Nr. 25
Drittes Blatt.
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Gießener Anzeiger
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Sonntag den 29. Januar
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laub, das Großkreuz des Roten Adlerordens mit Eichenlaub und der königlichen Krone erhielt der Gouverneur von Berlin, Graf Wedel, den Roten Adlerorden 1. Klasse mit Eichenlaub und Schwertern am Ringe und der königlichen Krone erhielt der Kommandeur des kaiserlichen Hauptquartiers, Generalleutnant von Plessen. Dem Gouverneur der Söhne des Kaisers, dem Generalmajor v. Deines, wurde der Stern des Kronenordens 2. Klasse verliehen. Ferner wurde die Rote Kreuz-Medaille 1., 2. und 3. Klasse an eine große Anzahl von Personen, darunter auch an viele Damen, verliehen. Die Rote Kreuz-Medaille 1. Klasse erhielten die Königinnen von Sachsen und Württemberg, die Großherzogin Marie von Mecklenburg-Schwerin, die Prinzessin Ludwig von Bayern, die Herzogin von Anhalt, der Fürst zu Hohenlohe- Langenburg. Den Roten Adlerorden 1. Klasse mit Eichenlaub Staatssekretär Tirpitz, den Stern zum Roten Adlerorden 2. Klasse mit Eichenlaub die Gesandten in Petersburg und Hamburg, Graf v. Wallwitz und Graf Wolff-Metternich den Roten Adlerorden 2. Klasse mit Eichenlaub.
Berlin, 27. Januar. Unter den heute Beförderten befindet sich auch der Oberhofmeister der Kaiserin, Oberst F r h r. v. M i r b a ch, welcher unter Verleihung des Charakters als Generalmajor zu den Offizieren ä la suite der Armee versetzt wurde. Der Flügeladjutant des Kaisers, Major- Jacobi, kommandiert bei der Botschaft zu Rom, wurde zum Oberstleutnant, und Oberstleutnant Graf Moltke, kommandiert bei der Botschaft in Wien, zum Oberst befördert.
Ausland.
Wien, 27. Januar. Der Kaiser stattete heute vormittag dem deutschen Botschafter einen viertelstündigen Besuch ab, um demselben anläßlich des Geburtstages des deutschen Kaisers persönlich die Glückwünsche zu überbringen.
Wien 27. Januar. Infolge eines Zwischenrufes, welchen der Korrespondent der „Narodny Listi", Kenizck, von der Journalistentribüne aus nach einer gegen die Linke gerichteten Rede des Abgeordneten Kramarcsek machte, kam es in der heutigen Abgeordnetenhaus-Sitzung zu einem ungeheuren Skandal und einer Schlägerei zwischen dem Abgeordneten Wolff und dem tschechischen Abgeordneten Pospischil, an welcher noch mehrere andere Abgeordnete, sowie die Gallerte sich beteiligten. Unter ungeheurem Tumult wurde die Sitzung geschlossen, ohne daß
die Tagesordnung erledigt oder der Termin der nächsten Sitzung verkündet werden konnte.
Wien, 27. Januar. Nach vielen trüben Erfahrungen haben die parlamentarischen Vertreter der österreichischen Deutschtum» keine Neigung mehr, unmaßgeblichen Lockrufen der Regierung und der Rechtenparteien zu folgen. Eine über die Donnerstags-Sitzung der Vertrauensmänner sämmtlicber deutschen Oppositionsparteien veröffentlichte Mitteilung besagt: „Auf die Anregung der Vertrauensmänner der deutschen Volk-partei wurde hinstchtlich des Zieles der Beratung einmütig anerkannt und feftgestellt, daß die zur Zeit statifindenden Verhandlungen ausschli ßlich die Aufstellung der gemeinsamen nationalpolitischen Forderungen der deutschen Parteien bezwecken und in keinerlei Zusammenhänge mit angeblichen Ausgleichs- oder Annäherungsversuchen seitens der gegenwärtigen Majorität oder Regierung stehen." — Zum Schluffe der längeren Beratung, welche bezüglich des einzu- schlagenden Weges volle Ueberetnstimmung ergab, wurden für die einzelnen Ländergebiete Berichterstatter bestellt, die beauf tragt find, mit möglichster Beschleunigung Vorschläge zu machen.
Paris, 27. Januar. Gestern abend konferierte 'Ministerpräsident Dupuy und Justizminister Lebret wegen der heute dem Ministerrat zu unterbreitenden Vorschläge bezüglich etwaiger Zensuren gegen Löw, Bard, Dumas und Manau. Es verlautet, daß mit den vier genannten Personen alle Mitglieder der Kriminalkammer, drei ausgenommen, sich für solidarisch erklären.
Paris, 27. Januar. Morgen soll die Vernehmung
Esterhazys vor dem Kassationshofe fortgesetzt werden.
Paris, 27. Januar. Wie mehrere Blätter melden, übermittelte der Präsident des Kassationshofes dem Justizminister Lebret den Bericht über den Zwischenfall Beaure- paire-Bard. Der Justizminister hatte in dieser Angelegenheit eine längere Unterredung mit dem Ministerpräsidenten.
London, 27. Januar. Aus Hongkong wird gemeldet: Der Gesandte der Filippinos iy Washington sei beauftragt, den Mächten zu notifizieren, daß die philippinische Republik am letzten Sonntag in Malolos, der nationalen Hauptstadt, proklamiert worden ist. Der Kongreß in Malolos habe die Verfassung genehmigt und ein Vertrauensvotum für Aguinaldo angenommen. Er habe letzteren ermächtigt, den Amerikanern den Krieg zu erklären, wenn
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Feuilleton.
Briefe aus der Kesidenz.
VII.
l.Ortgin»tbertcht für den .Gießener Anzeiger".) (3?ed>bru(f •’nthoftn.)
Konsistorium und das Hoftheater. — Aus der Gesellschaft. Oeffeutliche Vorträge.
11 dl* MUI ™ bffrig besprochen und in sehr verschiedener Weise Inl (7/ • ?W<rt chird. Nach auswärts, in die auswärtige Presse * , w "ur die Kunde gedrungen, die Darmstädter Geistlichkeit
lhofstlüv' I die zunehmende Frivolität des Theatcrrepertoires ft I ieanftanbet und sich von einseitig moralisch-religiösem Stand- in die Kunstangelegenheiten eingemischt. Das hat ttW“ "chach die Meinung geweckt, als säße hier ein muckerischer äh -^eraS, welcher der Bühne ungefähr so gegenüber stünde
m p «vu s- Z- die Puritaner in England unter Jakob I. Wer
oll „ cmil aber die Verhältnisse des Darmstädter kirchlichen Lebens g|d kennt, weiß, daß die Dinge ganz anders liegen,
W der Kreis evangelischer Pfarrer hier schon mehr als ft tLtdl «al einen kräftigen Vorstoß im Sinne fortschrittlicher
KUJJIIIWJ* »kgrlischer Entwicklung gewagt hat, däß hier die Ritschl-
7 t x, otllur,uu1lir und Naumannianer sitzen, durchaus keine lebens-und 'dmag^^seindliche Gattung von Menschen, im Gegenteil!
und WoorrW . Gerade die Begründung ihres Gesuchs ist Beleg dafür, daß diese Herren unmittel- fFL leichte Fühlung mit dem litterarischen Leben der Gegenwart
daß sie nicht nur der Schönheit, sondern auch der m ™ - Emilen unerbittlichen Wahrheit ihr Recht auf der Bühne wollen und sich nur gegen die blasierte e^oDität der öden Genußmenschen erklären.
Die hiesige evangelische Geistlichkeit hat an die Direktion Scheel M Großherzoglichen Hoftheaters das Gesuch um Absetzung vii" u k M sehr degagierten Operette „Der Opernball" vom ©piel= gerichtet und ist abschlägig beschieden worden. Das —Thalsache, die gegenwärtig in den Kreisen unserer
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Von dieser Begründung, die den nur denkbar freisinnigsten Standpunkt einnimmt, hat man außerhalb nichts gelesen. Wir halten dieses Mitteilungsverfahren für nicht ganz ehrlich. Man sollte keine halben Wahrheiten unter die Leute bringen. Daß die Direktion des Hoftheaters nicht ohne weiteres dem Gesuch stattgeben und die Operette kassieren konnte, läßt sich anderseits ja auch begreifen und von praktischen Gesichtspunkten aus sogar rechtfertigen.
Was wir weniger begreifen, ist die Haltung eines großen Teils des Publikums, dem auch nicht von ferne der Gedanke dämmern wollte, daß am Ende die Geistlichkeit doch ein Interesse daran haben könne, sich über das zu informieren, was einer größeren Gesamtheit an einem Feiertage an Unterhaltung geboten werde. „Wenn die Pfarrer an den Sachen Anstoß nehmen, so sollen sie halt draus bleiben!" Diese und ähnliche alberne Redensarten konnte man vielfach hören. Den Gipfel der Verständnislosigkeit erreichte aber jedenfalls die, eine Rechtfertigung des Stückes versuchende Bemerkung: „Schaden kann die Operette nicht viel, denn die meisten Witze sind derart, daß sie doch nur die Herren verstehen können!" Seltsam, als wenn es nur immer gelte, die Frauen und Töchter zu bewahren, d. h. in diesem Fall, unwissend zu erhalten. Als ob Schmutz und Unrat deshalb weniger existierte, sobald ihn nur keine Frauenaugen erblicken! Und es liegt doch so nahe, einzusehen, daß schlüpfrige Szenen, und das faunische Behagen an solchen, der Frauenwelt, so wie unsere sozialen Verhältnisse beschaffen sind, schließlich noch den geringsten seelischen und moralischen Schaden bringen können.
So wenig wir je einer B ackfisch chenlitteratur im Buch und auf der Bühne das Wort reden werden, ebensowenig dürfen wir wünschen, daß sich das sogenannte „Herrenzimmer", in dem man ganz ungeniert „unter sich" sein kann, eine immer größere litterarische Berechtigung erringe.
Leider haben nun freilich fast alle solche Proteste wie dieser, zu welchem sich die Darmstädter evangelische Geist
lichkeit bewogen fühlte, ein recht fatales Schicksal, weil sie nicht mit der plumpen Neugier des vulgus rechnen. „Das soll ein solch schlimmes Stück sein? Das muß ich mir daraufhin doch einmal ansehen!" Und so ist es denn gekommen, wie im voraus zu erwarten stand: die Operette, welche bei ihrem ersten Erscheinen am zweiten Weihnachtstage sehr mäßig gefiel und wahrscheinlich kein langes Dasein auf dem Spielplan gefristet hätte, hat letzten Mittwoch ein „ausverkauftes Haus" erzielt.
„Nitimur in vetitum semper, cupimusque negata!“ Stets sind wir erpicht auf verbotnes und begehren immer versagtes. —
Jener Teil der hiesigen Gesellschaft, welcher bei Konzerten, Vorlesungen rc. das stärkste Kontingent zu stellen pflegt, ist in diesen Tagen durch eine sich unter hochadeligem Namen einführende und persönlich die Billets zu ihrem Konzert in etwas gewaltsamer Weise vertreibende Dame arg düpiert worden. Das Konzert, zu welchem die meisten Karten 5 und 3 Mk. gekostet hatten, fand wohl am festgesetzten Abend statt, wenn auch fast eine Stunde später, aber die Leistungen waren derart, daß sich kein befferes Orpheum mit ihnen begnügt haben würde. Von Einladungen an die Presse hatten die Veranstalterinnen wohlweislich abgesehen.
Im Cyclus der Professoren-Vorträge, welche in der Aula der Technischen Hochschule stattfinden, sprach am Mittwoch Prof. Dr Berghoff-Jsing sehr interessant über „moderne Schilderungen des goldenen Zeitalters" und entwarf dabei ein anschauliches Bild des Hertzka'- schen „Freilandes", das solche Zukunftsmusik enthält. Bellamys „Rückblick" hat ja ein großes Leserpublikum gefunden, aber die Bekanntschaft mit Hertzkas „Freiland" das sich auf ganz entgegengesetztem Prinzip, auf dem extremsten Individualismus aufbaut, beschränkt sich entschieden auf einen kleineren Kreis, trotzdem die Utopie des Wiener Schriftstellers uns hundertmal sympathischer berührt, als die seines Antipoden Bellamy.
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Deutsches Reich.
Berlin, 27. Januar. Der Kaiser hat dem Reichskanzler Fürsten Hohenlohe die Rote Kreuz-Medaille 1. Klaffe, dem Oberpräsidenten von Schleswig, Staatsminister v. Köller, 4as Großkreuz des Roten Adlerordens mit Eichenlaub, dem Herzog Albrecht von Württemberg und dem russischen Bot schafter, Grasen von der Osten-Sacken, den Schwarzen Adlerorden, sowie dem Grafen Henckel von Donnersmarck unb dem Oberpräsidenten der Provinz Posen, Freiherrn v. Willamowitz-Möllendorf, den Charakter als Wirklicher Geheimer Rat mit dem Prädikat Exzellenz verliehen. Dem russischen Botschafter wurden die Insignien des Schwarzen Adlerordens heute durch den Staatssekretär v. Bülow überreicht. Ferner ist heute in das Herrenhaus aus allerhöchstem Lertrauen der Landrat a. D. Birkner in Wiesbaden unter Verleihung des Namens Birkner-Kadinen berufen worden. Bekanntlich hat Birkner s. Z. dem Kaiser sein Rittergut Minen als Geschenk überlassen.
Berlin, 27. Januar. Der Kaiser hat dem General- kommando des 11. Armeecorps eine Ordre zugehen lassen, ■in welcher er den allen hessischen Kriegern für ihre Kaiser Whelml. im Jahre 1870 bewiesene Hingebung und Treue innen königlichen Dank ausgesprochen. Auch den tapferen Söhnen Nassaus, die mit ihren hessischen Waffenbrüdern in ler Ausübung aller Kriegertugenden wetteiferten und mit- zewirft haben, daß die Tage von Wörth und Sedan Ehrentage deutschen Heldentums wurden, spricht der Kaiser in der S)rbre seinen Dank aus. Er (der Kaiser) wolle seinem Herzenswünsche, den Ueberlieferungen großer Vergangenheit rn seinem Heere eine Stätte liebevoller Pflege zu bereiten, dadurch ein Genüge leisten, daß er diejenigen preußischen Truppenteile, welche auch 1866 hessische oder nassauische Stamme in sich ausgenommen haben, zu Trägern deren Geschichte bestimme. Auch die Thaten derjenigen Regimenter, welche den Ereignissen des Jahres 1806 erlegen sind, würden mvergessen bleiben.
Berlin, 27. Januar. Der „Reichs-Anzeiger" veröffent- sihl eine Reihe von Auszeichnungen, die der Kaiser Mißlich seines Geburtstages verliehen hat. U. a. erhielten rußer den bereits gemeldeten Persönlichkeiten der Fürst zu Mstenberg in Donau - Eschingen den Roten Adlerorden 1 Klasse mit Eichenlaub, der Hofmarschall Freiherr von und jii Egloffstein den Roten Adlerorden 2. Klasse mit Eichen-


