortzuleiten, zu schwanken hierhin und dorthin!
„„Dies ist unser!"" So laßt uns sprechen mb fest es behalten!""
„Gott sei mit Deutschland und seinem neu« „erwählten Kaiser!"
Thränen in den Augen, zitternd und bleich vor Aufregung hat der Präsident diese letzten Worte gesprochen. Totenstille herrscht im Saale. Dann aber erdröhnen Kanonensalven, das gewaltige Gebäude erzittert unter dem Klange seiner Glocken, der das Signal giebt zu einem Glockengeläute aller Kirchen. Mächtig, erschütternd, überwältigend ist der Eindruck. Die ganze Versammlung erhebt sich von ihren Sitzen und ruft — und die Masse der Zuschauer fällt ein — und bringt unter Hut- und Tücherschwenken voll herzlichen Ergriffenseins dem neuen Kaiser lange anhaltende


