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Nr. 199 Zweites Blatt
Freitag den 25. August
1899
Zlints- itüb Anzei§ebltrtt für den Kreis (Sietem
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| nichts bekannt geworden, dagegen hört man näheres über I die Einwirkungen, die Minister von der Recke unmittelbar
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|t<l*esprtto vierteljährlich 2 Mark 20 Pfg.
vor der dritten Lesung der Kanalvorlage auf die Verwaltungsbeamten versucht hat. Der Minister scheint eine Anweisung des Kaisers nicht richtig ausgeführt zu haben. Sie soll dahin gelautet haben, daß diese Beamten in ihrer parlamentarischen Abstimmung frei seien, daß die Bei- ichaltung ihrer amtlichen Stellungen aber nach einem Votum gegen die Kanalvorlage unmöglich sein würde. Herr von der Recke dagegen soll die betr. Beamten aufgefordert haben, für die Vorlage zu stimmen. Weder die Anweisung noch die Ausführung kann uns gefallen.
Gratlsbrilagen: Gießener Zamilienblätter, Der hessische Zandwirt, Kälter für hessische Volkskunde._________________
Adresse für Depeschen: Axzeiger chtrß«.
Fernsprecher Nr. 51.
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■Wfrninr Te, erscheinenden Stummer W »er*. 16 Uhr,
befolgt. ,
Von der heutigen Kronrats-Sitzung ist einstweilen noch
Denn von den neuen Parteien thut keine etwas um- | onst, sondern alle wollen nach ihrer Art bezahlt sein, und es fragt sich, ob die Regierung am Ende die Kostenrechnung angemessen findet. Leider wird die Auflösung in der Agrarkorrespondenz des Herrn Klapper als die beste Lösung gepriesen und zwar in einer ähnlichen Ueberschätzung des agrarischen Heerbanns, wie vor den letzten Reichstagswahlen. Auch will dieser Herr glauben machen, das persönliche Eintreten des Kaisers für die Kanalidee habe nach der Ablehnung des Kanals nachteilige Folgen für das Ansehen des Monarchen, als ob nicht vielmehr die lebhafteste Beteiligung des Kaisers an den Zeitideen erhebend auch für einen jeweiligen Gegner sein könnte. Herr Klapper schreibt:
Es ist ganz gewiß richtig, daß eine Neuwahl zu weitreichender Verwirrung der Begriffe im Lande führen müßte und das Volk bis in die Tiefe und in einer bisher unerhörten Weise aufregen würde. Und doch will uns scheinen, als sei eine wirkliche, dauernde Gesundung unserer Zustände nur durch diese — gewiß sehr angreifende, aber nur allein tief genug greifende — Kur noch möglich. Zunächst scheint es uns eine zwar tiefbetrübende, aber nicht mehr änderbare Thatsache, daß die persönliche Autorität des Herrschers durch die letzten Vorgänge zu stark engagiert ist, als daß wir vom Standpunkt monarchischen Fühlens aus ein un- thätiges Zurückweichen wünschen dürfen. Erfolgen die so scharf und bestimmt angedrohten Konsequenzen jetzt nicht, dann wird für absehbare Zeit — niemand darf es sich verhehlen — keiner Kundgebung des Monarchen der von jedem ehrlichen Monarchisten als notwendig empfundene Grad von Beachtung mehr beschieden sein Die Vermeidung einer in ihren Folgen unabsehbaren Schwächung königlicher Autorität muß gegenwärtig auch für uns im Vordergründe des politischen Interesses stehen. Appelliert nun der Monarch an das Volk und stehen ihm hierbei, wie insbesondere beim Eingang der Antwort des Landes, aufrichtige, der Schwere ihrer Pflicht und Verantwortung sich voll bewußte Männer zur Seite, dann wird der Monarch zu der, seine volle Autorität wieder herstellenden Erkenntnis sich durchringen, daß er am Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr em absoluter Herrscher über Vasallen, sondern nur der machtvolle und geliebte Führer eines mündigen Volkes sein kann.
Ein merkwürdiger Vorschlag, das „Ansehen des Monarchen" wiederherzustellen! Hoffentlich wird er nicht
Zur inneren Lage
schreibt die „Tägl. Rundschau- unterm 23. d. Mts.:
Vom heutigen Tag erwartet man die Entscheidung, ob die Regierung eine nicht genügend erforschte Lage, gegen die in der letzten Minute ein heftiger aber verspäteter Sturm unternommen wurde, durch sofortigen neuen Ansturm erschüttern, oder ob sie mit allen Künsten der Verhandlung von neuem versuchen wird, das Bollwerk feindlicher Ideen langsam einzunehmen. Die Minister wurden heute früh telephonisch zu einem Kronrat nach Potsdam berufen. Sie fuhren um 9 Uhr dorthin und kehrten nachmittags gegen 2 Uhr nach Berlin zurück. Es wird berichtet, der Kronrat habe drei Stunden gedauert. Gestern abend weilte Herr v. Bülow beim Kaiser. Das mag neben den drängenden auswärtigen Angelegenheiten einen ernsten Meinungsaustausch Iber die innere Lage hervorgerufen haben, da ja ein Minister des Aeußeren wohl wissen muß, wie es mit dem Staatswesen, das er fremden Rationen gegenüber vertreten soll, bestellt ist. Die Vertrauensstellung, die Herr v. Bülow bei dem Kaiser einnimmt, erleichtert überdies das ungezwungene Abschwenken auf ein anderes Gebiet, und der Anblick der streitenden Parteien erinnert an die verschiedenen Völkerschaften, mit denen das Auswärtige Amt oft unter weniger schwierigen Umständen fertig werden muß. Wenn schon hier als oberste Maßregel Geduld und Zähigkeit über allen Verhandlungen schwebt und das geschickte Einbiegen und Einlenken dem rauhen Poltern und Donnergerassel vorgezogen wird, so wird hoffentlich Herr v. Bülow, vorausgesetzt, daß die Vermutungen über seine Unterhaltung richtig find, ein weiteres Verhandeln, aber keinen Krieg vorgeschlagen haben. Die Konservativen dienen und helfen der Krone und der Regierung in so vielen Dingen, ein so altes Verhältnis von Wechselwirkungen verbindet beide, daß die Regierung nur daran denken kann, das Feindselige und Unzeitgemäße der dienstbaren Partei zu überwinden, nicht aber die Partei durch heftigen Kampf in ihrem Bestand zu er- schüttern. Eine Auflösung mit der unvermeidlichen Regierungsparole „Krieg den Konservativen" würde aber diese Erschütterung sicher im Gefolge haben, und es würde sich dann zeigen, daß die „weittragenden Folgen", die sich nach der Ankündigung des Herrn Reichskanzlers im Verhältnis der Regierung zu den Konservativen bemerkbar machen sollen, auch der Regierung in vieler Beziehung nicht angenehm sein würden.
Hinsehen ergeben sich die Unterschiede. Die Grundrisse, durch Strom, Brücken und Kirchen gegeben, haben sich m der Hauptsache nicht verschoben. Es ist keineswegs so wie auf der Treptower Gewerbeausstellung von 1896, wo die Rekonstruktion von „Alt-Berlin" tatsächlich in ein Erdenwinkelchen führte, was nur noch in der Stadtchronik vorhanden ist. ...
Trotz Dampfbetrieb und Elektrizitätsverkehr kann man sich in Frankfurt a. M. noch auf den Wegen Goethe's fühlen, sofern man nur ein wenig nachhelfende Phantasie besitzt, und er selbst ist es dann, dessen Wesen aus der Enge der altreichsstädtischen Gassen, in welchen er als Knabe und Jüngling gewandelt, hinausführt auf die weite, breite Völkerstraße der reich verzweigten Lebensbeziehungen. Das Festprogramm sucht Goethe bei der vollen, vielseitigen Entfaltung seiner Fähigkeiten und Kräfte zu begleiten. Von den verschiedensten Seiten aus nähern sich die populären und akademischen Ansprachen dem Unsterblichen. Da wird man sprechen hören von Goethe dem Dramaturgen, dem Botaniker, dem Biologen, auch von seinen Beziehungen zum Frankfurter Buchhandel wird die Rede sein.
Der Schwerpunkt der Frankfurter Tage liegt für unser Empfinden darin, daß man Sorge getragen hat, die Goethe- Feier aus dem kleinen Kreise der Gebildeten hinaus- zuverlegen in die breiteren Schichten des Volkes. Dieses für Goethe zu erziehen, heranzubilden, ist eine der größten pädagogischen Aufgaben der Gegenwart. Diese sichere, selige Ruhe der Goethe'schen Weltauffaffung — welchen festen Wall bietet sie gegen alle trüben Wasser gewaltsamer
Den Anfang zur volkstümlichen Goethe-Feier, die tm großen Stile das Vortragsprogramm des Ausschusses für Volksvorlesungen („Goethe und das deutsche Volk — „Goethe als Dichter" — „Goethes dichterisches Gefühl ) am Freitag fortsetzen wird, machte das große Sonntags- Konzert im Hippodrom, das ausschließlich solche Kom-
ZeuiUewn.
Frankfurter ZLrief.
Originalplauderei für den „(Siebener Anzeiger".
(Nacbdruck verboten.)
Das Goethe-Jubiläum ein Volksfest der Stadt Frankfurt. — Der Festplatz. — Goethe im Schauspielhause.
Dr. M. Vor fünfzig Jahren hat der Philister nicht gedacht, daß Goethe so volkstümlich werden könnte. Ging doch der hundertste Geburtstag des großen Meisters in deutschen Landen ziemlich sang- und klanglos vorüber, nur beachtet von einzelnen litterarischen Kreisen. Man stand damals unter den Nachwirkungen der großen Be- wegung von 48. Den einen war der Dichter des „Faust" und „Prometheus" viel zu freisinnig, die anderen fühlten sich adgestoßen durch seine exklusive Vornehmheit, und trugen es ihm nach, daß er zu den Putschen der deutschen Studentenschaft in den zwanziger und dreißiger Jahren keine sympathische Stellung eingenommen hatte. Eine Mittelstellung, die Goethe als den Erwecker und Erneurer tiefsten nationalen Lebens begriff, der sich auf kein Parteiprogramm fest- legen ließ, existierte damals so gut wie garnicht. Erft jetzt ist sie vorhanden. An der Wende des neuen Jahrhunderts wachsen wir allmählich hinein in die Fülle der Anschauungen und künstlerischen Lebensbeziehungen, die uns durch Goethe erschlaffen worden sind.
Der bezeichnendste Ausdruck dafür ist die Feier, die Festwoche, die sich an der Stätte seiner Geburt vorbereitet. Es giebt nur wenige Städte, die, trotz ständiger Anpaffung an alle Errungenschaften des modernen Verkehrswesens, m der Struktur ihr altes Bild so treu bewahrt haben, wie Frankfurt a. M. Auf der ersten Seite des offiziellen Festprogramms zeigt die obere Leiste „Alt-Frankfurt", die untere „Neu-Frankfurt". In ersterem ist alles enger, konzentrierter, natürlich auch gedrückter, aber erst bei genauerem
Deutsches Reich.
Berlin, 23. August. Zur gestrigen Ab end täfel beim Kaiserpaar im Neuen Palais war Staatssekretär Graf v. Bülow geladen. — Heute morgen hörte der Kaiser von 9 Uhr an den Vortrag des Chefs des Civil- Kabinetts v. Lukanus. Zur Mittagstafel war der Botschafter Fürst Münster geladen.
Berlin, 23. August. Die Londoner „Daily Mack" läßt sich melden, Prinz Heinrich werde auf seiner Rückkehr von China an Bord seines Flaggschiffes „Deutschland" den Hafen von San Francisco und möglicherweise auch andere amerikanische Hafenplätze besuchen. Es sei auch möglich, daß er nach Washington gehe, um den Präsidenten zu besuchen, der ihn dringend eingeladen habe. Der „Post" zufolge wird man gut thun, das Gerücht mit Vorsicht aufzunehmen, da hier an Stellen, die über einen derartigen Reiseplan des Prinzen Heinrich unterrichtet sein müßten, zurzeit nichts hiervon bekannt ist.
Berlin, 23. August Die Beilage der heutigen Nummer des „Vorwärts" wurde heute morgen in den Expeditionen aller hiesigen Zeitungshändler von Polizeibeamten wegen einer Notiz, betitelt: „Der größte Schuft im ganzen Land" beschlagnahmt. In der Notiz wird mitgetellt, daß m Spandau mehrere Ausflügler, welche angeblich über den Kaiser beleidigende Aeußerungen machten, von anderen Herren der Polizei denunziert worden seien. Zwei Personen wurden in Haft genommen, aber nach Feststellung ihrer Personalien wieder entlassen. .
Breslau, 23. August. Der „Bresl. General-Anzeiger" meldet: In Micitek im Kreise Lublinitz kehrte gestern nachmittag der Sohn des Einliegers Kubitz in betrunkenem
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Positionen enthielt, welche aus Goethe'schen Texten ihre Anregung gesogen. Was Goethen selbst die Tonkunst gegeben (seine Stellung zur Musik seiner Zeit ist sehr m- teressant von dem in Gießen lebenden Dichter Alfred Bock beleuchtet worden) ist verhältnismäßig gering zu den Wirkungen, die seine Poesie ihrerseits auf die Komponisten geübt hat. Die verschiedensten Geister haben sich bei ihm zu Gaste gebeten. Das Programm des Hippodrom-Konzertes hatte, mit Fug und Recht, nur die deutschen Komponisten herangezogen. Rich. Wagners „Fausf-Ouverture eröffnete den Reigen, den Mendelssohns „Erste Walpurgisnacht beschloß. . r., t .
Das Arrangement des Festplatzes, der natürlich kein anderer als der Goethe-Platz sein konnte, gestaltet sich von Stunde zu Stunde reicher und farbenprächtiger. Em solcher Aufwand von Guirlanden, Fahnen, Festons, griechischen Säulenmotiven schien bisher nift bei patriotischen Gedenktagen üblich. Frankfurt scheint beweisen zu wollen, was uns unsere Neider so gerne abdisputieren möchten, daß wir trotz unserer militärischen Erfolge nicht aufgehört haben, „das Volk der Dichter und Denker" zu bleiben.
Im Schauspielhause war Goethe am ersten Abend, am Montag, vertreten mit dem Fragment „Prometheus", das bei dieser Gelegenheit zum ersten Male zur szenischen Wiedergabe gelangte, und dem Trauerspiel „Clavigo". Regie, Maschinenmeister und Dekorationsmaler hatten alles qet'han, um, namentlich für die wechselnden Landschaftsbilder im „Prometheus" auf dem beschränkten Bühnenraum, künstlerische Wirkungen zu erzielen.
Der ideale Gehalt des „Fragments ist so bedeutend, daß man, käme die Dichtung in unseren Lagen heraus, wahrscheinlich sofort einen Kommentar dazu schreiben wuroe. Mit merkwürdiger Fassung aber haben bekanntlich die Zeitgenossen die Fülle der Goethe'schen Geschichte hmgenommen.
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Heimat-Anzeiger


