'N Nr. 49
Drittes Blatt.
Sonntag den 26. Februar
1899
für die Gesamtstärke maßgebend, daß vom 14.
15. Armeekorps sich 40 Bataillone auf dem hohen Etat befinden, sämtliche Batterien dieser beiden und % der de- 13. Korps mittleren oder hohen Etat haben und sogar bei der Kavallerie, die diesmal 32 Eskadrons mehr als im Vorjahre zählt, 40 Eskadrons hohen Etats sind. Es wird daher wieder eine ganz imposante Truppenmacht an bat Kaisermanövern teilnehmen. Zu bemerken ist endlich noch, daß die Feldartillerie sich noch in der alten Einteilung befinden wird; doch ist anzunehmen, daß sie durchweg den Divisionen zugeteilt sein und keine Korpsartillerie mehr gebildet werden wird. ______________________
Ausland.
Prag, 24. Februar. Hier traten heute die deutsch- böhmischen Abgeordneten zusammen, um die Forderung der Deutschen festzustellen. Die Formulierung dieser Forderungen soll aber keineswegs als Grundlage irgend welcher Verhandlungen mit der Regierung dienen, sondern ausschließlich für die deutsche Opposition ein Programm und eine Richtschnur bilden.
Pans, 24. Februar. In der heutigen Kammersitzung herrschte große Aufregung. Präsident Dechanel verlas einen Bericht des Generalanwalts Bertram, welcher verlangt, Döroulöde wegen der ihm zur Last gelegten Strafthaten z» verfolgen. Er weist darauf hin, daß Deroulöde unter den Artikel 25 des Gesetzes von 1893 über die Presse falle. Die Verlesung des Berichtes wurde mit großer Aufmerksamkeit vom Hause angehört. Der Nationalist Castelin beantragte die vorläufige Freilassung Deroulödes, welcher Antrag mit ironischem Gelächter ausgenommen wurde. Schließlich wurde auf Vorschlag des Ministerpräsidenten Dupuy ein Ausschuß von 11 Mitgliedern gewählt, um den Antrag betreffs der Verfolgung Doroulödes zu beraten. Die 11 Mitglieder sind sämtlich für eine Verfolgung. Der Ausschuß trat sofort zusammen und wird wahrscheinlich heute noch seinen Bericht erstatten, damit sofort die Kammer sich über eine Verfolgung oder Nichtverfolgung Döroulödes schlüssig machen kann. Millevoye, welcher inzwischen wieder frei gelassen worden ist, erschien in der Kammer und wurde von seinen Freunden lebhaft begrüßt. In den Wandelgängen der Kammer erklärte er, er beabsichtige die Regierung sofort über den Vorfall zu interpelliren.
Paris, 24. Februar. Döroulöde besteht darauf, daß in dem Untersuchungsprotokoll gegen ihn hervorgehoben wird, er habe beabsichtigt, nach dem Elysee zu ziehen, um die Regierung zu ändern. In seiner Vertheidigung wird er erklären, daß er eine Abänderung des Wahlsystems herbei- führen will und zwar die Wahl eines Präsidenten durch ein Volksreferendum. ________________________
Males und Provinzielles.
Gießen, den 25. Februar 1899.
• * Vom höheren Lehramt. Seine Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht, am 22. Februar den von Seiner Durchlaucht dem Fürsten Bruno zu Isenburg und Büdingen präsentierten Lehramtsaffessor an der höheren Bürgerschule zu^Hungen, Dr. Heinr. Wittekind, zum Lehrer am Gymnasium zu Büdingen, mit Wirkung vom 1. April l. I. an, zu ernennen.
• • Vielfachen Anfragen gegenüber können wir mitteilen, daß auch die Gießener Studentenschaft der von Bonn angeregten Frage einer gemeinsamen „Bismarck-Ehrung" mit lebhaftem Jntereffe folgt. Der Ausschuß der Gießener Studentenschaft hat in der Sitzung vom 23. ds. Mts. aus seiner Mitte ein Komitee gewählt, welches die Bewegung in der genannten Angelegenheit während der Osterferien im Auge behalten, mit den Studentenausschüssen anderer Universitäten in Gedankenaustausch treten, und zu Beginn des Sommersemesters dem Ausschuß, bezw. der Studentenschaft, bestimmte Anträge vorlegen soll. Bis dahin werden die Konkurrenzarbeiten deutscher Künstler eingereicht sein, und man wird dann für die eine oder die andere Form sich entscheiden können, die den hiesigen Verhältniffen am besten entspricht.
♦ * Kunstverein. In der Gemäldeausstellung im Turmhaus am Brand hat im Laufe dieser Woche ein Wechsel ber Gemälde stattgefunden. Unter den über hundert ausgestellten Gemälden befindet sich auch, wie wir bereite kurz erwähnten, eine Kollektion von R. Scholz-München. Die vor kurzem der Ausstellung überwiesenen Portraits, ausgeführt von demselben Künstler, verbleiben nur noch
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Fernsprecher Nr. 51.
Amtlicher Teil.
Gesunde» r 1 Portemonnaie ohne Inhalt, 1 silberner Ring, 1 Taschenmesser, 1 Monogramm, 1 Halstuch, ein Schlüsselbund, 1 Chemisette, 1 Kragen, 1 Milchkanne und Haarbürste.
Auf der Eisbahn gefunden im Laufe des Winters:
13 einzelne Handschuhe, 1 Arbeitsbeutel u. 10 Taschentücher.
Zugeflogen: 1 Schwan.
Gießen, den 25. Februar 1899.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Muhl.
Deutscher Reichstag.
41. Sitzung vom 24. Februar. 1 Uhr.
Die Sitzung wird eröffnet durch den Vizepräsidenten Schmidt, und zwar in Anwesenheit des Präsidenten Grafen Hallestrem.
Vizepräsident Schmidt kommt auf die gestrige Aeuße- rung des Geueralstaatsanwalts Rüger zurück, daß der Herr Heine die vom „Vorwärts" gebrachten Lügen in die Luft habe flattern lassen. Er, der Vizepräsident, nehme an, daß der Bundesratsbevollmächtigte nicht habe sagen wollen, daß der Abgeordnete wiffentlich und absichtlich die Verbreitung riuer Lüge geduldet habe. Andernfalls müsse er dem Bevollmächtigten bemerken, daß eine solche Aeußerung nicht parlamentarisch sei, und der Ordnung dieses Hauses nicht entspreche.
Hieraus übernimmt den Vorsitz Präsident Graf Balle- ftrem. Derselbe bittet, bei den übrigen Titeln nicht auf die Generaldebatte zurückzugreifen. Der Etat müsse am 1. April fertiggestellt sein, und bei der diesjährigen Lage des Osterfestes bedeute der 1. April den 22. März. (Heiterkeit).
Nunmehr wird die Beratung des Etats des Reichsjustizamts fortgesetzt beim Titel „Reichsgericht". Der Etat wirft Neuausgaben aus für Errichtung eines neuen siebenten Civilsenats.
Abg. Stadthagen (Soz.) beantragt Streichung dieser Mehrforderung.
Staatssekretär Nieberding bittet um Bewilligung des siebenten Civilsenats im Hinblick auf die Ucberlaftung des Reichsgerichts.
Der Titel wird unverkürzt bewilligt, der Rest des Etats des Reichsjustizamts genehmigt, desgleichen der Etat für den Reichstag.
Es folgt der Etat des Reichseisenbahnamts.
Abg. Münch-Ferber (natl.) beschwert sich über langsame Güterbeförderung auf gewissen sächsischen Ver- khrsrouten.
Direktor im Reichseisenbahnamt Schultz sagt Untersuchung zu.
Abg. Pachnicke (frs. Vg.) plaidiert für Reformen im Personentarifwesen, insbesondere im Sinne von Tarifherabsetzungen. Weiter wünscht er Vergünstigungen für Radfahrer und Auskunft über die gegen Häufung von Unfällen getroffenen Maßnahmen.
Direktor Schulz entgegnet, in Bezug auf den letzteren Punkt habe der Bundesrat Anordnungen getroffen, welche am 1. Oktober vor. Jrs. in Kraft getreten feien. Die Zahl der Unfälle sei durchaus nicht so groß. Die deutschen Bahnen seien in dieser Beziehung besser, als viele andere »ußerdeutsche Bahnen. Die in Preußen bezüglich des Transports von Radfahrern mit ihren Rädern getroffenen Bestimmungen könnten vorläufig nicht abgeändert werden. Auskunft über den Stand der Tarifreformfrage könne er, Redner, nur mit großer Beschränkung erteilen. Es hätten in dieser Angelegenheit verschiedene Konferenzen stattgefunden, über deren Ergebnisse er jedoch keine Mitteilungen machen könne, da die Sache als streng vertraulich behandelt werden müsse. Jedoch könne er versichern, daß auf allen Seiten -as Bestreben bestehe, zu einer Einigung zu gelangen.
Abg. Braesicke (frs. Vp.) Plaidiert für Staffeltarife.
Direktor Schulz erwidert, die Frage der Staffeltarife fei eine äußerst bestrittene; der eine nenne sie rationell und nützlich, der andere irrationell und schädlich. Man könne 8 iefe Frage Tagelang diskutieren, ohne daß die differenzierenden Meinungen ausgeglichen würden. Er glaube aber nicht, daß das Haus eine solche Erörterung wünsche.
Abg. Stolle (Soz.) verbreitet sich ausführlich über MS Ausbleiben jeder Tarifreform. Namentlich durch die
Schuld der preußischen Staatsbahnverwaltung komme man nicht vom Fleck. Die zahlreichen Unglücksfälle auf den Eisenbahnen würden verschuldet durch die Ueberbürbung der Fahrbeamten, durch deren zu lange Arbeitszeit.
Geh. Rat v. Misany erwidert, der Abg. Stolle verwechsele Arbeitszeit und Dienstzeit. Wenn erst die neueren Vorschriften durchweg durchgeführt seien, werde von Ueberbürdung keinesfalls mehr die Rede sein können.
Abg. Ganip (Rp.) nimmt die preußische Verwaltung gegen die Vorwürfe betr. zu lange Dienstzeit und Verschleppung von Tarifreformen in Schutz.
Abg. Möller (nl.) wünscht eine bessere Verkehrsverbindung in der Richtung von Sachsen nach England. Eine Personentarifreform sei nötig; der Tarif müsse möglichst einfach gestaltet werden, unter völliger Aushebung aller Retour- und Rundreisebillets.
Abg. Graf Stolberg (kons.) plaidiert für eine Hcrochsetzung der Tarife im Güterverkehr.
Abg. Schrader (frs. Vg.) ist überzeugt, daß eine weitere Ermäßigung der Personentarife einen großen Einfluß auch auf die Entwickelung unseres Güterverkehrs haben würde. Eine Ermäßigung der Gütertarife auf große Entfernungen, also Wiedereinführung der Staffeltarife, sei gleichfalls zu empfehlen. Es müsse an dem Gedanken fest- gehalten werden, daß es Sache des Reiches sei, dafür zu sorgen, daß im Eisenbahnwesen im ganzen Reiche möglichst alles gleichmäßig und gut geregelt werde.
Abg. Frhr. v. Stumm (Rp.) äußert sich lebhaft gegen die Staffeltarife.
Abg. Graf Kanitz (kons.) erklärt sich für allgemeine Staffeltarife; diese würde er für ein Glück halten gegenüber dem jetzigen Chaos.
Abg. Stolle (Soz.) bezeichnet die Zustände in Sachsen im Polizeiwesen, in der Rechtsprechung und auch die Art, wie die Eisenbahnbeamten dort ausgenutzt werden, als eine Schande für Sachsen.
Präsident Graf Ballestrem ruft den Abg. Stolle wegen dieser Bemerkung zur Ordnung.
Der Etat des Reichseisenbahnamts wird genehmigt.
Morgen 1 Uhr. Fortsetzung der Etats-Beratung.
(Schluß 5>/4 Uhr.)___________________
Deutsches Reich.
Berlin, 24. Februar, lieber die diesjährigen Kaisermanöver ist die „Tägl. Rundschau" auf Grund zuverlässigster Informationen in der Lage, folgende Mitteilungen zu machen, durch die die Angaben eines süddeutschen Blattes in wesentlichen Punkten richtig gestellt und ergänzt werden. Die Manöver finden nicht in der zweiten, sondern in der ersten Hälfte des September statt und werden voraussichtlich fünf Tage, vom 5. bis 9. September, dauern, lieber ba^ Manövergelände läßt sich etwas Genaueres noch nicht angeben. Im Interesse der möglichst großen Kriegsmäßigkeit werden die Bestimmungen hierüber bis in die letzte Seit hinein geheim gehalten, und alle Vermutungen sind deshalb wertlos. Wie noch wenig bekannt sein durste, wird das 14. Armeekorps am 1. April eine dritte Division stellen die 39. in Kolmar, die in den beiden Brigaden Nr. 82 und 84 die Infanterie-Regimenter Nr. 169 und 170 und die Jäger-Bataillone Nr. 4, 8, 10 und 14 ver- einiat Das Armeekorps wird also beim Kaisermanöver außer der Kavallerie-Division B drei Infanterie-Divisionen Aäblen Auch das 15. Armeekorps vermag für die Mandver- ?eit eine dritte Division aufzustellen, sodaß im ganzen 8 Infanterie- und 2 Kavallerie-Divisionen gegeneinander manöDerieren werden. Wie diese weiterhin gegliedert sein werden, bleibt abzuwarten, lieber die Truppenstärke lassen sich jedoch schon folgende Angaben machen. Das 13. (kgl. Württemberg.) Armeekorps umfaßt 25 Bataillone Infanterie, 20 Eskadrons und 23 fahrende Batterien; das 14. Armee- korvs (Baden) 28 Bataillone Infanterie, 4 Bataillone ">äaer 21 Eskadrons, 21 fahrende und 2 reitende Batterien und die Unteroffizierschule Ettlingen mit 2 Kompagnien; b^ 15 Armeekorps (Elsaß) 34 Bataillone Infanterie, 21 Eskadrons, 18 fahrende und 4 reitende Batterien, hierzu treten von außerhalb 30 Eskadrons und 2 reitende Batterien Danach ergeben sich im ganzen 9P/a Bataillone Infanterie und Jäger, 92 Eskadrons (einschließlich zwei reitende ‘Vager), 70 Batterien (einschließlich 8 reitende) und 4 Pionier-Bataillone, Nr. 13, 14, 15 und 19. liebertrifft bie Qabl der Bataillone und Batterien auch die des Vorjahres (89 Bataillone, 69 Batterien) nur unerheblich, so ist


