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M. 251 Zweites Blatt
Mittwoch den 25. October
Gießener Anzeiger
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♦ Die freigesprochenen „Harmlosen.
Gießen, den 24. Oktober 1899.
DaS allgemeine Interesse wurde in den letzten Wochen stark in Anspruch genommen durch den Spielerprozeß, der vor dem Berliner Landgericht sich abwickelte. Der „olle ehrliche Seemann" hat Schule gemacht, und wer im Verlaufe des Prozesses die Friedrichstraße in Berlin entlang ging, der hörte alle paar Schritte rufen: „Die Harmlosen", oder: „Wo ist der alte ehrliche Dr. Kornblum?
Der Prozeß an und für sich hätte wohl kaum Beachtung verdient, wenn er sich nicht, ebenso wie der Hannover'sche Spielerprozeß, gegen exklusive Gesellschaftskreise richtete und einen Einblick in das Treiben der jeuneaae dore6 gestattete. Die Zeugen setzten sich aus denselben Kreisen zusammen wie bei jenem Prozesse, nur auf der Anklagebank saßen diesmal ebenfalls Personen der Gesellschaft unter der schweren Beschuldigung des Falsch- und des gewerbsmäßigen Spiels.
Die erstere Anklage wurde freilich während der Verhandlungen fallen gelasien, aber der Verdacht des gewerbsmäßigen Spiels blieb bestehen und wurde auch von der Staatsanwaltschaft vertreten. Wir wollen hier an dem freisprechenden Urteil keine Kritik üben, aber dem Laien wird es unverständlich bleiben, daß der Oberstaatsanwalt so fest von der Schuld der Angeklagten überzeugt und eine Freiheitsstrafe gegen dieselben beantragen konnte, während der Gerichtshof das freisprechende Urteil abgab. Einer der in Betracht kommenden Faktoren muß demnach in einem Irrtum befangen gewesen sein.
Man darf doch wohl annehmen, daß Staatsanwalt und Richter in der Beurteilung des Falles gleich große Erfahrung haben. Aber noch nach einer anderen Richtung hin ist der Prozeß bemerkenswert. Man hat daraus ersehen, daß alle Verordnungen und Befehle, welche betreffs des Spiels an gewisse Kategorien ergangen sind, fruchtlos waren. ES geht damit wie mit dem Duellverbot, welches mit aller Strenge erlassen, aber doch nicht befolgt wird. Gewisse Kreise glauben eben, ein Recht darauf zu haben, nicht nur die auf das Duell bezüglichen Gesetzesparagraphen zu übertreten, sondern auch alle der Spielwut entgegentretenden
Erlasse in den Wind zu schlagen. Daß dies nicht erziehlich auf die breiten Volksschichten wirken kann, brauchen wir nicht besonders hervorzuheben, und so wird denn auch der jüngste Spielerprozeß nicht ohne Wirkung bleiben, und der Mann des Volks wird sich sagen: „Wie kann mir eine Uebertretung des Gesetzes so hoch angerechnet werden, wenn in denjenigen Kreisen, die zu den edelsten der Nation gerechnet werden, die Sitten so lax sind und die Lebensgewohnheiten stark mit dem Strafgesetzbuche kollidieren." Fürwahr, der Prozeß gegen die „Harmlosen" hat wieder ein grelles Licht geworfen auf das Leben und Treiben so mancher den ersten Gesellschaftskreisen angehörigen Personen und Schäden aufgedeckt, die je eher desto besser zu heben wären. Man kann mit gutem Gewissen die ernsten Mahnungsworte, welche der Oberstaatsanwalt an den Angeklagten v. Kröcher richtete, auf die ganzen, in denselben Vorurteilen befangenen Kreise ausdehnen und erwarten, daß endlich eine Umkehr erfolgt. Das böse Beispiel der oberen Gesellschaftsklassen verdirbt die guten Sitten der unteren Kreise! Hoffentlich trägt der Prozeß gute Früchte, nachdem er die Gefahren aufgedeckt hat, die der „wahnsinnige Leichtsinn" — wie der Angeklagte v. Kröcher seine Handlungsweise selbst nannte — mit sich bringt.___________________________________________________
Altes und Neues.
Friedlich unter und nebeneinander.
Mannigfaltig und verschiedenartig, wie ehemals in den einzelnen deutschen Bundesstaaten die Zoll-, Steuer-, Militär-, Münz- usw. Verhältniffe, sind auch heute noch die Bestimmungen, welche seitens der deutschen Reichspostverwaltung zu beobachten sind, bei der Anstellung von Reichspost- und Telegraphenbeamten. So verschieden, daß gar viele Beamte sich nicht genügend klar sind, über diese Verhältnisse und der Nichtfachmann sich oft vergeblich bemüht, denselben das nötige Verständnis entgegen zu bringen. Wohl haben wir ein einig deutsches Reich, und, abgesehen von Bayern und Württemberg, eine kaiserlich deutsche Reichspost, aber im Dienste derselben nicht, wie man anzunehmen be- rechtigt ist, Beamte, die ausschließlich kaiserlich deutsche Reichsbeamte sind, sondern wir haben neben den kaiserlichen auch königliche und großherzogliche Beamte. Zunächst sind
«treffe für Depeschen: *W|d«er $U|4«.
Fernsprecher Nr. 61.
ja alle Post- und Telegraphenbeamten, Reichsbeamte im Sinnt des Reichsbeamtengesetzes, sie werden aber im weiteren eingeteilt, in mittelbare und unmittelbare Reichsbeamte. Die unmittelbaren Reichsbeamten werden für Se. Majestät den deutschen Kaiser vereidigt, und im Namen des Kaisers ernannt und angestellt. Die mittelbaren Reichsbeamten dagegen werden, soweit für einzelne Gebiete nicht Abweichungen bestehen, von den Landesregierungen ernannt und werden nach Maßgabe der einzelnen Landesgesetzgebungen oder der bezüglichen Verträge vereidigt, wobei sie die Verpflichtung übernehmen, den Anordnungen Sr. Majestät des deutschen Kaisers Folge zu leisten. Zu den unmittelbaren gehören:
a) Oberpostdirektoren, Oberposträte, Posträte, Bauräte, Inspektoren, Oberpostkassierer, Rendanten.
b) alle Beamte, die in den Postdienst eintreten und beschäftigt werden, innerhalb des Großherzogtums Oldenburg, des Herzogtums Anhalt, des Herzogtums Sachsen-Altenburg, im Staatsgebiete der freien Hansestädte: Bremen, Hamburg, Lübeck und in den Reichslanden (Elsaß-Lothringen).
Alle übrigen Beamten, (also das große Heer der eigentlichen Betriebsbeamten), soweit sie nicht in den unter b. genannten Staaten beschäftigt werden, sind mittelbare Reichsbeamte. Sie werden angestellt in Preußen, Sachsen, Baden, Mecklenburg, Braunschweig durch die einzelnen Landesregierungen bezw. mit Genehmigung derselben. In Heffen, Waldeck, Reuß, Lippe, Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen- Meiningen und Sachsen-Coburg Gotha im Namen des König- von Preußen durch die kaiserlich deutsche Reichsbehördeu, Reichspostamt bezw. Oberpostdirektion. So hat man infolgedessen in Hessen kaiserlich deutschen Posträte und königlichpreußische Postmeister rc., in Mecklenburg Großherzogliche Postmeister und Kaiserliche Posträte und gar in Sachsen, wo die Postbeamten von der Kgl. Sächs. Regierung, die Telegraphenbeamten aber auf Grund eines SondervertragS von Preußen angestellt werden: Kaiserlich deutsche, Kgl. sächsische und Kgl. preußische Post- und Telegraphenbeamte im Dienste ein und derselben Verwaltung, der Kaiserlich deutschen Reichspost- und Telegraphenverwaltung. Unwillkürlich fragt sich doch da jeder: ja aber wie ist denn so etwas unter heutigen Verhältnissen noch möglich, leben wir
Feuilleton.
Irankfurler Aries.
Originalbntcht für den „Gießener Anzeiger".
(Nachdruck derboten.)
Die dritte Haus Thoma-Serie. — „Iris." Mascagni als Oblate.
Dr. M. Vieles im geistigen und künstlerischen Leben Frankfurts mag mit größerem Geräusch und mächtigerem Effekt vor sich gehen, aber zurzeit kann sich an Bedeutung in allen sonstigen Veranstaltungen nichts mit den Thoma- Ausstellungen bei Schneider messen, die in solcher Vollzähligkeit ein Unikum sind, und daher auch einen Genuß verschaffen, der sich sobald nicht wiederholen dürfte.
Die dritte und letzte Serie umfaßt die Schaffensperiode von 1890 bis 1899. Für diesen Abschnitt kann man thalsächlich das Schiller Wort brauchen: „Alle Stürme, alle Kämpfe schweigen in des Sieges hoher Sicherheit." Mit atemlosem Staunen steht man vor diesen Offenbarungen eines begnadeten Genius, der nichts im raschen, tollkühnen Ansturm genommen und gewonnen, sondern sich's in langem, stillen Schauen und unermüdlichem Weiterarbeiten errungen hat: sein Ideal, das nur ihm allein gehört, und somit auch den Beifall der Zeitgenossen, die aus dem kleinen Kreis der „Gemeinde" sich allgemach zum großen „Publikum" erweitern.
Auch diese dritte Serie zeigt uns die ganze umfaffende Nottvwelt des Thoma'schen Blickes. Vom stillen Schwarz- tvalddorf und Gehöft bis hinauf in die heiligen Gefilde biblischer Szenen — findet sich alles vertreten, was den Sinn des Malers locken und ein Echo in der Seele des Beschauers wecken konnte. Die „Versuchung Christi" ist das Bild, welches, an der Mittelwand hängend, sofort den Blick des Eintretenden auf sich zieht. Wie oft ist dieses Thema gemalt worden! So aber wohl noch nie! Thoma aiebt hier, was die Schrift zwischen den Worten durch- blicken läßt: das fleischliche Messiasbild seiner Zeit, das sich den Heiland in Krone und Purpurmantel vorstellte, tritt ihm in dieser Versuchung entgegen.
In den Wiederholungen des neuesten Mascagni zeigt sich das Publikum noch immer in starker Zahl. Nichtsdestoweniger wird der „Iris" keine bleibende Stätte im Opernspielplan beschieden sein. Mascagni, der einmal einen recht glücklichen Wurf gethan, ist in der Tonsprache bei weitem nicht das, was der französische Massenet — und wie wenig kommt dieses zur Geltung — trotzdem er im „Werther" und in der „Manon" eine duftige Ausdrucksweise hat, die den Kenner entzücken muß.
Mascagni hat indes das Glück, mit einem schneidigen Impresario zu arbeiten, der sich auf alle Mittel der Reklame versteht. Die „Iris" hat musikalische Vorzüge — das soll nicht bestritten werden — wennschon diese mehr in orchestralen Kombinationen, als in ursprünglichen Melodienerfindungen oder gar in einer der deutschen Instrumentalmusik ähnelnden Tiefe zu suchen sind.
Der Text ist naiv-symbolisch: Iris, die Tochter eines schlichten, blinden Japaners, war von einem Wollüstling — Osaka — der sich eines geriebenen Helfershelfers, Kyoto, bedient, in ein Freudenhaus gelockt. Ein Marionetten- Theater, auf welchem eine Liebesszene dargestellt ist mit ganz idealem Anstrich, muß den Raub unterstützen. Der blinde Vater, welcher wähnt, seine Tochter sei mit Wollen und Wiffen auf die Pfade des Lasters geraten, flucht ihr und bewirft sie mit Kot, worauf Iris sich in einen Abgrund stürzt.
„So ist das Leben", meint der Textdichter Luigi Jllica, der überall seine subjectiven poetischen Meditationen, die oft an den Stil Gabriele d'Aununzios erinnern, den Dialogen und Monologen beimischt. Für und Deutsche, die durch die tiefe Schule von Bach-Beethoven und Wagner gewandert, sind solche Kommentare eigentlich überflüssig.
Die „Sonne" (Chorgesang) nimmt ihr armes mißhandeltes Kind (Iris) am Ende zu sich auf, hinauf an ihr Flammenherz! Der letzte Akt ist nichts weiter als eine Apotheose, in welcher die Sonnenstrahlen und die Blumenkelche ihren Glanz und Duft dem Orchester mitzuteilen suchen.
Die einaktige „Cavalleria" hat, trotz ihrer skizzenhaften Natur, Menschen geliefert, — die Iris bringt es in
ihren drei Akten nur zu Schemen, die nicht um viele- lebendiger sind als die Figuren des Marionettentheater-, dem sie lauschen.
Das japanische Kolorit führt natürlich eine . Reihe dekorativer Wirkungen mit sich, aber die Gestalten des einstigen Schäferspiels und der italienischen Konzertoper ältesten Stils waren um nichts erkünstelter und konstruierter. Fast scheint es, als wollte Mascagni den Naturalisten jetzt mit dem Stilisten, dem Präraffaeliten vertauschen. Etwa- von der Manieriertheit des Präraffaelttismus steckt in seiner „Iris", die übrigens in der Frankfurter Einstudierung alle ihre guten Eigenschaften zur Geltung bringen kann. Frl. Schacko giebt die „Iris" mit der ihr eigenen Anmut, den zügellosen japanischen Don Juan „Osaka" singt Herr v. Bandrowsky mit dem ganzen Aufgebot seiner glänzenden Stimmmittel, und Herr Mantler als „Kyoto" sorgt in Stimme und Spiel für den Ausdruck des Mephistophelischen. Herr Kapellmeister Wolfram dirigierte das Ganze.
Pietro Mascagni kommt in diesen Tagen nach Frankfurt, um sich im Saalbau mit einem Teil des Scala- Orchesters als Konzertdirigent sehen und hören zu lasten. Als Operndirigent lernten ihn die Frankfurter ja schon vor einigen Jahren kennen.
Dem Textbuch „Iris", das von Max Kalb eck (Wien) ins Deutsche übertragen wurde, ist zum Schluß ein Bogen gummierter Mascagni MiniaturportraitS beigegeben. Gerade 16 Mal können wir den noch immer jungen italienischen Maestro als Oblate oder Briefvignette benutzen — immerhin ein Ersatz für die recht teueren Textbücher. Noch in beu siebziger Jahren kaufte man sich seinen Operntext aus der Mode'schen Biblothek (Berlin) für 25 Pfg. und erhielt nebst den Textworten in dem kleinen roten Büchlein noch kurzen biographischen Abriß sowie allgemeine Einführung in die Oper. Unsere modernen Librettisten lasten auf Büttenpapier drucken, wählen großes Format, kokettieren mit allerlei Ornamentik auf dem Titelblatt — man zahlt dafür 1 Mk. und kommt nach Ablauf eines Jahres selten mehr in die Lage, sich des Buches zu bedienen!


