Nr. 228 Zweites Blatt Donnerstag den 28. September
IS99
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
«an^iat Anzrtgrn zu frer na^arittagf fit Bcs $ky«Bm leg trf^änenben Nummer KB täte. W Uhr.
Bei Poftbezuf i Mark 50 Pj^. ^erleljährltch
»ezugaprew vierteljährlich
, 3 Mark 20 PI«, manatlich 75 PfG, Mit vrmgerlahä.
11< «nzeiz«n.vermittlu»§Bstellm Ks In- metz Hullaekt nehmen Anzeige« für Ben Gießener Anzeiger entgegM,
Mit »nfeafcw Bei RMH«fi.
Wr Gießener
»er Ben Bem Anzeiger roöcheutNch viermal Betgetegt.
Anrts- und Anzeigeblutt für den Ureis Giefzen.
HtBehian, IpeBttien unB Druckerei: H4 lß, »e Ur. 7.
™®ea*re*ew*™^*—***
Orstisdeilage«: Gießener ZlMtNrendlätfer. Der hefpfthe Landwirt, KtStter fftr herrsche UolKskLndr.
«Bctffe für Depeschen: Snzeiger Gieß«.
Fernsprecher Nr. 51.
Kckates und PrsvinMes.
Gießen, den 27. September 1899.
* * Zur Auszahlung der Beamtengeh'älter in Hessen wird Den „N. H. V." geschrieben: Die Auszahlung der Beamtengehälter findet monatlich pränumerando statt, und hat die Großherzogliche Staatskasse durch die gesetzlich gewährten Sterbequartale nicht das geringste Rifiko. Ganz analog diesem Zahlungsmodus erhalten die Lehrer in den größeren Städten ihre Gehälter am Anfang des Monats vorausbezahlt, jedenfalls in der Erwägung, daß auch hier die Sterbequartale genügende Deckung bieten. Die Lehrer auf dem Lande dagegen erhalten infolge ministerieller Verfügung ihre aus der Gemeindekasse zu beziehende Gehälter monatlich postnumerando und die von der Staatskasse zu zahlenden Dienstalterszulagen zweimonatlich am Anfänge desjenigen Monats, in welchem die Steuer erhoben wird. Ebenso erhalten die auf dem Lande wohnenden pensionierten Lehrer ihre aus der Staatskasse zu zahlenden Gehälter zweimonatlich am 1. des zweiten Monats. Den Pensionären dagegen, welche die Haupt- und Residenzstadt Darmstadt als Domizil gewählt haben, und demgemäß gehalten sind, ihre Gehälter von der Hauptstaatskasse zu erheben, ist nur gestattet, dies zweimonatlich postnumerando zu thun. Diese verschiedene Zahlungsweise in dem Großherzogtum Hessen ist allerdings ein Geheimnis der Regierung, und dürfte diese Andeutung genügen, die „neuen Männer" zu veranlassen, sämtliche Gehälter, soweit sie wenigstens aus der Staatskasse zu leisten sind, pränumerando auszahlen zu lassen. „Gleiches Recht für alle! ... ."
* * Meistertitel für Handwerker. Das Handwerker-Organisationsgesetz, welches nun in nicht ferner Zeit in Kraft treten wird, enthält bekanntlich auch Bestimmungen über den Meistertitel. Die darüber verbreiteten Ansichten sind aber vielfach irrig und bedürfen einer Richtigstellung. Es besteht nämlich die Meinung, die Verleihung des Meistertitels sei nach dem Inkrafttreten des Gesetzes eine Obliegenheit der Innung. Dem ist jedoch nicht so, und es ist von Wichtigkeit darauf hinzuweisen, damit nicht später Irrtümer über die Bedeutung des Meistertitels entstehen. So gewiß die Innungen auch jetzt noch befugt sind und es immer
bleiben werden, Meisterprüfungen vorzunehmen, so verleiht eine solche Prüfung von der Innung doch nicht das Recht zur Führung des Meistertitels in der Verbindung mit der Bezeichnung eines Handwerks. Dieses Recht wird vielmehr nur von besonderen Prüfungskommissionen erworben, und die Errichtung dieser Prüfungskommissionen, die aus einem Vorsitzenden und vier Beisitzern bestehen, erfolgt durch Verfügung der höheren Verwaltungsbehörde, durch welche die Mitglieder ernannt werden, nach Anhörung der Handwerkskammern.
* * Nicht beförderte Ansichtskarten. Um zu erreichen, daß wertvolle Ansichtskarten bei der Beförderung vollständig rein bleiben, daß aber doch auf der Adreßseite die Marken abgestempelt sind, hat man vielfach geschlossene Kouverts benutzt, auf denen nach der oberen rechten Ecke zu ein Viereck ausgeschnitten war, welches die auf der eingelegten Karte befindliche Briefmarke deutlich sehen ließ, so daß diese auf der Post leicht abgestempelt werden konnte. Da das Reichspostamt jedoch erklärte, daß Briefumschläge mit einem Ausschnitt, durch den die auf der Einlage (Brief, Karte, Drucksache usw.) befestigte Freimarke sichtbar ist, aus betriebstechnischen Rücksichten für den Postverkehr nicht geeignet sind, werden alle bei den Postämtern einlaufende Briefe — wenn es von den mit der Abstempelung und Beförderung betrauten Beamten nicht zufällig übersehen wurde — als nicht bestellbar zurückgelegt und vernichtet, worauf wir die vielen eifrigen Ansichtskartenversender und Versenderinnen aufmerksam machen.
* * Militärdienst der Volksschullehrer. Zum letztenmale werden dieses Jahr die Volksschullehrer zu einer zehnwöchigen militärischen Hebung herangezogen; mit dem nächsten Jahre tritt bekanntlich die Bestimmung bezüglich des einjährigen Militärdienstes für Volksschullehrer in Kraft. Es wird sich dann in allen deutschen Staaten ein bedeutender Lehrermangel fühlbar machen; sollen doch nach amtlicher Schätzung dann etwa 3060 Lehrer dem Volksschuldienste jährlich entzogen werden. Es werden alsdann viele Lehrerstellen mit Schulamtsaspirantinnen besetzt werden müssen, an denen bis jetzt noch kein Mangel, vielmehr bedeutender Ueberfluß herrscht. — Erwähnte Hebung findet beim 1. Nass. Jnf.-Negt. Nr. 87 in Mainz statt und beginnt am 28. ds.
An demselben Tage rückt auch eine größere Anzahl hessischer und nasiauischer Volksschullehrer beim Jnf.-Regt. 117 ein.
-ft Abendfiern. Zur Errichtung einer Haltestelle für Personenverkehr wurden bereits die Vermessungen betreffs Errichtung eines Warteraumes vorgenommen. Somit wäre für den Bewohner des Bieberthales auch der Anschluß nach Wetzlar erreicht. Hoffentlich wird alsdann die Verbindung zwischen Wetzlar—Lollar eine bessere, denn zur Zeit kann man nach Wetzlar nur morgens um 5 und i/»9 Hhr gelangen, außer diesen fährt dann bis zum späten Nachmittag kein Zug mehr, und ebenso sind auch die Züge, von Wetzlar kommend, sehr unpraktisch gelegt.
x Aus Oberheffeu, 27. September. Dieser Tage wurde mitgeteilt, daß auf der Oberhessischen Bahn ein Mann während der Fahrt aus dem Schnellzuge gesprungen und die Böschung hinabgekollert sei. Auf telegraphische Verständigung zwischen den Stationen Fulda und Großenlüder wurde der waghalsige Mann gefaßt und als der 35 jährige zu Gera bei Elgersburg (Sachsen-Koburg- Gotha) gebürtige und zuletzt in Großenlüder wohnhafte Hausirer Robert Füldner ermittelt. Er war nicht tm Besitze einer Fahrkarte, kam von Lauterbach und mußte, da der Schnellzug in Großenlüder, seinem Wohnort, nicht anhält und er auch nicht weiter wollte, wohl oder Übel aus dem Zuge springen, so wenig dies auch ein Vergnügen sein mag. Am Mittwoch fuhr Füldner von Großenlüder nach Fulda, abermals ohne Fahrkarte; damit hat er sich als Betrüger verraten, der leidenschaftlich die Rolle eines „blinden" Passagiers spielt. Er wurde festgenommen und in einen Gewahrsam gebracht, aus dem zu entspringen schwerer, aber nicht so gefährlich wie aus einem Zuge ist.
Lauusbach, 25. September. Ein schweres Verbrechen ist in der vergangenen Nacht in unserem Orte begangen worden. In der Wirtschaft der Wittwe Pfaff, in welcher am Sonntag und Montag Kirchweih gefeiert worden war, saßen gegen 2 Hhr, nachdem der kurz vorher zur Revision dagewesene Gensdarm Bechstein aus Wißmar Feierabend geboten und die Gäste sich entfernt hatten, das Bedienungspersonal und die Musikanten noch bei einigen Erfrischungen zusammen. Auch der Metzger Speyer von Wißmar, ein 20jähriger junger Mensch, welcher seine demnächstige Ein-
FemÜekm.
Briefe aus der Wesidenz.
(Origittalberichl für den „(Siebener Anzeiger*.)
(Nachdruck verboten.) XVII.
Zweite Ausstellung der „Freien Vereinigung Darmstädter Künstler".
Das Kunstvereinsgebäude am Rheinthor gewinnt immer mehr an Ansehen, im Innern wie int Aeußeren. Für die Belebung des kleinen Portikus und der Vorhalle ist manches Erfreuliche geschehen. Die Voluten der jonischen Säulen haben durch polychrome Behandlung einen matten Metall- ^lanz bekommen. Durch bildnerischen Schmuck ist den früher kahlen, nüchternen Flächen der Vorhalle ein farbenfrohes Gepräge verliehen worden. Zwei große Kartonentwürfe: „Architektur" und „Maschinenbau" darstellend, von Philipp Otto Schaefer grüßen festlich an beiden Seiten des Einganges. Die große Halle im Erdgeschoß ist vorzugsweise der Schwarz-Weiß-Ausstellung, in die sich auch hier und da Aquarelle und farbige Entwürfe mischen, eingeräumt worden. Hier treffen wir Lithographien von Karl Bantzer (Dresden-Strehlen), der auch als Maler in dieser Ausstellung mit großen und kleinen Kompositionen einen Ehren- rang behauptet, Radierungen von Leo Kayser (Darmstadt), Entwürfe zu einem Provinzialftändehaus, einem Fest- und Gesellschaftshaus für die deutsche Marine, letzterer von Fritz Kritzler (Berlin), Künstleransichtspostkarten, entworfen von den Malern Schlegel, Wondra, repro- duciert vom Papierhaus Elb ert.
An einer Wand des Treppenhauses, das wir auf unserem Wege zum großen Mittelsaal betreten, fällt uns sofort in die Augen das von Hofmaler Kurt Kemp in in großstiliger Auffassung ausgeführte Brustbild der Hofschauspielerin Amalie Cramer, das uns besonders an ihre „„Adelheid v. Walldorf" erinnert.
Im großen Saale des ersten Stockes nehmen zunächst
unsere Aufmerksamkeit gefangen das die Mittelwand zierende Gemälde von Bantzer „Abendmahlsfeier in Hessen", welches der König!. Nationalgalerie in Berlin gehört, und an der Nordseite des Saales die dekorative Figur von Ludwig Habichs „Siegesdenkmal in Gießen". Dieser Jüngling, der als Trophäe in hocherhobener Hand die goldene Kaiserkrone hält, wirkt einfach und doch bedeutend. BantzerS „Abendmahlkomposition" strömt den ganzen heiligen Ernst einer streng reformierten Gottesfeier auf dem Lande aus. Bibel, Gesangbuch, gefaltete Hände, andächtige Gesichter, aber außer den brennenden Altarkerzen kein Schmuck, keine äußere Zuthat, welche die Sinne beschäftigen und das Gebet der Seele stören könnte.
In der Landschaft und im Genre liegt wohl der Schwerpunkt der Darmstädter Ausstellung, welcher das Historienstück und auch das biblische Bild, mit Ausnahme von Ecksteins (Düsseldorf) „Heiliger Nacht" gänzlich fern geblieben ist.
Die Maler Eugen Bracht (Berlin), Otto Engel (Berlin), Wilhelm Bader (Darmstadt), Heinrich Kröh (Darmstadt), Heinrich Deuchert (München), Karl Küstner (München), Paul Weber (München), Otto Hbbelohde (München), August Wondra (Darmstadt) kommen hier mit wertvollen Sachen in Betracht. Außer aller Konkurrenz stehen die Landschaften von Bracht und Otto Engel, die auch zu einander insofern einen interessanten Gegensatz bilden als ersterer die schweigende, weite nordische Ebene, die Natur in ihrer Herbheit und Zurückhaltung mit Vorliebe aufsucht, während Engel, obgleich fein Motivkreis auch der niederdeutschen Landschaft angehört, doch mehr die Natur in ihrer Sonntagslaune beobachtet und die Sonne den Regenschauern, ja auch den Sternen vorzieht.
Sein bedeutenstes Werk, mit welchem er in Darmstadt vertreten ist, „Von der Waterkant" spiegelt in seinen drei Teilen, die ein wundersam komponierter Rahmen mit flachen Reliefschnitzereien umspannt, den ganzen stillen Zauber der Ostseeküsten wieder.
Die wertvollsten Sachen von Eugen Bracht, fein „Roter Acker", „Lehmweg", „Waldwiese bei Regen", „Birken
wald", „Der kühle Grund", „Der Schnellzug" hängen in dem Anbau an der Westseite, der in der kurzen Zeit, die für seine Herstellung vorgesehen war, ein auffallend hübsches Ansehen bekommen hat. Das Licht empfängt er gleich dem großen Saal von oben. Die eine Schmalseite nimmt Eduard Schmahl's (Mainz) aus gelblichem Gyps hergestelltes dekoratives Relief für den Schlacht- und Viehhof in Mainz ein; an der gegenüberliegenden Wand befindet sich von dem nämlichen Künstler eine originelle Frosch-Vase; Frösche schauen aus einer geborstenen Urne als Wasserspeier hervor. Für einen „Wintergarten" eignet sich diese plastische Arbeit ungemein.
Im „Neubau" treffen wir auch das reizende, lebensfrische Pastellbild der kleinen Prinzessin Elisabeth von Hessen, gemalt von Klara Grosch, dessen wir bereits im Frühjahr Erwähnung thaten als es sich noch auf dem Atelier der Künstlerin befand. Außerdem ist Fräulein Grosch noch mit zwei wohlgelungenen Mädchenbildnissen vertreten.
Immer mehr in den Vordergrund des Interesses als Damen- und Kinderportraitist rückt in den letzten Jahren auch Adolf Beyer (Darmstadt), dem wir in dieser Saison schon im Münchener Glaspalast begegnet sind.
Die Art Ludwig v. Hofmanns in feinen phantastischen Märchenkompositionen erkennt man von weitem; der Künstler bleibt ihr auch treu, nur daß er technisch bedeutende Fortschritte erkennen läßt.
Richard Hölscher (Darmstadt) giebt sich in seiner „Spinnerin" und „Lesenden Frau" als eine Art hessischer Liebermann, nur um einiges weicher, inniger.
Der Besuch der Ausstellung ist bis jetzt noch kein sehr lebhafter, was sich durch die Ungunst der Witterung hinreichend erklärt. Der erste Vormittag nach der Eröffnung war nur für die geladenen Gäste bestimmt.
Die Großherzogliche Familie erwartet man in den nächsten Tagen.
Der kunstgewerblichen Abteilung, die hochinteressante Objekte birgt, wenden wir uns im nächsten Briefe zu. sch-


