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25.5.1899 Zweites Blatt
 
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iEr. 120 Zweites Blatt Donnerstag dm 25. Mai

1899

Gießener Anzeiger

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Wir können hier weder auf die Lehren Darwins näher eingehen, noch ist es unser Amt, Kritik zu üben, wir ver­zeichnen nur den historischen Entwickelungsgang. In Ver­folg desselben müssen wir aber den tief eingreifenden Ein­fluß konstatieren, welchen Darwins Ideen nicht allein auf die Naturforschung, sondern auch auf zahlreiche andere Materien ausgeübt haben. Spielt doch dieVererbung" eine Rolle nicht nur in der Zoologie, sondern auch in der Philosophie, Nationalökonomie, Psychologie, der Pädagogik, der Kriminalistik, und nicht zum wenigsten in der Litteratur! Männer wie Huxley, Milne-Edwards, Haeckel, K. Vogt, Karl Ernst Bear, Virchow, Rud. Leuckart, Fritz Müller rc. traten energisch, wenn auch hin und wieder in Einzelheiten abweichend, für den Darwinismus ein, während andere, wie Agassiz, Nägeli, Bischoff zc. ihn heftig bekämpften. Heut- zntage werden selbst erbitterte Gegner wenigstens die ein­schneidende Bedeutung des Darwinismus für die wissen­schaftliche und kulturelle Entwickelung nicht mehr in Abrede stellen; eine neue Weltauffassung, der Evolutionismus, wurde durch ihn angebahnt, der alle Dinge, auch den Menschen selbst, unter die Herrschaftewiger, eherner, großer Ge­setze" stellt.

Ueberblicken wir die Geschichte der übrigen, in das Gebiet der Naturwiffenschaften gehörigen Einzelwissenschaften, -so finden wir zum Teil die Entwickelungstheorie vor­bereitende, zum Teil dieselbe unterstützende, zum Teil auf ihr fußende oder durch sie erzielte Resultate. Alle aber weisen Ergebnisse auf, auf welche wir stolz fein dürfen nicht nur als Menschen, sondern auch als Deutsche denn die deutschen Gelehrten haben ihren bedeutenden Anteil an den ungeheuren Fortschritten unseres Säkulums. Steht doch als einer der hervorragendsten Führer ein Deutscher gleich an der Schwelle des Jahrhunderts: Alexander v. Humboldt, der moderne Aristoteles (17691859), ein Forscher von wahrhaft universalem Wissen, außerordentlicher Beobachtungs­gabe und poetischer Auffassung, dabei ausgerüstet wie kein

anderer mit der Fähigkeit populärer Darstellung, sodaß er es ist, welcher zuerst die Erfolge der Wissenschaft zum Gemein­gut des Volkes gemacht hat. SeinKosmos" wird mit Recht als ein großartiges Vermächtnis an das deutsche Volk bezeichnet. Von seinen Reisen haben wir schon früher ge- sprachen (in dem Artikel:Reisen und Entdeckungen"), seine Verdienste auf allen anderen Gebieten der Naturwiffen­schaften stehen auf derselben Höhe. Vor allem zeichnet den großen Forscher das Bestreben aus, in allen Dingen den inneren Zusammenhang zu ergründen, die Gesetze zu er­forschen, nach welchen eine Erscheinung sich vollzog.

In der Physik spielen die Hauptrolle die elektrischen Erfindungen und Entdeckungen. Das Jahrhundert begann mit der Herstellung der sogenannten Volta'schen Säule durch Volta (17451826), bestehend aus abwechselnd übereinander gelegten Scheiben aus Kupfer und Zink, mit Zwischenlagen aus Pappe oder Tuch, angefeuchtet mit Salzwasser. Da­mit war der erste Apparat erzielt, welcher einen dauernden elektrischen Strom gab. Aus der Volta'schen Säule ging die Galvanische Batterie hervor. Carlisle und Nicholson zerlegten mit Voltas Apparat noch im Jahre 1800 das Wasser in seine Elemente, Wasser- und Sauerstoff, und in der Folge wurden auf demselben Wege noch zahl­reiche Elemente entdeckt. Etwa um die gleiche Zeit entdeckte Humphry Davy in England die Erzeugung von elektrischem Lichte zwischen zwei Kohlenstücken. Johann v. Ritter (gestorben 1810) bereitete die Entdeckung der Galvanoplastik vor, indem er die Bolta'sche Säule zum elektrischen Niederschlagen von Kupfer und Kupfervitriol- lösnngen anwandte; Pfaff wies die Wärmeentwicklung durch den einen Kupferdraht durchfließenden elektrischen Strom nach. 1820 fand der dänische Naturforscher Oerstedt die magnetischen Eigenschaften des von elektrischem' Strom durchflossenen Drahtes, dadurch eine neue Epoche der Ge­schichte der Elektrizitätslehre anbahnend. Ampöre, Seebeck, Arago, Faraday, hierdurch angeregt, drangen nun tiefer in

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Fernsprecher Nr. 51.

Deutsches Reich.

Nerli«, 23. Mai. Der Kaiser empfing am Sonntag Sittoog den Staatssekretär von Bülow und später den oeoerneut von Berlin, Grafen Wedel. Am Morgen Sti zweiten Pfingst-Feiertages fand in der gewohnten Weise

Stiftungsfest des Lehr-Jnfanterie-Bataillons statt. Im IWuß daran nahm der Kaiser eine Reihe militärischer Ädbangen entgegen. Gestern Mittag empfing der Kaiser 5tn Präsidenten des heute beginnenden Kongresses zur Be- RiHpfiatg der Tuberkulose als Volkskrankheit, den Herzog IHM ^iatibor, welcher über die zu beratenden Kongreß- aibtiti n Vortrag hielt. Der Kaiser sprach dabei den Wunsch ati, eine Anzahl der offiziellen Delegierten am nächsten ' Morgl n im Neuen Palais begrüßen zu können.

Berlin, 23. Mai. Wie aus Glogau gemeldet wird, iG dti frühere Zentrums-Abgeordnete vr. Paul Majunke

Psingst-Sonntag verstorben.

Berlin, 23. Mai. DasBerliner Tageblatt" meldet tuns dem Haag: Allerseits laufen schlechte Nachrichten ? über lvie Friedens-Konferenz um. Man spricht von be- i i'titeniien Meinungsverschiedenheiten zwischen den Delegierten. ' Bit Pforte soll gegen die Einräumung des Stimmrechts an Läir bckgarischen Delegierten Protest erhoben haben. Eine LFistat gung aller dieser Gerüchte fehlt, da die Konferenz t i'ti tiaffte Geheimniß ihrer Beratungen beobachtet. Mehrere ' Wrcgsberichterstatter sind abgereist, da absolut nichts Ver- I Wichas zu erfahren ist.

Der Erfolg der Ausweisungspolitik in LLchltswig. Die VierteljahrsschriftDie Nordmark" eitel eine Zusammenstellung von Gutachten, die sich mit d n Mrkung der Ausweisungspolitik in Schleswig befassen. Owiaty hat die Zahl der dänischen Versammlungen fast ilhraO sehr wesentlich abgenommen. Ebenso wird fast all- g.piti« festgestellt, daß die noch veranstalteten dänischen Bdnsommlungen sehr gering besucht gewesen sind. So wird b^chielisweise aus einem Orte mitgeteilt, daß, während sonst düu Versammlungen von 100 bis 150 Personen besucht ge- toitaftn fjeien, sich zu der letzten nur sieben eingefnnden hätten. A!uch biie Thätigkeit der dänischen Vereine auf anderen Ge- bitato ist wesentlich geringer geworden. Die dänischen BWcr klagen selbst über den Rückgang dieser Thätigkeit. EEmso hat der dänische Einfluß außerordentlich verloren. TILGcmeindevertreterwahlen sind meist für das Deutschtum seD gßmstig ausgefallen, besonders auch dadurch, daß sich

vielfach die gemäßigten Dänen zu den Deutschen schlugen. Das genannte Blatt schließt die Besprechung mit den Worten, daß derjenige kein ehrlicher Gegner sei, der diese Thatsachen nicht anerkenne; das Wort des Oberpräsidenten von Köller, daß in Nordschleswig Ruhe werden solle, fange an, Wirk­lichkeit zu werden.

Ausland.

Charleroi, 23. Mai. Wie verlautet, beabsichtigen die Gasarbeiter, nächste Woche einen allgemeinen Ausstand ins Werk zu setzen, um bessere Löhne und kürzere Arbeits­zeit zu erzielen.

Paris, 23. Mai. Gerüchtweise verlautet, die Brüsseler Handelskammer wolle die Beziehungen zu der f r a n z ö si s ch e n Regierung abbrechen. Die Nationalisten und Antisemiten bezeichnen den Vorfall als eine Jntrigue der Dreyfus-Freunde gegen den Generalstab.

Paris, 23. Mai. In einem Leitartikel beklagt sich der Temps darüber, daß Rußland und Deutschland die Führung der Haager Friedens-Konferenz vollständig an sich gerissen hätten.

Paris, 23. Mai. DerFigaro" hofft im Interesse des Generalstabes, daß der Kaffationshos nicht die Annullierung, sondern die Revision des Dreyfus-Prozesses anordnen werde, denn die Revision könnte auch durch einen Justiz­irrtum begründet sein, während die Annullierung sich auf einen von Mercier begangenen Rechtsfrevel stellen müßte. Die Kammer würde dann eine parlamentarische Untersuchung anordnen und alle blosgestellten Generale vor ein Kriegs­gericht stellen. Die Affaire jetzt noch mit Gewaltmitteln unterdrücken zu wollen, wäre ein tolles Beginnen.

Dijon, 23. Mai. In Gegenwart des Präsidenten Loübet ist am Sonntag das Denkmal Carnots mit einer Ansprache Dupuys enthüllt worden. Beim Bankett hielt Loubet einen Toast auf die Stadt Dijon. In einer An­sprache an die Offiziere der Stadt feierte Loubet die Armee, welche die Regierung niemals im Stich laffen werde.

Petersburg, 23. Mai. Die Arbeiterbewegung, die sich neuerdings auch in Rußland mehr und mehr geltend macht, hat jüngst in Riga zu Ausschreitungen geführt. Der Gouverneur von Livland veröffentlicht nachstehende Be­kanntmachung:Die Arbeiter der Jutefabrik von Kopow veranstalteten unter der Forderung nach Lohnerhöhung einen Ausstand, vereinigten sich mit den Arbeitern der Maschinen-

nnd WaggonfabrikPhönix", überfielen Polizei und Truppen, zerstörten Häuser und verübten Brandstiftungen. Jede Volksversammlung auf den Straßen wird verboten. Zu­widerhandelnde werden zur Verantwortung gezogen. Jede Ansammlung wird mit Waffengewalt auseinandergesprengt. Die Bewohner der Stadt werden aufgefordert, die Hosthore und Thüren zu verriegeln und nicht ohne dringenden Grund die Häuser nach 9 Uhr zu verlassen." Nach einer privaten Meldung waren lettische Arbeiter mit lithauischen in Streit geraten, weil die letzteren weniger Lohn verlangten. Es kam zu Schlägereien, und das Militär schritt ein. Von den Arbeitern sollen mehrere tot und etwa zwölf verwundet sein. Nach einem Telegramm derNowoje Wremja" aus Riga verlief dort der Pfingstsonntagbis auf unbe­deutende Unordnungen" ruhig; an den Ausschreitungen war vornehmlich der Pöbel beteiligt. Ernst genug scheinen diese übrigens gewesen zu sein.

Madrid, 23. Mai. Die Herausgeber der hiesigen Zeitungen beschloffen gestern, in corpore sich zum Minister­präsidenten zu begaben und ihn aufzufordern, alle Personen gerichtlich zu belangen, die an der Folterung der Ge­fangenen von Montjuich teilgenommen haben.

Athen, 22. Mai. Für die Schiffe aus Alexandria ist wegen der dort herrschenden Pest eine elf tägige Qua­rantäne eingeführt worden.

New Hork, 23. Mai. General Otis telegraphierte aus Manila, daß sich dort die Lage von Tag zu Tag bessere. Die Philippiner sehen ein, daß der Widerstand gegen die amerikanischen Truppen nutzlos sei.

Vorversammluttgen

des Hessischen Landes-Lehrervereins

zu Gießen am 23. Mai 1899.

Am Vormittage:

Versammlung des Feuer-Versichernngs-Verbandes Hessischer Lehrer in Cafv Ebel.

Kurz nach 10 Uhr eröffnete Herr Kna (Vorsitzender des Aufsichtsrates) die Versammlung und begrüßte die zahl­reich Erschienenen. Er konstatiert an diesemneugeborenen Kinde" des Hessischen Landes-Lehrervereins einen normalen Fortschritt, zurzeit 213 Neuversicherungen. Zur Ehrung des verstorbenen Vorstandsmitgliedes Herrn Val. Funk fordert er alsdann die Anwesenden auf, sich von den Sitzen zu erheben. Geschieht.

Feuilletan.

$>as 19. Jahrhundert.

Unter Mitwirkung hervorragender Fachgelehrter herausgegeben von Friedrich Thieme.

(Nachdruck oder Auszug verboten.) IX.

Ratnrtviffeuschafteu. I.

(Schluß.)

kr fand dieses Prinzip in dernatürlichen Auswahl" du rtcjirse»Kampf ums Dasein". Die Darlegung desselben in ii llttbindung mit der Theorie der Abstammung aller Tiere unriikflanzen von wenigen Urformen (vielleicht von einer riwiM) bildet den Inhalt derEntstehung der Arten", HKiMnnte sich der Verfasser lange nicht entschließen, die so ringreifenden Resultate seiner Forschungen zu ver- öff^Mchen, bis ihn seine Freunde mit dem Hinweise auf WcMie^ der ähnliche Anschauungen zu publizieren gedachte, jutn Mimsgabe seines Hauptwerkes veranlaßten. Jmmer- hiniigite der zurückhaltende Forscher noch nicht, auf die LujiWen Konsequenzen seiner Theorie aufmerksam zu machen, unri lut sich gegen ihn erhebenden Entrüstungssturm nicht uocch zu vergrößern. An seiner Stelle that dies Ernst HcrE geboren 16. Februar 1834 zu Potsdam, der erste dcmG Naturforscher, welcher für die Darwinschen Ideen offe^l» rimzutreten wagte. Auch Darwin selbst entschloß sich enttt^, in seinem 1871 erschienenen Werke:Die Ab- ftarMMlg des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl" (Tlßffl des-jcent of man and on selection in relation to sex), Vie ultyen Folgerungen seiner Lehre zu veröffentlichen, wo- dnriiscr einen wahren Orkan des Widerspruchs und der Enfmißmug hervorrief, an welchem die noch jetzt in weiten Krerchu vorhandenen falschen Vorstellungen von der Lehre des« ivMchen Forschers die Hauptschuld trugen.