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27.4.1899 Zweites Blatt
 
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Donnerstag den 27. April

1800

Zweites Blatt

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Fernsprecher Nr. 51.

lefc iilwc boo Anzeigen zu bei nachmittag- für ben Tag erscheinenben Nummer bi» vor». 10 Atzr.

Amerikanischer Uebermnt.

Lett dem Beginn des spanisch-amerikanischen Sieges iiflk sich ii gewissen Schichten des Aankeetums eine Animosität g«SN;a Deutschland breit gemacht, welche nur schwer zu er* H6lo ist. Spanien hatte uns zu besonderen Sympathien geir Ifl« Veranlasiung gegeben, im Gegenteil, es hatte bei exdlii nvirtschaftlicher Beziehung manches auf dem Kerb- yv!,.^ Trotz alledem sah man in Amerika in jedem Deut- idfrosi einen Gegner, und jeder Vorfall wurde nach Mög- Ii-Mtt e »«genutzt, um die Feindseligkeit Deutschlands gegen« iV «hei. Bereinigten Staaten zu beweisen. Insbesondere biti> von der Anwesenheit des deutschen Geschwaders .wr Kamila. ES sollte Partei genommen haben für die »tirilier, und großes Geschrei entstand darüber, daß ein btitlfofl Kriegsschiff den spanischen Oberkommandierenden rtai Philippinen, den General Augustin, an Bord ge- 011mm und in Hongkong ans Land gesetzt hatte. Aber bi ex Stiche Loyalität ließ sich trotz dieses Geschreis nicht '*n£-4ftn, da unsere Zkriegsschiffe nur im Dienste der Mensch- lidHltit gehandelt, sonst aber volle Neutralität beobachtet ha'<1».

Vr gereizt noch in vielen Kreisen Amerikas die Stim- gegen Deutschland ist, das hat neuerdings eine Brand- . k de» von den Philippinen zurückgekehrten Kapitäns j «gsla» bewiesen. Der Mann war freilich zweifellos stark .'irrnnltm, als er die Rede vom Stapel ließ, und deshalb <> ij mein die Sache nicht so tragisch nehmen. Aber trotzdem .ft j to Auftreten des Kapitäns ein so unqualifizierbares, daß , «er Sühne bedarf. Zur Sache selbst darf man wohl .-neuern, daß das, was Kapitän Coghlan über das Ver- ttäiätnt zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Ge- ich'Mdcr vor Manila zum besten gab, eine Finte ist. Kein hetutj^i Flottenbefehlshaber hätte sich das bieten lasten, waiNLsichlan dem Admiral Dewey in den Mund legte. Der beuiiftc Seemann ist stolz auf seine Flagge, und wenn bicoj|( tont den Amerikanern nur nach der Zahl der Ellen bc£*i taju verwendeten Stoffes bewertet wird, so ist das :brt« guodje. Wir bleiben bei unserer idealen Auffassung des« Leites der Flagge.

to ß derartige Vorkommnisse wie die Coghlan'sche Rede nicG dcizu beitragen können, die Beziehungen zwischen T)ci'nlid}Lanb und der nordamerikanischen Union zu bessern, ist * ntlärlich. Das Verhältnis ist immerhin noch etwas ge- pc-in.nl -anläßlich der Dinge auf Samoa. Europa aber kann einmal erkennen, was es von den ehrenwerten Aankees roairten hat; es scheint an der Zeit zu sein für die uiTiMs'chen Staaten, eine Monroe-Doktrin einzuführen gecW amerikanische Nebergriffe und gegen den Uebermut bett: ZMkeeS. (xx)

Hessischer Kandtag.

Zweite Kammer der Stände.

nn. Darmstadt, 25. April 1899.

Die Sitzung wird um Vs11 Uhr eröffnet. Am Ministertisch Staatsminister Rothe, die Mtmstertalräte Krug zu Nidda, Deisinger, Bittelund Regierungs­rat Rhode. Die Tribünen sind dicht besetzt.

Zur Tagesordnung steht die Reform der Steuer- gesetze, insbesondere die Abänderung des^Einkommensteuer- Petzes. _ Präsident Haas teilt dem Hause mit, daß er über die ganze Steuerreform eine Generaldebatte eröffnen werde und ersucht die Abgeordneten, ihre rednerischen Leist­ungen nicht zu weit auszudehnen. Abg. Ulrich wünscht, daß das Weinsteuergesetz zuerst zur Beratung komme, um dabei die Stellungnahme der Regierung kennen zu lernen und ob dieselbe auch ohne die Weinsteuer die Steuerreform durchführen werde. Erst wenn man diese Erklärung habe, laste sich auch über die anderen Steuergesetze verhandeln. Staatsminister Rothe erklärt, der Herr Finanzminister könne leider die einzelnen Steuergesetze nicht selbst vertreten und habe Ministerialrat Krug dieses Amt übernommen. Schon seit Jahren sei es die Aufgabe der Regierung ge­wesen den von der Kammer gewünschten Steuerreform-Plan dem Hause vorzulegen. Er habe in seinem Leben niemals eine Verantwortung von sich abzuschieben versucht. Er sei zwar kein Finanzminister, aber die Aufgabe habe et als Staatsminister, darüber zu wachen, daß die Finanzen des Landes sich in ordnungsmäßigem Zustande befinden. Er sei sich dieser Verantwortung voll und ganz bewußt. Mit voller Wärme sei er daher auch für die vorliegenden Steuer­reformen eingetreten, als ihm daher von dem Herrn Finanz­minister mitgeteilt wurde, daß er seinen Reformplan durch­führen könne, wenn die ganzen Steuergesetze als eine Sache und ohne Lostrennung voneinander behandelt würden. Auch das Staatsministerium habe nach reiflichen Erwägungen der Steuerreform in ihrem ganzen Zusammenhang zu­gestimmt, und die Regierung habe es als ihre Aufgabe betrachtet, daß sich auch im Lande frei und offen die Meinung über die Steuerreformen äußern sollte. In der Hand des Hauses liege jetzt die Entscheidung. Als Minister habe er aber die Ueberzeugung, daß eine Steuereform nur durch A nlehnung an das preußische Steuer­system durchgeführt werden könne. Er spricht den Wunsch aus, daß das Haus mit derselben Mäßigung an die Reformen herantreten möge, wie sie der Ausschuß bei seinen Beratungen bewahrt habe, und daß diese Beratungen zum Wohle des Landes ausfallen möchten. (Bravo.) Geh. Staatsrat v. Krug gibt dem Hause einen erschöpfenden Bericht auf Grund des gestrigen Finanz-Exposss und spricht

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die Hoffnung aus, daß es sich ermöglichen laste, die ganzen Steuergesetze nach den Regierungs-Vorlagen unter Dach und Fach zu bringen. (Bravo). Abg. Reinhardt stimmt dem Herrn Staatsminister zu, daß eine ruhige und sachliche Debatte der ganzen Sache nur nützen könne, und daß die draußen hoch gehende Agitation nicht in die Kammer bringen möge. Seit Jahrzehnten habe die Kammer nach Steuer­reformen gerufen. Jetzt sei die Regierung mit diesen Reformen hervorgetreten, welche den wirtschaftlichen Derhältnisten ent- sprechen, um die Stabilität des Landes zu sichern. Diese Reformen seien gerecht, da mit denselben die Reallasten beseitigt und durch Erhöhung der Einkommen- und Ver­mögenssteuer ersetzt werden sollen. In der Ausbildung der Progression erblicke er die Gerechtigkeit der Steuerveranlagung. Er ist für Einführung der Vermögensteuer weil er sie für gerecht halte. Auch für Stempelsteuer, Hundesteuer und für eine Klassen-Lotterie werde er stimmen. Im Ausschuß sei man über diese Steuern einig, und nur bezüglich der Weinsteuer sei dies nicht der Fall. Nach der Erklärung der Regierung befinde sich dieselbe in einer außerordentlichen Zwangslage. Im Jahre 1894 habe das Haus die Wein­steuer abgelehnt, weil man sich damals den Abstrich von 300000 leisten konnte, weil noch 20 Millionen Ueberschuß in der Staatskasse waren. Jetzt sei dies anders geworden, denn die Regierung lebe jetzt tatsächlich von der Hand in den Mund. Er halte es für ein Unglück für das Land, wenn hier nicht Wandel geschaffen werde. Wenn daher in dem Haus Ersatzmittel für die Weinsteuer nicht oefunben würben, bann werbe er als Vertreter des ganzen Landes der Weinsteuer zustimmen. Ucber die Agitation wolle er keine Kritik üben, aber das sei sicher, sie sei weit über das Ziel hinausgegangen. Wenn man dabei einzelne Abgeordiiete auf Grund der Agitation ge­zwungen habe, ihr Mandat niederzulegen, so sei dieses eine Ausartung ja eine Bedrohung der Volksrechte, und das sei verwerflich. (Bravo.) Abg. v. Brentano spricht sich mit Entschiedenheit gegen das Weinsteuergesetz aus, weil die Art der Besteuerung ungerecht und nur vom kleinen Winzer zu tragen sei. Dagegen wird er für die Einführung der progressiven Einkommensteuer stimmen, da ohne jede Gefahr eine Erhöhung der hohen und höchsten Einkommen um 50 Prozent wohl eintreten könne. Ihm sei es auch nicht bedenklich, wenn bann von ben kühlen Millionären ber eine ober anbere aus Hessen auswanbern werde. Der Groß- herzoglichen Regierung solle kein Vorwurf wegen der Steuer­projekte gemacht werden, aber für seine Partei sei es sicher, daß man auch ohne die Weinsteuer die geplante Steuer­reform durchführen könne, wenn nur die Regierung dieses wolle. Werde dennoch von derselben an der Weinstener festgehalten, so könne er schon heute versichern, daß auf dem nächsten Landtag gegen dieselbe wieder sich ein neuer Sturm

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Feuilleton.

Arankfurter Arief.

Ortginalbertcht für den .Gießener anjrißer-.

(Nachdruck verboten.)

Deck LettinKraueubildnng Frauenftudium" unb die Fragt bet« Mchengymnafieu. Die Neueinstudierung derNora".

Dr. M. Die Frankfurter Ortsgruppe des Vereins ^F-.sH!:!»bildung-Frauenstudium" zählt 132 Mitglieder, und battf fiit ihrer Konstitution eine sehr rege propagandistische THDtzlent entfaltet. Die neuen entgegenkommenden Ent- schkMnzen des Unterrichtsministers, sowie die Thatsache, baf4s7i verschiedenen größeren deutschen Städten, nach dem «olnage von Karlsruhe, Mädchengymnasien und Gymnasial- freqjinS geben treten, so in Hannover, Köln, Königsberg rc. fichiM her Frage volle Aktualität, und gaben der Ver- saniMlmg in der Rosenau am Mittwoch, in welcher Frau PrckMir Edinger über Erweiterung und Vertiefung der Fr»ftmb°ildung sprach, ihr Gepräge.

toß Korreferat hatte Pfarrer Rade, der Heraus- 6ebra herChristlichen Welt", welcher seinen Wohnsitz von Krmchmt nach Marburg verlegt hat unb sich ausschließlich seirv-Blatte unb besten sozialen Aufgaben zu wibrnen beab- sichich! DieFrauenftage-, zu welcher er jetzt auch näher StLrhigg zu nehmen gebenkt, hält er für eine brennenbe, unlüo mitrat in ber Rosenau ben Stanbpunkt, baß bie unb auch bie deutschen Frauen, trotz ihrer an- gel-ch Biefferen Schulbildung, noch viel von ben Engländern

in Bezug auf Thatkraft und praktischen Blick lernen könnten. Diesem Loblied auf den Anglicismus und seine Bildungs­mittel widersprach lebhaft ein Gymnasiallehrer, welcher in feinen Erörterungen mit Recht hervorhob, daß die Engländer ja selbst dahin gekommen wären, einzusehen, wie mangel­haft und unzulänglich ihre Bildungsanstalten und Lehr­methoden beschaffen seien, im Vergleich zum deutschen Schulwesen.

Im Laufe der Erörterungen des Abends die Dis­kussionen leitete Fräulein Elisabeth Winterhalter Dr. med. gelangte man zur allgemeinen Anerkennung des Grundsatzes, daß für die Mädchen, gleichviel, welche Anschauungen man dem Gymnasium gegenüber hegt, ob man es für eine noch zeitgemäße oder bereits überlebte Lehranstalt betrachte, zunächst eine den Knaben gleich­wertige Vorbildung zu erstreben sei, um allen Ein­wänden und Bedenken, die sich dem Ergreifen wistenschaft- licher Berufe und dem Besuche der Universitäten entgegen- stellen möchten, siegreich begegnen zu können.

Aus diesem Grunde erklärt Frl. Dr. Winterhalter sich sogar gegen dieGymnafialkurse", und richtet an das Publikum, wofern es Interesse für den Gegenstand faste, die Bitte, mit Nachdruck für bas Vollgymnasium ein­zutreten.

Bei felbftrebenb vielen Berührungspunkten ist im Lager ber Vorkämpfer für bie gymnasiale Bilbung ber Mäbchen im Laufe bet letzten Jahre allerbings eine Scheidung, ein Auseinanbergehen ber Geister eingetreten. Die erste xnb zweite Dorsitzenbe bes VereinsFranenbildung -Franen- stnbium", Fräulein A. v. Doemming, Dr. deut. (Wies-

baben), unb Frl. A. Augspurg, Dr. jur. (München), sowie bie erste Vorsitzenbe ber Ortsgruppe Wiesbaden, Baronesse O. v. Bistram, welche bereits in vielen deutschen Städten mit Beifall aufgenommene Propagandavorträge ge­halten, und Frau I. Kettler, die Begründerin des Hannöverschen Mädchengymnasiums, sind entschieden für Vollgymnasien, während Helene Lange (Berlin), Käthe Windscheid, Dr. phil. (Leipzig), und Ella Mensch, Dr. phil. (Darmstadt), auf Grund ihrer pädagogischen Er­fahrungen mehr benGymnasialkursen" bas Wort reben.

Die im Mai in Baben-Baben ftattfinbenbe General­versammlung bes VereinsFrauenbilbung-Frauenstubium", zu welcher von ber Frankfurter Ortsgruppe Fräulein Dr. Winterhalter als Delegierte entfanbt wirb, bürste über ben Gegenstand noch ergiebiges Material zu Tage fördern.

Mit der Einstudierung derNora", welche ein Herzens­wunsch des Fräulein Triesch gewesen sein soll, hat man sich im Schauspielhause wieder Ibsen genähert. Man sollt« es bei diesem ersten Versuche in der bereits stark vor­gerückten Saison jedoch nicht bewenden lasten; denn erstens befinden sich im Frankfurter Schauspielensemble Künstler, welche Ibsen zu spielen wisten, wie solches in der Vor­stellung von neulich Fräulein Boch (Frau Linden) unb bie Herren Bauer (Helmer), Hermann (Günther) unb Bolz (Dr. Rank) zeigten, und zweitens ist das Publikum all­mählichJbsenreif" geworben, vermag bem spähenden Grüblerblick des einsamen nardischL» Dichters zu folgen, und läßt nicht fürchten, daß die Stimmung versagt.