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26.10.1899 Zweites Blatt
 
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Nr. 252 Zweites Blatt Donnerstag den 26. Oktober

1809

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*^Noch einmal die Harmlosen.

Gießen, 25. Oktober 1899.

Der Prozeß der Harmlosen ist zu Ende, die drei jungen Leute, die allzu eifrig der Glücksgöttin geopfert und den Zweck ihres Daseins bisher im Spielsaal zu erfüllen sich bestrebt hatten, sind von Schuld und Kosten freigesprochen worden, und der Fiskus, den der Kaiser haßt, weil er hart­herzig um jeden Groschen feilscht, muß die recht beträcht­lichen Summen bezahlen, die das Verfahren verschlungen hat. Ehe der Prozeß begann und während der ersten Ver- Handlungstage durfte man annehmen, daß eine Reihe von Sensationen den Nerven eine angenehme Anregung bieten würde. Und als gar ein Polizeikommissar vor die Gerichts- fchranken trat und die Widersprüche sichtbar wurden, in die eine überaus heikle Mission ihn gestürzt hatte, als zugleich die Erinnerungen an das Märtyrertum des Herrn von Hinckeldey wach wurden und die Hoffnung sich regte, in dem Herrn von Manteuffel ein willkommenes Opfer der Polizeifeindlichkeit zu finden, da war die Erwartung auf das höchste gespannt. Aber die Szene gewann bald ein verändertes Aussehen; die dramatischen Accente, die Energie der Aktion blieb aus, es entwickelte sich eine Art von Still­leben, dessen einzelne Züge ja dem Kulturhistoriker ein tiefes Interesse bieten konnten, das aber dem Tagesbedürfnis nach Sensation nicht genügte. Die drei jungen Leute, die da auf der Bank saßen, auf der jedem der Spott vergeht, waren weder raffinierte Verbrecher, noch waren sie politische Jntriguanten oder psychologisch schwer zu erratende kom­plizierte Persönlichkeiten sie waren, abgesehen von kleinen individuellen Differenzen, völlig gleichgeartet, nicht einmal Typen ihres Standes und ihrer Klasse, sondern lediglich Repräsentanten einer kleinen und nicht gerade gewählten Gruppe der oberen Zehntausend, sie waren leichtsinnige Jungen, die nicht den moralischen Halt besaßen, ihre Lei­denschaft zu bezwingen. Und trotz allem hat der Prozeß der Harmlosen eine tiefgehende, ernste Bedeutung gehabt, und wenn auch der Gerichtshof, der nach dem geschriebenen Gesetze urteilt, zu einem Freispruche gelangte, so ist dennoch ein verurteilendes Edikt erfolgt.

Ihnen aber, Herr v. Kröcher, möchte ich ein langes Leben wünschen, auf daß Sie in den stand gesetzt werden, Ihrem Vater die schwere Stunde, in welcher er hier vor Gericht für Sie Zeugnis abzulegen sich entschloß, zu ver­gelten", so hat der Träger der Anklage zu dem einen der Ängeschuldigten gesprochen und in ähnlichen, ernsten und mahnenden Worten hat er auch an das Empfinden der anderen appelliert. In dem Worte des Staatsanwalts ist

in geradezu ergreifender Weise eine Saite berührt worden, deren Ton fortschwingen wird in der Seele manches jungen Mannes, der gleichfalls nur im Leichtsinn, ohne nachzu­denken, den Spielsaal aufsucht und mit dem Gold, das er auf die Karte setzt, zugleich die Ruhe der Seinen und selbst die Grundlage ihrer Existenz vernichtet. Wieviel Angehörige des Offizierkorps, in ihrem Beruf tüchtige, durchgebildete Männer, haben schon zur Pistole greifen, wie viele schon den Weg nach der neuen Welt antreten müssen, um dort als Kellner oder Straßenkehrer ein verpfuschtes Dasein weiterzuschleppen! Man frage nur einmal in den großen deutschen Restaurants in New-Jork die Geschirrwäscher und Kellner, wie es kam, daß sie den ruhmreichen, von den Vätern ererbten Namen hierher tragen mußten in die niederste Dienstbarkeit, und fast immer wird die Antwort lauten:Ich habe gespielt". Und die andern daheim? Gebranntes Herzeleid haben sie erlitten wegen des Sohnes oder Bruders, den sie mit freudigen Hoffnungen und oft genug unter schweren Opfern die ehrenverheißende Laufbahn des Offiziers einschlagen sahen, der nun ihre Hoffnungen zertrümmerte und vielleicht die Ersparnisse, die den Eltern und Geschwistern die Zukunft sichern sollten, mit hinab­stürzte in den Strudel seiner Leidenschaft. Fritz Reuter hat kein Kapitel geschrieben, das so ergreifend wirkt, wie jenes, da die Schwestern des Herrn v. Rambow der Schwägerin ihren Jammer mitteilen und das harte Wort, das über den Spieler fiel:Euer Bruder ist von jeher ein Lump gewesen, nun ist er gegen Euch auch noch zum Hunds­fott geworden." Jener Ehrbegriff der sogenannten vor­nehmen Welt, der es entschuldigt, wenn ein Spieler, sei es auch im Banne der Leidenschaft, über das eigene Vermögen hinaus seine Einsätze wagt, ist durchaus morsch; denn solcher Spieler und welcher Spieler gehört nicht in diese Kate­gorie greift in Wahrheit ein fremdes Vermögen, ein Besitztum an, auf das er kein Recht hat. Nicht die Er­füllung derForm" bestimmt den siltlichen Maßstab, sondern die Gesinnung.

Die drei jungen Leute, die durch mehr als vierzehn Tage auf der Anklagebank saßen, sind Angehörige des Adels. Und gerade weil sie es sind, hatten sie doppelte Pflichten. Wenn allerdings die Aristokratie nach dem harten Worte des Generals Foy nurdie Vereinigung derer sein soll, die genießen wollen, ohne zu schaffen, leben wollen, ohne zu arbeiten, die alle Aemter begehren, ohne sie ausfüllen zu können, alle Ehren beanspruchen, ohne sie verdient zu haben", dann haben die Kröcher, Kayser und Schachtmeyer lediglich gethan, was ihres Amtes ist. Aber in Wahrheit ist adelig nur der, der sich selbst durch seine Thaten adelt,

und der Ruhm der Vorfahren schmückt nur den, der ihnen gleicht. Der Quell der Ehre darf niemals von dem Lebenden auf die Toten zurückgeleitet werden; der eigene Charakter und die eigenen Handlungen entscheiden. Und gerade der Adel der Geburt legt doppelte Pflichten auf. Denn weit­hin wird gesehen, wer auf der Höhe wandelt, und wenn auch in den Revolutionen die Privilegien der Aristokratie zerfielen, so gewährt dennoch das Volksempfinden den Trägern historischer Namen eine besondere Stellung. Und je freudiger man es anerkennt, wie unser Schwertadel in den Schlachten für Deutschlands Freiheit und Ehre blutete, wie seine Söhne tapfer voranzogen in allen Gefahren, wie er getreulich festhielt an geraden und aufrechten Ehrbegriffen und jeden Makel fernhielt von seinem Schilde, um so ab- stoßeuder wirkt der Blick auf eine Lebensführung, die in nichtigen Zerstreuungen den Zweck des Daseins erblickt. Wer würde auch nur die Achseln darüber zucken, wenn junge, lebensfrohe Leute einmal dem Hauge nach Wein, Weibern und Würfeln folgen, wenn sie selbst einmal über die Stränge schlagen! Aber die Ausnahme darf nicht zur Regel, die Episode nicht zum Lebensinhalt werden. Entrollt sich aber einmal ein solches Bild, wie es jetzt der Moabiter Prozeß geboten hat, so wird die Gefahr unvermeidlich fein', daß weite Kreise des Volkes so wenig berechtigt das auch ist des Glaubens werden, als sei das Thun der Drei typisch auch für das Thun des ganzen Standes, und je stärker heute die demokratischen Tendenzen sind, um so schärfer tritt die Sünde hervor, die jene Leichtsinnigen an ihrem Stande, an dem gesamten Adel der deutschen Nation verübten.

Vielleicht führt der Prozeß derHarmlosen" eine ge­sunde Reaktion des sittlichen Bewußtseins in jenen Kreisen herauf, die den drei Freigesprochenen durch Geburt und Lebensauffassung nahe stehen. Aber wir fürchten, daß es allzu großer Optimismus wäre, auf eine dauernde Heilung schon jetzt zu rechnen. Tiefer noch waren die Furchen, die einst der Prozeß von Hannover zog, als die des Moabiter Prozesses; Kaiser Wilhelm selbst hat damals in ernster und dringender Weise alle jene, die ihre Leidenschaft nicht zügeln können, mit einem Makel behaftet. Und dennoch ist dem ersten der zweite Prozeß gefolgt. Und so wie damals ver­kehrten in den Kreisen der aristokratischen Spieler, als Gäste hoch willkommen geheißen, die Wolff und Lewin, wie einst die Seemann und Meyerinck. Es bedarf eben die gesamte Lebensauffassung, es bedarf vor allem der Ehrbegriff einer gründlichen Revision. Gesunde bürgerliche Anschauungen, die den verurteilen, der mit Einsätzen spielt, über die er nicht verfügt, die jede Gemeinschaft mit den Wolff und Ge-

FeuMon.

Englische Albernheiten. Ueber Krüger sind jetzt in ganz England allerlei boshafte Anekdoten im Umlauf. Die letzte Anekdote, derenWahrheit" sogar von einem ernsten englischen Blattverbürgt" wird, ist folgende: Krüger weilte einst in Kimberley, als er plötzlich in einer dringenden Angelegenheit nach Prätoria abberufen wurde. Er eilte so fort zur Station, wo gerade ein Zug abgchen sollte. Rasch begab er sich zum Schalter und verlangte ein Billet. Der Beamte, der noch nicht lange im Dienst war, ergriff in der Eile das erste beste Billet, das ihm in die Hand fiel, und übergab es dem Präsidenten. Erst als Krüger im Wagen faß, bemerkte er, daß er ein Billetfür einen Esel oder ein Maultier" erhalten hatte. Da ereignete es sich, daß Krüger fromm und gottergeben den Kopf schüttelte und ein Gegröhle hören ließ, das mit den historischen Aeußerungen dcs erstgenannten Tieres eine verzweifelte Aehnlichkeit hatte. Die kindische Wut der Engländer gegen den verdienst­vollen Leiter Transvaals wird durch die vorstehende Ge­schichte hinreichend charakterisiert.

* Was in einer Buchhandlung alles verlangt wird. Eine Königsberger Zeitung stellt folgende Liste von Gegenständen zusammen, die in einer dortigen Buchhandlung während einiger Jahre verlangt worden sind: Bismarcks Gedanken, von ihm selbst gedruckt. Kalter Fischleim. Hosenträger. Häkelhaken. Der getreue Eckart von Scheffel. Gläserne Stahlfedern. Ein Buch von Plate und ein Buch von Plötz, aber beide von demselben Verfasser. Kämme. Ein ähnliches Werk wie Goethes Faust, aber im Hebräischen. En Globus von Ostpreußen, an der Uhrkette zu tragen. Der Prinz von Hamburg. Eine festgebundene Jungfrau

von Orleans. Schwarze Kniestrümpfe. Eine Bibel, aber en gros, denn die Dame hat schwache Augen. Egmonts Gedichte in der Ausgabe von Gotha. Ein Bilderbuch für ein ganz kleines Kind, auf Seite 11 soll stehen:Kling, Klang, Gloria, Mariechen fiel die Treppe runter". Die 80 Kirchenlieder, aber für höhere Töchterschulen. Eine Ananas zu einer Bowle für 5 Personen. Ein neues Münz- und Gewichtsbuch zum Umrechnen der Liter in Meter. Etwas über Litauen, entweder der Trompeter von Säk- kingen oder der wilde Jäger. Ein Homer Ilias, wo Hektor und Achilles drinsteht. Ein Päckchen Brustthee. Ein Gothascher gynäkologischer Kalender. Ein deutscher Klassiker als Einsegnungsgeschenk, Schiller aber nicht, der schreibt zu kindlich. Pferdslose. Wachsmanschetten. Für 10 Pfg. Nähseide. Strümpfe. Sparmarken. Schleier. Eine Bibel int Urtext, aber deutsch. Ein Döckchen weißes Garn. Die 80 Kirchenlieder mit Sang und Klang. Ein Reglement für Kurzsichtigkeit. Korsetts. Strumpfbändchen. Ovid in lateinischer Übersetzung. Ein besonders kräftiges Gebet­buch. Ein Buch mit den Wörtern, wie man sie nicht falsch schreibt. Freisinnige Gedichte als Konfirmationsgeschenk. Eine deutsche Weltgeschichte von Anbeginn. Ein Globus antiquarisch, Amerika muß aber schon darauf sein. Kleine Pistolchens. Ein Theelöffelkörbchen. Eine ungebundene Bibel, worin die Kilometer mit Meilen stehen. Für 5 Pfg. Zimmtplätzchen. Wallensteins Gedichte, bearbeitet von Schiller. Der König im Schacht vom Theaterdirektor. Eine Sanitätsliste der Artillerieoffiziere. Ein ostpreußisches Reichskursbuch. Knopflochseide. Dantes gottlose Komödie, aus dem Griechischen übersetzt.

* Was solle» unsere Tochter lernen? 1. Daß hundert Pfennig eine Mark geben. 2. Wie ein Wohnzimmer und wie ein Arbeitszimmer aussehen muß. 3. Am rechten Ort

ja" undnein" sagen und stets an beiden festhalten. 4. Selbst ein Kattunkleid mit Würde und Grazie zu tragen. 5. Handschuhe, Strümpfe und Hemden auszubrffern. 6. DaS Schlafzimmer zum hübschesten Raum ihres Heims zu machen. 7. Daß zu festes Schnüren unschön und ungesund ist. 8. Blumen zu pflegen. 9. Moral und Charakter des Mannes zu studieren, nicht sein Portemonnaie. 10. Einen bestimmten Platz zu haben für alles, und jedes an seinen Platz zu legen. 11. Daß sie sich nicht nur nach Rücksichten der äußeren Erscheinung anzuziehen haben, sondern daß auch Gesundheit und Bequemlichkeit in Betracht gezogen werden müssen. 12. Daß der sparsamste Mensch der zufriedenste ist, und daß, je kleiner die Ansprüche sind, desto größer das Vermögen ist, über das man zu verfügen hat.

" Woher kommt der AusdruckTingel-Tangel"? Ei» schriftstellernder Artist, so schreibt das Wiener Fremdenblatt, ist den Spuren der BezeichnungTingel-Tangel" nachge­gangen und hat glücklich herausgebracht, daß sie auf Ham­burg, das Tingel-Tangel-Eldorado, zurückgehen. Der Titel soll von einem Triangellied herrühren, das ein gewisser Hansen in A. F. W. Baetckes Weinhalle, Görttwiete Nr. 6, bei Triangelbegleitung sang. Das Kouplet, das wegen seiner liebenswürdigen Ausfälle auf kommunale und andere allverehrte Persönlichkeiten sehr gefiel, hatte den ergreifenden Refrain:

Zum Triangel-Tangel-ting-ling-ling Ting-ling-ling.

Danach sprach man bald vonBaetckes Tingel Tangel", und die Welt halte ein klangvolles Wort mehr in ihrem Sprachschatze. Vergeblich hat Berlin sich um den Ruhm beworben, das erste Tingel-Tangel eröffnet zu haben. Jetzt wissen wirs genau. Die Hansestadt hat überhaupt das erste Tingel-Tangel besessen.