189»
Sonntag den 26 November
M. 278 Zweites Blatt
ichener
Henerat-AnMer
Amts- unb AnzeiKebl<rtt ffir den U^eis Greben
Maesa^aa
richtet haben.
*
■le Lnzetgen-LeemittiUMißeL« ks I«. hk> ÄmCUekß «rhvrrv Anzeigen für kn Gießener Anzeiger entyf*.
»sb*Nm »•« Anzeigen zu kt ni**ntU|« fit kw gkgeelt* S«| erscheinenden Ihniunet WB Mr*. 1H Liß:.
und wir haben selten so herzlich lachen gehört, wie nach diesen Aktschlüssen, ja, wer sich auf den alten medizinischen Grundsatz eingeschworen yat, daß daS Gesundeste ein fröhliches Gelächter sei, dem ist der Besuch des „Opferlammes" nur zu empfehlen. Freilich muß er gut aufgelegt und in burlesken Uebertreibungen auf das Unmöglichste von allem gefaßt sein, doch der burleske Schwank hat ja seine Berechtigung, die Bühne soll allen Stimmungen gerecht werden dürfen, auch der übersprudelnden Ausgelassenheit. Nur hat das Stück einen Fehler — im letzten Akt fallen die Verfasser aus der Nolle, nämlich insofern, als sie das Burleske verlassen und sich mit der traditionellen Luftspiellösung begnügen. Auch hier giebt es noch manches Amüsante, aber der Akt ist doch im allgemeinen schwach und in anderem Genre gehalten als die vorhergehenden, ohne daß hierzu eine zwingende Veranlassung vorgelegen hat.
Nur um wenigstens mit ein paar Worten den Inhalt zu streifen, sei verraten, daß es sich um drasilfcheVerUgenheits- siluationen handelt. Erich v. Werden, der ein gutes Herz, aber als ehemaliger flotter Reiteroffizier auch eine schneidige Vergangenheit hat, will Adelheid v. Prochnow, einen schweren Goldfisch, heiraten, als am Tage vor der Hochzeit seine bisherige Geliebte, die Kunstreiterin Wanda Bilinski, in Prochnows Rittergut erscheint, um ihren Galan in Verlegenheit zu bringen. Was thun? Wanda wird für eine Frau v. Griebenow ausgegeben, da Griebenows abgesagt hatten. Der Herr Profesior hat sich jedoch nachträglich noch zur Reise entschlossen und kommt zum Entsetzen Erichs plötzlich an. Der gute Profesior, das Opferlamm, muß aus Freund-
GrstiskeLlge»: Meßesrr ZaMüMStter, Der heffrfche Landwirt, ZMer fLr hessische Volkskunde.
Totenfest.
Gießen, den 25. November 1899.
Es ist ein eignes Ding um des Menschen Leben. So lange er in Kraft und Frische Leibes und der Seele einhergeht, kommt es ihm ganz selbstverständlich vor, daß er da ist, und mit der Vorstellung, daß er auch einmal aufhören wird, da zu sein, weiß er nichts anzufangen. Da trifft ihn der Verlust irgend eines geliebten Mitmenschen, und er muß dabei sein, wenn die Leiche desselben in den Sarg gelegt und ins Grab gebettet wird. Und er muß mit dem Gedanken sich vertraut machen: das ist der Weg, der dir auch bevorsteht. Auch von dir wird auf Erden einmal nichts übrig sein als der kalte Leichnam, der seinen Platz im Grabe finden wird. So geht es nun, seit es Menschen giebt; ein Geschlecht nach dem andern kommt auf und stirbt wieder ab. Während wir in der Blüte unserer Jahre rüstig schaffen, sinken die vor uns darnieder, die vor wenigen Jahrzehnten das waren, was wir jetzt sind; und gleichzeitig wachsen zwischen uns die empor, die nach wenigen Jahrzehnten unfern Platz ausfüllen werden. Es ist ein unaufhörliches Kommen und Gehen; und in diesem unaufhörlichen Kommen und Gehen wie viel Trauer und Leid, wie viel Kummer und Thränen für die, denen ihre Teuersten hinweggenommen werden, wie wenig Erfolg und Befriedigung, wie wenig Freude am Leben und Zufriedenheit mit dem Ende bei denen, die da scheiden!
Das sind niederdrückende Gedanken, wie sie sich uns nie stärker ausdrängen als am Tage der Totenfeier, wenn wir die ungezählten Scharen der Trauernden sehen, die in frischer Trauer oder in alten Schmerzen geliebte Gräber pflegen. Wie jammervoll, wenn der Last des Leides, das die Menschheit trägt jahraus jahrein, nichts gegenüberstünde, das sie auszuheben vermag! Wie herrlich, daß wir am Totenfeste wissen, woher wir unfern Trost uns holen dürfen, daß wir den Erlöser kennen, der dem Tod den Stachel genommen und das Leid in Freude verwandelt hat! Wir feiern die Erinnerung an unsere Verstorbenen als ein Fest der christlichen Gemeinde, die freudig bekennt: wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir. Wenn wir wie unser Heiland hienieden unter dem Kreuze gehen und die vielfältige Not der Welt tragen müssen, so gehören wir doch der Welt nicht mehr an und ihre Not kann uns nicht rauben, was wir an ewigen Gütern des Geistes empfangen haben. Wenn uns die Vergänglichkeit des Irdischen, die Frucht unserer Lebenszeit bedrücken wollen, so wissen wir, daß in allem Wechsel und aller Unbeständigkeit doch Glaube, Hoffnung, Liebe bleiben, diese drei. Und jeder liefere Blick in das Leben derer, die wir betrauern, jede ernstere Einsicht in unser eigenes Schicksal zeigt uns, daß in dem scheinbar so nichtigen Erdendasein «ns köstliche Schätze der Gnade unseres Gottes geschenkt,
kums von den englischen Niederlagen in Natal ablenken sollen. Hebet diesen angeblichen brillanten Sieg bringen die Zeitungen spaltenlange Berichte und Leitartikel. Dagegen liegt kein Wort über Ladysmith vor, außer dem total unbeglaubigten Gerücht aus Eingeborenenquellen, White habe Sonntag einen groß« Erfolg errungen. Bei den Sachverständigen herrscht eine be- forgnisvolle Ueberraschung über den plötzlichen Vormarsch der Buren nach Süden. Jouberts Plan erscheint ihnen enorm gewagt und unverständlich, solange er Ladysmith im Rücken hat.
London, 24. November. Ein Telegramm aus Mo- rivier berichtet, die Buren begannen am 23. ds. Mts. früh bei Tagesanbruch die Beschießung des englischen Lagers mit 10 Geschützen. Die Engländer erwiderten das Feuer. Der Kampf dauerte bis 8 Uhr morgens. Um 9 Uhr nahmen die Buren das Feuer wieder auf. Der Arlilleriekampf dauerte bis spät in den Nachmittag hinein. Die Buren sollen indesien wenig Schaden ange-
Atzreffe für Depeschen: Anzeiger Glrßtt, Fernsprecher Nr. 51.
schäft zu Erich den Gatten der Kunstreiterin spielen, al« plötzlich sein eigenes junges Weib, das ihm nachgereist ist, unerwartet auf der Bildfläche erscheint. Zum Glück für Erich hält seine Schwiegermutter die Dame für die neuengagierte Stütze der Hausfrau, die Frau Professor — auch ein Opferlamm — geht notgedrungen auf die Verwechslung ein, um Erich nicht zu ruinieren, und nun löst eine Verlegenheit die andere ab, bis im letzten Akt der Forsteleve Hans v. Prochnow sich für Erich opfert und das Erscheinen Miß Wandas auf seine Rechnung nimmt. Der Hochzeit steht nichts mehr im Wege. Die tollen Verlegenheitsszeneu sind sehr kühn erfunden und geschickt aneinander gerecht.
Die Aufführung war von der Regie (Herr Steinert) offenbar mit großer Sorgfalt vorbereitet, und sämtliche Darsteller spielten mit bester Laune. Herr Wilhelmi — unser unverwüstlicher Komiker — Halle sich zu der Rolle des Opferlammes hergegeben, übrigens für ihn eine sehr dankbare Aufgabe. Flott und gewandt gab Herr Steinert den in Verlegenheiten schwebenden Bräutigam, während Frl. Hammer durch ihr pikantes Aeußere und ebenso pikantes Spiel imponierte. Frl. Duve als Hildegard war ebenfalls eine ganz prächtige Figur; besondere Anerkennung verdient ihre Haltung im letzten Akt, wo sie der recht schwierigen Szene jungferlicher Aufregung in vorzüglicher Weise gerecht wurde.
Der uns zur Verfügung stehende Raum verbietet uns ein näheres Eingehen auf die Leistungen der einzelnen Darsteller. Wir bemerken nur, daß sie alle ihre volle Schuldigkeit gethan haben und jeder an seinem Teile ja
*
Telegramme.
London, 25. November. Die Buren errichteten an der Südgrenze des Oranje-FreistaateS bei der Norval- Brücke ein großes Lager in Erwartung einer aus Eastlondon gegen Colesberg aurückeuden (Solenne. Der Kriegs Korrespondent der „Westminster.Gazette" telegraphiert seinem Blatte, daß Lord Mcthuen sämtliche, auch die vom Kriegsminifterium mit Nachrichten versehenen Bericht- er st alter vom Schauplätze des Kampfes fern gehalten habe. Damit stimmt zusammen, daß die einzige Zeitungsdepesche, die bisher eine Beschreibung des sogen. Sieges bei Belmont brachte, die der „Daily Mail", kein Datum trug, also ein Londoner Fabrikat war.
— „Daily Chroniele" meldet, das Kabinett habe beschlossen, daß die Basis des Friedens ein vereinigtes Südafrika nach dem Muster des Dominiums in Kanada ft in soll. Jeder Staat soll die lokale Selbstverwaltung behalten bei gemeinschaftlichem Wahlrecht gegen Leistung des Treu-Eides an England. Jede Kolonie erhält einen Gouverneur und das gesamte Dominium einen Bieekönig. Doch sei der Plan noch nicht endgiltig sestgestellt.
— Der Korrespondent der „Times" berichtet aus Moois River vom gestrigen Tage, daß die englischen Truppen resultatlos versucht haben, die Buren südlich von Esteourt zu verdrängen. Es fanden mehrere Vorposteu- gefechte statt. Auf beiden Seiten gab es Tote und Verwundete. Der Angriff auf Willow-Grove war ebenfalls nur ein Vorpostengefecht. Später griffen zwei Regimenter englischer Füsiliere ein. Auf englischer Seite gab es drei Tote und vier Verwundete.
— Die Blätter heben bei Besprechung des Sieges bei Belmont hervor, daß die Buren wieder Zeit und Muße hatten, ihre Toten mit zu nehmen, und sich in vorzug-
hohe Ziele der Vollendung unseres Wesens gesteckt sind. Das zeitliche Leben erkennen wir dann als die edle Gabe des gütigen Gottes, der uns für sein Reich und das Leben in seiner Gemeinschaft ^bereiten und vollenden will. Und wir freuen uns, daß wir unsrer Lieben gedenken dürfen mit den Worten himmlischen Trostes: die mit Thränen säen, werden mit Freuden ernten. Und: die Liebe höret nimmer auf.________________________
* Vom Kriegsschauplatz.
Brüssel, 24. November. Der Londoner Korrespondent der „Judep." telegraphiert seinem Blatte Folgendes: In hiesigen politischen und diplomatischen Kreisen spricht man heute von nichts anderem, als von der Zusammenkunft, welche im Schlosse Windsor zwischen Kaiser Wilhelm und Chamberlain in Anwesenheit des Grafen Hatzfeldt stattgefunden hat. In gut unterrichteten Kreisen wird bestimmt behauptet, Kaiser Wilhelm habe in aller Form und im Namen der Großmächte die Vermittlung zur Schlichtung des südafrikanischen Streites angeboten. Der Korresp. fügt hinzu, Chamberlain habe im Laufe der Unter-, redung die Bestimmungen festgestellt, unter welchen England den Frieden annehmen könne (d. h. wohl „müsse"). Chamberlain soll vom Ministerrate mit dieser Angelegenheit be traut worden sein, weil er der Hauptschuldige in der Transvaalfrage ist. Die Thatsache, daß Chamberlain vorher eine Unterredung mit Lord Salisbury hatte, und daß Graf Hatzfeldt trotz seiner Krankheit nach Windsor gekommen ist, lassen angeblich darauf schließen, daß diese Gerüchte richtig sind. Die Haltung der Presse, die während der letzten 2 Tage Friedensgerüchte verbreitete, ließe ebenfalls auf eine Richtigkeit dieser Nachrichten schließen.
Brüssel, 24 November. General Methuens Versuch, im Morgengrauen gestern Belmont zu stürmen, wurde von den Buren glänzend abgeschlagen. Seine Meldung, daß er einen Sieg erfochten habe, ist eine offenbar absichtliche Entstellung der Th atsachen. (Wie wir vorausgesagt hatten. D. Red.) Die Garden gingen in das Lager am Oranjeflusse zurück, 22 Gefangene und einige 300 Tote und Verwundete auf dem Kampfplätze lassend, darunter den Brigadegeneral Festonchaugh und 6 Stabsoffiziere. Außerdem sind 22 Garde Offiziere tot oder schwer verwundet.
London, 24. November. Mehrere Blätter befürchten, daß die Meldung Über den Sieg bei Belmont sich als eine solche heraus st eilen werde, wie diejenige von dem Siege bei Glencoe.
London, 24. November. Der offizielle Bericht Lord Methuens Über die Erstürmung Belmonts von gestern wird hier wieder als eine der bekannten englischen Siegesnachrichten angesehen, welche die Aufmerksamkeit des Publi-
vierteljährlich 2 Mark 20 Wfr monatlich 75 mit tkingerleW- •
Bei Postbezug 2 Mark 50 Pf».
vierteljährlich
Theater.
-r. Gießen, 25. November. Oscar Walter, der ehemalige Dramaturg des Leipziger Stadttheaters, ist als Bühnenschriftsteller im Lause der Jahre überall em gern gesehener Gast geworden. Wer denkt bei dem Namen Walter nicht an die heiteren Stunden, die wohl jeder im „Don Cvsar" verlebte, jene erfolgreiche Operette, zu welcher Walter das Libretto und Dellinger die Musik schrieb. Und wenn nun Walter mit seinen weiteren Arbeiten auf demselben Gebiete — Lorraine, Steffen Langer, St. Cyr rc. — auch nie wieder einen so durchschlagenden Erfolg erzielte wie mit dem „Don Cösar", so waren seine Operettentexte doch stets beachtenswerte Arbeiten, und gar mancher Komponist hätte sich glücklich geschätzt, einen poetisch so begabten und zugleich routinierten Mitarbeiter zu haben.
Mit Leo Stein hat Walttr bereits vor dem „Opferlamm" einmal zusammen gearbeitet und zwar in der allerliebsten Komödie „Fräulein Doctor". Auch in cinfteu Dingen hat er sich versucht, so in seinen Schauspielen „Weihnachten", „Wildes Blut", „Schloß am Meer", „Dunkle Augen", „Mit dem Strome" usw.; doch im „Opferlamm" kehrt er auf seine ihm lieb gewordene Straße zurück, um seiner Kunstgemeinde zu zeigen, daß chn hei all seinem ernsten Streben der Humor, ja noch mehr -er tolle Uebermut noch nicht verlassen hat.
Es ist eine geradezu unbändige Ausgelassenheit, die aus den ersten beiden Akten des „Opferlamms" spricht.
W** ett fcrtwkee Bei *Mt«fi.
W* Mehener
Qörtew km Itajeifer
IkkMva, e^eiitten unk Druckerei:
Kch«tßr«-c Ar. 1.
ijTWiiWMTTTBnr*''Tirmt i—'t-


