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27/08/1899 Drittes Blatt
 
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aber im Leben und im Angesicht des Todes treu stehend zu seinem Volke, für das er gelebt und gekämpft hat bis zum letzten Atemzuge.

Erreicht hat ferner Goethe in poetischer Gestaltung das Unerreichbare, den höchsten Preis in der Dichtung, in welcher er uns das treueste Bild deutscher Gesinnung und deutschen Lebens gezeichnet hat: in Hermann und Dorothea. Keiner aber von unseren Dichtern verdient so sehr den Namen Frauenlob, so sehr die Anerkennung weiblicher Herzen, wie Goethe. Vor allem strahlt in dem Glanze einer Heiligen Iphigenie, die durch ihre Milde und Würde, ihre Größe und Freundlichkeit das Herz des Bar­baren besiegt. Und wiederum, welch seelenvolles, wahres Bild des männlichen Charakters bietet uns der Tasso. Da erhält der praktische Mann seinen Preis, aber wir lernen auch lieben das Gemüt des Mannes, der auf dem Meere der Leidenschaft umhertreibt, dem aber der Genius es gab, das Leben zu befruchten. Der wahre Dichter singt, was ihm gegeben wird.

So hat es Goethe wiederholt ausgesprochen, daß seine Dichtungen Bruchstücke von Selbstbekenntnissen, von Erleb­nissen sind, durch die Kunst der Dichtung geläutert und frei gestaltet. Ein solches Bild der Zeit giebt er uns in den Wahlverwandtschaften. Da sehen wir eine Gesell­schaft aus den höheren Ständen, die ohne Halt ihre Seele der Leidenschaft der Naturtriebe zur Beute übergiebt. In wunderbaren, ebenso kunstreichen, als lebensvollen Bildern zeigt uns Wilhelm Meister, daß der Mann strebend.

macht, die ihn bestimmen mochte, später eine gewisse Zurück­haltung anzunehmen. Seine Eigenheiten hatte er so gut, wie alle großen Männer. Ein Buch genau mit einem Um­schläge zu versehen, ein Packetchen zierlich zu umhüllen, einen Kupferstich einzufassen, gelang wohl selten jemand besser als Goethe. Auch schrieb er nie auf einen Bogen Papier, wenn derselbe nicht accurat beschnitten war. Das Geheimnis hatte für ihn einen großen Reiz. Daher seine Verschwiegenheit in Beziehung auf sich selbst und aus andere. Die Wahrheit, der Goethe in Kunst und Natur nachrang, schmückte auch seinen Charakter. In alle Zustände wußte er sich leicht zu finden, allem eine poetische Seite abzuge­winnen. Seiner geistigen Kraft war bis zuletzt kein Still­stand geboten. Auch seine körperliche Erscheinung war von dem Alter nur wenig gebeugt. Da kam leise die Stunde des Abschiedes. Um Frühlingsanfang, am Donnerstag, den 22. März 1832, gegen Mittag, brach das Auge des Heros, der dem Vaterlande und der Welt gleichmäßig an­gehört.

In ganz Europa aber, ja, in der ganzen Welt wurde die Nachricht von Goethes Tod mit ehrfurchtsvoller Trauer aufgenommen; Deutschland vor allem fühlte, daß es seinen Dichterkönig verloren und daß Jahrhunderte vergehen müssen, bevor zum zweitenmake ein so harmonischer, gebildeter Geist geboren wird. Inzwischen sind uns seine Werke, ist uns sein Gedächtnis geblieben; suchen wir beide würdig zu be-

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suchend, irregehend, mehr durch die unbewußte Wahrheit in seiner Natur, als durch eigenes Wählen zum rechten Ziele gelangt. In Dichtung und Wahrheit schildert er sein eigenes Leben und die Umstände, die zu seiner Bildung beigetragen. Endlich sei noch jene Dichtung erwähnt, wie nur Italien in seinem Dante ein Aehnliches aufzuweisen hat. Sie ist so tief, so geheimnisvoll, wie die menschliche Natur selber. Faust ist der Mensch, der vom Himmel die schönsten Sterne und von der Erde jede Lust fordert, der, den Stachel der Unendlichkeit in der Brust, nirgends eine bleibende Stätte findet, bis seinem rastlosen Streben die Gnade von oben rettend entgegenkommt. Es ist in diesem kleinen Rahmen unmöglich, die unermeßliche Bedeutung Goethes allseitig hervorzuheben. Aber das sei noch aus­gesprochen, daß in seinen Schriften ein Schatz des reinsten Goldes unserer Sprache niedergelegt ist und daß uns in ihnen eine unbeschreibliche Wahrheit und Lauterkeit der Dar­stellung entgegentritt. Auch spiegelt sich in keinem Dichter die Zeit so klar und richtig ab, als in Goethe.

Werfen wir schließlich noch einen überschauenden Blick auf das Leben des großen Mannes, so müssen wir zugestehen, daß er als Gelehrter und Künstler leistete, was im gleichen, Grade nur selten ein Mensch leistet und leisten wird. Aber gerade wegen dieser Vorzüge erhoben sich um so öfter Stimmen die ihn als Menschen zu verdächtigen suchten. Doch um ihn richtig zu beurteilen, mußte man ihn näher kennen lernen. Von Natur früher reizbar, empfänglich, ja überwallend, hatte er so manche schmerzliche Erfahrung ge-

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