Ausgabe 
29.1.1899 Erstes Blatt
 
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Nr. 25

Sonntag den 29. Januar

Erstes Blatt

1899

Gießener Anzeiger

E-eneral-Anzeiger

Kutte» und Anzeigeblatt für den Kreis Gietzen

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Feuilleton.

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1887

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flotte bereit. Man brachte dies vielfach mit dem Protest im Zusammenhang, den es gegen den anglo-egyptischen Vertrag eingelegt hat. Aber offiziöse russische Kreise be­ruhigen die Welt wieder mit einem energischen Dementi, und Rußland ist friedliebend und denkt nicht ans Rüsten.

Die französische Deputiertenkammer hatte wieder einen großen Tag anläßlich einer Interpellation über die auswärtige Politik. Minister Delcasse scheint ein ganz vernünftiger Mann und seinem Posten gewachsen zu sein. Jedenfalls enthält er sich aller Provokationen und läßt sich durch nichts aus dem Gleichgewicht bringen.

Fast schien es, als sollte Baron Banffy, der un­garische Ministerpräsident, schon in dieser Woche seinen Gegnern zum Opfer fallen und in dem Geheimen Rat Szell seinen Nachfolger erhalten. Aber der Rücktritt ist nochmals hinausgeschoben, dürfte aber doch bald erfolgen.

Noch immer herrscht nicht volle Klarheit über die Vorgänge auf Samoa. Die Vereinigten Staaten setzen sich aufs hohe Pferd und verlangen angeblich die Abberufung des deutschen Konsuls. Wir neigen der Anschauung zu, daß sie schließlich doch klein beigeben und zugestehen müssen, daß der deutsche Vertreter nur sein Recht gewahrt habe. Die allernächste Zukunft wirds lehren!(><x)

von einer anderen Welt als der hinter den Klostermauern. Katharina aber besaß einen durchaus gesunden, echt mensch­lichen Charakter, ihr Inneres sträubte sich gegen das nutz­lose Dasein, zu dem sie verdammt war, und als unter dem Einfluß der Predigten und Schriften des Mönches von Wittenberg die Mönchsklöster sich entleerten, um ihre In­sassen einem vernunftgemäßen Leben, einer verständigen Thätigkeit zurückzugeben, da wandte sich die unglückliche Nonne mit ihren gleichgesinnten Genossinnen an den furcht­losen Mann, um seinen Rat und Beistand zu erflehen.

Zunächst an ihre Eltern und Angehörigen verwiesen, beschworen die Mädchen ihre Familien, sie aus dem Kloster, an dessen Heiligkeit sie nicht mehr glauben könnten, zu er­lösen. Die Bitten waren umsonst, und Martin Luther gab dem Torgauer Ratsherrn Leonhard Koppe, welcher die An­gelegenheit in die Hand nahm, nun selbst den Rat, den Unglücklichen zur Flucht zu verhelfen. Die Entweichung fand in der Nacht zum 5. April 1523 (der Nacht vor dem Osterfeste) statt. Leonhard Koppe, Wolf Tommitzsch und ein Neffe Koppes leisteten den entschlossenen Mädchen Hilfe. Man brach in eine Lehmwand ein Loch, durch welches die Nonnen entkamen, ein bedeckter Wagen erwartete die Flüch­tigen und führte sie sicher nach Wittenberg, wo Luther ihnen seinen Schutz angedeihen ließ. Ein offenes Sendschreiben Luthers verantwortete das Ereignis vor der Oeffentlichkeit. Nachdem er den Vorfall dargestellt, fügte er den Rat hinzu, die Herren vom Adel und andere Biederleute, welche Kinder in Klöstern haben, sollen nun selber dazu thun und sie herausnehmen, damit nichts ärgeres folge; viele, welche

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hierzu das rechte Verständnis haben, scheuen sich noch, das Exempel zu geben, jetzt sei die Bahn gebrochen.

Luthers Worte fielen in der That auf einen guten Boden. Schon am Pfingst-Montag desselben Jahres wurden drei Nonnen desselben Klosters von ihren Angehörigen weg­genommen, ein anderes Kloster verließen 16 Nonnen, und die Zahl der aus den Klöstern ansiretenden Mönche war gleichfalls eine große. Luther selbst half mit Rat und That, wo er konnte, und billigte derartige Schritte nur dann nicht, wenn ihm die Beweggründe nicht lauter er­schienen. Er selbst teilte die Geschichte der Eislebener- Nonne Florentine mit, die man, weil sie sich in ihrer Seelennot an ihn gewandt, hart gestraft und schließlich zu lebenslänglicher Haft in einer Zelle verurteilt hatte, aus welcher sie durch ein Versehen der Schließerin entkam. Für seine Schutzbefohlenen, die neun Flüchtlinge aus Nimbschen, sorgte er nach Kräften. Nicht nur gab er den Angehörigen der Entflohenen Nachricht mit der Bitte, denselben Ver­zeihung und Aufnahme zu gewähren, sondern er bat auch Spalatin, derselbe möge bei reichen Leuten milde Gaben für die Bedürftigen sammeln und den Kurfürsten ebenfalls nm Unterstützung bitten. So gelang es ihm, die Entflohenen zu versorgen; einige kehrten zu ihren Verwandten zurück, andere verehelichten sich, so z. B. Ave von Schönfeld mit dem Arzte Basilius Axt. Katharina von Bora blieb in Wittenberg, wo sie im Hause des Stadtschreibers Reichenbach ein anständiges Unterkommen gefunden hatte.

(Schluß folgt.)

wünsche der erschienenen Fürstlichkeiten entgegen. Alsdann fand in der Schloßkapelle ein Gottesdienst statt und später im weißen Saale die Defilier-Kour. Als der Reichskanzler, Fürst Hohenlohe, sich dem Throne näherte, ging ihm der Kaiser entgegen und schüttelte ihm die Hand, was auch die Kaiserin that. Auch dem italienischen Botschafter, Grafen Lanza, reichte der Kaiser in freundlicher Weise die Hand. Während der Defilier-Kour trug das Bläser-Corps mehrere Stücke vor, und die Leib-Batterie des 1. Garde-Feldartillerie- Regiments feuerte im Lustgarten den Königssalut ab. Unter­dessen entfaltete sich vor und im Zeughaus, wo um 121/2 Uhr die große Parole-Ausgabe stattfand, ein glänzendes mili­tärisches Schauspiel. Bei der Parole-Ausgabe wurden die Auszeichnungen bekannt gegeben. Nach der Parole-Ausgabe nahm der Kaiser einen Parademarsch der Ehren-Compagnie ab und begab sich dann unter brausenden Hurrahrufen des zahlreichen Publikums zu Fuß ins königliche Schloß zurück. Um !*/< Uhr fand beim Kaiserpaar ein Familien-Frühstück statt. Abends werden im Schloß Galatafel nnd später im Opernhaus Galavorstellung anläßlich des Geburtstages des Kaisers stattfinden. In der Universität, in der Akademie der Wissenschaften, in der Kunstakademie, in der technischen Hochschule und in sämtlichen Schulen Berlins wurden Fest­akte abgehalten. Auch in den meisten Städten des Reiches wurde der Geburtstag des Kaisers nach vorliegenden Tele­grammen festlich begangen. Die Deutschen im Auslande haben sich gleichfalls in vielen Städten versammelt, um Kaisers Geburtstag zu feiern.

Aus Altenburg. Die auswärts verbreiteten Nachrichten über das Befinden des Herzogs Ernst sind unbegründet. Das Befinden des Herzogs ist gut; er ist außer Bett, nur muß er das Zimmer hüten. Donnerstag Abend empfing der Herzog Gäste.

Alle Anzeigen-Vermittlungsstellen des In- und Auslande» nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen.

Ausland.

Budapest, 27. Januar. Koloman Szell dementiert die Meldung, daß er bei seiner Anwesenheit in Wien mit dem deutschen Botschafter konferiert habe. Der Stand der Kompromiß-Verhandlungen soll sich heute gebessert haben.

Krakau, 27. Januar. Auf einem Kommerse der hiesigen Studentenschaft wurde beschlossen, Protest gegen das un­moralische System der Verfolgung von Männern der Wissenschaft wegen ihrer politischen Ueberzeugung, ins­besondere wegen der Entfernung des Professors Courtenay von seiner hiesigen Lehrkanzel einzulegen.

Paris, 27. Januar. Eine gestern abend stattgehabte Versammlung der Patriotenliga nahm eine Re­solution an, in welcher erklärt wird, die Liga werde unter keiner Bedingung armeefeindliche Kundgebungen bei dem heute zur Verhandlung stehenden Prozeß Henry-Reinach dulden.

Paris, 27. Januar. Die Liga der Antisemiten

Volttische Wochenschau.

Zur Abwechselung waren im Laufe der letzten Woche wieder einmal Gerüchte von einer bald bevorstehenden Reichs­kanzler-Krisis verbreitet. Es ist nicht zu leugnen, daß solche Meldungen immer mehr den Stempel der Wahrheit erhalten, je älter der Fürst Hohenlohe wird. Und so wird denn auch von halboffiziöser Seite zugegeben, daß der Zeitpunkt viel­leicht nicht mehr fern ist, in welchem der Fürst mit Rücksicht auf fein Alter seine Aemter niederlegt, aber irgend welche politischen Gründe werden dazu keinen Anlaß geben. Der Kurs bleibt derselbe derselbe, wer auch immer in das Reichs- kanzleramt einziehen wird.

Die kurze Anwesenheit des Kaisers in Hannover und die Kundgebungen des Monarchen daselbst werden noch fort­gesetzt lebhaft besprochen. Die Ansichten sind geteilt, ob nun Prinz Georg Wilhelm von Cumberland größere Aus- ßchlen hat als früher, Herzog von Braunschweig zu werden.

Das innerpolitische Leben beschränkt sich auf die Parla­mente, wo die Verhandlungen andauernd einen ruhigen Ver­lauf nehmen.

Daß der Abrüstungsvorschlag des Zaren jetzt in seinen Einzelheiten den Kabinetten zugegangen ist, haben wir be­reits mitgeteilt; wir haben auch schon unsere Bemerkungen daran geknüpft. Im allgemeinen haben die Vorschläge eine gute Aufnahme gefunden, und es ist sehr wahrscheinlich, daß nun bald die Vertreter der Großmächte zusammentreten loraussichtlich in Brüssel um der Welt den Frieden zu l'ben oder doch wenigstens die Kriegführung zu erschweren.

In diesen Tagen hieß es, Rußland rüste gegen­wärtig im Süden und halte eine große Schwarze Meer-

Deutsches Reich.

Berlin, 27. Januar. Heute abend um 58/4 Uhr fand bei dem Reichskanzer Fürsten Hohenlohe aus Anlaß des Geburtstages des Kaisers ein Diner des diplomatischen Korps und der Beamten des Auswärtigen Amtes statt.

Berlin, 27. Januar. Der König von Sachsen wird morgen außer den sächsischen Abgeordneten auch noch mehrere Bevollmächtigte zum Bundesrat und die hierher komman­dierten sächsischen Offiziere empfangen.

Berlin, 27. Januar. Das heute Mittag erschienene Militär-Wochenblatt veröffentlicht eine große Anzahl von Personal-Veränderungen in der Armee. Erwähnenswert ist die Verleihung des Charakters eines General-Majors an den Fürsten Herbert Bismarck, der bisher Oberst a la suite der Armee war.

Berlin, 27. Januar. Das schöne, trockene Wetter hatte ein ungemein zahlreiches Publikum in die Nähe des Schloffes und unter die Linden gelockt, um die anläßlich des Geburts­tages des Kaisers um 10>/, Uhr beginnende Auffahrt der Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses, der hier anwesenden Fürstlichkeiten und des diplomatischen Corps rc. in Augenschein zu nehmen. Sämtliche Staatsgebäude und zahlreiche Privathäuser tragen Flaggenschmuck. Um 8 Uhr fand, vom Schloß ausgehend bis zum Brandenburger Thor, Wecken statt. Währenddem nahm die Geburtstagsfeier im engsten Kreise der Familie ihren Anfang. Von ihren sechs Söhnen und der Tochter umgeben, überbrachte als erste die Kaiserin ihrem Gatten die Glückwünsche dar. Dann begann die Anffahrt. Im Pfeilersaal nahm der Kaiser die Glück-

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--hnu ?on. 16 Jahren den Schleier nahm. Man kann sich senken, daß dieser Schritt nur ein halb freiwilliger Kindheit an hatte das Mädchen keine andere vnnQt unb Bestimmung kennen gelernt, es wußte kaum

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Lutpers Keirat

(in SebentHatt jum Ivvjährigen GcburMagi non Luthers Käthe (29. Januar 1899.)

33on Dr. Max Rupprecht.

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eiieitb- DH- 00 entsagen. Es waren lauter Töchter angesehener, ja meist Eiger Familien, unter ihnen auch eine Schwester des ^.b.isos $ berühmten Staupitz, sowie Katharina von Bora, ein vier- «Hb.lsoo ^zwanzigjähriges adeliges Fräulein, deren Tante, Maqda-

(Nachdruck verboten.)

Ä Ä ^oßes Aufsehen erregte Ostern 1523 die heimliche A 7"! ^'Lung von neun Nonnen aus dem Kloster Nimtzsch IOJ Mmbschen) bei Grimma. Luthers Lehre hatte in den Herzen der jugendlichen Klosterbewohnerinnen gezündet, sie lOj Mten sich unglücklich, und wünschten dem Klosterleben zu

ar.VSÄA b-2 § ^zwanzigjähriges adeliges Fräulein, deren Tante, Magda- M Mpnk-b.A iüO «nr von Bora, im Kloster Siechenmeisterin war. Katharina von altem meißnischen Adel, aber ihr Geschlecht war

,|r ^rarmt, daher hatte man das am 29. Januar 1499 ge-

,d,i * ^ene Kind bereits im Alter von 10 Jahren in das Kloster -'"U Loschen gebracht, wo Katharina sechs Jahre später im lif