1899
Mittwoch de« 26. Juli
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N». 173
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Das englische Dum-Durrr-Geschotz.
Auf der Abrüstungskonferenz im Haag wurde allseitig das englische Dum-Dum-Geschoß verurteilt und seine Abschaffung auch im Kampf gegen wilde Völkerschaften dringend gewünscht. Es wird unsere Leser deshalb interessieren, die Dum-Dum-Geschosse in der Abbildung zu sehen. Ihren Namen haben die Geschosse von einem kleinen Orte in der Nähe von Calcutta; sie wurden zuerst gebraucht auf der Expedition nach Chitral, wo sie unter den Eingeborenen furchtbare Verwüstungen anrichteten. In unserer Abbildung zeigt Figur 1 ein Gewehr mit Dum-Dum-Geschossen wie es in dem genannten Zuge verwendet wurde. Figur 2 bis 8 zeigen die modernen Projektile und ihre Wirkungen. Alle diese Geschosse sind mit einen Stahl- bezw. Nickelmantel versehen und sie zersplittern dadurch die Knochen. Die Dum-Dum-Geschosse Figur 9—11 jedoch tragen über der eigenartig geformten Nickelspitze eine Bleikappe, durch die beim Eindringen in den Körper die umliegenden Fleischteile zerissen werden. Es wäre dringend notwendig, daß im modernen Kriege wenigstens alle grausamen Geschosse verbannt würden, denn es kann ja doch nicht darauf ankommen, möglichst viele Krüppel zu schießen, die zeiilebens an den erhaltenen Wunden dahinsiechen, sondern es ist das Hauptbestreben, möglichst viele Soldaten für den Augenblick kampfunfähig zu machen, und dies wird durch die heutigen Geschosse schon mehr als nötig erreicht.
Eine« Rückblick auf die Friedeuskouferenz
wirft die „K. Z." in folgendem:
Die Thatsachen, die während der Arbeiten der Konferenz vorgefallen sind, stehen zu einem großen Teil in allzu grellem Widerspruch mit den angeblichen Absichten der Diplomaten, und gerade denjenigen Staaten, die am meisten in den Vordergrund treten und mit der ernsthaftesten Miene von der Welt sich für das Wohl der Völker ins Zeug | legen, könnte man ein inhaltsschweres Sündenregister entgegenhalten.
Ursprünglich sprach man bekanntlich von einer „Abrüstungs-Konferenz", aber der Staat, der zuerst das Mitgefühl der gebildeten Welt für die unter der Last der Kriegsrüstungen zusammenbrechenden Völker beschworen hatte, eröffnete, als die Tinte des Murawiew'schen Rundschreibens kaum trocken war, Kredite von Millionen und Millionen für Vermehrung der Feld-Artillerie und Anschaffung neuer Kriegsschiffe.
Datum für Datum läßt sich dieser sonderbare Kommentar zu den Abrüstungsbestrebungen in den russischen Blättern verfolgen, und als man sich endlich davon überzeugt hatte, daß es, um in Bloch'scher Sprache zu reden, eine Utopie sei, sämtliche Staaten der Welt in der Abrüstungsfrage unter einen Hut zu bringen, da ließ man nicht etwa, wie es der gesunde Menschenverstand gefordert hätte, diesen Punkt kurzweg fallen, sondern man denuncierte mit Hilfe der russischen und dann der englischen Presse mit heuchlerischem Bedauern Deutschland als den Sündenbock, der die Behandlung der Abrüstungsfrage überhaupt vereitelt habe. Dazu kam noch, daß mitten in die Arbeiten der Konferenz, während der russische erste Vertreter seine schönen, menschenbeglückenden Reden hielt, die rechtswidrige Behandlung Finnlands fiel, eine Behandlung, die von der gesamten gebildeten Welt noch schärfer verurteilt worden ist, als z. B. der Krieg, der Spanien sein Kolonialreich gekostet hat; Amerika konnte sich wenigstens auf die Forderung der Menschlichkeit berufen, aber Rußland hat sich des offenen Vertragsbruchs schuldig gemacht. Und doch ruft dieselbe Macht einen Kongreß zusammen, der bindende Verträge zwischen den Staaten schaffen soll.
Und England? Neben Rußland hat dieses während der Konferenz die an Widersprüchen reichste Rolle gespielt. t Wenn man sah, wie Sir I. Pannefote mit dem Feuer der ! heiligsten und idealsten Begeisterung für das Zustandekommen eines obligatorischen Schiedshofes eingetreten ist, durch den man, wie die schöne Phrase lautete, dem Krieg am wirksamsten den Krieg erklären und ihn endlich besiegen könne, hat wohl mancher Friedens-Apostel in Gedanken den Hut vor solcher Hochherzigkeit gezogen, und auch der biedere Gevatter Schneider und Handschuhmacher hat einen dicken Strich durch das Schuldbuch gemacht, worin man zahlreiche
Seiten von britischer Zweideutigkeit, Selbstsucht und Heuchelet erzählt. Aber dasselbe England hat sich schon tm Anfang der Konferenz geweigert, auf den Gebrauch von Dumdumgeschossen zu verzichten, und Herr Stead hat bet dieser Gelegenheit die Maske des Friedensapostels für einen Augenblick abgelegt und als englischer Agent die Anwendung solcher Kugeln gegen „wilde" Völkerschaften für zulässig erklärt. , r .... _
Und was hat man erst dieser Tage erleben müssen? Ein Sturm der Entrüstung tobte durch die ganze Presse, als bekannt wurde, daß die nach Afrika gehenden und in einem etwaigen Kriege gegen die Buren zu verwendenden englischen Truppen Patronen mit der Bezeichnung „Nr. IV." mit sich führen, die den Dumdumgeschossen an verheerender Wirkung im menschlichen Körper beinahe gleichstehen. . ,
Der niederländische Generalmajor Sünders hat m einer Zuschrift an den „Nieuwe Rotterdam'sche Courant" an der Hand der von Professor Dr. v. Bruns herausgegebenen Schrift „Wirkung der neuesten englischen Armeehohlspitzgeschosse" diese barbarische Absicht der englischen Regierung an den Pranger gestellt, und in einer anderen Zuschrift an dasselbe Blatt wird der Vorschlag gemacht, Zeichnungen über die Wirkungen dieses Geschosses Nr. 4 in Europa zu verbreiten, und zwar mit der Inschrift: „Die Kugeln, deren sich das gebildete England bedient." „Ist etwa Fasching zu Byzanz?" ruft man der mit der Erweiterung der Genfer und Brüsseler Vereinbarungen betrauten Kommission der Friedenskonferenz zu, und ist die Fortsetzung ihrer Arbeit nicht eine öffentliche Verhöhnung der ganzen Menschheit? Kann man es der öffentlichen Meinung noch verübeln, wenn sie in der Konferenz nur die Illustration der sich bedeutungsvoll zulächelnden römischen Augurn sieht?
Wo die Thaten den Worten in solcher Weise ins Gesicht schlagen, kann das verdammende Urteil nicht scharf genug lauten. Um das Maß des öffentlichen Mißtrauens voll zu machen, hat die Kommission in ihrer Sitzung vom Montag, 17. Juli, den van Karnebeekischen Vorschlag, das Herabwerfen von Geschossen aus Luftballons, sowie den Gebrauch von Stickgase verbreitenden Bomben und von Sprenggeschossen zu verbieten, nicht angenommen, sondern beschlossen, diese Frage zum Gegenstand eines besonderen Abkommens zu machen, d. h. aä ealsnäaZ Araoeas zu verschieben.
Mit der Schieds Hofs frage hat England entschiedenes Fiasko gemacht. Bekanntlich hatte man damit ein, wie man glaubte, sehr einträgliches Geschäft machen wollen, indem hier ein günstiger Punkt war, wo man den Hebel gegen Deutschland einsetzen konnte. Der amerikanische Vermittlungsvorschlag hat diesen Treibereien aber bald den Garaus gemacht, die deutsche Regierung hat soweit nachgegeben, wie sie unbeschadet der Vorteile ihrer günstigeren Verhältnisse nachgeben konnte, und wenn man ihr englischer-
Feuilleton.
Iranziskas Sommerfteuden.
Eine fröhliche Geschichte von Alwin Römer.
(Nachdruck verboten.)
(2. Fortsetzung.)
Der holde Gegenstand seiner Träume „mopste" sich währenddessen wieder einmal „ganz scheußlich". Papa hatte zu schreiben und daher keine Zeit zum Waldbummeln. Andere Gesellschaft behagte ihr nicht. Was blieb ihr übrig, als schließlich allein hinauf zu wandern in den schönen Tannenwald, der sich hinter Fichtenstein aufthat. Mit ihrer Hängematte und einem Band „Rabe" versehen, pilgerte sie los, fand alsbald auch eine Stelle, die ihr zur Befestigung ihrer Netzschaukel passend däuchte, band diese fest, legte sich hinein und fing an zu lesen. Aber wie alles in der Welt sein Ende findet, so kam sie auch in „Pfisters Mühle" endlich auf die letzte Seite. Nun hing sie noch eine Weile ihren Träumen nach, ärgerte sich dann, da sie nicht noch ein zweites Buch als Reserve mitgenommen — und sprang zuletzt unwirsch aus der Hängematte.
Der Gedanke kam ihr, einmal zu sehen, was hinter diesem Berge sei, auf dem die famosen alten Fichten standen. Sie band die Hängematte wieder los und wählte einen Weg, der von Fichtenstein weg nach dem jenseitigen Thale führte. Unterwegs traf sie einen Jungen.
„Wohin kommt man hier?" fragte sie ihn.
„Nach dem Riefbecker Teich."
der
„Ist der groß?"
„Ziemlich."
„Sind Fische drin?"
„Eine Masse!"
„Komm, bring mich einmal hin."
Willig trottete der Junge vor ihr her. Nicht lange dauerte es, so blitzte der Wasserspiegel geheimnisvoll durch die Föhrenstämme und ein wollüstiger Schauder rieselte ihr dabei über den Rücken. Am liebsten hätte sie baden mögen darin. Bald stand sie hart an dem sich leise zum Wasser senkenden Ufer, und blickte voll Interesse in die Tiefe, um von dem Fischreichtum etwas wahrzunehmen. Als sie vom Reste ihres Frühstücks etliche Krumen ins Wasser warf, kamen die Karpfen und Schleien alsbald von allen Seiten herangeschwommen.
„Hast Du schon einmal welche gefangen?" fragte sie den Jungen.
Der blinzelte sie schlau an und bejahte dann.
„Manchmal schon fünfe," fügte er hinzu.
„Hält' ich nur eine Angel hier," meinte sie darauf.
Plötzlich fiel ihr Blick auf die Hängematte, die sie am Fuße einer Riesentanne zurückgelassen hatte.
„Du," sagte sie, entzückt über ihren Einfall, „das geht," wickelte das Netzgestrick aus und schickte sich an, es ins Master hinabzulassen. Natürlich leistete ihr der Bube freudige Hilfe. ,
Ohne Zweifel fiel bei diesem Raubzuge auch für ihn etwas ab. Behutsam schob er mit einem schnell geknickten Aste das improvisierte Netz auf dem Boden des Teiches
zu Fichtenstein!"
„Warum stellen Sie denn keine Warnungstafel hm?"
„Da fragen Sie nur den Herrn Oberförster oder den Herrn Forstassessor, der jetzt seine Stelle vertritt. Mich geht das nichts an."
Damit bemächtigte er sich der Hängematte und machte eine Handbewegung, die deutlich einlud, ihm zu folgen.
„Geben Sie mir mal meine Hängematte," sagte sie entrüstet.
„Das ist ein Fischnetz," behauptete er. „Wenn der Forstassessor sic Ihnen wiedergeben will, ist das seine Sache. Und nun bitte, kommen Sie!"
zurecht, und voller Spannung schauten sie dann beide hinab, einen günstigen Augenblick erwartend, um einen Zug zu wagen.
„Jetzt!" schrie Franziska voller Eifer.
Da raschelten Schritte oben im Gestrüpp und der alte Waldwart wurde sichtbar.
„Jawohl," sagte er grinsend, „jetzt!"
Wie der Wind war der Junge davongesaust, als er die verdächtigen Laute gehört, während Franziska höchst gleichmütig den Alten näherkommen ließ.
„Wie kommen Sie dazu, hier zu fischen?" schnauzte
Isegrim.
„Ist denn das verboten?" fragte sie schnippisch.
„Gewiß ist das verboten!"
„Eine schöne Sommerfrische!" höhnte sie, worauf der Alte polterte: „Ach was, Sommerfrische. Die geht uns garnichts an. Der Teich gehört zur Oberförsterei und nicht


