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24.11.1899 Zweites Blatt
 
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Freitag den 24 November

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Nr. 277 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Gießen, den 23. November 1899.

** GeschichtStalender. (Nachdruck verboten.) Vor 98 Jahren, am 24, November 1801, wurde zu Weimar der beliebte Märchen­erzähler Ludwig Bechstein ceboren, der bereits 1823 mit noch ganz im Geiste eines Musäus gehaltenenThüringischen Volks­märchen" an die Oeffentlichkeit trat, und durch s>inDeutsches Märchenbuch" noch heute, namentlich bei der Jugend, in hoher Gunst stebt, gleich den Gebrüdern Grimm. B. starb am 14. Mai 1860 in Meiningen.

** liebt die Augen der Kinder! Diese Forderung stellte jüngst in einem Vortrage Hauptmann Ziegler-Friedrichs- hagen^Berlin auf und machte folgende Vorschläge für Augen­gymnastik, die auch für unseren Leserkreis von hohem Interesse sein dürften. Auf jedem Schulhofe sollte die Entfernung von 25, bezw. 50 Meter abgesteckt sein, damit dem Schüler Gelegenheit gegeben sei, das Verhältnis seines Schrittes zum Metermaße festzustellen. Denn jedes Kind sollte sich darüber klar sein, wie viele Schritte es nötig hat, um die Entfernung von 100 Metern zurückzulegen. Auf jedem Turnplätze oder in dessen Nähe lassen sich größere oder kleinere Entfernungen feststellen, die den Kindern öfters bekannt gegeben werden könnten. Diese Entfernungen prägen sich dem Gedächtnis für immer ein. Bei Spazier­gängen ins Freie ist folgendes zu beachten; a) Orientierung im Gelände. Besprechung der Merkmale, sich nach den Himmelsrichtungen zu orientieren, wenn die Sonne nicht scheint. (Moos an alten Bäumen und Steinen an der Nordseite.) Angabe der Wege und Wälder und Ortschaften im Gesichtskreise. Bezeichnung deutlich sichtbarer Punkte, b) Hinweis auf nicht sehr ins Auge fallende Gegenstände, wie Wetterfahnen, kleine Schornsteine rc.; daß letztere von den Schülern erkannt werden, davon hat sich der Lehrer zu vergewissern, c) Besprechung des Einflusses der Beleuchtung und des Geländes auf das Schätzen der Entfernung. Er­fahrungsgemäß wird zu kurz geschätzt bei reiner, kalter Luft, bei hellem Hintergrund, wenn die Sonne im Rücken steht, über einförmige Flächen (Schnee, Wasser), über Thäler und Schluchten, beim Schätzen von unten nach oben. Da­gegen wird erfahrungsgemäß zu weit geschätzt bei trüber, nebeliger Luft, bei dunklem Hintergrund, gegen die Sonne gewendet, in engen Thälern, Alleen, wenn Luft infolge Hitze flimmert, beim Schätzen von oben nach unten, d) Am Schlüsse eines jeden Spazierganges sind mehrere Entfern­ungen zu schätzen und womöglich von den Kindern abzu­schreiten. Derartiges Hebungen kommen den Knaben in vielfacher Hinsicht zu statten und interessieren die Jugend.

* «

Empfang. Se. Königl. Hoheit der Großherzog empfingen am 22. November den Oberst Conzen, Kom­mandeur des 1. Großh. Feld-Artillerie Regiments Nr. 25 (Großh. Artilleriekorps), Den Oberleutnant v. Sanden vom 1. Großh. Infanterie (Leibgarde-)Negiment Nr. 115, den Geheimen Justizrat im General-Auditoriat Anschütz, den Direktor der Gewerbe u. Handwerkerschule Dr. Meisel, den Regierungsrat Dr. Steeg von Mainz, den Gerichts­schreiber i. P. Jaeger von Langen; zum Vortrag den Staatsminister Rothe, den Justizminister Dr. Dittmar, den Kabinettsrat Römheld.

«* Auszeichnung. Seine Königliche Hoheit der Groß­herzog haben Allergnädigst geruht, am 11. Oktober dem Bürgermeister Peter Wirth in Bechtolsheim das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift:Für langjähige treue Dienste" am Bande des Philipps Oroens zu verleihen.

* Notariate. Seine Königliche Hoheit der Groß- h erzog haben Allergnädigst geruht, am 22. November den Rechtsanwalt Adam Wolff in Groß Umstadt zum Notar mit dem Amtssitze in Groß Umstadt, den Rechts- anwalt Friedrich Scriba in Groß-Umstadt zum Notar mit dem Amtssitze in Groß-Gerau, den Rechtsanwalt Georg Balzer in Lorsch zum Notar mit dem Amtssitze in Lorsch, die Rechtsanwälte Justizrat Hermann Jöckel in Friedberg, Karl Davidsohn in Ortenberg, Dr. Emil Stern in Alsfeld. Ernst Metz in Nidda, Theodor Beil stein in Grünberg zu Notaren mit dem Amtssitze je an den ge­nannten Orten, sämtlich mit Wirkung vom 1. Januar 1900, zu ernennen.

» Militärdienst-Nachrichten. Schoch, Vizewachtmeister im Landwehrbezirk Aschersleben, zum Leutnant der Res. des 1. Großh. Hess. Dragoner-Regiments (Garde-Drag.- Regts.) Nr. 23, Kayser, Vizefeldw. im Landwehrbezirk Barmen, zum Leutnant d. Res. des 1. Großh. Hess. Inf.- (Leibgarde-)Regts. Nr. 115, Rapp, Vizewachtmeister im Landwehrbezirk Köln, zum Leutnant d. Res. des 2. Großh.

Hess. Drag.-Regts. (Leib-Drog. Regis.) Nr. 24 befördert. Schulze, Lt. der Feldartillene 1. Aufgebots des Landw.- Bezirks Mainz, zum Oberleutnant, Probst, Vizewachtm. in demselben Landwehrbeziek, Reinhart, Vizewachtm. im Landwehrbezirk Worms, zu Leutnants der Reserve des 2. Bad. Drag.-Regts. Nr. 21, Maurer, Lt. der Inf. 1. Aufg. des Landw.-Bezirks I Darmstadt, zum Ober­leutnant, Schwinn, Becker, Vizefeldwebel in demselben Landw. Bezirk, zu Leutnants der Res. des 1. Großh. Hess. Jnf.-(Leibgarde-)Regts. Nr. 115, Brill, Vizewachtm. in demselben Landwehr-Bezirk, zum Leutnant der Res. des 2. Großh. Hess. Feldartillerie-Regiments Nr. 61 befördert. Bömper, Lt. b. Inf. 1. Aufg. des Landw. Bezirks Mainz, der Abschied bewilligt.

* Geflügel- und Vogelzucht-Ausstellung. Die vom hiesigen Verein im Januar nächsten Jahres auf demWindhof" ge­plante Ausstellung wird eine besondere Wichtigkeit für die Hebung der Geflügelzucht in hiesiger Gegend haben. Bei früherem Anlaß berichteten wir bereits über die seitens des geschätzten Vereins hier errichtete Zuchtstation für rassereines Geflügel, welche von Fachkundigen von nah und fern besucht worden ist und ungeteilte Anerkennung gefunden hat. Die Station hat schon in diesem Jahr nahezu 2000 Eier von rebhuhnfarbigen Italiener- und schwarzen Minorka-Hühnern zu Brutzwecken abgegeben. Es ergiebt sich hieraus, daß von diesen Rassen eine bereits bemerkenswerte Nachzucht vorhanden sein muß. Diese Nachzucht soll ohne die sonstigen Ausstellungsobjekte zu vernachlässigen auf der nächsten Ausstellung besondere Berücksichtigung finden und den Beweis von dem Einfluß der gegründeten Station liefern. Der Verein wird sich aber nicht die Mühe verdrießen lassen, weitere Zuchtstationen ins Leben zu rufen. Errichtet sind solche bereits in Birklar für schwarze Minorka, imPhilo­sophenwald" und auf der Bingmühle b. Lauter für rebhuhnfarbige Italiener, in Gießen für Plymouths Rocks (Amerikanische Felsenhühner). Heber weitere sind Verhandlungen noch in der Schwebe. Interessen­ten im Kreise, welche Zuchtstationen übernehmen wollen, wird der Vorstand gern mit Rat und Thal unterstützen, wenn sich solche an ihn wenden. Das Gehöfte derselben muß einerseits einen möglichst freien Auslauf für das Huhn bieten, andererseits das Zulaufen fremder Hühner, sei es durch natürliche Lage oder durch vom Interessenten zu treffende Einrichtungen, ausschließen. Der höhere Verkaufs­preis, der für Bruteier guter Rassen gern bewilligt wird, macht die Mühewaltung und den Kostenaufwand für die echte Einrichtung rasch bezahlt. Auch an dieser Stelle sei auf den jedermann zugänglichen Vortrag Überdie wich­tigsten Grundregeln einer rationellen landwirtschaftlichen Geflügelzucht", welchen nächsten Sonntag, mittags 3V3 Hhr Herr Lehrer Knaup von Heldenbergenim Löwen" in Gießen halten wird, nochmals hingewiesen.

** Unter dem NamenFortuna" wird, wie demD. T." geschrieben wird, im Laufe Der nächsten Tage einLose­verein für die Großh. Hessische Landeslotterie" in Darmfftadt gegründet werden. Zweck des Vereins ist, seinen Mitgliedern, Deren Zahl indessen eine beschränkte fein soll, durch das Band der Genossenschaft günstigere Gewinn­chancen zu verschaffen. Nach Inhalt der Statuten des Fortunavereins", Die in kurzer Zett ausgegeben werden, soll jedermann, der das 21. Lebensjahr vollendet hat, Mit­glied werden können; der Beitritt erfolgt durch Einzeichnung des Namens in Mitgliederlisten; zur Erleichterung Dieser Handlung ist beabsichtigt, Listen zum Einzeichnen in großer Anzahl in offenen Verkaufsstellen niederzulegen. Als Ein­trittsgeld sind dabei 20 Pf. zu entrichten, um hierdurch von vornherein eine gewisse Summe zur Bestreitung von Porto, Drucksachen und sonstigen Verwaltungskosten zu sichern. Die Mitgliedschaft des Vereins ist hierdurch er­worben, ihre Fortdauer und damit die Teilnahme an dem Gewinn hängt von der jedesmaligen rechtzeitigen Zahlung eines Wochenb itrageS von 1 Mk. ab. Mitgliedskarten werden nicht ausgegeben, die Quittungen über den ge­leisteten Wochenbeitrag treten an ihre Stelle. Wer fernen Wochenbeitrag binnen einer weiteren Woche zu zahlen unter­läßt, verliert die Mitgliedschaft und geht jedes Anspruches auf seine bisherige Einlage oder etwaigen Gewinn verlustig. Die Mitgliederzahl soll eine noch zu bestimmende Höhe nicht überschreiten. Wenn angenommen wird, daß der Verein 2000 Mitglieder umfaßt, so würden wöchentlich 2000 Mk. Beiträge oder jährlich über 100,000 Mk. zu- sammengebracht; diese erkleckliche Summe kann zum größten Teil für den Ankauf von Losen verwandt werden; mit der Zahl der Lose steigern sich die Gewinnchancen eines jeden

einzelnen; als Gegengewicht ist freilich zu veachten, daß viele am Gewinn partizipieren, und der auf den einzelnen entfallende Gewinn kein hoher fein kann. Sollten hin­wiederum keine Gewinne bei den verschiedenen Ziehungen in den Verein fallen, so ist der geringe Beitrag, durch den auch weniger Bemittelten das Mitspielen ermöglicht ist, leicht zu verschmerzen. Wie aus vorstehendem ersichtlich, ist das ganze Unternehmen einfach und praktisch ausgedacht; dafür, daß es auch auf sicherer und zuverlässiger Grund­lage beruht, wird der Name eines größeren Darmstädter Bankhauses bürgen, das an der Spitze steht. Dem Ver­nehmen nach soll einerseits die Teilnahme am Verein auch Angehörigen der Bundesstaaten offenstehen, die nach Lage ihrer Landesgesetzgebung in auswärtigen Lotterien spielen dürfen, andererseits ist auch bereits in Aussicht genommen, an anderen Punkten des Großherzogtums gleicheFortuna­vereine" ins Leben zu rufen.

* Annoncen in verschiedenen hessischen Zeitungen haben vielfach den Glauben erweckt, es seien einzelne Personen, die derartige Annoncen erlassen haben, bereits zu Kollek­teuren der Großh. Landeslotterie ernannt oder den­selben wenigstens bestimmte Zusagen gemacht worden. Wie dieN. H. V." aus sicherer Quelle erfahren, ist dies in­dessen nicht der Fall, auch ist bei der großen Zahl der der Lotterieverwaltung noch zur Entscheidung obliegenden Vorfragen nicht zu erwarten, daß derartige Entschließungen vor Ablauf dieses Monats erfolgen werden. Auch die Ausgabe der Lose wird nicht vor dew 15. kommenden Monats erfolgen können.

** Von hessischen Behörden werden steckbrieflich verfolgt: Schriftsetzer Fritz Erny aus Sachsenhausen, Schuhmacher Ludwig Weißing aus Offenbach, Zimmermann Georg Köhler aus Darmstadt und Martin Chowanitz aus Albistritz, sämtlich wegen Strafvollstreckung vom Großh. Amtsgericht Offenbach; Schirmmacher Franz Esch weil er aus Köln wegen Betrugs vom Großh. Amtsanwalt zu Gießen; Maurergeselle Johannes Euler aus Eppertshausen wegen Körperverletzung von Großh. Staatsanwaltschaft Darmstadt; Taglöhner Matthias Fritz aus Ilvesheim wegen Diebstahls von Großh. Staatsanwaltschaft Darmstadt; Kellner Otto Johann Gräf aus Hanau, Fabrikarbeiter Karl Pfaff aus Offenbach und Schleifer Mathias Weber aus Ober- Roden, sämtlich wegen Strafvollstreckung vom Großh. Amts­gericht Offenbach; Bahnarbeiter Louis Gremony aus Masura (Italien) wegen Hnterschlagung von Großh. Staats­anwaltschaft Gießen; Nikolaus Gutmann aus Maiersbach wegen Betrugs vom Großh. Amtsanwalt zu Fürth i. O.; Schreiner Johannes Heiser aus Kriegsheim wegen Sitt- lichkeitsverbrechens und Kommis Moritz Hermann Hoff­mann aus Gonsenheim wegen Betrugs, beide von Großh. Staatsanwaltschaft Mainz; Handelsmann Karl Kaiser aus Liebenscheid wegen Betrugs vom Großh. Amtsanwalt zu Friedberg; Küfergeselle Johann Mörtel aus Henfenfeld wegen Strafvollstreckung vom Großh. Amtsgericht Bingen; Former Heinrich Scheu ring aus Kloppenheim wegen Diebstahls von Großh. Staatsanwaltschaft Gießen; Bäcker Gottlob Kirchner aus Linsenhofcn wegen schweren Dieb­stahls vom Großh. Untersuchungsrichter I zu Mainz; Dienst­knecht Heinrich Nikolaus Lippert ans Habitzheim wegen Betrugs von Großh. Staatsanwalt Darmstadt; Philipp Schneider, genannt Franzosenphilipp, aus Straßburg wegen Sachbeschädigung (derselbe nennt sich auch Johannes Fehringer und Blochschmidt) vom Großh. HntersuchungS- richter II zu Gießen; Taglöhner Karl Schulte aus Lüden­scheid wegen Bettelns vom Großh. Amtsanwalt ll zu Darm­stadt; Schloffer Otto Stral en dorff aus Engen wegen Diebstahls von der Polizeiverwaltung Worms; Fabrik­arbeiterin Katharina Win Hauer aus Gladenbach wegen Strafvollstreckung vom Großh. Amtsgericht Gießen.

Großen-Buseck, 22. November. Der hier schon seit mehreren Jahren bestehende Turnverein, welcher lange Zeit seinen Winterschlaf hielt, wurde nun wieder zum neuen Leben erweckt und ist im richtigen Aufblühen begriffen. Hnlängst übernahm einer der hiesigen Dolksschullehrer, Herr Luley, der vor Jahresfrist einen Turnkursus in Darmstadt günstigen Erfolges absolvierte, das Direktorium des Vereins. Genannter Herr, welcher wöchentlich zweimal je zwei Stun­den unentgeltlich Turnübungen mit den Zöglingen vornimmt, dirigiert in größter Energie, mit emsigem Fleiße und voller Ausdauer. In den letzten Stunden beobachtete man gegen 30 Turner, die während der kurzen Zeit mit schon ganz guten Hebungen im pünktlichen Kommando repräsentierte«. Der Verein zählt gegenwärtig nahezu 90 Mitglieder und