Nr. 48
Zweites Blatt
Samstag den 25. Februar
1899
Gießener Anzeiger
Heneral-Anzeiger
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Die Botschaft des Präsidenten Loubet.
Der neu erwählte Präsident der französischen Republik hat an die gesetzgebenden Körperschaften, an Senat und Deputiertenkammer, eine Botschaft gerichtet, in welcher er scin Programm entwickelt. Vorweg wollen wir schicken, daß diese Kundgebung des Staatsoberhauptes in Frankreich gut ausgenommen worden ist, und auch im Auslande darf man zufrieden sein, wenn die Politik Frankreichs sich streng nach den Absichten und Wünschen seines Präsidenten regelt. Loubet beteuert zunächst seine republikanische Gesinnung, an welcher auch wohl niemand gezweifelt hat. Im allgemeinen verbirgt Loubet nicht gern seine Gedanken, und man darf ihn dreist für einen offenen, ehrlichen Charakter halten, wenn er es auch in seiner Botschaft mit keinem verderben will, und dem Parlamente, der Justiz und der Armee ein Loblied singt.
Legt man die Worte Loubets auf die Goldwage, so konnte man fast zu der Ueberzeugung gelangen, daß es der neue Präsident auf Gebietseroberungen abgesehen habe, denn er spricht von dem von den Vätern hinterlassenen Besitztum, welches zu erhalten und zu vergrößern sei. Wir nehmen aber an, daß damit nicht der notarielle Besitz gemeint ist, sondern daß Loubet die Pflichten im Auge gehabt hat, welche Frankreich im Interesse der Civilisation zu erfüllen berufen ist.
Loubet erkennt an, daß die Republik dem Lande die unschätzbare Wohlthat des ununterbrochenen Friedens gesichert hat, und es darf wohl angenommen werden, daß der neue Präsident — soweit es an ihm liegt — dafür sorgen wird, daß Frankreich dieser Wohlthat nicht verlustig geht. Hoffentlich besitzt er genug Rückenstärke, um allen auf eine Störung des Friedens gerichteten Bestrebungen der französischen Chauvinisten erfolgreich entgegentreten zu können.
Daß Loubet in seiner Botschaft der Allianz mit Rußland gedenken würde, war vorauszufthen, er erwähnt aber auch neu erworbene freundschaftliche Beziehungen, und wenn wir auch dabei in erster Reihe an Italien denken müssen, so dürfen wir doch bestätigen, daß auch die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland sich recht freundschaftlich gestaltet haben, sodaß sie einen guten Ausblick in die Zukunft gestatten.
Die Kundgebung schließt sehr wirkungsvoll mit einem Appell an die Franzosen, einig zu sein im Interesse des Ansehens und der Größe ihres Vaterlandes. (xx)
3nm Kcheffeldknkmal in Mkingeu am Obmhm bringt das „Darmst. Tagebl." folgendes: Mit aufrichtiger Freude hat das in Säkkingen, der alten Waldstadt am Oberrhein, zusammengetretene Komitee vernommen, wie überall der Aufruf, dem durch seinen „Trompeter von Säkkingen" bekannt gewordenen, gottbegnadeten Dichter, Joseph Viktor von Scheffel, ein Standbild zu errichten, gezündet hat. Aber ganz besonders hat es das
Feuilleton.
Briefe aus der Aesidenz.
VIII.
(Crtfltmlbertdit für den »Gießener Anzeiger".) (Nachdruck verboten.)
Oeffentlicher Vortrag: Der Zar und der Weltfriede.
Von der national-sozialen Partei aufgefordert und von ihren Vertretern sowie den anwesenden zahlreich erschienenen Gästen enthusiastisch begrüßt, sprach Pfarrer Friedrich Naumann (Berlin) am Montag-Abend, 20. Februar, im »kkaisersaal", dem nämlichen Lokal, in welchem im Herbst der national-soziale Parteitag stattgefunden, über das zeitgemäße Thema „Der Zar und der Weltfriede". Nachdem er im Eingänge gesagt, daß es im allgemeinen nicht der Brauch der Partei sei, über Fragen der aus- »ärtigen Politik in Diskussion zu treten, daß das gewählte Thema ja aber auch nicht eine einzelne Spezialität aufrolle, schilderte er zunächst das Staunen, das billig die zivilisierte Seit ergreifen mußte, als sie mit der Friedensidee, welche bisher immer als Domäne des vorgeschrittensten Liberalismus galt, von einer Seite aus überrascht wurde, die man sich gewöhnt hatte unter die Vorstellungen wie „Hort der Reaktion", „Gefangene in Sibirien", „gemaßregelte pro- llsttlntische Geistliche in den Ostseeprovinzen", „vertriebene
Komitee gefreut, daß sich alte Bekannte und Freunde des Heimgegangenen Dichters einfanden, um an dem Werke mitzubauen. Nach dem uns übersandten Aufruf ist die Idee des zu erstellenden Standbildes angedeutet, die aber noch Abänderungen erleiden wird, da die Figur Scheffels zu sehr der Heidelberger ähnelt. Der Gedanke aber wird bleibend „Scheffel und sein Trompeter."
Nach dem vorliegenden Kostenvoranschlag erfordert das Standbild einen Aufwand von etwa 30000 Mk. Eingegangen an Gaben sind bis heute, einschließlich des Zuschusses der dortigen Stadtgemeinde, 19 500 Mk., so daß noch annähernd 10000 Mk. fehlen.
Ihre König!. Hoheit der Großherzog und Erbgroß- herzog von Baden haben je 500, zusammen 1000 Mk., die Studierenden der Technischen Hochschule dahier 425 Mk. und von dem Schreiber dieses wurde von einzelnen Verehrern des Dichters 100 Mk. gesammelt und an den Rechner des Komitees abgeliefert. An alle Freunde und Verehrer des in seiner Vaterstadt Karlsruhe Heimgegangenen Dichters und seiner Muse ergeht deshalb die Bitte, das geplante Werk mit Beiträgen unterstützen und dieselben an den Rechner des Komitees, Herrn Broglie, Besitzer des Gasthofs zum Schützen in Säckingen, einsenden zu wollen.
Es war am 9. April 1886, als Scheffel nach langem, schweren Leiden gestorben — wenige Monate vor dem fünfhundertjährigen Jubiläum der Universität Heidelberg, in deren Revier er zum Dichter gereift war, deren Schönheit und Ruhm kein anderer so wie er besungen hatte und die ihn nur zu ihrem hohen Ehrentag als erlauchtesten Ehrengast erwartete. Das Hauptfestlied zur Feier zu dichten hatte er übernommen und um sich aufzufrischen siedelte er, obgleich krank, im Herbst 1885 nach Heidelberg über, wo er die Parterrezimmer im Neckarhotel bezog und am 16. Februar die 60. Wiederkehr seines Geburtstages in totkrankem Zustande erlebte, so daß er kaum imstande war, sich der ihm zu Ehren veranstalteten Beleuchtung der Schloßruine zu erfreuen. Zu leidend, um Ansprachen halten zu können, ließ Scheffel das Hotel illuminieren, um der Stadt seine Dankbarkeit zu bezeugen, die ihn zum Ehrenbürger ernannt hatte. Schon zwei Jahre vorher hatte er an den Redaktenr der „Akademischen Monatshefte" auf eine Bitte um Beiträge geantwortet: „Alles hat seine Zeit", sagt der Psalmist . . . und wenn mir 1886 ein Lied zum Heidelberger Jubiläum gelingt, so wird es ein Schwanenlied sein ..." Es ist sein Schwanenlied geworden, aber den feierlichen Moment, da es in der Festhalle am Neckar von tausenden junger und alter Studenten begeistert gesungen wurde, hat er nicht mehr erlebt. Das Lied mit seinem klingenden Schluß: „Ein brausend Hoch sei dir gebracht — Alt-Heidelberg du Feine" — wurde zu einem Requiem auf den verstorbenen, aber unsterblichen Dichter.
Aber nicht in Heidelberg, der schönen Neckarstadt, die er die Vaterstadt seiner Poesie nannte, sondern in Karlsruhe schloß der lebensmüde Dichter die Augen, mit denen
Juden" usw. zu betrachten. Wie kam Saul unter die Propheten? Wie konnte es geschehen, daß der Herrscher eines Reiches, der über zwei starke Kriegsflotten und das größte Landheer gebietet (die Angaben über die Ziffer des letzteren schwanken zwischen 850000 und 1 200000), plötzlich in die Gesellschaft von Bertha v. Suttner gerät. Wie erklärt sich dieser Wetterumschlag in den östlichen Gebieten?
Dafür giebt es nun zwei Erklärungen, eine persönliche und eine sachliche. Der Zar kann wirklich aus einem persönlichen Bedürfnisse nach Frieden und Harmonie seine Vorschläge gethan haben; man darf seine Friedensbegeisterung für echt hallen, aber der alte Diplomat Murawiew ist kein Gefühlspolitiker, er ist für die Lage Rußlands verantwortlich. Jedoch die geriebene Staatskunst und der jugendliche kaiserliche Elan (begeisterte Anlauf) stimmten in diesem Fall gut zusammen. Rußland braucht eine Periode der Ruhe, die Eisenbahn nach China ist noch nicht fertig, an der chinesischen Ecke darf der Kampf zwischen Rußland und England vorerst nicht beginnen. Denn Rußland hat an- gefangen, sich industriell zu entwickeln. Seine junge, mit Schutzzöllen umgebene Industrie ist vorläufig noch eine fressende Kapitalanlage, es bedarf daher dringend der Entlastung auf anderer Seite.
Zu den wirtschaftlichen Erwägungen treten nun auch noch europäische Gedanken. Den in einem inneren Zer- setzunqsprozeß begriffenen Staaten, wie Oesterreich und die Türkei, könnte ein eventueller Krieg ein Aufraffen, eine
er so schönheitsdurstig in die Welt geschaut hatte. Er schied trotz aller seiner Schmerzen nur ungern vom Leben, „jetzt nur noch ein paar Jährle. nur noch eins", hatte er am Tage vorher zu dem getreuen Klose in einer schmerzvollen Stunde gesagt. Aber die Trauer um den Dahingeschiedenen teilte die ganze Nation.
Darmstadt. L. M. Fuchs.
Emil Preetorius' Doktor-Jubiläum.
Viele unserer Leser wird es interessieren, über das mehrfach von uns erwähnte goldene Doktor-Jubiläum des Herrn Dr. Emil Preetorius folgenden Bericht der „Westlichen Post" zu vernehmen:
Als unser deutscher Konsul Dr. juris Friedrich Meier den offiziellen Auftrag erhielt, Herrn Dr. Emil Preetorius, dem verehrten Chef der „Westlichen Post", das Ehrendiplom der Universität Gießen zu überreichen, da hielt er es für angebracht, dieses in festlicher und in einer den Jubilar doppelt ehrenden Weise zu thun. Zu diesem Zwecke erließ Herr Konsul Dr. Meier an den Jubilar und sechzehn andere (Alte) Herren, welche sämtlich auf deutschen Hochschulen die Doktorwürde erlangten, die Einladung zu einem informellen Bankett in dem kosigen Baukettraume des Faust'schen Etablissements. Der ehrenden Einladung folgend, fanden sich die folgenden Herren gestern abend pünktlich um 7 Uhr ein:
Dr. jur. E. Preetorius, Dr. jur. Friedrich Meier, deutscher Konsul, Dr med., Carl Barck, Dr. phil. F. W. Frerichs, Dr med. Hugo Kinner, Dr. med. Ad. Alt, Dr. med. Georg Richter, Dr. phil. William Teichmann, Dr med. Augustus C. Bernays, Dr. med. Rob. Lüdeking, Dr. med. Heinrich Schwarz, Dr. phil. Carl Lüdeking, Dr. med. F. Kolbeuheyer, Dr. med. Arminius Bock, Dr. med. Hugo Summa, Dr phil. Enno Sander, Dr. jur. Richard A. Barret und Dr. med. F. Fisch.
Nachdem die trefflichen, mit Zitronensaft gewürzten Austern verzehrt und die Suppe mit edlem Lafitte serviert war, erklang des Gastgebers, Herrn Konsul Dr. Meiers Glas, der nun mit folgenden, von innerer Bewegung durchglühten Worten das so selten verliehene Ehrendiplom überreichte:
„Lieber Doktor Preetorius!
Ihre alma mater in Gießen hat Ihnen zur Feier des fünfzigjährigen Doktor-Jubiläums dies Ehren-Diplom gestiftet, welches ich die Freude habe, Ihnen zu überliefern; und wir, gleichfalls Besitzer eines deutschen Doktorpatents, bringen Ihnen unsere kollegialischen Glückwünsche dar, und bitten Sie, mit uns beim Doktorschmaus, mit Goethe zu reden, „froher Jugendzeit angefrischt zu gedenken."
Als Sie anno 48 das Examen machten, um die venia juris docendi zu erwerben, war Ihnen Kopf und Herz voll — nicht von dem corpus juris Justinians, in dem Sie geprüft wurden — sondern von einem neu zu schaffenden
Stärkung ihrer Existenz bringen; es ist daher besser, wenn man diese Völker sich noch ein bischen im „Frieden zanken" läßt. Der Waffenstillstand könnte überdies auch den Nebenerfolg haben, in den anderen Ländern die parlamentarische Opposition zu stärken, was der russischen Politik ebenfalls nur zu gute kommen kann.
Für beachtenswert hält Naumann, daß jedoch gerade die deutsche Opposition auf den denkwürdigen Zareuerlaß nicht hereingefallen ist, sondern der Angelegenheit sehr nüchtern gegenüber steht.
Der demnächst tagenden Friedenskonferenz werden acht Punkte vorgelegt werden, welche sich wiederum in vier Gruppen einteilen lassen. Die erste Gruppe betrifft die Erweiterung der „Genfer Konvention", ihre Ausdehnung auch auf den Seekrieg. Auf diesem Gebiet dürfte die Konferenz wohl das meiste Positive zu Tage fördern, weil an dieser Frage alle Völker gleich interessiert sind. Das ist aber nicht das eigentliche Thema. Näher steht diesem die Frage des Kriegsmaterials selbst. Keine verbesserten Feuerwaffen, keine neuen Explosivstoffe, kein neues Pulver soll eingeführt werden, auch sollen Explosivstoffe nicht von den Luftballons aus geworfen werden, ebenso sind die unterseeischen Torpedo-Boote abzuschaffen.
Das menschliche Gefühl möchte im ersten Impuls zu dieser Forderung Ja und Amen sagen. Aber es fragt sich, ob durch ein solches Verbot technisch vervollkommneter Kriegsmittel das Gleichgewicht nicht empfindlich gestört


