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Nr. 250 ErPes Blatte Dienstaq den 24 October 1809
(Ziehener Anzeiger
Heneral-Anzeiger
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Fernsprecher Nr. 51.
Amtlicher Keil.
Gießen, den 20. Oktober 1899.
Betr.: Wahlen zum XXXI. Landtag.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen «tt die Großh. Bürgermeiftereieu des IV., V., VII. rr. XII. Wahlbezirks der Provinz Oberheffe«.
Wir teilen Ihnen mit, daß nach Verfügung Großh. Staatsministeriums zu Wahlkommissären ernannt worben sind:
Für den IV. Wahlbezirk: Kreisamtmann Boeck- mann in Gießen.
Für deuV. Wahlbezirk: Regierungsrat vr. Wagner in Gießen.
Für den VII. Wahlbezirk: Kreisrat Melior in Alsfeld.
Für den XII. Wahlbezirk: Kreisamtmann Hechler in Schotten.
Alsbald nach vollzogener Wahl der Wahlmänner ist gemäß § 40 der Anleitung das Wahlprotokoll nebst sämtlichen dazu gehörigen Beilagen und den in versiegeltem Umschlag beizufügenden Stimmzetteln an den bestellten Wahl- kornmissär einzusenden
v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Betr.: Maul- und Klauenseuche zu Grünberg.
In Grün berg ist in einem Gehöfte die Maul- und Klauenseuche festgestellt und Gehöftsperre angeordnet worden.
Gießen, den 23. Oktober 1899.
Großh. Kreisamt Gießen.
v. Bechtold.
Höerhesstscher Höstbauverein.
Wereinsöezirk Kießerr.
Am Soutttag dem LS. Oktober, nachmittags 3 Uhr, findet in Grüuivgeu in der Wirtschaft von Billgel eine Versammlung statt mit nachfolgender Tagesordnung :
1) Unsere besten Obstsorten.
2) Die Ausstellungen des Oberhessischen Obstbauvereins 1899.
Referent: Der Sekretär des Vereins, Herr K. R e i ch e l t, Lehrer für Naturwissenschaften und Obstbau an der Großh. Obstbauschule und Landw. Winterschule.
Die Mitglieder unseres Vereins, sowie sonstige Jnter- rffenten werden zu der Versammlung freundlichsteingeladen.
Gießen, den 21. Oktober 1899.
Der Vorsitzende des Vereinsbezirks Gießen des Oberhesi. ObftbauvereinS.
Frhr. Schenck.
Gießen, den 21. Oktober 1899.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen «tt die Großh. Bürgermeistereien von Grüttivgeu und den benachbarten Orten.
Obige Versammlung wollen Sie in Ihren Gemeinden bekannt geben.
I. V.: Frhr. Schenck.
Steckbrief.
Der unten näher bezeichnete Rekrut Johann Georg Dönges des Landwehrbezirks Gießen hat sich der Gestellung entzogen. Sämtliche Zivil- und Militärbehörden werden dieustergebenst ersucht, gefälligst auf denselben ein wachsames Buge zu haben, ihn im Ergreifungsfalle zu arretieren und an die nächste Militärbehörde abliefern zu lassen.
Signalement. 1. Name: Johann Georg Dönges. 2. Geburtsort: Watzenborn. 3. Kreis: Gießen. 4. Geboren: 2. September 1876. 5. Größe: 1 Mtr. 62,5 Ctm. 6. Religion: Evangelisch. 7. Stand oder Gewerbe: Taglöhner.
Gießen, den 18. Oktober 1899.
Detring,
Oberstleutnant und Kommandeur des Landwehrbezirks Gießen.
* Die Kaiserreise nach England.
Gießen, den 23. Oktober 1899.
ES unterliegt kaum noch einem Zweifel, daß die unerfreuliche Mitteilung, Kaiser Wilhelm werde im nächsten Monat England besuchen, feste Gestalt annehmen und das deutsche Volk von neuem vor ein Rätsel gestellt werden wird, dessen Lösung ihm unmöglich erscheint. Allerdings versichert ein offiziöses Organ, daß die leitenden Männer in allem, was fie thun, „sich ihrer Verantwortung voll bewußt seien, wenn sie das Schiff gegen Land steuern, während andere vielleicht den Kurs in die hohe See erwartet hätten"; in späteren Zeiten werden noch „die Zweifler und Nörgler erkennen, warum das Schiff damals eine andere Bahn einschlug, und sie werden dann noch denen danken, die es leiteten"; allerdings gerät das offiziöse Organ sogar in einen gewissen poetischen Schwung, in dem es die Tadler und Kritiker mit einem Reisenden vergleicht, der eine weite Landschaft beschreiben zu können glaubt, weil er von einem Hügel aus ein Stück von ihr überblickt, während doch hohe Bergketten ihm nach mehreren Seiten hin jeden Fernblick verwehren. Aber ein solcher Appell an den beschränkten Unterthanenverstand mochte noch vor 50 Jahren Eindruck machen, heute aber wird man ihn lächelnd vernehmen und lächelnd über ihn zur Tagesordnung übergehen. Der Glaube an die unfehlbare Weisheit jedes Ministers des Auswärtigen, wie er gewiffermaßen in ein Dogma zusammengepreßt wird, findet im Volke keine Anhänger mehr, und wenn wir uns recht erinnern, hat der Mann, der doch wohl von diesen Dingen am meisten verstand, hat Fürst Bismarck während der letzten Jahre seines Lebens gerade die auswärtige Politik auf ihren wundersamen Wegen mit der äußersten Bitterkeit verfolgt.
Sicherlich denkt in Deutschland kein Mensch daran, der Regierung in der Transvaalkrise ein aktives Eingreifen vorzuschlagen, und die spöttische Bemerkung der „Post": «Ginge es nach dem Wunsche gewisser Herren, so hätten wir uns Samoas wegen mit den Vereinigten Staaten und England überworfen, den Spaniern wären wir mit unserer kleinen Flotte zu Hilfe geeilt, und jetzt ständen bereits etliche Armeekorps in Südafrika, um die Buren gegen die Briten zu schützen." — Diese spöttische Bemerkung würde sich ganz nett ausnehmen, wenn sie nicht geradezu unehrlich wäre. Denn eine Politik, wie sie hier an die Wand gemalt wird, hat niemand empfohlen. Man hat freilich den Spaniern gewisse Sympathien geschenkt, nicht nur, weil sie die Schwächeren waren in ihrem Kriege gegen die Union, sondern weil der Krieg ein Spekulantenkrieg, war, unternommen, um hinter der Maske des Idealismus grobe materielle Gelüste zu verbergen, vor allem aber, weil man voraussah, daß nach einem leichten Siege der amerikanische Hochmut sich bis zur Unerträglichkeit steigern werde. Man ist erbittert gewesen über die Schmach von Samoa, weil sie ein deutliches Merkzeichen dafür bot, daß die deutsche Diplomatie die drohenden Gefahren nicht rechtzeitig voraussah und eine Niederlage vermied, die man ja schließlich durch die Entsendung der berühmten Kommission offen eingestand. Man war eben nicht der H e r r, sondern das Opfer der Situation. Jetzt wäre vielleicht die Gelegenheit gekommen, die Scharte auszuwetzen. Man braucht dazu gar keine Kanonen, sondern nur einige diplomatische Geschicklichkeit. Freilich mit jener weichlichen Sentimentalität, die sich mit großem Geschrei dagegen verwahrt, englische Verlegenheiten auszubeuten, ist es nicht gethan. Mit einer solchen Auffaffung hätten wir sicherlich nicht Düppel erstürmt, Königgrätz und Sedan geschlagen. Fürst Bismarck war eben anderer Meinung. Er schuf dem Gegner Verlegenheiten, um sie für sich auszunutzen, aber er wartete nicht, bis der Andere erklärte: „So, jetzt habe ich nach allen Seiten hin freie Hand, jetzt stehe ich zu Diensten." Die Samoafrage ist noch ungelöst — wenigstens hegen wir
noch den Schimmer solcher Hoffnung. Ist nicht gerade jetzt die Stunde gekommen, den berühmten Druck auf die Magengegend John Bulls auszuüben und das zu erreichen, wa- man in den Tagen der Samoanischen Königswahl aus geheimnisvollen Gründen nicht erreichen konnte? Solche Politik ist keineswegs „unmoralisch". Als wir in Frankreich standen, brach Rußland im Schwarzen Meere den Pariser Vertrag, und die Italiener zogen nach Rom.
Nun wird Kaiser Wilhelm, wenn nicht bessere Ratgeber in letzter Stunde seinen Entschluß umstimmen, nach England gehen. Man wird diese Reise geflissentlich als eine Vetternreise hinstellen, geboten durch verwandschaftliche Rücksichten. Aber man wird schwerlich darauf rechnen, irgendwelchen Glauben zu finden. Denn Monarchen müffen sich einmal daran gewöhnen, daß sie politische Persönlichkeiten, nicht Privatleute sind, und daß noch ihr persönliches Thun unter den politischen Gesichtspunkt gestellt wird. Kein verständiger Mensch in der Welt würde glauben, daß Kaiser Wilhelm nur als zärtlicher Enkel nach Windsor geht, um sich nach dem Befinden der Großmama zu erkundigen und ihr die Hand zu küffen. Ein Monarch ist nicht frei, seinem ungeheueren Vorrechte steht die Einschränkung seiner persönlichen Neigungen ergänzend gegenüber. Darum wird auch eine Vetternreise zur Staatsaktion, und sie wird diesen Charakter in politisch lebhaften Zeiten mit doppelter Stärke annehmen. Haben wir nicht vor vier Jahren es erlebt, daß ein ähnlicher Besuch der Großmutter von unmeßbarem Einfluß auf die Gestaltung der Politik gewesen ist? Ist es denn vergessen, wie damals in den englischen Regierungsblättern in unverschämter Weise dem erlauchten Gaste geraten wurde, bei seiner Großmutter „eine Lektion in politischer Weisheit zu nehmen, wenn er sie auch niemals an Scharfsinn erreichen werde." Datiert nicht von eben jenem Besuche her der Umschwung unserer englandfreundlichen Politik und die Aufnahme des Versuches, den alten engen Anschluß an den östlichen Nachbar wiederzugewinnen? So wird man auch jetzt trotz aller offiziösen Blaufärbereien in einer Fahrt des Kaisers nach England eine hochbedeutsame politische Aktion erblicken, und man wird diese Aktion aus tiefstem Herzen beklagen.
Noch auf dem Sterbebette hat Kaiser Wilhelm I. seinen Enkel ermahnt, die Verbindung mit Rußland nicht zu lösen. In der Zeit erzwungener Muße hat Fürst Bismarck immer wieder an diese Mahnung erinnert. Eine stärkere Hinneigung aber zu England muß entscheidend fein für unser Verhältnis zu Rußland. So sprach Fürst Bismarck es im Jahre 1891, in den Tagen des jubilierenden CaprivismuS, aus: „Das russische Mißtrauen gegen die künftige Haltung der deutschen Politik wird Schritt halten mit der Vertiefung der deutsch-englischen Intimität und noch mehr mit dem Scheine derselben, wie sie sich momentan in diplomatischer Beobachtung darstellt. Um Rußland über die deutschen Absichten zu beunruhigen, bedarf es nicht notwendig direkter antirussischer Symptome, die am diplomatischen Himmel zur Erscheinung kommen, sondern die scheinbar stärkere Intimität des deutsch englischen Verhältnisses genügt, um in den Zukunftsberechnungen der russischen Diplomatie in Ansatz gebracht zu werden." Aber Graf Bülow und sein Adlatus, Herr v. Richthofen, sind begeisterte Bewunderer Englands. Es ist andererseits nicht anzunehmen, daß im November, wenn der Besuch erfolgt, der Krieg in Transvaal zur Entscheidung gelangt ist. Muß da nicht dieser Besuch direkt als eine Sympathiekundgebung für die Politik Chamberlains anfgesaßt werden? Bitter genug wird man im Lager der Buren, in dem ja auch Tausende von Deutschen kämpfen, an das Kaisertelegramm erinnern, und verständnislos wird man einer Politik gegenüberstehen, die für das Linsengericht englischer „Freundschaft" den Anspruch auf Zuverlässigkeit und Stetigkeit in der Politik preisgiebt. Aber es scheint.


