der Rheintöchter lachend und scherzend, während Woglinde die fürcherliche Entsagungsformel ausspricht. Markerschütternd klingt Alberichs Fluch. Unter den furchtbaren erschütternden Klängen der Musik löst sich das Wassergewoge des Rheins in Wolkengebilde auf, die langsam empor schweben. Die Töne des Urelements, der Entsagung, des Rings und der Nheintöchter heben noch einmal an, um dann in die Motive des Feuerzaubers und Walhalls überzugehen. Die Scenen der Götter und Riesen gingen in vollendeter Darstellung vorüber. Eine wunderbare Gestalt schuf Dr. Briesemeister in seinem Loge. Als er von seinem Motiv eingeführt klein und beweglich aus dem Kopf die rote Zier und um den Körper den schwefelgelben Mantel geschlungen auf- tauchte, war er die leibhaftige, wabernde Lohe!
Am anderen Tage rief uns der Klang des Wälsungen- Motivs in die Walküre. Wie im Rheingold der Loge des Herrn Briesemeister, so überstrahlte in der Walküre der Siegmund der Herrn Burgstaller alle übrigen Mitwirkenden. Sein machtvolles Organ durchlief alle Register der Leidenschaft, klang einmal wuchtig wie rollender Donner und dann wieder weich und süß, wie der Ton einer Hirtenflöte. Das Liebeslied sang er hinreißend schön. Frau Suchers Spiel ist über jede Kritik erhaben, allein ihr Gesang — es ist traurig, dies sagen zu müssen — erinnert nur noch entfernt an die Triumphe, die sie früher gefeiert hat. Man versichert, daß Frau Sucher, nachdem sie in Berlin Unbill erfahren hat, in Bayreuth zu ihrer künstlerischen Rehabilitierung gesungen habe. Besser wäre es jedenfalls für ihren großen Ruf gewesen, wenn sie den Zeitpunkt wahrgenommen hätte, nach so großen Erfolgen rechtzeitig von der Bühne zu verschwinden. — Auch die Brünhilde der Frau Gulbranson
konnte nur teilweise befriedigen. Sie war nicht im stände, diese herrliche Gestalt dramatisch zu beleben und plastisch herauszuarbeiten, sodaß das Publikum ihr gegenüber kalt, ja teilnahmlos blieb. Aus dem Gesagten erhellt, daß die Darstellung der Walküre nicht ganz auf der Höhe künstlerischer Vollendung stand. —
In den Zwischenakten wogt vor dem Festspielhaus eine vielköpfige Menge auf und ab. Da geben sich alle Nationen ein Stelldichein, da sieht man die wunderbarsten Toiletten und Trachten. Die Restaurants und Kaffees sind überfüllt. Unter einer Loggia hält Frau Cosima Wagner Cercle, wie eine Potentatin, die die Huldigungen ihrer Getreuen entgegennimmt. Aber sie hat auch allen Grund stolz und beglückt zu sein, denn unterstützt von ihrem Sohn Siegstied hat sie, ausgerüstet mit einer fast übermenschlichen Kraft und ausgestaltet mit dem feinsten künstlerischen Empfinden, den Geist der Festspiele zu erhalten gewußt, den der Meister selbst ihnen eingehaucht hat. —
II.
Homer erzählt uns von dem Volk der Lotophagen. Wer zu ihnen kam und mit ihnen von der Frucht des Lotosbaumes aß, den umfing ein seliges Vergessen, Heimat, Familie und Freundeskreis entschwanden mit einem Male seinem Gedächtnis und er fühlte sich der höchsten Wonne teilhaftig. Unwillkürlich gedachte ich der Verse des Homer, als ich in Bayreuth den Weihegruß der Meisterkunst empfing.
Die Darstellung des „Siegfried", am dritten Festspielabend, versetzte mich in die hellste Begeisterung. Den Mime gab ein in Bayreuth ausgebildeter junger Künstler, Herr Breuer, dessen Gesang, Spiel und Maske sich in vollkommenster Harmonie zusammenfanden. Bezaubernd war
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Nr. 225 Viertes Blatt» Sonntag den 24. September
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Das Zarenpaar in Deutschland.
Der Kaiser und die Kaiserin von Rußland sind auf ihrer Fahrt von Kopenhagen nach Darmstadt in Kiel, zum Besuche der Prinzessin Heinrich von Preußen, eingetroffen. Selbstverständlich trägt dieser Besuch einen rein persönlichen Charakter, er ist zurückzuführen auf die nahen verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen der Zarin und der Prinzessin, wie denn überhaupt die ganze Reise des Zarenpaares keinen politischen Zweck hat, sondern nur aus dem Grunde unternommen worden ist, nahestehende Höfe zu besuchen. Wie erinnerlich sein wird, ging in vergangener Woche in der Reichshauptstadt das Gerücht, ba£ der Zar in Potsdam eintreffen werde. Tatsächlich waren auch in aller Eile die nötigen Vorbereitungen für den Empfang getroffen und das Alexander-Regiment aus dem Manöverterrain abberufen worden. Wäre damals der Besuch am deutschen Kaiserhofe erfolgt, so hätte man nicht umhin gekonnt, einen besonderen politischen Grund dafür zu suchen. Denn die Fahrt nach Potsdam stand nicht ursprünglich auf dem Reiseprograwm des Zaren, dafür sprachen die eiligen Anordnungen des kaiserlichen Oberhofmarschallamts, die anderenfalls sicher von langer Hand her vorbereitet worden wären. Bisher ist noch nicht bekannt geworden, aus welchem Grunde der Abstecher unterblieben ist, doch darf wohl als sicher angenommen werden, daß die übliche Zusammenkunft der beiden Monarchen auch in diesem Jahre stattfindet.
Die altherkömmliche Freundschaft der beiden Höfe, Berlin und Petersburg, welche unter dem Zaren Nikolaus III. einen gewaltigen Stoß erlitten hatte, wird von seinem Nachfolger Nikolaus in würdiger Weise gepflegt.
Daran hat auch die Allianz mit Frankreich nichts ändern können, und bei jeder Gelegenheit kann wahrgenommen werden, welch hohen Wert der Sklbstbeherrscher aller Reußen auf gute Beziehungen zu Deutschland legt. Daß die Schwester unseres Großherzogs, welche an der Seite des Zaren den russischen Kaiserthron ziert, viel dazu beiträgt, diese Gesinnungen bei ihrem Gemahl zu pflegen und weiter auszubilden, braucht wohl kaum besonders betont zu werden. Jedenfalls beruht das gute Verhältnis zwischen Rußland und Deutschland auf einer stärkeren Basis als dasjenige Rußlands zu Frankreich. Dieses ist auf Gelegen- heitsrücksichten gegründet, während ersteres auf mehr als hundertjähriges Bestehen zurückblicken kann und sich in schwerer Zeit bewährt hat.
Wir heißen das Zarenpaar in Deutschland willkommen, weil wir der festen Ueberzeugung sind, daß es zu seinem Teile an der Erhaltung des Weltfriedens beizutragen die besten Absichten hat. Der Zar hat ja seine friedliebenden Gesinnungen genugsam bezeugt durch seine bekannte Kundgebung, die die Haager Konferenz zur Folge hatte, und
wenn die Erfolge derselben nicht überall befriedigt haben, wer will die Schuld dem Veranstalter zuschreiben? Deutschland und Rußland in gutem Einvernehmen ist an sich schon eine große Gewähr für den Frieden; denn kaum eine Macht wird es wagen, gegen den Willen dieser beiden kriegsbereitesten Staaten den Frieden zu stören. Im Interesse des letzteren wollen wir hoffen, daß die Freundschaft der genannten Reiche zu einander noch recht lange ungetrübt bleiben möge. (xx)
Neue Bismarck-Anekdoten.
In dem demnächst erscheinenden Werke: „Persönliche Erinnerungen an den Fürsten Bismarck" von John Booth ist eine Fülle interessanter Einzelheiten enthalten, von denen im nachstehenden einige mitgeteilt werden sollen:
Im Oktober 1878 war John Booth, der mit dem verstorbenen Fürsten wegen der Anpflanzung einiger Nadelhölzer aus dem nordwestlichen Amerika in Deutschland in Berührung gekommen war, dessen Gast in Friedrichsruh. Hebet seinen Gesundheitszustand während des Berliner Kongresses vom Juni und Juli desselben Jahres ließ sich der Fürst folgendermaßen aus:
„Es war nach den Attentaten keine leichte Sache, die Kollegen unter einen Hut zu bringen, daß dieselben für die Auflösung des Reichstages stimmten und sodann die Genehmigung des Kronprinzen, welcher für den kranken Kaiser die Regierung führte, zu erwirken. Aber Recht habe ich doch gehabt. Und dann der Kongreß! Ich hatte die größte Lust, gleich wieder von Berlin abzureifen; aber ich sah, daß dann nichts zu stände kommen würde und sie wieder alle auseinandergehen würden, wenn ich nicht dabei bliebe. Die geistige Abspannung, in der ich mich damals befand, war schrecklich! Ganz abgesehen von der Wichtigkeit der Verhandlungen, ist es äußerst angreifend, in einer fremden Sprache, wenn man dieselbe auch noch so fließend spricht, sich so korrekt auszudrücken, daß es ohne weiteres ins Protokoll ausgenommen werden kann. — Ich schlief selten vor 6, oft auch erst nm 8 Uhr einige Stunden, war dann bis 12 für niemand zu sprechen, und in welcher Verfassung ich dann sür die Sitzungen war, können Sie sich denken. Mein Gehirn war wie eine gallertartige, unzusammenhängende Masse. Ehe ich in den Kongreß ging, trank ich zwei bis drei solcher Biergläser allerstärksten Portweins (dabei zeigte er auf das Bierglas in seiner Hand), um das Blut ordentlich in Wallung zu bringen — ich wäre sonst ganz unfähig gewesen, zu präsidieren."
Ein anderesmal kam Fürst Bismarck auf die Zerfahrenheit in der Orthographie in Deutschland zu sprechen. Er führte aus:
„Ein Lehrer in Quarta läßt das stumme „h" fort,
kommt der Junge nach Tertia, wird er für fehlerhaftes Schreiben bestraft; das ist verkehrt. Will man dergleichen einführen, dann muß es durch Gesetz geschehen, für alle Behörden und alle Schulen. Aber wie in so vielen Sachen mag der Deutsche ein Narr sein auf eigene Faust; das hält er für interessant und glaubt, er hat andern etwas voraus. Solche Sachen sind in anderen Ländern ganz undenkbar, und man würde denjenigen, der in England oder Frankreich plötzlich die Weglassung der stummen Buchstaben proponierte, ohne weiteres für verrückt erklären .... Unsere Sprache ist hart genug, und man soll alles vermeiden, sie noch schärfer klingen zu machen."
Auf die Geheimräte war Fürst Bismarck bekanntlich sehr schlecht zu sprechen. Auch John Booth erzählt von einer derartigen Aeußerung unter dem 3. April 1879:
Die Suppe war aufgetragen, als Bismarck den Minister Hofmann nach einem Aktenstücke fragte, worauf dieser antwortete, daß er dasselbe bei irgend einem vortragenden Rat vermute. Der Kanzler, einen Löffel Suppe in der Hand haltend, sagte, ehe er diesen zum Munde führte, halblaut, aber doch so, daß es alle hören konnten, mit seinen großen Augen im Kreise umherblickend: „Bei uns wird es überhaupt nicht eher besser, bis nicht alle Geheimräte mit Stumpf und Stiel ausgerottet sind." Wie diese Unterhaltung mit den Geheimräten begonnen hatte, so schloß sie auch, indem der Fürst bemerkte: „Nun, wie die Polen nicht ohne Juden, so können die Preußen nicht ohne Geheimräte fertig werden."
Daß Fürst Bismarck ein starker Esser, Trinker und Raucher war, ist auch bekannt. Heber sein Austernessen erzählte er im Jahre 1878 bei Tisch einmal:
„Die größte Zahl, welche ich je auf einmal gegessen, war in Lüttich, wo ich als 26jähriger Mensch auf meiner Rückreise vor 36 Jahren von England 175 verzehrte. Ich bestellte erst 25, dann, da sie vortrefflich waren, noch 50, und während ich diese verzehrte, beschloß ich, nichts anderes zu essen, und bestellte zur Heiterkeit der Anwesenden noch hundert."
Im Jahre 1879 fragte einmal jemand bei Tische den Fürsten, ob er noch viel rauche. Heber die Antwort erzählt John Booth:
„Zigarren garnicht mehr," antwortete Bismarck, „ich versuchte es neulich wieder einmal mit einer schwachen, es geht aber nicht mehr; ich glaube überhaupt, daß jedem Menschen ein gewisses Quantum bestimmt ist; hat er dieses konsumiert, so hat seine Rezeptionsfähigkeit aufgehört; ich nehme für mich etwa 100,000 Zigarren und 5000 Flaschen Champagner in Anspruch." Bei Nennung dieser Zahlen lachte ich laut auf, worauf der Fürst sagte: „Das will ich Ihnen beweisen." Mit den Zigarren gelang ihm das, mit
Mapreuther Eindrücke.
Von Agathe Szilagyi (Budapest).
I. (Nachdruck verboten.)
Man gab das Rheingold. Mein Kopf war noch vollständig wirr von den vielen Studien, die ich vor unserer Pilgerfahrt nach Bayreuth in Bezug auf die Motive und die Handlung der Tetralogie gemacht hatte. Um 5 Uhr wurden wir durch die Töne der Rheingoldfanfare m das Theater gerufen, und es war wirklich schön zu sehen, wie ruhig und ordnungsmäßig die Leute ihre Plätze aufsuchten. Als draußen die zweite Fanfare erklang, ließ man sich nieder, liefe Stille herrschte, und in vollkommener Finsternis setzte das unsichtbare Orchester ein. Feierlich tönte der Orgelpunkt in Es-dur durch das Haus und löste sich dann allmählich in das schwebende Motiv des Urelements auf: Es war gleichsam der Gruß einer anderen Welt, in die uns die wunderbare, weihevolle Musik erhob. Immer mächtiger rauschte der Tonschwall, als endlich beim triumphierenden Klang des Rheintöchtermotivs der Vorhang sich hob. In grünlichem Dämmerscheine wiegten sich die Rheintöchter. Der Apparat funktionierte so vortrefflich, daß die Illusion durch nichts gestört wurde. Das Terzett der Rheintöchter war unvergleichlich in seiner Reinheit und Präzision. Auch der Alberich bot eine ausgezeichnete Leistung. — Jetzt füllt plötzlich ein Strahl des funkelnden Himmelsgestirns auf die Oberfläche des Rheins, und bestrahlt das Rheingold. Das alles wirkte so natürlich, daß der Zauber der Seenerie mit Worten einfach nicht zu beschreiben ist. Dem Auge entquellen Thränen, Thränen echter Begeisterung. — Auf Alberichs Frage, was dort im Wasser gleiße und glänze, antworten ihm zwei


