Ausgabe 
24.12.1899 Drittes Blatt
 
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Sonntag den 24. Deeember

Nr. 30:4

Drittes Blatt

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Die neue Straßenantage zwischen Gstantage und Mrandptaß.

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Unter den in unserer Vaterstadt neu werdenden Straßen dürfte die von der Ostanlage nach dem Brandplatz geplante, und bereits in der Ausführung begriffene, ein ganz beson­deres Jnteresie beanspruchen. Wird doch mit der Eröffnung dieses Straßenzuges nicht nur einem vielseitigen Wunsche *nnb Bedürfnis entsprochen, sondern auch wieder einmal eine weitere Verbindung geschaffen zwischen der Innenstadt einer­seits mit unseren prächtigen Anlagen, und darüber hinaus nach unserm so viel beliebten und aufgesuchten Philosophen­wald, wobei wohl ins Gewicht fällt, daß damit eine Ver­kürzung des Weges von gewissen Stellen der Innenstadt ans, nach jenem Walde hin erreicht wird. Aber auch eine Erschließung eines unserer interessantesten Stadtteile für den größeren Verkehr wird durch die Straßenanlage erreicht. Der Platz am Brand mit seinen meist öffentlichen Gebäuden, wie die architektonisch interessante Zeughauskaserne, das alte in der Wiederherstellung begriffene ehemalige UniversitätS Kanzleigebäude, die Bibliothek, das alte Schloß, das Kreis­amtsgebäude, die Reitschule, das Turmhaus u. a. m. wird durch die neue Passage unzweifelhaft dem allgemeinen In­teresse durch bequemere Zugänglichkeit näher gerückt. Der unstreitig schöne Brandplatz dürfte noch wesentlich gewinnen, wenn die beabsichtigten Neubauten an Stelle der alten Stallmeisterwohnung der Stilperiode des 16. Jahrhun­derts angepaßt, wohl vollendet dastehen. Aber auch der Staat beabsichtigt, wie man erfährt, das allerdings recht nüchtern wirkende Kreisamtsgebäude in allernächster Zeit

durch ein Stockwerk zu erhöhen und gleichzeitig die Fa^ade dieses Hauses dem malerischen Charakter der gegenüber­liegenden Gebäude anzureihen, ein Gedanke, den wir außer­ordentlich glücklich nennen können und der nach seiner Verwirklichung allseitig mit Freude begrüßt werden wird.

Wie uns aus dem Beschluß der Stadtverordneten be­kannt ist, welche dem vorerwähnten StraßemProjekt wegen seiner Zweckmäßigkeit recht großes Interesse entgegengebracht haben, wurde bet Genehmigung der Straßenanlage und bei der Hergabe der alten Stallmeisterwohnung zum Zwecke der Neubebauung die Bedingung gestellt, daß die zu er­richtenden Häuser in ihrer Front nach dem Brandplatz zu, im Stile des 16. Jahrhunderts durchgeführt werden müssen, eine Bedingung, die auch angenommen wurde, und von den Erbauern um so eher eingegangen werden konnte, als eine derartige Aufgabe immer ein dankbares Feld für den Architekten bietet.

Mit dem neuen Straßendurchbruch geht allerdings leider wieder ein Stückdes alten Gießen" verloren. Der sogenannteMordkeller", jener Berg, der seither mit feinen schattigen Bäumen so stolz auf den Brandplatz und die Ostanlage herniederblickte, wird gegenwärtig dem Erdboden gleichgemacht; unbarmherzig hat die Axt die Bäume gefällt, und gegenwärtig sind fleißige Arbeiter damit beschäftigt, den Berg abzutragen und den gewonnenen Boden als Füll­material für die neue Straße zu verwenden. Woher dieser Hügel eigentlich seinen NamenMordkeller" hat, konnten

wir leider nicht ermitteln, wir können nur soviel mitteilen, daß an dieser Stelle, zurzeit als Gießen noch Festung war, die Zeughaus-Bastion stand, und der unterkellerte Teil, welcher zuletzt als Eis- und Bierkeller Verwendung fand, wohl damals als Kasematte und zum Schutze des Kriegs­volkes gegen den Feind diente. Es darf daher mit Be­stimmtheit angenommen werden, daß die vorhandenen Mauern und Gewölbe zum größten Teile noch unserer Festungszeit entstammen; vielleicht vermag uns jemand au» unserem Leserkreis näheres über den Mordkeller mitzuteilen, wofür wir sehr dankbar sein würden.

Von großem Interesse dürfte fein, daß bei den zur Zeit vorgenommeuen Abtragungsarbeiten bereits Mauer­werk blosgelegt wurde, welches in gar keinem Zusammen­hang mit dem Keller steht. Es scheint dies ganz altes (Sc» mäuer zu sein, und kann man gespannt sein, ob bei den ferneren Ausschachtungen noch weiteres zu Tage tritt.

Den Herren Architekten Stein u. Meyer, welche als Besitzer des Gesamtanwesens den Durchbruch der Straße und die Bebauung des Geländes übernommen haben, ver­danken wir die obenstehende Planskizze, welche uns einen genauen Ueberblick über die beabsichtigte Neuanlage gewährt. Der Straßenzug soll danach nicht zwischen parallel laufenden Häuserreihen angelegt, sondern in der Mitte ausgebaucht werden, da derartige Straßenanlagen dem Beschauer nicht so langweilig und eintönig erscheinen, als gradlinige Bau­fluchtflächen, wozu noch kommt, daß bei der gewählten