Nr. 253 Zweites Matt
Freitag den 27. October
1899
uin<e
■h lulMbmt bei K enteil.
>h •kinttr
xrben bon LnjNßer »Heutig etrrtnel kifdfflt
Gießener Anzeiger
ZSrr»g»prelF vierttljährltch
2 Mark 20 Pf, monatlich 75 Pftz. mit Bringerloh».
Bei Postbezug
2 Mark 50 Pt,, vierleltährttch.
»mietet »•« «njeigen >u bet ne^mittagi fit bei Mumbai tq erscheinenden Nummer Hf vor«. 10 Uhr.
General-Anzeiger
18t Anieigen-BermittlunzrfteLea bet In- imb Äullaeb* nehmen Anzeigen für den -ieheuer Anzeiger mtgqp»
Aints- und Anzeigeblutt fiw den Ttveis Gieren.
Jkbettie», Expedition und Druckerei:
Ach.tßr.t- Nr. 7.
Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Klätter für hessische Volkskunde.
Ndreffe für Depeschen: Anzeiger $Ui«U Fernsprecher Nr. 51.
* Der Kaiser «ud England.
Gießen, den 26. Oktober 1899.
Bor 122 Jahren, als gleichfalls ein Volk im Kampfe am seine Freiheit England gegenüberstand, schrieb Friedrich der Große an den ihm befreundeten französischen Philosophen d'Alembert: „Sie wollen wissen, was ich über das Benehmen der Engländer denke? Genau dasselbe, was das gesamte Publikum davon denkt, gebe ich zur Antwort: daß sie nämlich gegen die Redlichkeit gefehlt haben, indem sie den mit den Kolonien geschlossenen Vertrag brachen; daß sie ungeschickt und gegen alle Regeln der Klugheit gehandelt haben, indem sie einem Gliede ihres Staatskörpers den Krieg erklärten, woraus ihnen selbst nur Unheil erwächst. . . . Uebrigenö muß ich Ihnen, lieber d'Alembert, bemerken, daß der dichte Schleier, der die Zukunft verbirgt, sie auch mir verhüllt. Wollte ich aber wie Cicero voraussehen, was alle Umstände anzudeuten scheinen, so möchte ich zu behaupten wagen, daß sich die nordamerikanischen Kolonien befreien werden."
Die Aehnlichkeit des nordamerikanischen Unabhängigkeitskampfes mit dem Freiheitskampfe der Buren ist gar nicht zu verkennen; doch nicht sie wollen wir hier darlegen. Zu der Aehnlichkeit der Kriege wünschten wir die Gleichheit der Auffassung bei dem früheren Träger der preußischen and dem jetzigen Träger der preußischen und deutschen Krone England gegenüber. Wir können nicht verfehlen, daß nach unserer festen Ueberzeugung der Kaiser im Grunde seines Herzens von den Engländern gerade so gering denkt wie sein auch von der Geschichte „der Große" genannter Ahnherr; nur trägt er Bedenken, offen damit hervorzutreten. Gut, es mögen Rücksichten wallen, die wir nicht kennen. Aber das wissen wir bestimmt, daß eine Reise nach England, und gilt sie auch nur der Großmutter, und dauerte sie nur einen Tag, nicht nur im deutschen Volke, sondern in der ganzen Welt die entgegengesetzte Ansicht von der Stellung des Kaisers als die obengezeichnete wachrufen würde; die englische Presse aber würde mit dem ganzen ihr zu Gebote stehenden Einfluß solche Ansicht noch zu bestärken wissen.
Es ist ja sattsam bekannt, mit welcher Liebe der Kaiser an seinem Reiche hängt, mit welchem Ehrgeiz er um dessen Ruhm und Macht und Größe sich sorgt, wie hoch er von dem Berufe denkt, von Gott an die Spitze dieses Reiches gestellt zu sein. Trotz gedrückter Stimmung ist diese Gesinnung doch in begeisterten Worten in der Hamburger Rede wieder zum Ausdruck gekommen. Ueber den Widerstreit und die Uneinigkeit der Parteien hinweg appelliert da der Kaiser an den Patriotismus des deutschen Volkes. Ist es aber ein unbilliger Wunsch des Volkes, daß der Kaiser
Feuilleton.
Arilannia im Karriisch.
Ein fremder Zug geht durch London, das ist der kriegerische; aber dem Kriegerischen fehlt so recht das Soldatische. Im Londoner Straßenleben spielt das Militär keine große Rolle. Die beiden Horseguards vor der Kom- mandantur, mit ihren Kürassen und weißen Stulphandschuhen, sehen aus wie von Hugo Baruch in Berlin gestellt, und wenn ein Scotchman mit bunter Mütze, weitem Knie- rvck und nackten Beinen durch die Straßen geht, laufen ihm die Kinder nach. Die soziale Rangordnung des Engländers ist dieselbe wie beim Chinesen: Voran die Gelehrten und Künstler, dann die Kaufleute, dann nach einer langen Lücke die Soldaten. Der Gemeine wie der Offizier legen gern Zivil an, sowie sie des Dienstes quitt sind. Heute 'tauchen überall rote Röcke und Bärenmützen auf, in Ler vornehmen Stille von Pall Mall, wie tm Gewühle »on Cheapside. Bei der Nationalgallerie promenieren btc Werber, den Spazierstock in der Hand, und äugeln rechts -und links nach kräftigen, jungen Gestalten. Dabei werden Werbung und Einberufung quite english ruhig nach ge- Ichäftlichen Grundsätzen veröffentlicht: diese da angeplackt, vo sie am meisten gelesen wird, an den Kirchenthüren, {jene mittels bunter, an allen öffentlichen Gebäuden an- gehefteter Plakate, in denen für die einzelnen Regimenter geradezu Reklame gemacht wird. Das eine weist auf seine fschöne Uniform hin, das andere auf die Höhe des Soldes vind der Pensionen, das dritte auf seine Beziehungen zu
gerade den patriotischen Empfindungen, die im ganzen Reiche, in Bayern und Württemberg, in Baden und Hessen und Sachsen gerade so gut vorhanden sind, wie in Preußen, auch seinerseits Rechnung tragen möge? Der patriotische Teil des Volkes aber bittet, daß die Reise nach England nicht erfolge, er würde auch nicht zögern, mit offenem Freimute gegen die Reise zu protestieren, ohne zu fragen, ob das gern gesehen wird oder nicht, weil er es für heilige Pflicht hält.
„Wir bedürfen dringend und bitter not ist uns eine starke deutsche Flotte!" So sprach der Kaiser in Hamburg. Aber flugs kommen die unterminierenden Geister im Lande, die ihre Lebenswurzeln im Auslande haben und deshalb eine deutschnationale Machtentfaltung mit allen Mitteln aufzuhalten trachten, und stemmen sich dem Herzenswünsche des Kaisers entgegen: in erster Linie Centrum und Freisinn und Sozialdemokratie. Sie erklären mit unerschütterlichem Gleichmut, daß sie vorläufig keine Flottenvermehrung zugestehen werden. Dieselben Leute aber sind es, die geflissent- lich jede Notiz darüber verzeichnen, daß der Kaiser doch nach England gehen werde. Umgekehrt sind gerade die Massen, die die Reise nicht wollen, für die Flotte zu haben und zu Opfern bereit.
Ja zu Opfern! Dem Kaiser wird nur zugemutet, einen Reiseplan zu opfern, dem Volke aber, schwere materielle Opfer zu bringen. Denn darüber ist ja niemand im Zweifel, daß eine Flotte zu schaffen, wie wir sie notwendig haben müssen, sehr schwere Opfer erfordert. Aber wir sind bereit, sie zu bringen, nicht mürrisch, sondern mit Freuden. Denn wem schafft eine starke deutsche Flotte Macht und Ruhm und Reichtum? Unserem Volke doch in erster Linie! Soweit die Schiffe auf deutschen Werften gebaut werden, bleibt sogar das Geld für den Bau im eigenen Lande; und wie wird unter dem Schutz der deutschen Flagge sich deutscher Handel immer mehr entfalten, deutscher Gewerbefleiß seine Erzeugniffe immer mehr auf dem Erdball verbreiten, deutscher Pflug und Fleiß und Geist sich immer weitere Gebiete erschließen nicht für fremde Kulturmächte, sondern für den deutschen Namen! Und daß da der materielle Erfolg dann auch nicht ausbleiben wird, das ist unzweifelhaft. Sehen wir doch schon jetzt beständigen Aufschwung bei unserer überaus dürftigen Macht auf dem Meere.
Aber wird der Part eigeist die Ausführung der kühnen Pläne zulassen? Anfänglich gewiß nicht. Wir wissen uns seit der Zeit des deutsch-französischen Krieges nur eines Tages zu entsinnen, an dem die Macht des Parteigeistes für Stunden gebrochen war. Das war der Tag, dessen Glanz den Lebensabend des alten lieben Kaisers so freundlich noch erhellte, der 6. Februar 1888, an dem Bismarcks gewaltige Rede über die politische Lage Europas
einem vornehmen Klub, der ausgedienten Soldaten gute, | bürgerliche Anstellungen vermittelt, das vierte auf die Pflege, die es dem nationalen Sport angedeihen läßt. Jedes Lockmittel gilt. Ist das echter, nationaler Soldatengeist ?
Tag für Tag durchziehen Truppen mit klingendem Spiele die City, um sich zur Einschiffung nach Afrika zu begeben. Heute die Neuseeländer, morgen die Scots Guards, übermorgen die Coldstreamers. Ungeheure Menschenmassen sammeln sich immer in den engen, schmalen Straßen, unter sechs Millionen giebt es stets ein paarmal hunderttausend, die gerade nichts zu thun haben. Die Truppen marschieren durchs Westend oder quer durch die City nach Waterloostation, von wo die Linie nach Southampton führt. Der Verkehr in den Straßen hört dann einfach auf, Cabs, Omnibusse, Fußgänger, alles ist zu weiten Umwegen gezwungen. Der Nebel liegt so dick über den Straßen, daß man nicht drei Meter weit sieht, und wie eine große Blutapfelsine hängt dunkelrot und glanzlos mitten darin die Sonne. Unklarheit und Blut, das ist die Stimmung des Tages, und mitten aus der bleigrauen Ungewißheit dringt ein wildes Rauschen und Brüllen der fanatisierten Volksmenge, grelle Trompetentöne zerreißen das Ohr, und, von unzähligen, heiseren Kehlen geschrieen, bringt sich immer von neuem die Melodie des „God save the Queen“ zur Geltung.
Gelegentlich, wenn für Sekunden der Nebel zerreißt, bemerkt auch das Auge etwas. Es find Soldatenhaufen, die da vorüberzieheu, — aber nach unserer deutschen Auf- faffung kaum eine Armee: Außer Reih' und Glied trottet
die einmütige Annahme der Militärvorlage gegen nur drei Stimmen errang. Aber wo soll uns heute der Mann erstehen, der mit eherner Faust und ehernem Schenkel den wildgewordenen Renner des Parteigeistes regiere? Wir wissen keinen. Der Widerstand der Parteien gegen die Flottenvermehrung muß aus dem Volke heraus gebrochen werden und wird auch gebrochen werden, ehe es zu spät ist. Aber oben darf auch nichts versäumt werden!
Vor allen Dingen muß man von der Versäumnislheorie endlich einmal Abstand nehmen, das Volk über die wichtigsten Vorkommnisse im Unklaren zu lassen. Diese Theorie ist eine der unseligen Caprivischen Erbschaften: den Inhalt des deutsch englischen Vertrages wie den Inhalt der Handelsverträge erfuhren wir erst, als alles fix und fertig war; dieselbe Geheimniskrämerei, wir wiederholen es zum so und so vielten Male, treibt man jetzt wieder mit dem Vertrage über die Delagoabai, treibt man nicht minder mit den Verhandlungen über Samoa. Eine Politik, die noch keinerlei nennenswerte Erfolge aufzuweisen hat, hat kein Recht, blindes Vertrauen seitens des Volkes zu beanspruchen. Sie darf sich auch keinen Augenblick darüber wundern, daß weithin die Befürchtung Wurzel geschlagen hat: um die Hauptinsel der Samoagruppe, um Upolu als deutschen Alleinbesitz, wie es gut begründetes deutsches Recht ist, zu erlangen, ist gewiß den Engländern außer einem anderen Teil der Samoagruppe noch ein weiteres Opfer gebracht worden, mag es nun Tongainseln oder sonstwie heißen. Im Jahre 1890 sah es aus, als hielten es die deutschen Diplomaten für eine dem Deutschen Reiche erwiesene Ehre, wenn England Ländergebiete von ihnen als Geschenk annahm. Die Zartheit und Sanftheit, mit der England auch jetzt wieder von deutscher Seite behandelt wird, läßt den Verdacht aufkommen, daß sich ähnliche Glanzleistungen wiederholen werden. Nun, dessen mag man gewiß sein, daß das der verkehrteste Weg ist, unser Volk opferfreudig zu stimmen. Das Volk würde solche Politik für verfehlt halten, selbst wenn Graf Bülow für ein derartiges Abkommen in den Fürstenstand erhoben würde.
*Das Telegramm des deutschen Freikorps au den Kaiser.
Gießen, 26. Oktober 1899.
Die in Transvaal ansässigen fremdländischen Unter- thanen konnten natürlich nicht zurückbleiben, als es galt, ihr neues Vaterland gegen englische Anmaßung zu verteidigen, und so haben sich denn verschiedene Freikorps gebildet, welche mit hinausgezogen sind den Engländern entgegen. Daß die Deutschen Transvaals hierbei nicht die letzten waren, ist eigentlich selbstverständlich; unter dem Obersten Schiel sind sie bereits im Kampf gewesen, wobei ihr Führer in
die Schar durcheinander, das Gewehr trägt jeder, wie er will, und mancher hat sein Schätzchen am Arm, das ihm weinend bis zum Bahngleis das Geleite giebt. Ganz poetisch, aber nicht recht militärisch. Jedoch die Engländer sagen, darauf käme es nicht an, der Gamaschendienst habe für die Kolonieen keinen Wert, und diese langsam hinschlendernden Pfeifenraucher schlügen sich jenseits der Troper» wie die Teufel. Warten wir es ab ... .
Der erste Sieg! . . . Der Nebel war gewichen, und in vollem Glanze lag Trafalgar Square vor mir. Das wundersame Stadtbild war heute noch reizvoller, noch lebendiger als gewöhnlich. Längs der Nationalgalerie, St. Martin gegenüber, promenierten die Werber in roten Röcken, leicht sich in den Hüften wiegend, halb Verführer halb Gentlemen. Drunten auf dem leicht sich gegen Whitehall neigenden Asphalt tausende von Menschen im zwanglosen Durcheinander. Ueber die Ballustrade des Museums gebückt, auf den Stufen der Kirche, auf den Plätzen der Denkmäler sitzend, sahen sie der Schmückung der Nelsonsäule zu. Schon hatten die vier riesigen britischen Löwen LandseerS ihre gigantischen Kränze im Maul, als wollten sie den Lorbeer pfundweise fressen, und hoch und immer höher wanden sich bis zur Statue des größten Seehelden die Festons, als strebe die Gegenwart zum Ruhme der Vergangenheit empor. Mit bleichen, skeptischen Strahlen übergoß die Herbstmittagsonne die Züge des Admirals. Dutzende Händler durchdrängten die Menge: Die einen boten Nen- abdrücke der Nummern der „Times" aus dem Jahre 180» aus, die den Sieg von Trafalgar meldeten, die andern kleine Union-Jacks und sonstige patriotische Abzeichen fürs


