Sonntag den 26. Februar
1899
Zweites Blatt
Amts- und Anzeigeblntt für den Ureis Giefzen
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liefern. Allein die Bibliothek ist fast ganz durch Schenkungen zu stände gekommen und so viel Gutes auch zusammen gekommen ist, und so sehr die Opferwilligkeit mancher Schenker Dank verdient, so klaffen doch noch ungeheuere Lücken. Von Gustav Freytag, Felix Dahn, Willibald Alexis, Marie Ebner-Eschenbach, Fritz Reuter, Dickens, um aufs gerate- wohl nur ein paar Namen herauszugreifcn, ist nichts oder so gut wie nichts da. Nicht besser ist es mit geschichtlichen und biographischen Werten bestellt, trotzdem nach solchen, wenn sie frisch und anregend geschrieben sind, immer starke Nachfrage ist. Das gleiche gilt auch von Reisebeschreibungen. Besonders ist es zu bedauern, daß auf dem Gebiete der Technik, der Gewerbe, der Landwirtschaft so wenig vorhanden ist. Schließlich müßten unseres Erachtens auch die eigentlichen Jugendschriftsteller, W. O. v. Horn, G. Nieritz, F. Hofmann, F. Schmidt und die sogenannten Gartenlaubenschriftstellerinnen Marlitt, E. Werner und Heimburg vertreten sein, die vielleicht besser sind als ihr Ruf, und die notorisch bei der Frauenwelt außerordentlich beliebt sind. Ein Bibliothekar, der in zwei Stunden 110 Bände auszuleihen, vielleicht noch einige mehr zurückzunehmen, Strafgelder einzuziehen und etwa ein Dutzend Leihkarten auszustellen hat, muß, wenn jugendliche oder weibliche Leser kommen, immer eine Anzahl Bücher parat haben, die er unbesehen ihnen in die Hande geben kann, ohne erst ei» dutzend Bände prüfend zu überfliegen, ob darunter ein für die betreffende Altersstufe passender sei. Seither mußte in solchen Fällen immer ein Band „Gartenlaube" oder ,,Da- heim" herhalten. In Anbetracht des Umstandes, daß die Abnutzung eines solchen Zeitschriftenbandes schon wegen oe~
»onatzme von ««zeige» i» der nachmittag- f* bat felyabcn lag erscheinenden «»»»»er bi» wr». 10 Uhr.
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Ausland.
London, 23. Februar. Kummer und Sorgen des Präsidenten. Ueber die mutmaßlichen Ursachen, die den Schlaganfall des Präsidenten Faure herbeigeführt haben, wird von den Pariser Berichterstattern der großen Blätter manches geschrieben. Im ganzen neigt man zu der Anschauung, daß die Sorgen und Aufregungen der heutigen Lage sein Leben verkürzt haben. Der Pariser Vertreter der „Daily News" geht am meisten in die Einzelheiten und erinnert zunächst an manches, was schon früher über die sichtlichen Veränderungen gesagt worden, die die Präsi-
Deutsches Keich.
— DieLage des Arbeitsmarktes ist im Großgewerbe noch anhaltend günstig. Eine Ausnahme machte die Kohlen- und Eisenindustrie Oberschlesien, über die vorübergehend Berichte über Mangel an Beschäftigung ein- liefeu. Doch hat sich gegen Ende des Januar das oberschlesische Geschäft wieder erholt. Besonders zu begrüßen ist die in verschiedenen Gegenden zutage tretende Besierung im Textilgewerbe; die Beschäftigung nimmt wieder zu, die Preise für Fertigfabrikate ziehen an. Teilweise hat auch das Hochwasser nach kurzer Zeit großer Schädigung vermehrte Arbeitsgelegenheit gebracht; die Dachdecker in Südwestdeutschland haben dadurch plötzlich und unvorhergesehen viel Arbeit bekommen. Im Baugewerbe, bei Hoch-, Kanal- »nd Kleinbahnbauten geht der Betrieb dank der milden Witterung flott weiter und macht sich weithin, selbst tuf die Beschäftigung im Baugewerbe bemerkbar. Wie die Berlinner Monatsschrift „Der Arbe itsmarkt" schreibt, zeigen die Abschlußziffern der Arbeitsnachweisverwaltungen zwar noch immer einen günstigen Stand des Arbeitsmarktes an, aber er verteilt sich nicht gleichmäßig auf sämtliche Städte. Von 58 vergleichbaren Daten der berichtenden Arbeitsnachweise weisen im Vergleich zum Januar des Vorjahres 36 (4- 2 ausländische) eine Abnahme von 19 (-s- 1 ausländischer) eine Zunahme des Andranges auf. Abnahme: Posen, Breslau, Berlin, Kiel, Quedlinburg, Erfurt, Dessau, Osnabrück, Dortmund, Elberfeld, Köln, M.-Gladbach, Aachen, Wiesbaden, Frankfurt a. M., Mainz, Darmstadt, Worms, Kaiserslautern, Heidelberg, Freiburg, Schopfheim, Karlsruhe, Mannheim, Konstanz, Stuttgart, Ludwigsburg, Cannstatt, Reutlingen, Schw. Hall, Heilbronn, Ulm, Würzburg, Nürnberg, Augsburg, München. (Brünn, Graz.) — Zunahme: Frankfurt a. O., Rixdorf, Halle a. S., Gera-R., Hannover, Bielefeld, Münster, Hörde, Essen, Düsseldorf, Kreuznach, Gießen, Straßburg i. E., Lahr, Offenburg i. B-, Mülheim i. B., Pforzheim, Eßlingen, Fürth. (Bern.)
von denen, die um die Sache gewußt hatten. Ein weiterer Umstand, der ihm großen Kummer machte, war der, daß die „Libre Parole" tags vorher gegen die Schwiegermutter einer Tochter, Frau Berge, die Zähne zeigte. Es handelte sich um eine Enteignung bei der Verlängerung der Rue Magador, für die' ein sehr hoher Preis verlangt wurde. Drumont zog in der „Libre Parole" gegen die Sache los, und Faure sah in diesem Artikel den Anfang eines Feldzuges, den er lange befürchtet. Er war mit Familienenthüllungen von den Anti-Dreyfuslern bedroht worden und fürchtete die Wirkung auf die europäischen Höfe." K. Z.
London, 22. Februar. Wir leben schnell heutzutage. Vor Jahresfrist herrschte in Omdurman noch der Khalifa, in Paris freute man sich auf die Ueberraschungen, die Hauptmann Marchand und andere im Sudan den Engländer» bereiten würden, und in England selbst machte sich mancher über den Ausgang des bevorstehenden letzten Aktes im Sudanfeldzuge ernste Sorge. Vorgestern aber fand in Omdurman Heerschau zu Ehren des Herzogs und der Herzogin von Connanght statt, und der Sirdar, der vor einem Jahre Sir Herbert Kitchener hieß, marschierte als Lord Kitchener an der Spitze von 9000 Mann an dem Sohne seiner Herrscherin vorbei. Hiernach hielt der Herzog Empfang für die Offiziere und eingeborenen Notabeln. Darauf machte er mit der Herzogin eine Rundfahrt durch Omdurman und Khartum, nahm die allerdings nicht überzahlreichen SehenS- wjirdigkeiten in Augenschein und beendete den Tag, wie anderswo bei ähnlichen Gelegenheiten mit einem Festmahl, wonach dann zu seiner Ehre und zur Freude der Eingeborenen ein großes Feuerwerk abgebrannt wurde. Während Lord Kitchener im Sudan das Prinzenpaar bewirtete, war im Unterhause, das demnächst die für ihn beantragte Dotation von 30000 Pfd. Sterling zu bewilligen haben wird, aus anderen Gründen von ihm die Rede. Es wurde an die Regierung die Frage gerichtet, ob es wahr sei, daß bei der Einnahme von Omdurman die Gebeine des Mahdi aus seiner Gruft gerissen und in den Nil geworfen worden seien. Die Thatsache war unzweifelhaft. Lord Kitchener hatte zu dieser Maßregel Befehl erteilt und sicher nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Daß die Gräber von moslemitischen Heiligen mindestens soviel Verehrung genießen wie die anderer Religionen, ist bekannt. Um die Person des Mahdi insbesondere, der nach Mohammeds Vorbilde mit dem Schwerte für die Ausbreitung des Glaubens gekämpft und ein Reich gegründet hatte, wob sich bereits seit einigen Jahren ei» Sagenkranz. Er sollte bei seinem Tode gen Himmel gefahren sein, und wenn sein Grab eine geehrte Stätte blieb, so konnte eines schönen Tages ein neuer Fanatiker die Mafien wieder in Bewegung setzen, um Grab und Gebeine den Händen der Ungläubigen zu entreißen. Kitchener weiß, was solche Dinge bedeuten. Er kennt keine Sentimentalität und
dentschast und ihre Obliegenheiten in Faure herbeigeführt. „Nagende Sorgen — heißt es im weitern — und in der That die peinlichsten Befürchtungen haben mittlerweile den körperlichen Verfall beschleunigt. Er empfing einen heftigen Stoß, als ihm ein Exemplar meiner Depesche vom letzten Dienstag am 16. morgens vorgelegt wurde. Die Wahrheit, die ihm da plötzlich vorgehalten wurde, betäubte ihn eine Weile. (Diese Depesche gab den Inhalt einer Unterredung mit einem französischen Staatsmanne wieder und setzte im einzelnen auseinander, warum Herr Dupuy bald in der Lage zu sein hoffe, zum Präsidenten gewählt zu werden. „Herr Faure kann sich nicht halten", hatte der Staatsmann gesagt, „er wird von allen Seiten unterminiert, nnd das Merkwürdigste ist, daß er allein das nicht merkt. Seine aristokratischen Anlehnungen haben unendlich viel Anstoß erregt, Etiquetten- fragen sind zu Staatsangelegenheiten aufgebauscht worden. In der Kammer sagt man, Monsieur Protocole habe die Nachfolge von Madame Etiquette vom weiland Versailler Hof angetreten. Wenn es nun zur Präsidentenwahl kommt, wird wahrscheinlich weder Dnpuy noch Freycinet, sondern irgend eine bis heute dunkle Persönlichkeit ans Ruder kommen. Alle Revisionisten sind gegen Faure und werden suchen, ihn zu stürzen. Wenn der Angriff kommt, so wird man ihn matt verteidigen, und er wird denselben Weg zu gehen haben wie Mac Mahon, Grövy und Casimir Perier.")' Es wurden Nachfragen angestellt, und es sand sich, daß ich nicht irrig unterrichtet war. Die Haltung des Präsidenten beim Ministerrat war keine glückliche. Es fiel den Ministern auf, daß seine Gedanken einigermaßen verworren seien. Auch seine Zunge war etwas schwer. Doch das war in letzter Zeit mehrfach aufgefallen und brachte niemanden auf den Gedanken, daß der Präsident den Tag nicht überleben werde. Die Versuche der Ligue de la Patrie Fran^aise, die Offiziere zu umstricken, schienen ihn zu beunruhigen. Die Minister waren nicht recht klar darüber, was zu thun sei. Sicher war nur, daß General Merciers Weigerung, den Sündenbock zu spielen, sehr ernste Folgen nach sich gezogen habe. Wie gestern gemeldet wurde, hat General Mercier vor der Kriminalkammer des Kassationshofes über die Geheimakten, die hinter dem Rücken der Verteidigung im Prozeß Dreyfus dem Gericht gezeigt worden sind, die volle Wahrheit gesagt. Um aber nicht zu empfindlich zu berühren, hatte ich nicht erwähnt, welche Versuche gemacht worden waren, den General zu bewegen, seinen Wohnsitz nach England zu verlegen, wo ihm gerichtlich nicht beizukommen war. Man würde nicht gekargt haben, ihn dafür zu entschädigen, allein er beschloß, in Paris auszuhalten und, falls es zum Krach käme, alle diejenigen ferner früheren Kollegen, die er bezüglich der Geheimakten zu Rate gezogen, mit in seinen Sturz hineinzuziehen. Herr Faure war einer
Feuilleton.
Mer die Ankunft htr Gießener ftftljnllt.
Die Benützung der öffentlichen Lesehalle hat sich ungemein gehoben. Die Zahl der an einem Abend ausgeliehenen wie die der zurückgegebenen Bände hat sich im Januar oft über hundert erhoben und ist in der Regel nur wenig darunter geblieben. Auch findet man, wenn man das Lesezimmer betritt, dies in der Zeit zwischen 6'/^ bis 8y2 Uhr immer gut besetzt. Die Zahl der zu gleicher Zeit Anwesenden schwankt zwischen zehn und fünfzehn. Während Kurzsichtige anfangs fürchteten, daß die Lesehalle nicht genügend benutzt werden würde, steht heute schon fest, daß wir bald eine andere Sorge haben werden: nicht, wo wir die Leser für unsere Anstalt herbekommen, sondern wie wir sie unterbringen werden. Der Versuch, der mit der Eröffnung der Lesehalle und Bibliothek gemacht wurde, muß als glänzend gelungen bezeichnet werden. Der Nachweis fit erbracht, daß in weiteren Kreisen Gießens der Wunsch zu lesen besteht, und daß die öffentliche Lesehalle nur einem vorhandenen und lebhaft empfundenen Bedürfnis entspricht. Dennoch wollen wir uns darüber keiner Täuschung hingeben, daß die gegenwärtigen Zustände noch ganz unbefriedigend sind. Die Schuld tragen die für den Zweck viel zu knappen Geldmittel.
Man bedenke einmal, daß die Mttglrederbetträge nicht viel über tausend Mark betragen! Davon ist erstens der Gehalt für den Bibliothekar zu bestreiten, der Vereinsdiener,
der bei den Mitgliedern die Zeitungen abholt und die Lauffrau, die das Lokal reinigt und heizt, zu bezahlen, und von dem dann noch bleibenden Rest sollen Zeitungen und Zeitschriften gehalten, Bücher angeschafft und gebunden und eventuell auch das Mobiliar ergänzt werden. Nur dadurch, daß die meisten Zeitungen geschenkt werden, und daß die Brühl'sche Druckerei, die der Lesehalleverein als eine feiner eifrigsten Förderinnen schätzt, mehrere Zeitschriften auflegt, wie es auch einige Vereine in dankenswerter Werse thun, ist es möglich geworden, daß unser Lesesaal so reich aus- qeftattet ist. Aber es ist damit zu rechnen, daß die unentgeltlich gelieferten Tageblätter später wegfallen werden, denn es ist von auswärtigen Verlegern nicht zu erwarten, daß sie einem gemeinnützigen Gießener Unternehmen dauerndes Interesse entgegenbringen oder Zeitungen im Werte von Ehrlich 24 oder 30 Mark stiften werden, wo der Beitrag der reichsten einheimischen Bürger nicht über 20 Mark steigt.
Weit ungünstiger ist die Lage der Bibliothek. Die hohe Benutzung bedeutet gleichzeitig eine starke Abnutzung. Die Romane, Zeitschriften, Kriegsgeschichten und Jugendschriften werden im Laufe eines Monats drei- bis viermal ausgeliehen, die May'schen Reiseerzählungen wohl noch öfter. Infolgedessen leiden die Einbände und auch das Innere des Buches not. Für Ersatz der schadhaften Einbände oder der zerlesenen Bücher wird so ziemlich alles draufgehen, was für Bibliothekszwecke zur Verfügung steht.
Es ist das Ziel des Lesehallen-Vereines, zunächst das Lese- und Unterhaltungsbedürfnis allgemein zu befriedigen, demnächst aber denen, die eine edlere Lektüre wünschen oder sich geistig fortzubilden suchen, die entsprechenden Bücher zu
(<)id;cncr Anzeiger
General-Anzeiger
Nr. »3
trf4ei»t täglich mit «u-nahme de- Montag«.
DN Gießener
A«»1kie»d kälter »erbe» dem Anzeiger »ächevttich viermal beigelegt.
neu, ist mein rgiea" le freie Be- ie Einlagen, 1 die inneren ’as wärmste
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