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Sonntag den 26. März
1S99
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Gleichzeitig mit der Auferstehung der Natur feiern wir _ Fest der Auferstehung des Herrn, das fröhliche Oster- je|L Der Sonntag vor Ostern ist der Palmsonntag. Dieser fihrt verschiedene Namen, die im großen und ganzen auf W nun beginnende neue Leben und Weben in der Natur
Adrrffe für Drprschen: Anzeiger HIrhrn.
Fernsprecher Nr. 51.
Bismarck über die Abrüstung.
Welch eine unpatriotische, die Lebensinteressen des Deutschen Reiches in höchstem Grade schädigende Agitation t- ist, aus mangelndem Verständnis für die politische Sachlage und der Freude an doktrinären Erörterungen entsprungen, in München ihren Ausgangspunkt genommen hat - glücklicherweise in einer Form und einem Verlaufe, der flmlich abschreckend gewirkt hat — läßt sich nicht treffender kennzeichnen als in den lapidaren Sätzen, die seinerzeit Fürst SiSmarck darüber gesprochen hat. Und da seine Autorität fit uns Deutsche trotz alledem und alledem um eine ganze Anzahl von Graden höher steht als Frau v. Suttner und Herr Dr. Schlief, so ist zu hoffen, daß die aus seinen Be- nttrhtngcn sprechende politische Vernunft und gesunde Einsicht auf die Dauer mächtiger sein wird, als die sentimentalen und thörichten Phantastereien, die infolge der Friedenskund- gtbumg des Zaren sich jetzt so über die Gebühr breit machen, dlach dem Bismarck-Lexikon hat sich im Herbst 1891 Bis- aardf über die Abrüstung geäußert wie folgt:
„Der Gedanke einer allgemeinen Abrüstung klingt ja sehr schön, er hat nur den einen Fehler, daß er nicht praktisch durchführbar ist. Nehmen wir einmal an, rö tzätte wirklich eine Einigung unter den maßgebenden Mlern Europas, oder sagen wir besser, unter den Staaten tarülber stattgefunden, daß jeder von ihnen nur einen be- #immiten Prozentsatz seiner Staatsangehörigen unter den Duffen halten dürfe — nebenbei bemerkt, ein Prinzip, nach welchem gerade diejenigen Staaten, deren Bevölkerung eine Durchschnittlich größere physische Kraft aufweist, am schlechtesten »rgkvmmen würden, denn sie müßten verhältnißmäßig mehr taugliche zu Hause lassen, als degenerierende Völker. Aber Dhmen wir an, man hätte diesen Maßstab, als .den noch M wenigsten untauglichen, eingeführt, dann würde jeder "Staat, der auf militärische Kraft überhaupt Wert legt, und Las muß jeder, der auf der Erde und nicht auf dem Monde fih befindet, darauf bedacht sein, die Dienstzeit möglichst obzukürzen, um im Fall der Not möglichst viel ausgebildete Leute zu haben, es würde überall an militärischer Schulung fehlen und die Folgen eines Krieges würden viel schlimmere sein als jetzt. Aber das ist noch das Nenigste. Wie will man kontrollieren, ob ein Staat tixn Verpflichtungen, die er übernommen hat, auch wilkllich nachkommt? Zum Beispiel Rußland, wo Zeitungen, bi; Meldungen über militärische Angelegenheiten von Be- teeutung bringen, die sofortige Unterdrückung riskieren? Türke man nicht das russische Beispiel, weun auch vielleicht i:i etwas abgeschwächter Form, anderwärts nachahmen? Und mn trotzdem entdeckt würde, daß ein Staat mehr Militär tzli, als ihm zusteht, was wollte man machen? Den Sünder Aich mit Krieg überziehen? Da würde man also Krieg fitn en, um Krieg zu vermeiden! Es würde ein allgemeines Wem der gegenseitigen Täuschung zur Ausübung kommen,
Braska, der Papst Sixtus V. im 16. Jahrhundert das Vorrecht der alleinigen Lieferung der Palmzweige verliehen hat.
Ehemals nahmen die Päpste in Rom die Weihe der Palmen in feierlicher Weise in der Sixtinischen Kapelle vor und verteilten sie eigenhändig, worauf sie dem von einem Kardinal gehaltenen Hochamt beiwohnten. Als aber um die Mitte dieses Jahrhunderts infolge der Fortschritte des Verkehrswesens der Fremdenzufluß nach Rom sich immer mehr steigerte, verlegte Pius IX. diese Feier in die Peter- kirche, um allen die Möglichkeit zu bieten, ihr beizuwohnen. An die Palmweihe schloß sich dann eine feierliche Prozession, ein Schauspiel, das demjenigen, der es einmal gesehen hat, unvergeßlich bleiben wird.
Bei uns nehmen die silbergrauen, sammetweichen Kätzchen der Weide die Stelle der echten Palmwedel ein. Von ihnen singt I. W. v. Goethe:
„Im Vatikan bedient man sich
Palmsonntags echter Palmen;
Die Kardinäle beugen sich Und singen echte Psalmen. Dieselben Psalmen singt man auch Oelzweiglein in den Händen, Muß im Gebirg zu diesim Brauch Stechpalmen gar verwenden;
Zuletzt, man will ein grünes Reis, So nimmt man Weidenzweige, Damit der Frommen Lob und Preis Auch im geringsten zeige."
Sogar „national" dürfe und soll der Sozialdemokrat sein und die Kolouialpolitik sei durchaus nicht prinzipiell zu verwerfen. Bernstein verneint die Behauptung: „Der Proletarier hat kein Vaterland." Die Sozialdemokratie dürfe nationalen Fragen gegenüber nicht rein kritisch verbleiben. Wahrung nationaler Interessen widerstreite keineswegs der Wahrung der Klasseninteressen. „Wo wichtige nationale Interessen auf dem Spiele stehen, kann die Jnternatonalität kein Grund schwächlicher Nachgiebigkeit gegenüber den Prätensionen ausländischer Interessenten sein." Z. B. sei die Pachtung der Kiautschoubucht nicht prinzipiell abzuweisen. Die Sozialdemokratie solle sich doch emanzipieren von einer veralteten Phraseologie.
Es wird abzuwarten sein, wie diese in die Sozialdemokratie geworfenen Sätze von den Genossen selbst werden ausgenommen werden. Daß sie zahlreiche Anhänger haben, ist ja kein Geheimnis mehr. Andererseits werden auch die Gegner nicht fehlen. So schrieb das tonangebende Blatt der württembergischen Sozialdemokratie, die „Schw. Tagw.": „Eduard Bernstein ist kein Sozialdemokrat mehr, er ist auf den Standpunkt einer demokratischen Arbeiterpartei zurückgesunken." Bernstein zu widerlegen, unternimmt der Artikel aber nicht; er will den „Entgleisten" nur aus der Bahn schaffen. Ob das ohne Widerspruch von anderer Seite gelingen wird?
auch die Blüten der Weide „Palmkätzchen", die Zweige der Stechpalme und des Buxbaumes „Palmen".
In vielen Gegenden, besonders auf dem platten Lande, wird der Palmsonntag als Naturfest, als Frühlingsanfang gefeiert, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß dieser Feier ein altheidnischer Brauch zu Grunde liegt. Denn schon im alten Rom begegnen wir zur Feier des Frühlingsanfanges dem Eselsritt und dem Tragen von Palmzweigen als Symbol des Sieges über den Winter. Näher liegt uns allerdings der Gedanke an Christi Einzug in Jerusalem.
Die unzertrennliche Verbindung mit dem knospenden, sprießenden Grün, mit den ersten Kindern des Lenzes, verleiht dem ganzen Feste einen gewiffen warmen Frühlingshauch, und so sind auch die verschiedenen Volksgebräuche, die mit dem Palmsonntag verknüpft sind, meist durch anheimelnde, sinnreiche Beziehungen zum Naturleben ausgezeichnet.
Uralt ist die Sitte, an diesem Tage Palmen — grüne Zweige — zu weihen und unter das Volk zu verteilen. Die zu weihenden Zweige werden vom Priester mit Weihwasser besprengt und dreimal geräuchert. Darauf geht der erste Geistliche zum Altar und giebt einem Priester einen geweihten Palmzweig. Derselbe verteilt nun die übrigen geweihten Zweige an die anwesenden Geistlichen und zuletzt an das versammelte Volk. Eine feierliche, schon zu Gregors des Großen Zeiten übliche Prozession beschließt diese kirchliche Handlung, zu der in Rom echte Palmwedel verwandt werden. Diese Palmen werden aus San Remo am Ligurischen Gestade bezogen, und entstammen den Gärten der Familie
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Vermischtes.
* Dortmund, 25. März. Eine harte Nuß hatten kürzlich unsere Stadtverordneten zu knacken. Bei dem Bau des Elektrizitätswerkes ist der Voranschlag um etwa 610000 Mk. überschritten worden. Bei den städtischen Bauten kommen hier hohe Ueberschreitungen des Voranschlags fast regelmäßig vor, sodaß die Stadtverordneten schon manches gewöhnt sind. Dieses Mal aber wurden auch die mildesten Herren arg böse, als man ihnen zumutete, eine solche Ueber- schreitung zu genehmigen, ja, sie drohten mit Amtsniederlegung, da sie solches Wirtschaften in den Augen ihrer Wähler nicht verantworten könnten. Vom Magistratstische aus und auch vom Berichterstatter wurde demgegenüber ausgeführt, das Geld sei gut angewandt, das Werk habe größer angelegt werden müssen, als es anfangs geplant war, man habe nicht alles voraussehen können. Wenn nur bestes Material verwandt worden wäre, so käme solches der Stadt zugute, weil dadurch Ausbesserungen in absehbarer Zeit ausgeschlossen wären; das Werk werde eine der besten Geldquellen für die Stadt werden. Die Überschreitung des Anschlages wurde schließlich mit großer Mehrheit genehmigt.
* Hebet den Lebensgang des Kapitäns Gustav Schmidt vom Hamburger Dampfer „Bulgaria", dessen mutvolles und umsichtiges Verhalten auf seiner letzten Ozeanreise die
ftr. 73 Drittes Blatt
Feuilleton.
Der ^afaifonnfag im Spiegel der Kulturgeschichte.
Skizze von Ludwig Epstein.
(Nachdruck verboten.)
erscheint lügNch mit Ausnahme des
Montags.
Die Gießener -amilienv lätter »erden dem Anzeiger »Schentlich viermal beigelegt.
Btjuy haben; er heißt: „Grüner Sonntag", „Blumen- fwmfiig", „pascha floridum“, „Palmfest". Man nennt ihn iiich „dominica Osanna“ oder „Hosianna», nach dem Wcminaruf der Menge, die Jesum bei seinem Einzug in zemsialem begleitete. Die gebräuchlichste Bezeichnung des Kisten, welches die griechische Kirche bestimmt schon im !. Achthundert n. Chr., die lateinische dagegen erst später feierte, ist der Name Palmsonntag, der wohl auf den ' Instand zurückzuführen ist, daß das Volk dem Herrn, als ■ ein Jerusalem einzog, Baumzweige auf den Weg streute, i dbvivhl nirgends gesagt ist, von welchem Baume die Zweige, I He bi ad Volk dem Heiland auf den Weg streute, eigentlich ' timnmten, nahm man doch stets an, daß es Palmen gewesen 1 leien. Im Abendlande, wo man der echten Palmen ent- 1 Intern mußte, deutete man das Wort „Palma" im weiteren ’Sinii'ie auf „Knospe", „jungen Sproß", und nannte darum
das wahrhaftig nicht dazu angethan wäre, die Beziehungen zwischen den einzelnen Staaten zu verbessern. Aber will man auch selbst annehmen, daß die Bedingungen pünklich innegehalten würden, was mir als utopische Idee erscheint, wer würde den Vorteil davon haben? England, das bei seiner insularen Lage und seiner Flottenübermacht, die es im Interesse seiner Kolonien nicht aufgeben kann, vor jedem Angriff der Kontinentalmächte gesichert erscheint, Rußland, das sich nur gegen Westen, Frankreich, das sich nur gegen Osten zu decken braucht, den Hauptnachteil aber Deutschland, das von allen Seiten angegriffen werden kann und eine schlagfertige große Armee am allernötigsten hat! . . . Der Krieg ist ein Naturgesetz, er ist der Kampf um das Dasein in allgemeinerer Form, und so lange die Menschen keine Engel sind, wird er nicht aufhören!" M. N. N.
Die Sozialdemokratie als demokratische Reformpartei?
Hierzu schreibt der „Mainzer Anzeiger" :
Eine demokratisch-sozialistische Reformpartei — das werde die Sozialdemokratie werden, sagt Ed. Bernstein in seinem neuesten Werke. Vom Umsturz, vom „Jahr des Triumphes", das Friedrich Engels vor zehn Jahren auf das Jahr 1898 prophezeit hatte, vom „großen Kladderadatsch" Bebels hält Bernstein gar nichts. Er wünscht die Herrschaft der Arbeiterklasse gar nicht herbei, denn: „Es sei offen auszusprechen, Paß die Arbeiterklasse auch heute noch nicht entwickelt genug sei, die politische Herrschaft zu Übernehmen. Auch die. Frage, ob wir die zur Abschaffung der Klassen erforderliche Höhe der Entwicklung der Produktionskräfte schon erreicht haben, sei nicht zu bejahen. Es sei nicht möglich, die ganze arbeitende Klasse im Laufe von ein paar Jahren in Verhältnisse zu bringen, die sich sehr wesentlich von denen unterscheiden, in denen sie heute lebt. Man könne aber auch, meint Bernstein, mit der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung sehr wohl auskommen und zufrieden sein: Wenn alle Garantien gegen Lohndrückereien und Ueberarbeit gegeben seien, und niemand gegen äußerste Not gezwungen werde, seine Arbeit zu unwürdigen Bedingungen zu veräußern, dann könne es „der Gesellschaft gleich- giltig sein, ob neben den öffentlichen und genossenschaftlichen Betrieben noch Unternehmungen existieren, welche von den Privaten für den eigenen Gewinn betrieben werden."
Die verfassungsmäßige Gesetzgebung arbeite langsamer, durch Kompromisse, aber sie sei stärker als die Revolution, „wo das Vorurteil, der beschränkte Horizont der Masse dem sozialen Fortschritt in den Weg tritt", und sie biete größere Vorzüge, „wo es sich um Schaffung dauernd lebensfähiger ökonomischer Einrichtungen handelt."
Drum ruft Bernstein der Sozialdemokratie zu: „Was sie ist, das wage sie zu scheinen: eine demokratisch-sozialistische Reformpartei."


