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Ml 149 Zweites Blatt Mittwoch de« 28. Juni
1899
Gießener Anzeiger
General -Anzeiger
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verwarf, aber ausdrücklich, ebenso wie der Redner der Nationalliberalen, der Abgeordnete Bassermann, die Erklärung abgab, daß an eine Gesetzgebung auf diesem Gebiet nicht vor der gesetzlichen Ausgestaltung des Koalitionsrechts und der völligen Durchführung der Koalitionsfreiheit gegangen werden dürfe. Ohne jeden Vorbehalt endlich wurde das Gesetz von den beiden freisinnigen Parteien, den übrigen kleineren Gruppen und selbstverständlich auch von der Sozialdemokratie bekämpft.
Dieser Gegnerschaft der überwiegenden Mehrheit des Reichstages hat die Regierung keine besondere erfolgreiche Verteidigung entgegengesetzt, und der allerschwächste Punkt dieser Verteidigung ist die der Vorlage beigegebene Denkschrift gewesen, welche als eine in jeder Beziehung verunglückte Aktion bezeichnet werden muß. Mit vollem Recht hat diese einseitig und parteiisch zusammengestellte „Begründung" der Vorlage eine noch schärfere Kritik erfahren als die Vorlage selbst, und wer den Verhandlungen im Reichstage gefolgt ist, gewann den Eindruck, daß die Regierung selbst auf diese Unterstützung der Vorlage gern verzichtet hätte, wenn es noch möglich gewesen wäre. Auch sonst haben die Verteidiger der Vorlage wenig glücklich operiert, indem sie das Gesetz einmal als wirkungsvolles Gesetz gerade gegen die Sozialdemokratie bezeichneten, und dann wieder in Abrede stellten, daß es irgend jemanden besonders treffen solle, und versicherten, daß es Licht und Schatten für alle Teile, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, gleich verteile.
Von Seiten der Regierungsvertreter ist der Hoffnung Ausdruck gegeben worden, daß diese gesetzgeberische Aktion nach der Vertagung doch zu einem positiven Ergebnis führen werde. Diese Hoffnung knüpft die Regierung daran, daß die nationalliberale Partei und das Zentrum die Vorlage nicht rundweg abgelehnt haben. Aber die Hoffnung der Regierung scheint auf schwachen Füßen zu stehen, denn daß die Regierung auf die Forderungen oder auch nur auf einen Teil der Forderungen, welche von den Rednern der beiden Parteien, die bei der Entscheidung den Ausschlag geben, eingehen werde, ist nach den bisherigen Erfahrungen kaum anzunehmen. Die Wahrscheinlichkeit spricht somit für einen negativen Ausgang dieses gesetzgeberischen Versuches. Als zweifellos kann es angesehen werden, daß die Regierung sich in diesem Falle bei der Ablehnung der Vorlage beruhigen wird, denn an einen Wahlkampf mit der Parole „für oder wider dieses Gesetz" kann nach der Stellungnahme der überwiegenden Mehrheit der Parteien nicht gedacht
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199 in M 'er, welche mit M nachvss die Stadt nach k ilatz sich bethÄ ihrtt Alter- fy I., abends,
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^iie Ablehnung der Koalitionsvorlage im Reichstage.
Der'viertägige heiße parlamentarische Kampf um den zum Schutze des gewerblichen Arbeitsverhält- nisse'^wif er offiziell heißt, während der populäre Name be« ' unpopulären Gesetzes Streikvorlage oder „Zuchthaus- vorliioazr" lautet, ist in der letzten Sitzung des Reichstags so nWgungen, wie es nach den Verhandlungen der vier £ag;a unh nach der Stellungnahme der Parteien füglich errocuntt werden mußte. Der Antrag der konservativen Par M hie Vorlage an eine Kommission zu verweisen, ist mit i.gloßelr Mehrheit gegen die Stimmen der Rechten und der Minden Hälfte der nationalliberalen Partei abgelehnt woriiem. Rein vom Standpunkt der parlamentarischen 5 echrvik aus, wäre damit noch nichts über das Schicksal der LorliHk Mtschieden, denn eine solche Entscheidung kann nach vßWftsordnung erst in zweiter oder dritter Lesung - ’c tun. Ähatsächlich bedeutet aber bei einer Vorlage von so iuscWdmder Wichtigkeit die Ablehnung der Kommissions- t'C) aiiiing trnttoeber die runde Ablehnung des Gesetzentwurfs oder: doch zum wenigsten die Konstatierung der Thatsache, daß :: M! Verständigung auf dieser Basis auch im Falle iuerc wcsimtlichen Umgestaltung des Entwurfes keine Aus- sichtenrn, fei einer grundsätzlichen Umgestaltung aber nur
Wertzeichen
-nen.
Deutsches Keich.
Darmstadt, 26. Juni. Die „Darmst. Ztg." veröffentlicht das heute zum letztenmale über das Befinden des Großherzogs ausgegebene Bulletin. Demzufolge hat sich das Befinden des Großherzogs derartig gebessert, daß seine Uebersiedelung nach dem Residenzschloß dieser Tage erfolgen wird.
Darmstadt, 26. Juni. Wie in Hofkreisen verlautet, ist die Kaiserin von Rußland von einer Tochter entbunden worden.
Berlin, 26. Juni. Wie aus Kiel gemeldet wird, ist daselbst außer dem Staatssekretär Grafen v. Bülow auch der russische Marine-Attachs Pauly von Berlin eingetroffen und an Bord der „Hohenzollern" vom Kaiser empfangen worden. Die Kaiserin und das Kronprinzenpaar von Griechenland sind heute morgen mit der Dacht „Iduna" ausgesegelt. Am Starb erschienen heute zur Binnen- Regatta des kaiserlichen Dacht-Klubs von 27 gemeldeten Dachten 23.
Berlin, 26. Juni. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Verleihung des Charakters als Wirklicher Geheimer Rat mit dem Prädikat Excellenz an den Unterstaatssekretär im preußischen Handelsministerium, Lohmann.
Berlin, 26. Juni. Der frühere Chef-Redakteur der „Kreuzzeitung", Freiherr v. Hammerstein, wurde heute mittag 11'/, Uhr aus dem Zellengefängnis in Moabit entlassen, nachdem er die ihm zuerkannte Zuchthausstrafe voll verbüßt hat. Einige seiner Freunde hatten sich beider Entlassung eingefunden. Sie fuhren gemeinsam in bereit gehaltenen Droschken davon. Mehrere gefüllte Reisekoffer, welche Freiherr v. Hammerstein mit sich führte, lassen darauf schließen, daß er Berlin sofort verlassen wollte.
Berlin, 16. Juni. Das „Berliner Tageblatt" meldet aus Madrid: Um 11 Uhr schlossen alle Läden und Geschäfte der Hauptstadt als Protest gegen den Steuerplan des Finanzmini st er s. Eine gleiche Kundgebung soll heute in allen Provinzen stattfinden. Geführt von politischen Agitatoren nimmt die Bewegung der Steuerverweigerung zu. Die Handelskammer erklärte in einer Eingabe an die Cortes es für unmöglich, die Steuererhöhung und die neuen Abgaben zu zahlen.
Berlin, 26. Juni. Die Samoakommission hat zwar die formelle Zugeständigkeit der Entscheidung des Oberrichters Chambers über die Königswahl anerkannt, doch wird der Oberrichter wahrscheinlich abberufen werden. In einer Nachricht des „Globe" aus Washington heißt es: Es verlautet, der Bericht des amerikanischen Kommissars Tripp deute an, es sei ratsam, den Oberrichter Chambers
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VlpOline:Ml,r 5 Cassel.
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,erir igr Aussichten bietet.
Sine bedingungslose Anhängerschaft hat der Gesetz- ntwMs, menn man es genau nimmt, überhaupt nicht ge- $99, abend- >unbtn Selbst bie beiben Rebner ber konservativen Partei ließe in es dahingestellt, ob nicht für bie eine ober anbere Bestifmmur.g eine anbere Formulierung zu finben sei. Der Hcbnkiti bm Reichspartei, ber im übrigen ben Gesetzentwurf mit ' M stärksten Eifer verteibigte, erhob boch gegen einen Paraiisapfi besselben, ben § 7, entschiebenen Einspruch. Die i^iiomMerale Partei stimmte bann ohne Ausnahme überein, daß M Vorlage in bieser ober auch einer ähnlichen Form unb'Mg jiu verwerfen sei. Die kleinere Hälfte ber Partei demAIfi sich allerbings, trotz bieser Abneigung gegen bie t-ßorl^t am sich, einen positiven Ausgang ber Aktion herbei- zufüllh'inn, ba sie einzelne Bestimmungen berselben, so ben § 1 'flnnb dven ersten Absatz bes § 3 für bie geeignete Grunb- lage jpcmem gesetzgeberischen Vorgehen ansah. Die größere Hülfttnder Partei sah aber ein solches Vorgehen als aus- sichts W an, ba an eine Bekämpfung bes Koalitionszwanges licht g djtr gebacht werben könne, als bis bas Koalitionsrecht selbst i lit sseit langer Zeit geforberte Ausdehnung und Aus- gestaltlinng gefunden hat. Den gleichen Standpunkt vertrat X 13 das «iWicmm, das ebenso wie die nationalliberale Partei iSv keiueSMgs alle Bestimmungen der Vorlage bedingungslos
Feuilleton.
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11.
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W-.. Telegraphen- und Telephondienst ist in Norweger^ Schweden und Finland fast ausschließlich weiblichen HäudiM aütvertraut, selbst bis in die höheren Chargen hinauf Das massenhafte Angebot trieb die energische MU Frau^ iiteffien bald weiter — ober eigentlich zurück. Sie . .siesan.Mich, baß es zahlreiche, gewohnheitsmäßig vom ■ '■' * Manum limgenommene Arbeitsgebiete giebt, bie ben speziell
»Mr weiblL verwanbt, ja verschwistert sinb. Sv griff sie rtrf , ;um HÖiiDietbe, unb naturgemäß zuerst zu benjemgen, zu melius|ie: oon Haus aus unb burch vorhergegangene Er- Wr a zjehuMiimb Beschäftigung einige Vorkenntnisie mitbrachte; ’ 0 W* i; sie er*!te Feinbäckereien unb Konbitoreien, warb Hotel- besitz^Mvcder schuf eine mit Kochschule oerbunbene Damen- r restauLiMi'H. Auch bie Verwaltung von Landgütern gehört \ ,,im N '.ickm zu den Beschäftigungen der Frau — mit Recht. ^,MW"Denm!i^Frau mit dem sechsten Sinn, dem Ordnungs- «rtrf" finn, inOem Verständnis für Kleinigkeiten begabt, ist von ™ .Hausrl Hmomisch". Nur Erziehung, Eitelkeit und Ver- liöfr ^.A ii^wöhn^ nauben ihr diese, ihre eigenen Vorzüge, und lassen sie balo, schnell zum Gegenteil ausarten. In entsprechender ernstes Wtigkeit wird sich der sparsame Sinn der Frau, LW ' neben Mm bedürfnisreichen Manne, fast immer vorleil- ; «ß' haft ^'5 Erscheinung bringen. Selbst die Schiffsbedienung, soweit fiibiie Verpflegung der Passagiere betrifft, wird auf
jkiinftutd! 5>ie Ilrau im Heweröe.
Sevkral-W' ^M,.itenuationalen Frauenkongreß in London (26. Juni).
*' flP Von Zo« von Reuß.
(Nachdruck verboten.)
(Schluß.)
den nordischen Personendampfern von Frauen besorgt. Dieselben bereiten eine vorzügliche Küche, und dienen als Stewardeß". Die Frage, ob dem Manne durch die weibliche Thätigkeit Schaden erwächst, durch vermehrte Konkurrenz, kommt dabei nicht in Betracht; die Tüchtigkeit allein erhält den Preis, ohne Rücksicht auf das Geschlecht; wer sich von seinem Platze verdrängen läßt, verdient ihn nicht.
Anders in Deutschland. Auch die deutsche Frau will arbeiten und schaffen, brennend gern, für sich und andere: aus ihrer gesellschaftlichen Stellung herauszutreten, dazu entschließt sie sich aber nur, wenn sie unabhängigen unb starken Geistes ist, ober absolut burch bie Verhältnisse gezwungen wirb.
Mit vollstem Recht schreibt man ber Frau eine starke Empfänglichkeit für bie Vorteile unb Annehmlichkeiten ber äußeren Lebensstellung zu. Sie gilt als eine Folge der größeren weiblichen Eitelkeit, wird in Deutschland aber auch von außerhalb durch einen tiefwurzelnden Bureau- kratismus genährt, dessen zopsige Ansichten über Rang und Stand wohl hier und dort durchlöchert, aber keineswegs von der Neuzeit durchbrochen sind. Die Töchter eines kinderreichen, vermögenslosen Beamten können, wenn sie einmal in den Kampf ums Dasein eintreten sollen, nur in ben Kreisen wirken, aus benen sie hervorgegangen sinb. Die materiellen Vorteile bes Frauenstubiums vermögen aber augenblicklich besten pekuniären Opfern noch nicht bie Wage zu halten. Das mebizinische Studium, welches der weiblichen „Erwerbsfähigkeit" am nächsten liegt, ist recht kostspielig, und wird von den Aerzten noch aufs äußerste verteidigt. Man versteht die Klage des Vaters: „Meine lernbegierige Tochter hat mich viel Geld gekostet, und nun heiratet sie ihren ersten Patienten ..."
Da das Weib der „freien Kunst", dem edelsten Spiel, im allgemeinen leichteres Verständnis entgegenbringt, so wählt die „höhere Tochter" gern einen künstlerischen Berufszweig — leider gewöhnlich, ohne es zu wirklichen, auch materiellen Resultaten zu bringen. So bleibt in der Hauptsache immer nur das Lehrfach, das denn auch nach wie vor am meisten angebaut wird, selbst wenn der innere Beruf fehlt — auch bie Examenfurcht pflegt nicht abzuschrecken. Denn bie Signatur unserer Zeit hinsichtlich ber weiblichen Berufswahl ist einmal bie Erziehung unb Bilbung zur „weltlichen Maria", obgleich bamit keineswegs immer bas bessere Teil erwählt ist! Dagegen haben bie Frauen, sofern sie an leitenber Stelle im Gewerblichen thätig waren, in Druckereien, photographischen Ateliers, Bäckereien, Schneiberwerkstätten, Drogen, unb in Amerika selbst als Architekten unb Ingenieure, mit bem Manne fonturrierenb, auch schon bemerkenswerte materielle Erfolge erzielt.
Nur bie Furcht, in ber allgemeinen Achtung eine Stufe tiefer sinken zu können, hält bie Frauen gebilbeter Stäube noch zurück, sich biefen unb anderen gewerblichen Berufen zu widmen; es ist eine der wichtigsten Aufgaben moderner Frauen, gegen diese Vorurteile selbst anzukämpfen. In den Gewerben haben sich die Frauen bereits weite Gebiete für ihre fruchtbare Thätigkeit errungen, und in den industriellen Kreisen ist man auch weit davon entfernt, den Frauen das Recht der Mitarbeit streitig zu machen. Damm sollten die Führerinnen der Frauenbewegung mit allen Kräften darauf hinai beiten, daß gerade gebildete und begabte weibliche Kräfte bem Gewerbe zugeführt werben, bamit sie auf fruchtbarem Boden die Erfolge erringen, welche ihnen die überfüllten gelehrten Berufe nicht zu gewähren imstande sind.


