Ausgabe 
27.8.1899 Drittes Blatt
 
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1899

Sonnlaa den 27. August

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Amts- und Anzeiseblatt fiw den Aveis Gieren

imfeit abgestorben, im politischen yaoer zerrißen . »uimu sinnlicher Lust übersättigt worden ist. Sein Wirken | bevor.

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Geburtshaus G bhhes zu Frankfurt o. H.

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wir den Tag in seiner rechten Bedeutung als ein Fest des Lebens, als ein Zeugnis, daß dies Leben, welches der 28. August 1749 erweckte, nicht nach den Gesetzen irdischer Vergänglichkeit dahin geschwunden ist, sondern in jedem neuen Geschlecht, das die Erde betritt und den Kreis seines Daseins vollendet, aufs neue seine unvergängliche Wirksam­keit fortsetzt, mit jedem Jahrhundert neu geboren wird.

Richten wir daher am heutigen Tage unseren Blick auf das, was Goethe für seine Nation, für die Welt er­rungen hat, denn das ist es, was uns von ihm bleibt. Was er geschaffen und gewirkt, seine geistigen Errungen­schaften sind für immer mit unserem geschichtlichen Bildungs­prozeß verschmolzen. Er hat das Bündnis zwischen Wissen­schaft und Poesie neu begründet und bekräftigt; er hat einer nach allen Richtungen auseinanderstrebenden Menschheit in seinem eigenen Wesen das Beispiel der reinsten Harmonie aller Geisteskräfte gegeben, und er erhebt, wie Schiller in anderer Beziehung sagt, des Lebens flach alltägliche Ge­stalten und die gemeine Wirklichkeit der Dinge in das Ge­biet der Dichtung, und ist daher vorzugsweise geeignet, den Geist in jugendlicher Frische zu erhalten, so lange er nicht in der Kümmerlichkeit des Broderwerbs und einer sterilen Gelehrsamkeit abgestorben, im politischen Hader zerrissen

steht als ganzes vor unserem Blick, wie eine ehrwürdige Halle der Vorzeit. Rings winken hernieder die herrlichen Gebilde der Kunst: Götz, Egmont, Iphigenie, Tasso, Her­mann unb Dorothea, Wilhelm Meister, Faust und er­füllen mit Bewunderung die Seele eines jeden, der es ver­dient, in diese Halle einzutreten. Unseres Studiums wert, gewinnt er immer mehr in unserer Schätzung, je mehr von ihm bekannt wird;-was er spricht," urteilt ein Zeitgenosse, ist noch größer, als was er schreibt, und was er lebt, noch größer, als was er spricht."

Auf den von ihm bestellten Boden führte er seine Schöpfungen auf, in welchen sich das Geistesleben der Nation und sein eigener Bildungsgang widerspiegelt, und einem Helden gleich begann er Kämpfe und Mühen mit dem Leben, in denen seine großen Kräfte sich entfalteten, aus denen sein Genius sich emporrang und einen herrlichen Bau emporsteigen ließ. Deshalb steht sein Thun in unserer Erinnerung fest, und sein Name wird ewig dauern in den Zeitbüchern der Menschheit. Deshalb ist uns sein IbOjähriger Geburtstag ein Tag verehrungsvoller Liebe. Auf keinen Sterblichen aber läßt sich das, was Goethe gesungen, mit vollerem Rechte anwenden, als auf ihn selbst:

Es wirkt mit Macht der edle Mann

Jahrhunderte auf seinesgleichen;

Denn was ein guter Mensch erreichen kann, Ist nicht im engen Raum des Lebens zu erreichen. Drum lebt er auch nach seinem Tode fort

Und ist so wirksam, als er lebte, Die gute That, das schöne Wort, Es strebt unsterblich, wie er sterblich strebte."

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Nr. SOI Drittes Blatt.

Au Goethes 150 jährigem Geburtstage

am 28. August 1899.

Mitten in den Wirrnissen unserer Zeit erfüllt es uns mit einem erhebenden Gefühle, einzutreten in die Ruhmeshalle der Vergangenheit, in ihr die Seele mit heiteren Bildern zu erfrischen und an dem Großen und Schönen, das sie aufbewahrt, Mut und Vertrauen zu neuer Hoffnung zu be­leben. Ein solcher mahnender Ruf der Vergangenheit dringt heute zu uns! Zu einem Feste wird der heutige Tag, an dem vor 150 Jahren einer der größten Männer Deutsch­lands, Goethe, ein Genius, wie er einer Nation nur in Zwischenräumen von Jahrhunderten geschenkt zu werden pflegt, sein Leben begann. Ueberall, wo bei den Namen der großen Männer unserer Nation die Herzen noch höher schlagen, wird dieser Tag dnrch ein dankbares Andenken geweiht, mehr mit der einfachen, prunklosen Erhebung des Geistes, wie es des großen Mannes würdig ist, als mit dem äußeren Pomp, darunter man oft das Nichtige mit dem Schein der Größe zu umgeben sucht. Und jetzt, nach­dem längst seine irdische Hülle in den Staub zerfallen, nachdem sein geistiges Sein und Wirken mehr und mehr zur vollen Klarheit hervorgctreten ist und die Stimmen des Neides und der Beschränktheit verstummt sind, jetzt begehen

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Ausland.

Rambouillet, 24. August. (Telegr. derKöln. Zig.) Beim Empfange der Mitglieder des Arrondissementsrats sagte Loubet, er habe nicht ohne tiefe Trauer gesehen, daß die Verwirrung der Gemüter Unruhen auf den Straßen hervorgerufen; aber man dürfe deren Bedeutung weder übertreiben, noch sich der Entmutigung hingcben; er habe die feste Ueberzeugung, daß das Ende der Beunruhigungen nahe sei. Die von der Regierung ergriffenen Maßnahmen bewiesen, daß sie fest entschlossen sei, die Republik zu ver­teidigen, indem sie den öffentlichen Frieden schützt und die Achtung vor den Gesetzen sichert. Das ganze Land werde sich beugen müssen vor dem- in vollständiger Unabhängigkeit abgegebenen Spruche des Kriegsgerichts in Rennes. Die Abgeordneten des Volkes würden bei diesem Werke der Ver­söhnung und Beruhigung, das in dem höher» Interesse des "Vaterlandes nötig sei, mitarbeiten.

Kopenhagen, 25. August. Gestern ist der Rücktritt des langjährigen Direktors im Ministerium, des Aeußeren, Geheimrat Wedel, unter besonderer königlicher Auszeich­nung für treue Dienste erfolgt. Sein Nachfolger ist der Kammerherr Krag. Auch steht eine partielle Ministerkrists

Feuilleton.

Johann Wolfgang von Hoethe.

Ein Gedenkblatt zu seinem 150jährigen Geburtstage am 28. August 1899.

Selig, welchen die ©öfter, die gnädigen, vor der Geburt schon Liebten, melden als Kind Venus im Arme gewiegt, Welchem PhöbuS die Augen, die Lippen Hermes gelöst. Und das Siegel der Macht Zeus auf die Stirne gedruckt. *)

Schiller.

Welch' ein Bild tritt uns heute mit verjüngter Kraft vor die Seele! Ein und ein halbes Jahrhundert liegt zwischen uns und dem Tage, wo uns Goethe bei glück­verheißendem Stande der Gestirne geboren ward. Fast ein Jahrhundert lang gönnte der Himmel dem deutschen Volke diese mächtige und milde Erscheinung; Goethe erfüllte in dieser Zeit Deutschland mit seinem Ruhme, und Deutschlands Ruhm ward durch ihn, während die Nation in tiefer Schmach begraben lag, in die Welt hinausgetragen. Ein spätes Greisenalter ward ihm gewährt, und bis zu dem letzten Augenblicke seines Erdenlebens ward er gefeiert von seiner

*) Diese Verse stehen auf dem Postament derjenigen Büste Goethe's, welche, vom französischen Bildhauer Daviv gearbeitet, in der Halle der weimarischm Bibliothek neben der Danneckei schen Büste Schillers ausgestellt ist.

frf4d*t Hgfi4 mit Ausnahme deS Montag».

Die Gießener

Aamikienßkttter »erben dem Anzeiger wöchentlich viermal beigelegt.

Nation und von den edelsten Geistern in fremden Völkern. Auch heute noch ist sein Ruhm lebendig! Indem wir das Andenken großer Männer ehren, wird alles Herrliche und Gewaltige, was sie geleistet, in unserer Seele wach Sie richtet sich an den Schöpfungen derselben auf, und die Be­geisterung verjüngt sich. Das Bewußtsein, daß sie die unseren sind, wird dadurch im Volke heimisch, gleichsam sein Pulsschlag und Lebensodem, und indem sich ihr Geist von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzt, verwächst er mit der gesamten geschichtlichen Entwickelung. Die Liebe und Ver­ehrung großer Männer wird auf diese Weise eine bildende Macht, welche die sittliche und geistige Existenz emes Volkes nicht verkommen läßt. Dies gilt vorzugsweise vort den Dichtern. Wie sie aus der ungeteilten Fülle des Lebens schöpfen, und ihre Werke der Ausdruck und Spiegel semes vollen Gehaltes sind, so können sie ohne wettere Vor- bereitung, ohne Fachkenntnis von allen genoffen werden, welche noch nicht in dem materiellen Genuß geistig ab­gestorben sind. Die Dichtung, diesesweltliche Evangelium , ist wie das Licht und die Luft, ein erquickender Genuß aller, die noch ganze Menschen sind.

Wenn man bei einem anderen Gegenstand um den Stoff »erlegen fein kann, fo wird man von diesem be, Goethe s Gedenken überwältigt, denn es drängt sich hier mcht nur die Fülle seiner Werke, sondern auch eine ganze Lttteratur seiner Leistungen zusammen. Wie könnte man den Reichtum

Goethe'scher Dichtung, ihre unverfälschte Wahrheit, die seelenvolle Verbindung, in der in ihnen menschliches Sem und Thun mit den heiligen, unverletzlichen Gesetzen der Natur steht, preisen. Da steht gleich am Eingänge der biedere, treuherzige Götz mit seiner Freihettsliebe und Treue, die in deutscher Ungefügigkeit und Starrheit es nicht über sich vermag, die alte Gewohnheit des selbständige« Ritters aufzugeben, sich der Notwendigkeit der neuen Ord­nung zu fügen, und so durch das Edelste seiner ritterlichen Natur, treues Festhalten an älter Sitte und Freiheit, dem unvermeidlichen Untergange entgegengeht. Und daneben das Bild eines Menschen der weichen, erschlaffenden Zeit, der im Genuß seiner selbst aufgeht und nichts Höheres kennt, als den Befehl seines Herzens, das seine Forderungen und Wünsche zum Gesetz macht, wie wir es im Werth er sehen. Wie durch Eingebung hat der junge Dichter den Abgrund eines Lebens geschildert, welches die Wünsche und Triebe eines Herzens höher stellt, als die ernste Stimme des Sittengesetzes.

Was sollen wir von seinen Liedern Tagen ? ©ie umfassen das ganze Dasein, die stille Freude und die höchste Lust, wie den tiefsten Ernst, alles, was durch die Brust eines Menschen zieht. Auch das große Thema der Vol - geschichte, den Kampf um die Freiheit hat sein.Gedicht ge­feiert Und dann die herrliche Gestalt eines Egmont, seinem Herrn und der Pflicht die schuldige Treue bewahrend.

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