Ausgabe 
26.11.1899 Drittes Blatt
 
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Amts« «nd Anzeigeblatt für den Areis Gieren

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lunHaie Injcigen jn der ne^wtttagi fit V» Mgcrtai S«g erscheinenden Nummer Hf tone. 16 Uhr.

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Grsttsdeüasen: Gießemr Familienblätter. Der hrfstsche Landwirt, Klätter für hessische Volkskunde._________________

Seite aus. Der einzigegHoffnungsblick in der österreichisch­ungarischen Politik ist der, daß die leidige Ouotenfrage ihrer Lösung entgegengeht; sonst erscheint alles trübe wie das Novemberwetter.

Vom Kriegsschauplätze in Südafrika find wenig erhebliche Meldungen eingelaufen: Die Buren rücken weiter vor und sind thalsächlich Herren von Natal. In­wieweit die Afrikander Kaplands mit den Buren gemeinsame Sachen machen, läßt sich nicht feststellen. Jedenfalls wird die Suppe, welche sich England in Südafrika eingebrockt hat, von Tag zu Tag heißer!

neuer Schlag. Sie erfährt, daß ihr Neffe, der Herzog, tm Begriff stehe, sich mit einem bürgerlichen, aber sehr reichen Mädchen zu verheiraten. Seine Verhältnisse sind durch Spielverluste derartig derangiert, daß er zu diesem Schritte gezwungen ist. . ..

In der Nachbarschaft des Besitztums der Marqmse wohnt ein wohlhabender Hüttenbesitzer, Namens Philippe Derblay, mit seiner Schwester Suzanne. Er hat schon längst im Stillen die Tochter der Marquise geliebt und, als er nun erfährt, daß die Verlobung mit dem Herzog zurückgegangen ist und Claire arm ist, gesteht er seinem Freunde, dem Notar, daß er unendlich glücklich sein würde, wenn Claire ihm die Hand zum Ehebunde reichte. Jedoch wünscht er, daß man Elaire nichts von dem Verlust ihres Vemögens sage, damit sie sich noch reich glaube und freien Willens ihn annehme oder abweise.

Der Zufall will es, daß der bürgerliche Schwiegervater des Herzogs, Moulinet, ebenfalls sich in der Nachbarschaft der Marqnise ankauft, und Moulinet hat nichts eiligeres zu thun, als mit seiner Tochter Athenais bei der Marquise einen Besuch zu machen. Athenais, welche mit Claire von der Pensionszeit her bekannt ist, erzählt dieser ganz un­befangen, daß sie sich mit dem Herzog von Bligny zu ver­mählen gedenke. Claire, welche bisher nichts von dieser Verlobung gewußt hat, ist anfangs wie erstarrt, dann aber

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sinnt sie auf Rache. Ohne Besinnen ist sie bereit, Philippe Derblay ihre Hand zu reichen. ,

Sie läßt sich um die mitternächtliche Stunde mit Derblay trauen, immer noch die Liebe zum Herzog im Herzen, und als nun Philippe zu ihr kommt, um zum erstenmale mit seinem Weibe allein zu sein und sich in ihrem Besitz glücklich zu fühlen, stößt sie ihn rauh und kalt zurück. In dem Wahne, noch reich zu sein, bietet sie chm ihr Vermögen an, nur soll er sie selbst frei geben. Da schäumt der edle Mann auf:Ihr Vermögen! Das bieten Sie mir an mir! Sie irren sich, Madame, Sie glauben es noch mit dem Herzog von Bligny zu thun zu haben." Dann fährt er fort:Zwischen uns ist jedes Band zerrissen. Eine öffentliche Trennung jedoch würde einen Skandal zur Folge haben, den zu erdulden ich nicht verdient habe und den ich Sie bitte, mir zu ersparen. Wir werden eins neben dem anderen, eins ohne den anderen leben. Adieu, Madame. Bon heute an existieren Sie nicht mehr für mich."

Am anderen Morgen streckte Krankheit das unglückliche Weib aufs Lager und brachte sie dem Tode nahe. Derblay war Tag und Nacht um sie bemüht; nur ihm verdankt sie ihr Leben. Jetzt hätte sie gern ihn umarmt und geliebkost, wenn er ihr nur mit einem Wort, einer Bewegung ent­gegengekommen wäre. Allein nichts geschah von seiner Seite, und so blieben sie einander fremd.

Aezua-preis vierirljährlii^

2 Mart 20 Pf- monatlich 75 Pstz. mit Bringerlotz».

Vei Postbezug 2 Mark 50 Psz vierteljährlich.

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Lokales und Vroviryielles.

Gießen, den 25. November.

** Geschichtskalender. (Nachdruck verboten.) Vor 42 Jahren, am 26. November 1857, starb zu Neiße der Dichter Joseph Frei­herr v. Eichendorfs, eine vornehme Erscheinung aus dem deutschen Parnaß. Die meiste Beachtung sand seine NovelleAus dem Leben eines Taugenichts". Seine Lieder leben fort im Munde und Herzen unseres Volkes. Wir alle kennen das GedichtIn einem kühlen Grunde", und wir alle fingen beim Anblick eines deutschen Buchen­hains:Wer bat dich, du schöner Wald". Er wurde am 10. März 1788 auf Lubowitz bei Ratibor geboren.

** Couverts. Der Briefumschlag spielt im heutigen Verkehrsleben eine hervorragende Rolle. Im deutschen Postverkehr allein werden täglich über 4 Millionen Briefe befördert, welche in der Mehrzahl in Umschlägen verpackt sind. Der Gebrauch des Briefumschlages ist in unserer Zeit ein ganz allgemeiner geworden: überall käuflich, selbst auf dem kleinsten Dorfe, ist er heute nicht mehr zu ent­behren und wird in solchen Unmengen verbraucht, daß seine Herstellung unb sein Verkauf sehr vielen unserer Mit­menschen reichlichen Verdienst einbringt. Alle möglichen Gestaltungen in Größe, Schwere, Haltbarkeit, Farbe und sonstiger Ausstattung annehmend, zeigt der Umschlag schon in seiner äußeren Hülle fast immer den Zweck seines In­haltes an. Liebesbriefe und andere persönliche Vertrauens­sachen erscheinen in Umschlägen von zierlicher Form und kernigem Papier: große Hüllen von billigem durchsichtigen Papier würden sich für diese nicht eignen; Geschäftsbriefe verlangen einen umfänglicheren Umschlag, doch leichten Pa­piers, weil sie mit dem Postgewicht zu rechnen haben; Geld­briefe erfordern ein kräftiges, häufig durch eine Leinwand­einlage verstärktes Couvert. Trauerbriefe mit dem ernsten Rand, Glückwunschbriefe mit passendem Zierrat, Einladungen, die nicht selten schon äußerlich durch Bilder verraten, welche Genüsse dem Empfänger bevorstehen, kurz: fast alle Ange­legenheiten des menschlichen Lebens finden in der Form und Ausstattung unserer heutigen Briefumschläge ihren sinnbild­lichen Ausdruck. Wohl den wenigsten, welche den Briefum­schlag zur Hand nehmen, dürfte es bekannt sein, daß dieser alltägliche, so bequeme und schier unentbehrliche Gegenstand gewissermaßen einer Damenlaune sein Dasein verdankt. Im Anfang der vierziger Jahre stellte ein unternehmender Buch­händler in Brighton zierliches Briefpapier von kleinem For­mate und kleine Kärtchen zum Verkauf. Zwar kannte man

Politische Wochenschau.

DieZuchthausvorlage" ist tot, das ist das bemerkens­werteste Ereignis in dieser Woche auf innenpolitischem Ge­biete. Durch die vielfach gehegte Vermutung, daß nun­mehr der preußische Landtag angegangen werden sollte, Bestimmungen zu genehmigen, welche den geplanten Schutz Arbeitswilliger wenigstens in Preußen zur Geltung bringen könnten, scheint sich nicht zu bestätigen wenn man den offiziösen Auslassungen Glauben schenken darf. Wir haben übrigens erst vor einigen Tagen ausgeführt, daß vor der Rückkehr des Kaisers kaum Definitives beschlossen werden würde in der Frage des Arbeitswilligenschutzes. Sonst hat die letzte Woche in der inneren Politik nichts Außer­gewöhnliches gebracht, so daß das Interesse sich mehr auf den Aufenthalt des Kaisers in England konzentrieren konnte. Wie man von vorneherein angekündigt hatte, bewahrte der Besuch bisher einen streng privaten Charakter, woran nichts geändert wird durch die Thatsache, daß der Kaiser eine Reihe offizieller Persönlichkeiten empfing. Schon die bei dem Festmahl in Windsor ausgebrachten Toaste sind be­merkenswert:Dem Kaiser und der Kaiserin!"ber Königin!" Keine Versicherungen der Freundschaft der beiden Reiche, nicht die geringste politische Anspielung! Erstere waren ja bei den verwandtschaftlichen Beziehungen der Dynastien überflüssig, letzterer sollte vermieden werden. Daß Graf Bülow und Mc. Chamberlain konferiert haben, erscheint selbstverständlich; es wird sich aber lediglich um eine Aussprache, keinesfalls um politische Abmachungen gehandelt haben. Der Tod der Gemahlin des englischen Premierministers Lord Salisbury und die Erkrankung des letzteren nehmen übrigens gegenwärtig ein reges Interesse in Anspruch. Will man doch bereits wissen, daß der Premier sich mit Rücktrittsgedanken trage, die ihm mit Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand geboten erscheinen! Wie weit diese Vermutungen zutreffen, läßt sich heute nicht kontrolieren, jedenfalls aber hätte ein Premierwechsel große politische Bedeutung.

Daß die Anwesenheit Kaiser Wilhelms in Eng­land auch von der ausländischen Presse voll gewürdigt wird, ist selbstverständlich. In Frankreich würde das noch mehr geschehen, wenn nicht die inneren Ereignisse das dortige Interesse allzusehr absorbierten. Das Kabinett Waldeck- Roufieau hat anscheinend Glück, indem es in der Kammer bereits manche gefährliche Klippe überwunden hat und an­sehnliche Vertrauensvota einzustreichen vermochte. In weniger günstiger Lage ist bad italienische Ministerium, bem von der Sammer viele Schwierigkeiten gemacht werden dürften. Ucber große Versprechungen ist die italienische Regierung im letzten Jahrzehnt nicht hinausgekommen, so daß es nicht Wunder nehmen kann, wenn das Land die Geduld verliert.

Sehr unsicher ist die Lage fortgesetzt in Oesterreich, tritt das Kabinett Clary zurück oder nicht? Das ist jetzt die Frage, welche allenthalben ventiliert wird. Die Obstruktion im Abgeordnetenhause hat auch schon w'eder ihr Werk begonnen; diesmal geht sie von jungtschechischer

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damals schon den Gebrauch von Briefumschlägen, doch er­folgte deren Herstellung nicht fabrikmäßig, frnbern jeder stellte sich die erforderlichen Umschläge selbst mit der Scheere her. Das niedliche Papier und die Kärtchen fanden unter der Damenwelt allgemeinen Anklang, doch wie die dazu passenden Umschläge ebenso zierlich und schön Herstellen? Da kam der Buchhändler auf einen praktischen Ausweg: er ließ zunächst Blechformen in der Größe der gewünschten Umschläge Herstellen und darnach die Umschläge selbst aus­schneiden und gummieren. Die ihm erteilten Aufträge mehrten sich so, daß er sie mit seinen einfachen Mitteln nicht bewältigen konnte. Er setzte sich deshalb mit der Firma Dobbs & Co. in London in Verbindung, die den neuen Fabrikationszweig sofort aufgriff und sich dann zu einer weltberühmten Briefumschlagfabrik entwickelt hat. Deutschland gehört heute zu den Ländern, welche die größten Mengen von Briefumschlägen anfertigen und hierin Hervor­ragendes leisten.

**N. Sektion Gießen de*8 D. u. Oe. A. V. In der letzten Sitzung schilderte Herr Fabrikant Sch affst aed t den asiatischen Teil seiner Orientreise. Von Port Said gelangte unser Reisender nach neunstündiger nächtlicher Fahrt nach Jaffa, wo das Schiff von den Klängen der Musik der Augusta Viktoria" empfangen wurde. Nach etwas um­ständlicher Landung an der klippenumsäumten Küste stieg man bei dem biederen schwäbischen Wirt ab, dessen Mund­art sein 25jähriger Aufenthalt im Orient nicht verändert hat. Nun ging die Fahrt, anfänglich durch fruchtbares Rebengelände, das S ar on thal hinauf; schon in vier Stunden ist man in Jerusalem. Die Klarheit der Luft läßt uns jetzt das Tote Meer ganz nah erscheinen, und der leuchtende Sternenhimmel, der sich dann über der Stadt ausspannte, suchte seinesgleichen. Die mancherlei Bevölkerungs­elemente der handelbelebten Stadt, unter denen besonders die Armenier und spanischen Juden auffallen, und die heiligen Stätten fanden eingehende und fesselnde Schilderung. Trotz schöner Ausflüge nach Betlehem und ans Tote Meer und trotz der überaus liebenswürdigen Gastfreundschaft der deutschen Kolonie, die es sich nicht nehmen ließ, unserer Reisegesellschaft ein Abschiedsfest zu veranstalten, waren doch die meisten von Jerusalem enttäuscht. Herrlich war wieder die Eisenbahnsahrt von Beyrut nach Damaskus. Die Pässe des Libanon noch beschneit, so daß der Zug stellenweise in tiefen Einschnitten durch den Schnee fuhr, und dabei der Blick auf das Meer, dessen Palmenküste man erst vor drei Stunden verlassen hatte. Die Ebene zwischen Libanon und Antilibanon wird durchmessen, fruchtbar und wohlbebaut. Ein Abstecher gilt den gewaltigen Ruinen von Salbet Die Weiterfahrt bietet bei der Über­schreitung des Antilibanon herrliche, oft an die Dolomiten erinnernde Bilder. Dann aber tritt die Ein­samkeit der Steppe an die Schienen heran, und erst kurz vor Erreichung der Oasenstadt Damaskus belebt sich die Vegetation wieder. Das Straßenleben ähnlich wie in Kairo. Ein Regiment Infanterie zieht vorüber,

«Ireffe für Depeschen: Anzeiger Fernsprecher Nr. 51.

Theater.

-r. Gießen, 24. November. Am Mittwochabend ging Georges Ohnets vieraktiges SchauspielDer Hütten« Besitzer" zum ersten Male über die Bretter. Bekanntlich hat Ohnet das Schauspiel nach seinem gleichlautenden Roman in guter Uebersetzung in der Engelhorn'schen Roman­bibliothek erschienen gebildet. Das Schauspiel ist nicht ungeschickt aufgebaut; enthält scharfe und treffende Bilder, ist spannend und interessant in ernsten und heiteren Dia­logen und doch der Roman in seiner fließenden, packen- uen Prosa ist uns literarisch wertvoller. Auch stylistisch Seht Ohnet an der ersten Stelle. Letzteres kommt natür­lich bei der Beurteilung des vorliegenden Schauspiels für MS wenig in Betracht. Zunächst der Stoff:

Die Tochter der Marquise von Beaulieu, Claire, ist mit ihrem Vetter, dem Herzog von Bligny, verlobt. Sie liebt diesen Mann auch, den sie von Jugend an kennt. Seit einiger Zeit sind jedoch, ohne ersichtlichen Grund, feine Briefe ausgeblieben. Nur zu bald erfährt die Marqmse von ihrem Notar, daß sie durch den Verlust emes Prozcffes auch zugleich ihr Vermögen verloren hat, und da der Herzog von dem Unglück benachrichtigt worden war, so zog er es vor, Claire aufzugeben. m

Gleich darauf trifft die Marquise von Beaulieu etn

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