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Nr. 172 Zweites Blatt Dienstag den 25. Juli
Gießener Anzeiger
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Hundstage.
Wir sind in die sprichwörtlich heißeste Jahreszeit eingetreten, welche insbesondere für die Ausbrütung von Enten so sehr geeignet sich zeigt und fast in jedem Jahre mehr oder weniger positiv lautende Reichskanzler- und Ministerkrisengerüchte gezeitigt hat. Wenn das diesmal noch nicht der Fall gewesen ist, so hat das seinen Grund darin, daß vorläufig noch eine Reihe anderer politischer Ereignisse ausgebeutet werden kann, welche das allgemeine Jnteresie in Anspruch nehmen und weiten Spielraum zu den gewagtesten Kombinationen gewähren. Freilich ist damit nicht gesagt, daß im weiteren Verlauf der Hundstage auch Reichskanzler und Minister auf alle Fälle ihrem Schicksale entgehen.
Die Absage des Kaisers, an der Eröffnung des Dortmund-Ems-Kanals teilzunehmen, steht noch immer im Vordergründe der Erörterungen, wenn der Gegenstand auch schon weidlich nach allen Seiten hin beleuchtet worden ist. Als die Nachricht von der Absage eintraf und offiziös ohne jede Begründung blieb, da lag vielleicht der Gedanke nahe, daß Rücksichten auf die innere Politik in Frage kamen, deren Erörterung als nicht geraten betrachtet wurde, und in diesem Sinne wurde dann auch von dem größten Teil der Presse die Sache beleuchtet und zu einer Staatsaktion ersten Ranges gestempelt. Mit welchem Recht, geht aus der Meldung hervor, welche jetzt verbreitet wird, daß nämlich der Kaiser mit der von den städtischen Behörden Dortmunds erbetenen Verschiebung der Einweihungsfeier sich einverstanden erklärt und seine Teilnahme für einen späteren, noch nicht festgesetzten Zeitpunkt zugesagt hat. Daß für die Absage des Kaisers ganz einfache persönliche Gründe Vorlagen, darauf sind nur wenige verfallen, die sich aber mit ihrer Ansicht gar nicht hervorwagen durften; denn es wäre gegen alles Herkommen gewesen, in den Hundstagen die Dinge mit nüchternen Augen ansehen zu dürfen.
Vielleicht haben unsere sensationslüsternen Politiker geahnt, daß die Dortmunder Affaire im Sande verlaufen würde. Deshalb sorgten sie schnell für Ersatz und schmiedeten die Zusammenkunft des deutschen Kaisers mit dem Zaren zu Wiesbaden in der ersten Hälfte des Monats August. Es mußte dazu natürlich auch eine besondere Veranlassung geschaffen werden, und diese gab, da augenblicklich keinerlei Verstimmung zwischen der deutschen und der russischen
Regierung zu beseitigen ist, die Friedenskonferenz im Haag. Das Resultat dieser Konferenz sollte noch einmal zwischen den beiden mächtigsten Herrschern besprochen und besiegelt werden, nachdem die Delegierten ihr Werk beendet hatten. Wir wollen es überhaupt dahingestellt sein lassen, ob wirklich eine Zusammenkunft des deutschen Kaisers mit dem Zaren in Aussicht steht, aber wir meinen, daß dazu gar keine politischen Gründe vorzuliegen brauchen. Der Zar besucht den verwandten Darmstädter Hof, und nichts ist natürlicher, als daß er während eines mehrwöchentlichen Verweilens in Deutschlands mit dem befreundeten deutschen Kaiser zusammentrifft und mit diesem Gruß und Handschlag tauscht. Daß eine solche Begegnung immerhin von politischer Bedeutung ist, wollen wir nicht verkennen, denn sie legt Zeugnis ab von den guten Beziehungen, welche zwischen beiden Reichen und Regierungen bestehen, aber schon vorher nach besonderen Veranlassungen zu derartigen Zusammenkünften zu suchen, erscheint gewagt und überflüssig.xx
Deutsches Keich.
Darmstadt, 22. Juli. Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin werden, von Langenburg kommend, heute abend lO1^ Uhr auf Jagdschloß Wolfsgarten, wohin die Großherzogliche Hofhaltung nunmehr verlegt worden ist, eintreffen. In Begleitung für den Aufenthalt auf Wolfsgarten befinden sich Schlüsseldame Freiin v. Grancy und Major Frhr. v. Röder.
Mainz, 22. Juli. Heute vormittag wurde dem Redakteur Franz Koepgen vom „Mainzer Journal" und dem Redakteur Malten von den „Neuesten Nachrichten" die Anklageschrift zugestellt. Die Anklage lautet auf Beamten- Beleidigung, begangen durch den bekannten Artikel vom 21. Mai. Bisher glaubte man, das Verfahren gegen die beiden Redakteure sei eingestellt.
Berlin, 22. Juli. Der Kaiser wird sich beim Leichenbegängnis des Großfürsten-Thronfolgers durch den deutschen Botschafter am russischen Hofe, Fürsten Radolin vertreten lassen.
Berlin, 22. Juli. Der bisher heißeste Tag dieses Jahres war der gestrige Freitag, der eine Temperatur aufwies, wie sie in der hiesigen Gegend seit fünf Jahren nicht mehr beobachtet worden ist. Die Registrier-Skalen
der schreibenden Thermometer reichten nicht aus, um die enorme Hitze anzuzeigen. Dieselbe erreichte gegen 3% Ufjr nachmittags ihren Höhepunkt mit 29,4 Grad. Unter dieser enormen Hitze hatten Menschen nnd Tiere schwer zu leiden. Mehrere Personen wurden vom Hitzschlage betroffen. Sechs am Sonnenstich gefallene Pferde mußten der Abdeckerei überwiesen werden.
Berlin, 22. Juli. Der „Reichs-Anzeiger" veröffentlicht das Gesetz betreffend die Versetzung richterlicher Beamten in den Ruhestand, vom 13. Juli 1899.
Berlin, 22. Juli. Wie der „Post" zufolge in Berchtesgaden verlautet, dürfte die Abreise der Kaiserin von Berchtesgaden erfolgen, sobald der Kaiser von seiner Nordlandreise wieder in Kiel eingetroffen ist. Dies wird voraussichtlich schon in den ernsten Tagen des nächsten Monats der Fall sein.
— Zur Nordkanalfrage. Am 15. Juli tagte zu Heide der Provinzialausschuß des Bundes der Landwirte für Schleswig-Holstein usw., der folgende Resolution einstimmig annahm: Der heute versammelte Ausschuß des Bundes der Landwirte, Abteilung Schleswig-Holstein, bittet die Herren Abgeordneten der Provinz, die Vorlage betr. den Bau des Mittellandkanals abzulehnen. Gründe: 1) Vom verkehrstechnischen Standpunkt aus erscheint der Bau von Kanälen nicht zeitgemäß (zehnjährige Bauzeit u. a. m.) Vielmehr müssen Steigerungen durch Ausbau des Eisenbahnnetzes (Schleppkähnen u. dgl.) ausgenommen werden. Um so mehr als 2) in finanzpolitischer Beziehungen Eisenbahnen, die sich erfahrungsgemäß gut rentieren, den Kanälen, die sich erfahrungsgemäß nicht rentieren, vorzuziehen sind. Zu bedenken ist dieses umsomehr, als die preußische Finanzgebarung sich wesentlich auf den Eisenbahn-Einnahmen aufbaut, deren voraussichtlicher Ausfall durch Erhöhung der direkten Steuern gedeckt werden müßte. 3) Vom volkswirtschaftlichen Gesichtspunkt ist die Vorlage zu verwerfen, weil durch sie ein Güteraustausch wesentlich in der Richtung bewirkt wird, daß ein deutscher Erwerbszweig den anderen deutschen Erwerbszweig auf dem bisherigen Markt schädigt. (Rheinisch-westfälische Industrie contra sächsische und schlesische, östliche Landwirtschaft contra westliche, ruinöser Wettbewerb für beide.) Die Einfuhr der Rohstoffe des Auslandes im Wettbewerb mit den inländischen würde begünstigt werden.
Feuilleton.
Iranziskas Sommersreuden.
Eine fröhliche Geschichte von Alwin Römer.
(Nachdruck verboten.)
(1. Fortsetzung.)
„Das freut mich! Das freut mich!" äußerte er end- lich. „Der hat Dir Naseweiß tüchtig eins drauf gegeben. . . . Du hast's doch schon gelesen? Oder nicht? . . . Dicht hinter Deinem schnoddrigen Verse vom Freitag. Hör' zu:
„2)u hast Tinte, Kaffee und Beefsteak quittiert Durch wunderbar ähnliche Verse, o Fränzchen! Doch daß Dick die barte Feder geniert!?
Was nahmst Du nicht eine von Deinen, Du Gänschen?"
„Aber das ist ja empörend!" rief die junge Dame, und fuhr dabei von ihrem Platze hoch. „So eine Unverschämtheit!"
„Wie man in den Wald schreit, so hallts wieder," lachte der Alte. „Das kann Dir gar nichts schaden."
Darauf blieb Franziska die Antwort schuldig. Sie hatte das ärgerliche Buch zur Hand genommen und studierte die Unterschrift. In schönen, kräftigen Zügen stand unter der fatalen Strophe: „Roderich Weinhold" . . .
In dem Briefe, den sie am Abend dieses trotz aller Sonne düsteren Tages an ihre Freundin Helene schrieb, konnte sie es nicht über sich gewinnen, die abscheuliche Entgegnungsstrophe dieses Unholds zu erwähnen; wohl aber berichtete sie ziemlich leidenschaftlich von einem Zwecke, der fortan alle Langeweile aus ihrem Leben bannen würde. Das sei der Haß! Unauslöschlicher, weißglühender Haß gegen einen Menschen namens Roderich Weinhold. Auf ihre Anfrage, wer das sei, erhielt Helene auf einer Postkarte die Nachricht, daß Franziska das leider selber noch nicht wisse, hoffentlich aber noch in Erfahrung bringe.
„Seltsamer Haß," dachte die junge Lehrerin, und korrigierte ihre Aufsatzhefte weiter . . .
In Fichtenstein hatte die Kurkommission zur Belebung
des gesellschaftlichen Verkehrs der Sommerfremden einen Ball arrangiert. Franziska war eine leidenschaftliche Tänzerin, hatte aber unter der Schar der Kurgäste jo herzlich wenig Bekanntschaft, daß sie nur selten dazu aufgefordert wurde, ihren Walzer- und Rheinländer-Enthusiasmus bethätigen zu können. Gott sei Dank tanzten die meisten der Herren so schauderhaft schlecht, daß sie garnicht böse darüber war. Nur einer war ihr aufgefallen, der ein Meister zu sein schien in dieser Kunst: ein großer, schlanker Mann von etwa dreißig Jahren mit einem sonnengebräunten, prächtig geschnittenen Kopf, dem die ironischen Falten an den Augen etwas Ueberlegenes gaben, das sie an anderen Männern noch nicht bemerkt zu haben glaubte. Und eine unwillkürliche Freude überflutete sie, als sie sah, wie er bei einem eben beginnenden Walzer endlich auch zu ihr trat, um sie zum Tanze aufzufordern. Es mußte eine Lust sein, mit diesem eleganten Tänzer durch den Saal zu schweben.
„Gnädiges Fräulein gestatten, daß ich mich vorstelle," sagte er, und strich ein wenig verlegen über seinen Schnurrbart. „Heiße Weinhold!"
„Weinhold?" murmelte sie, und sank zurück auf ihren Stuhl. „Roderich Weinhold?"
„Ganz richtig!" erklärte er befremdet. „Darf ich bitten?"
„Ich bedauere!" sagte sie schneidend. „Denn ich tanze nicht bester, als ich Verse mache. Und da Ihnen meine Verse nicht genügt haben, so . . ."
„Ich verstehe nicht, gnädiges Fräulein!" stotterte er.
„So denken Sie an das Fremdenbuch auf der Adlerhöhe. Ich bin Franziska Wolfram!"
„O weh," stammelte er, „Sie sind —"
Aber sie ließ ihn nicht dazu kommen, auszureden oder sich zu entschuldigen. Mit dem ganzen Stolze ihrer gekränkten Mädchenwürde rauschte sie davon, in das Zimmer hinüber, wo Papa sich zum Skat niedergelassen hatte. Glücklicherweise hatte auch der nicht mehr Lust, zu bleiben. Eine Viertelstunde später waren sie schon unterwegs nach
ihrem Sommerquartier. Natürlich verhehlte sie dabei ihrem Vater nicht, an wem sie Rache genommen. Leider wollte der jedoch das Niederschmetternde der Situation für Herrn Roderich Weinhold nicht einsehen.
„Er wird jetzt um so tiefer überzeugt sein, daß er recht hatte," urteilte der Major. Aber was verstand schließlich ein alter Mann von spitzfindigen Geschichten?
Roderich Weinhold hatte, ehe er zu der ihm so verhängnisvoll gewordenen Vorstellung gekommen war, schon lange seine Freude an dem frischen, feinen Gesicht Franziskas gehabt. Alle Vergleiche, die er angestellt hatte, waren zu ihren Gunsten ausgefallen. Diese großen, dunklen Augen waren so tief wie der Waldsee drüben im Kaisergrunde, und das volle, blonde Haar konnte die Elfenkönigin nicht prächtiger haben. Auch der ein wenig mokante kleine Mund hatte ihn gereizt. Ganz sicher war das ein interessantes, lebhaftes Geschöpfchen, wie er sie für sein Leben gern hatte! Und er freute sich schon auf das lustige Geplauder, das er mit ihr anspinnen wollte. Da mußte ihm diese Fatalität begegnen! Es war um wild zu werden vor Aerger, und er verfluchte innerlich seine Thorheit, die ihn verleitet hatte, das Fräulein dem Adlerwirt zu Gefallen abzuführen, gegenüber dem Verse, der die „Adlerwirtschaft" einer so schnöden Kritik unterzogen. Jedenfalls war ihm das Vergnügen an diesem Balle, zu dem ihn die Kurkommission aus der Oberförsterei Riesbeck herübergebeten hatte, gründlich verleidet, und so kam es, daß er sich schon vor Mitternacht — sehr zum Bedauern der tanzlustigen Damen — auf den Heimweg machte.
Das Bild seiner schönen Feindin verließ ihn unterwegs keinen Augenblick. Es schlich sich auch mit in seine Träume. Und als er am anderen Morgen an Stelle des verreisten Oberförsters in den Wald schritt, um die Forstarbeiten zu inspizieren, hörte er zwischen dem Flüstern und Weben des Laubes und dem tiefen Gurren der wilden Tauben immer noch eine trotz aller Schärfe bezaubernd liebliche Stimme sprechen: „Ich bin Franziska Wolfram."
(Fortsetzung folgt.)


