m. 71 Kweites Blatt
Freitag den 24. März
1899
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Deutsches Reich.
13 Berlin, 22. März. Der Kaiser und die Kaiserin brühen sich heute morgen zunächst nach dem Palais Kaiser DÄHelm I. und fuhren sodann nach Charlottenburg, um an bti Gruft des Kaisers einen Kranz niederzulegen. Um 10 Uhr traf das Kaiserpaar in der Sieges-Allee ein, wo die beiden neuen Anlagen auf der Ostseite der Allee enthüllt wurden. Es handelt sich um die beiden Stand- bilkr Otto IV. mit dem Pfeile und des Wittelsbacher Markgrafen des Faulen. Die Nischen der beiden Standbilder waren mit Blattpflanzen reichhaltig dekoriert. Zur Eni hüllung waren u. a. erschienen: Die Minister v. Bülow, v. b. Recke, Dr. Bosse, Bürgermeister Dr. Kirschner und bei Stadtverordneten'Borsteher Dr. Langerhans sowie eine Reihe von Künstlern. Bor der Ankunft des Kaiserpaares überreichte Herr v. Lukanus drei Auszeichnungen. Es nhüelten die Herren Karl Begas und Bruett den Roten Ibl er-Orden 4. Klasse mit der Krone und Bildhauer Franz Lmbbecke den Kronen Orden 4. Klasse. Das Kaiserpaar zeichnete die Schöpfer der Standbilder durch Ansprachen mit Worten der Anerkennung aus. Auch Bürgermeister Dr. Kirschner, sowie mehrere andere erschienene Persönlich- ftileen wurden vom Kaiser ins Gespräch gezogen. Um 11 Uhr btgiab sich der Kaiser nach dem Auswärtigen Amt, um dort bett Vortrag bes Staatssekretärs v. Bülow entgegenzunehmen. He«te mittag fand beim Kaiserpaar im Schloß ein größeres Diner statt, zu welchem die noch lebenden Herren aus der persönlichen Umgebung des Kaisers Wilhelm I. geladen »aren.
Berlin, 22. März. Der von sozialdemokratischer Seite mlverufene Bauarbeiterschutz-Kongreß verhandelte gkfi ern über die Frage der Beschäftigung von Frauen und imbcTn bezw. jugendlichen Personen auf Bauten. Hierzu lüg ein Antrag vor, wonach den Bauunternehmern durch Tchetz verboten sein soll, Arbeiterinnen und jugendliche Arbeiter unter 18 Jahren zu beschäftigen, insofern es sich um Arbeiten handelt, die von Bauarbeitern zu verrichten jintn, wie z. B. das Tragen von Materialien. Kinderarbeiten jeber Art sollen auf Bauten überhaupt verboten sein. Der ilirürag stieß auf Widerspruch und wurde einer Kommission
Beratung überwiesen.
Berlin, 22. März. Die „Tägliche Rundschau" berichtet: Uefcer Cecil Rhodes wird in den Zeitungen noch immer schic viel geschrieben, wie es ja auch wohl begreiflich und gerechtfertigt ist; es ist aber wenig neues darunter. In Loudon sucht Rhodes den Eindruck zu erwecken, als ob er in Berlin alles erreicht habe, was er wünschte. Was daran richtig ist, hat Herr v. Bülow gestern im Reichstage aus- marndergesetzt. Wegen der Eisenbahn haben also nur Bor- Wrechungen stattgefunden und ein Abschluß ist noch nicht «folgt. Dagegen ist die Meldung, daß Rhodes bereits mit hitn Kongostaat abgeschlossen habe, zweifellos unrichtig. Heber die einzelnen Pläne lauten die Angaben, sowohl in mseren Blättern als auch von London und Brüssel sehr didirsprechend. Ein hiesiges Blatt läßt sich aus London Mßienbe Aeußerung von Rhodes berichten: Der Kaiser ist |tl)T freundlich gegen mich gewesen; ich freue mich sehr, daß ih in Berlin war. Deutschland ist gewillt, mit uns zu- [ittumen zu arbeiten. Der Kaiser wünscht mit England zu tolerieren, er ist auf unserer Seite, und nach meiner Meinung wären wir sehr unklug, falls wir nicht mit ihm tolerierten." Auch Kaiser Wilhelm soll sich, nach derselben Ciköc, über Rhodes äußerst beifällig geäußert und auch V\ der Audienz selbst Cecil Rhodes offen sein Bedauern «llölgedrückt haben, daß er keine Gelegenheit hatte, ihn vor tira Jahren gesehen zu haben. Als der Kaiser ihn nach [ihnen Bedingungen fragte, platzte Rhodes mit dem Worte: ,doi ut des“ (Ich gebe, damit du giebst) heraus. Dem foijjer gefiel diese Art der Geschäftsverhandlung. Rhodes ist eifrig mit Verhandlungen in der City beschäftigt; er MiTtet auf eine Garantie der britischen Regierung für die Wen des Baues seiner Tanganjikabahn, um die Anleihe Mr aufnehmen zu können. Eine Aufklärung, wie das tzrrÄcht entstehen konnte, Rhodes habe, statt mit Deutsch- kibfc, jetzt mit dem Kongostaat abgeschloffen, scheint uns frgtnbe Zuschrift, die wir erhalten, zu geben: „Mit kezipg auf die Rhodes'schen Bemühungen, die sämtlichen Kcmndlagen für die Eisenbahn von Tanganjika noch dem Hil l hin festzustellen, kommt eine interessante Nachricht aus llnlttiverpen. Eine dort erscheinende Zeitung enthält folgende Fritttteilung: „Nach uns zugegangenem Berichte ist es Cecil lihmdes in seinen Besprechungen mit unserem Könige über h transafrikanische Esenbahn gelungen, grundsätzlich die
Erlaubnis zu erhalten, daß die Bahn durch einen Teil des Kongostaates geht; nur die Einzelfragen sind noch zu ordnen. Zunächst soll der „Napoleon des Kaplandes" eingehende Entwürfe über diesen Teil des Bahnbaues einliefern, denn es scheint, daß die Gebirgszüge am Albert-Nyansa solche Schwierigkeiten darbieten, denen gegenüber diejenigen auf der Anfangsstrecke der Kongobahn nur ein Spiel waren. Die zu übersteigenden Bergmassen sind von einer großartigen Wildheit, auch handelt es sich nicht um den Bau einer leichten Bahn von 75 Zentimeter Spurweite, sondern um eine Vollbahn mit wenigstens 1,10 Meter Spurweite. Cecil Rhodes hat dem Könige die Versicherung leichthin gegeben: „Wenn es auch sehr hinderliche Gebirge dort giebt, so werden wir sie durchdringen, auf ein hundert Millionen mehr ober weniger kommt es uns nicht an." Außerbem ist vereinbart worden, daß die belgische Jndusttie das Material für das bezügliche Stück der Eisenbahn liefern soll; den Gesamtbetrag dieser Lieferung berechnet man auf 40 Millionen Franken. Unter den betreffenden Gebieten oes Kongostaates kann nur die Aequatorialprovinz verstanden werden, welche 1894 von England an den Kongostaat verpachtet wurde, denn ein anderes Stück des Kongostaates berührt die Bahn auf ihrem jetzt geplanten Wege nicht. Rhodes hat danach in Brüssel dieselbe Methode wie in Berlin befolgt, indem er den Interessenten eine Beteiligung der heimischen Industrie wie auch der Kapitalien in Aussicht stellt. Da der Kongostaat den Nil als Ausfahrtsstraße nach dem Mittelmeere benutzen will, so bietet die fragliche Eisenbahnlinie für ihn gute Aussichten." — Aus diesen Ausführungen geht hervor, daß es sich bei den Abmachungen nicht darum handelt, ob die Bahn vom Kap zum Nil östlich vom Tanganjika durch deutsches Gebiet, oder westlich vom Tanganjika durch den Kongostaat geführt werden soll, sondern um ein Stück der nördlichen Fortsetzung. Aus diesen Verhandlungen läßt sich also nicht, wie es in einzelnen Blättern mißverständlich geschehen, der Schluß ziehen, daß die Verhandlungen mit dem Deutschen Reich gescheitert seien.
Berlin, 22. März. Anläßlich des Abschlusses des deutsch rumänischen Verkehrsvertrages fand gestern auf der rumänischen Gesandtschaft ein größeres Diner statt, welchem u. a. auch der Reichskanzler Fürst Hohenlohe beiwohnte, ferner der türkische Botschafter Tewfik Pascha, Minister Thielen sowie Staatssekretär Podbielski.
Berlin, 22. März. Vor der dritten Strafkammer des Landgerichts begann heute die Verhandlung gegen den bekannten anarchistischen Schriftsteller GustavLandauer und den verantwortlichen Redakteur des „Sozialist", Franz Rubbert wegen Beleidigung des jetzigen Distrikts-Kommissars Gottschalk. Es handelt sich bei der Anklage im wesentlichen um die Angelegenheit des im Zuchthause zu Werden sitzenden Barbiers Albert Ziethen. Landauer hatte Gottschalk beschuldigt, in der Untersuchung gegen Ziethen wichtige Beweisstücke gefälscht und unter seinem Eide wissentlich die Unwahrheit gesagt zu haben. Angeklagter Landauer erklärte auf Befragen des Vorsitzenden, daß er Ziethen für völlig schuldlos halte. Er sei vielmehr der Ueberzeugung, daß die gegen Ziethen im Jahre 1884 vorgebrachten Schuldbeweise gefälscht worden seien. Der Polizei-Kommissar Gottschalk sei ein besonders strebsamer Beamter, der sich vielleicht gesagt habe, daß es für ihn von besonderem Vorteil sein würde, wenn er den Ziethen überführen könnte. In Sozialiftenkreisen traue man ihm dies zu. Man glaube Beweise dafür zu haben, daß Gottschalk von dem Attentat auf dem Niederwald-Denkmal im Jahre 1883 sowie von dem Dynamit-Attentat in Elberfeld mindestens schon vorher gewußt habe, wenn er nicht gar daran beteiligt gewesen sei. Der Staatsanwalt protestierte entschieden gegen eine solche Anschuldigung. Hierauf begann die Zeugen Vernehmung.
_ Prämien für verlängerten Militärdienst. Aus militärischen Kreisen wird dem „Hann. Kour." geschrieben : Der Wortlaut der einen vom Reichstage beschlossenen Resolution fordert den Reichskanzler auf, in den Etat Mittel einzustellen, um den Infanterie Mannschaften, die freiwillig ein drittes Jahr oder die Hälfte desselben im aktiven Dienst bleiben, bestimmte Vorteile gewähren zu können. Man darf wohl annehmen, daß der Reichstag und auch der Kriegsminister die Bezeichnung „Infanterie-Mannschaften" als Sammelbegriff der Truppen mit zweijähriger Dienstzeit auffaffen. Zweckmäßig dürfte es allerdings sein, darüber bald Klarheit zu schaffen. Die Feldartillerie und die technischen Truppen bedürfen einer Anzahl von Leuten, die als Gehilfen bei der Ausbildung über das zweite Dienstjahr hinaus unter der Waffe bleiben, mindestens ebenso dringend,
wie die Infanterie. Man daxf nicht übersehen, daß 1. Geschützführer für Referveformationen im zweiten Jahre nicht ausgebildet werden können, daß 2. neben der Ausbildung der Mannschaften der Feldartillerie doch auch das Zureiten der Remonten und die Dressur schwieriger Pferde zufällt, wozu Leute, die im zweiten Jahre dienen, nicht zu verwenden sind. Bis jetzt lastet diese Aufgabe, neben der schon die Kräfte stark in Anspruch nehmenden Ausbildung der Leute, auf den Unteroffizieren, die zum Teil in zwei bis fünf Drefsurabteilungen täglich reiten müssen. Was das heißt, wird jeder, der selbst Reiter ist, zu beurteilen wissen.
— Die Süd-Kamerun-Gesellschaft hat zum Leiter ihrer Geschäfte im Sangagebiete einen Deutschen gewonnen, der schon beinahe 20 Jahre im Kongostaate mit bestem Erfolge und allseitiger Anerkennung thätig war, nämlich Herrn Vassil Langheld, einen Vetter der aus Ostafrika bekannten Langhelds, also auch des Hauptmanns, der jetzt Bezirkschef in Viktoria Nycmfa ist. Herr Vassil Langheld ist in den deutsch-russischen Ostseeprovinzen geboren. Zuerst im Anfänge der 80er Jahre stand er im Dienst der Rotterdamer Afrikanischen Handelsvennotschap, später nahm er eine höhere Stellung bei der belgischen Socistv in Haut Kongo ein und ist nach wiederholtem Urlaubsaufenthalte in Europa drei Mal nach dem Kongo zurückgekehrt. Im Juni 1898 traf er wieder zur Erholung hier ein, da er von dem Tropenfieber sehr angegriffen war. Zuletzt hatte er im Auftrage der Kompagnie de Katanga eine Reihe von Faktoreien am Lomami angelegt und Handelsverbindungen mit den Eingeborenen angeknüpft. Diese Unternehmungen hatten den besten Erfolg, da Langheld in dem Umgänge mit den Eingeborenen stets das größte Geschick gezeigt hat. Die Belgier sind voll seines Lobes. Die Süd-Kamerun-Gesellschaft hätte keine bessere Wahl treffen können.
— lieber die Eigentumsverhältnisse der deutschen Besitzungen in Palästina macht die Quartalschrift des syrischen Waisenhauses in Jerusalem folgende Mitteilungen: Es ist uns mitgeteilt worden, daß alle Aussicht vorhanden fei, daß es gelingen werde, uns einen kaiserlichen Firman zu verschaffen, unser Waisenhaus, das Aussätzigenasyl sowie die öffentlichen Gebäude der Templerkolonie auf den Namen des Deutschen Reiches einzutragen und auf diese Weise für die Zukunft eine solide Recht'sbasis zu schaffen. ES wird ferner angestrebt, das Besitzrecht sämtlicher um Jerusalem her liegenden, in deutschen Händen befindlichen Ländereien zu konsolidieren, resp. deren Besitzcharakter rechtlich anders zu bestimmen, wie es in Jaffa bereits geschehen ist. Man hat zu diesem Ende bei der kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel bereits alle bezüglichen Besitztitel eingefordert und hofft, wenn auch nicht alles Beantragte, so doch das Wesentliche desselben erwirken zu können. Die sogen. Dormition de la Sainte Vierge ist bald nach den Kaisertagen im türkischen Grundbuch auf ben Namen des deutschen Kaisers eingetragen worden. Sie wurde auf Befehl des hohen Eigentümers mit einer festen Mauer umgeben, während der deutsch-katholische Palästinaverein hat Ausgrabungen vornehmen lassen, die konstatiert haben, daß auf diesem Grundstück früher keine Kirche gestanden hat. Man fand zwar eine Säule ähnlicher Art wie die Säulen der Geburtskirche in Bethlehem, aber nicht, wie man vermutet hatte, die Grundmauern einer alten Kirche. Dagegen stieß man beim Graben auf eine Menge von Gräbern und Gebeinen, deren Lage darauf schließen läßt, daß früher auch dieser Platz, wie die anstoßenden Grundstücke heute noch, zu einem christlichen Gottesacker gehört hat. Die Mohammedaner legen nämlich ihre Toten auf die Sette und richte» das Gesicht gegen Süden, die Christen auf den Rücken und lassen das Gesicht gen Osten schauen, wie es bei sämtliche« Gräbern der Dormition der Fall ist. Wie man hört, haben die deutschen Katholiken schon eine namhafte Summe Geldes für den beabsichtigten Kirchbau zusammengebracht, sodaß kein Hinderungsgrund vorliegt, die Vorbereitungen für den Bau schon in allernächster Zeit in Angriff zu nehmen.
M P.C. In Herrenhauskreisen verlautet, daß demnächst Fürst Herbert Bismarck aus Allerhöchstem Vertrauen in die erste preußische Kammer berufen werden würde.
Saarbrücken, 22. März. Auf dem Schloßplatz fand heute die feierliche Enthüllung des von Prof. Donndorf entworfenen Bismarck-Denkmals statt. Militär- und Civilbehörden sowie die Bürgerschaft waren bei der Feier zahlreich vertreten.


