Ausgabe 
26.3.1899 Erstes Blatt
 
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Ät. 73

Erstes Blatt.

Sonntag den 26. März

1899

Gießener Anzeiger

General -Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den "Kreis Gieren

!»

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Amtlicher Teil

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Gratisbeilagen: Gießener Zamilienbliitter, Der hessische Kandwirt, Klätter skr hessische Volkskunde.

Adresse für Depeschen: Anzeiger -letze* Fernsprecher Nr. 51.

ceuden W x * ist ch-atze 5S.

Gießen, den 22 März 1899.

Nilr. - Die Ableistung des Huldigungs- und Verfassungseides. !Ll>s Großherzogliche Kreisamt Gießen tte Lie Großh. Bürgermeistereien der Amts- gerichtSbezirke Grüuberg und Homberg.

Die Ableistung des Huldigungs- und Verfassungseides im Ihren Gemeinden neu aufgenommenen Ortsbürger, sii rie derjenigen Großherzoglich Hessischen Unterthanen, welche fich ahne Örtsbürger zu werden, verheiratet haben, soll ßkm Stag, den 8. April d. I., vormittags 9 Uhr, in dem Rathause zu Grünberg stattfinden.

des Menschen größtes Bedürfnis. Auch im Religiösen und Sittlichen! Kräftige Antriebe, schön und gut zu handeln, giebt der Gedanke an das Wohl des anderen, mit dem wir verbunden sind.

Aber ist nicht jede Gemeinschaft nach der Fabel des alten Weisen ein Teil, in dem der einzelne ein Glied ist? Damit der ganze Leib sich wohlbefinde, wie ernst, wie ver- antwortungsreich ist das Wort jedes einzelnen Gliedes! Dienen heißt seine ganze Lebensbethätigung.

In der menschlichen Gemeinschaft hat jeder einzelne mehr Freiheit als das Glied im Körper. Aber nur um so leichter ist die sittliche Ordnung gestört, die Liebe ge­täuscht, die Wahrhaftigkeit durch den Schleier selbstsüchtiger Lüge getrübt. Wer wirklich im Blick auf das Heil der ihn umgebenden Gemeinschaft wirkt, der prüft sich selbst. Er ermißt an dem Maß bej Gaben und Kräfte, die ihm gegeben sind, die Höhe seiner Pflichten und erkennt seine Ver­säumnis. Er reguliert die Grenzen zwischen dem Gebiete des eignen Rechts und dem des Nächsten und spricht sich schuldig des Eigennutzes und der Gewaltthat. Heilsame Erkenntnis! Befreiende Wahrheit, die dem Menschen Ein­kehr bei sich selbst verschafft und den Weg des Friedens zu dem Bruder bahnt, der vordem allein schuldig sein mußte! Edle Gemeinschaft, wo nicht der einzelne seine strahlende Tugend auf dem dunklen Untergründe der Un­tugenden anderer ausbreitet, sondern wo sie alle im Bekenntnis eigner Sünde einig werden! Da kann denn zwar kein Freund dem andern helfen, und kein Bruder den andern erlösen. Aber Bußtag ist zugleich Bettag, bei Gott ist viel Vergebung, und in Christo Jesu ist ein ewiger Grund für neugeheiligte Lebensgemeinschaft gelegt.

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Politische Wochenschau.

Die Erregung über die Krisis, welche auf dem Gebiete der inneren Politik bevorstand, hält noch an, aber allge­mein macht sich doch weiter große Genugthuung darüber geltend, daß der Konflikt einstweilen vermieden worden ist. Der Reichstag ist in die Osterferien eingetreten, und der preußische Landtag Herrenhaus und Abgeordnetenhaus haben allein das Wort. Namentlich die Verhandlungen der ersten Kammer sind bemerkenswert, da sie sich durch ihre große Schärfe auszeichnen, und in die Reichspolitik eingreife«. So lange nicht das Wahlrecht einheitlich geregelt worden ist, wird es hüben und drüben stets Kämpfe geben: Die einen werden das allgemeine, geheime Wahlrecht angreifen, die andern werden das öffentliche Wahlsystem nach Klassen fernerhin als das elendeste der Welt bezeichnen.

In unserem Nachbarstaate Oesterreich beginnt es anscheinend zu tagen. Das Ministerium Thun soll bedenklich erschüttert sein, und hoffentlich macht sich die Ueberzeugung immer mehr geltend, daß es auf dem bisherigen Wege nicht weiter geht, daß auch Rücksicht genommen werden muß auf die Millionen Deutschen, welche sich von jeher als eine Stütze des Thrones erwiesen haben. Freilich wird die Umkehr nicht leicht sein, da die Negierung zur Erzielung einer Majorität im Abgeordnetenhause auf die Hilfe der Slaven angewiesen ist, und diesen natürlich Konzessionen machen muß.

Die Nachrichten aus Rußland geben noch immer zu denken. Was mag den nach allgemeiner Ansicht reform­freundlichen Zaren wohl bewogen haben, so schroff gegen die Finländer vorgehen zu lassen, da sie doch in ihrem guten Rechte sind, das ihnen auch von Nikolaus II. verbrieft worden ist? Aber es ist leider klar, daß sie gegen eine gewaltsame Unterdrückung ihrer Privilegien nicht aufzukommen vermögen, und ohne Gnade der politischen Einverleibung in Alt- Rußland verfallen sind, wenn die russische Negierung kein Einsehen hat. Dazu ist freilich wenig Aussicht vorhanden, wenn man erwägt, welch eisiger Wind gegenwärtig in Peters­burg weht.

Man beschäftigt sich nunmehr immer ernsthafter mit der demnächst im Haag zusammentretenden Friedenskon­ferenz; vorläufig ist freilich noch die Hauptfrage die:Wird der Vatikan auf der Konferenz vertreten sein oder nicht? Hebet das weitere, was mit dieser internationalen Beratung zusammenhängt, sind die Regierungen voraussichtlich nicht klüger, als die russische selbst. Hoffen wir, daß wenigsteus einiger Erfolg aus den anerkennenswerten Bestrebungen der Zaren erwächst.

Eigentümliche Nachrichten kommen aus Spanien, dort soll die carlistische Bewegung neuerdings an Bedeutnng ge­winnen, indem Don Carlos in Spanien eindringen, und seine Sache persönlich betreiben will. An einem Erfolg darf man

Tas Großherzogliche Steuer-Kommissariat Gießen

au die Großherzoglicheu Ortsgerichte: Burkhards­felden, Daubringen, Garbeutelch, Großeu-Liuden, Heuche heim, Klein-Liuden, Lang-Göus, Lollar, Oppenrod, Ruttershausen, Staufenberg, Stein­bach und Trohe.

Wir ersuchen Sie um baldgefällige Rücksendung der Bau- und Kultur-Veränderungsverzeichnisse.

Gießen, den 24. März 1899.

Bähr.

Muß- und Aeltag.

Die heutige Feier ist Sache unserer ganzen evangelischen Landeskirche, aber die Predigt des Tages redet zu jedem besonders. Der Buß- und Bettag bedeutet das Christentum in seiner persönlichsten Anwendung. Der Gedanke, zu den religiösen Dingen Stellung zu nehmen, tritt heute jedem, dem der ernste Sinn des Tages nicht verschlossen ist, nahe.

Heutzutage will man freilich nicht viel davon wissen. Man möchte wohl dem Volke die Religion erhallen, aber sür sich selbst hält man sie für entbehrlich. Der Glaube ist zu wenig Privatsache und Herzenssache. An offizieller Religion ist nicht gerade Mangel, aber an religiös durch­drungenen Persönlichkeiten.

Auch die religiösen Fragen sieht man, ohne eignen inneren Anteil, wie die wirtschaftlichen nur vom Gesichts­punkt der Volkswohlfahrt und der Gemeinschaft an. Dabei verliert das religiöse Leben seinen eigentlich gewinnenden Zauber, und sein Lebenspuls geht ihm aus.

Gewiß beruht alles auf Gemeinschaft. Einsamkeit ist selbstsüchtig. Eine Hand wäscht die andre. Der Mensch ist

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it Entnahme w

Zum Bezug desGietzener Anzeiger" für ÄZ 2. Vierteljahr 1899 laden wir hiermit ergebenst tn. Wie bisher, wird derGießener Anzeiger" die Lügesereignisse in kurzer, den Thatsachen entsprechender Äeise zur Kenntnis seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten zuverlässiger telegraphischer Nachrichten- Bureaus sowie zahlreiche Mitteilungen aus dem kitgercn und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorkommnisse in demselben auf dem ^ulenden. Unterstützt durch umsichtige Berichterstatter m allen Orten Oberhessens und in den bedeutenden Städten der anderen hessischen Provinzen, ist der »Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge innerhalb unseres engeren Vaterlandes und der Nachbargebiete so frühzeitig wie möglich zur Kenntnis seiner Leser zu bringen, des­gleichen verden die Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im lokalen Teile

An,eigers erfahren. Den Interessen der in iwr Provinz Oberhessen betriebenen Landwirt­schaft wird der Anzeiger weiterhin durch eine landwirtschaftliche Beilage Rechnung tragen, i Sieben aber auch 'tc Beobachtungen und Erfahr­nen in Kunst und Wissenschaft, Litteratur, .Hauswirtschaft, Handel, Gewerbe und In­dustrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. 'M weitere Beigabe erhalten die Leser die Blätter für Hessische Volkskunde Ein gediegenes l feu i l l e t o n wird neben besonderen Ar ikeln ernsteren i mb heiteren Inhaltes den erwünschten ilnterhaltungs- sitch bieten. DieGießener Familienblätter" 1 Dtrben dem Anzeiger wöchentlich 4mal «Dienstags, Donnerstags, Samstags und Sonntags) Ikigellegt und neben den Erzählungen, Romanen und Mvellen beliebter Schriftsteller anziehenden Unter ljelmngsstoff aus dem Gebiete des Familienlebens i vid der Hauswirtschaft bringen, und somit namentlich i iia Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.

Mr ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, hlk Bestellung bei der Post baldgefl. ausgeben zu Villen. Neuhinzutretende hiesige Abonnenten er- Ijolten vom Tage der Bestellung bis 31. März den feiger kostenfrei zu Mellt, wie wir auch gerne Boit sind, Probe-Nummern nach auswärts postsrei '«versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden m, wie seither, )en Anzeiger weitersenden und r n Abonnements betrag durch Quitmng erheben IHn, falls nicht ausdrückliche Abbestellung erfolgt.

Hochachtungsvoll

Verlag desGießener Anzeiger" Brühl'sche Univ.-Buch- u. Steindruckerei sPietsch Erben).

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Wir beauftragen Sie hierdurch, die betreffenden Per­sonen zu dem Termine vorzuladen und wie geschehen unter Angabe der Namen der Vorgeladenen anzuzeigen oder zu berichten, daß niemand vorzuladen war.

Halten sich derartige Personen auswärts auf, so wollen Sie deren Aufenthaltsort angeben.

I. V.: Dr. Wagner.

Bekanntmachung,

die Umlage der land- und forstwirtschaftlichen Berufs­genossenschaft für das Großherzogtum Hessen betreffend.

Die Umlage der land- und forstwirtschaftlichen Berufs­genossenschaft für das Großherzo tum Hessen für das Jahr 1898 beträgt 601,769 Mark 46 Pfennig. Da sich die Ge­samtsumme der beitraqsflichtigen Steuerkapitalien auf 13,765 649,2 Mark (8 029 962 Gulden) beläuft, so ergiebt sich ein Ausschlag von 4,372 Pfennig auf die Mark Steuer­kapital (7,494 Pfennig auf den Gulden).

Es wird dies gemäß § 19 der Verordnung vom 11. Juli 1888 unter dem Anfügen zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß die Erhebung dieser Umlage demnächst in einem Ziele unter Zusendung besonderer Anforderungs­zettel stattfinden wird.

Darmstadt, den 2. März 1899.

Der Vorstand der land- und forstwirtschaftlichen Berufs­genossenschaft für das Großherzogtum Hessen.

Nover, Regierungsrat.

Bekanntmachung.

Mit Rücksicht auf die Feier des Buß- und Bettags wird die für Sonnta« den 26. I. M. in der Bekanntmachung vom 18. l. M. verfügte Ausdehnung der Beschäftigungs- und Verkaufs­zeit im Handelsgewerbe bis 7 Uhr abends hier- mit aufgehoben.

Gießen, den 24. März 1899.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

______________Muhl.______________

Gefunden: 2 Portemonnaies mit Inhalt, 1 Brosche, 1 Kravattennadel, 1 Gla^öhandschuh, 1 Pelzkragen und 1 Kindermütze. Im Theater im Laufe des Winters: 2 Schirme, 2 Spazierstöcke und 2 Paar und 1 einzelner Handschuh.

Gießen, am 25. März 1899.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Muhl.