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24.2.1899 Zweites Blatt
 
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Nr. 47 g Zweites Blatt

Freitag den 24. Februar

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Gießener Anzeiger

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Der Ministerwechsel in Ungarn.

Von dem Rücktritt des Kabinets Banffy gilt nicht das WortUnverhofft kommt oft", denn schon seit langer Zeit kursieren Meldungen, wonach der ungarische Ministerpräsident amtsmüde sei. Die große liberale Partei in Ungarn, welche sich als eine so feste Stütze der Regierung erwiesen hatte, drohte zu zerstückeln, und immer mehr Abtrünnige zeigten sich, welche dem Baron Banffy den Rücken kehrten. Die Stampfe im Abgeordnetenhaus, welche zu einer Abdankung des alten Präsidiums führten, sind noch in frischer Er­innerung, so daß wir über die Gründe, welche die politische Situation in Ungarn so verwickelt machten, kaum noch etwas zu sagen brauchen. Baron Banffy hat sich im allgemeinen große Verdienste um Ungarn erworben und viel dazu bei- gctragen, daß das Verhältnis zwischen den beiden Reichs­hälften so lange ungetrübt geblieben ist. Im Verkehr hatte er eine anspruchslose Sicherheit und Selbstgewißheit, die ihm bei seiner verantwortungsvollen Stellung sehr zu statten kam. Und doch mußte er schließlich vom Platze weichen, so ungern sich wohl Kaiser Franz Josef von dem bewährten Ratgeber der ungarischen Krone trennen mochte. Baron Banffy hatte sich allzu sehr in Sicherheit gewiegt und glaubte, die Majorität des Abgeordnetenhauses werde mit ihm durch dick und dünn gehen. Darin hat er sich aber getäuscht; eine größere Zahl seiner Parteigänger reichte der aus­gesprochenen Opposition die Hand, um Banffy zu stürzen.

Kaiser Franz Josef hat zum Ministerpräsidenten an Stelle Banffys den Geheimen Rat Koloman Szell designiert und ihn mit der Kabinetsbildung betraut, nachdem noch bis zur letzten Stunde der Landesverteidigungsminister Baron Fejervary als künftiger Ministerpräsident gegolten hatte. Von der Berufung des letzteren hat man aber Abstand ge­nommen, weil er bei den Oppositionsparteien ganz unmög­lich war, und weil unter ihm die innerpolitische Situation Ungarns nur noch eine Verschärfung erfahren haben würde. Solomann Szell aber ist ein alter Palamentarier, der auch schon als Minister thätig war, und seine versöhnliche Natur läßt ihn dazu geeignet erscheinen, einen Ausgleich der Wirren herbeizuführen. Insbesondere kann er mehr auf die Unter­stützung der Opposition rechnen, als ein anderer Kabinettschef.

Die neuen Kabinettsmitglieder sind in dem Augenblick, wo wir dieses schreiben, noch nicht bekannt; doch dürfte Szell bei der Auswahl seiner Ministerkollegen sich mit von dem Gesichtspunkt leiten lassen, bei der Opposition feinen Anstoß zu erregen. Hoffentlich trägt seine Amtsführung dazu bei, die gegenwärtigen Wirren in dem befreundeten Ungarn zu beseitigen und die Beziehungen zwischen Ungarn und Oester­reich wieder fester zu gestalten. (xx)

Feuilleton.

Iriedrich Lpielhagen.

Ein Siebzigjähriger und doch ewig Junger.

Zu seinem 70. Geburtstage (24. Februar).

Von Dr. Ernst Wilms.

(Nachdruck verboten.)

Ein volles Menschenalter ist uns allen der Name Spielhagen vertraut, und noch immer ist ein Roman von ihm ein litterarisches Ereignis. Ein wahrer Vertreter des Bolks, ein Dichter der Zeit, von einem edlen, freien Denken erfüllt, schuf er unermüdlich Werk auf Werk, mit jeder Arbeit sich weiter entwickelnd und stets in Berührung sich haltend mit den Fragen der Zeit, an bereu Lösung er eifrig mit- zuarbeiten sich angelegen fein ließ. Wer könnte sich wohl im Ernste denken, daß ein so hochbegabter Schriftsteller, beffen Schaffen mit der Litteratur des 19. Jahrhunderts förmlich verwachsen ist, etwas andres hätte fein und werden können als eben das was er ist? Und doch hatte es lange gedauert, ehe Friedrich Spielhagen feinen schriftstellerischen Beruf entdeckt hat. Aber eben weil er zum Schriftsteller geboren war, fand er keine rechte Freude an seinen vorher­gehenden Bernsen, wußte er lange nicht recht, was er wollte urb was er eigentlich werden sollte. Seine Wiege stand in Magdeburg, der 24. Februar 1829 ist fein Geburtstag. Z-m Alter von sechs Jahren vertauschte er die alte mittel­deutsche Stadt mit Stralsund, wohin sein Vater als Regte-

Deutsches Reich.

Berlin, 22. Februar. Der Kaiser nahm heute vormittag 10 Uhr im Stadtschlosse zu Potsdam den Vortrag des Chefs des Civil-Kabinctts, v. Lucanus, entgegen.

Berlin, 22. Februar. Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe wurde, derNordd. Allgem. Ztg." zufolge, heute vom Kaiser zu einem längeren Vortrage empfangen. Vorher hatte Fürst Hohenlohe auf Einladung des Kaisers an der Frühstückstafel teilgenommen.

Berlin, 22. Februar. Aus gut unterrichteten Kreisen erfährt dieDeutsche Tageszeitung", daß der Reichskanzler Fürst Hohenlohe entschlossen sei, bald nach seinem Geburtstage den Abschied zu nehmen und daß als sein Nachfolger der Petersburger Botschafter Fürst Radolin bestimmt ausersehen sei. Das Blatt will sich jedoch für die Meldung nicht verbürgen.

Berlin, 22. Februar. In der heutigen Sitzung der Budget-Commission wurde die Beratung der Militär- Vorlage fortgesetzt und über die Verstärkung der In­fanterie verhandelt. Bei der Abstimmung wurde zunächst die Regierungsvorlage gegen die Stimmen der Konservativen abgelehnt. Sodann der Antrag Bassermann (Natl.) 590 Mann Durchschnittsstärke für das Infanterie-Bataillon gegen die Stimmen der Konservativen und Nationalliberalen abgelehnt, hierauf wurde der Antrag Liebermann (Centrum) 584 Manu Durchschnittsstärke mit 18 gegen 7 Stimmen angenommen. Schließlich wurde die Resolution Gröber (Zentrum betreffend Einschränkung der Abkommandierungen) ebenfalls mit großer Mehrheit angenommen. Die erste Lesung der Militär-Vorlage ist damit beendet.

Berlin, 22. Februar.' Wie die Post erfährt, ist hier nichts von einer englisch-amerikanischen Kooperation zugunsten des Oberrichters Chambers auf Samoa, wie von englischen Blättern berichtet wurde, bekannt.

Reform des Postzeitungstarifs. Von den verschiedenen Vereinigungen im Zeitungsgewerbe wurden vor einigen Jahren als das Gespenst eines neuen Post- zeitungstarifes auftauchte, für dessen Neugestaltung Vor­schläge unter Beigabe von oft recht umfangreichem statisti­schem Material ausgearbeitet, die je nach der Kategorie der Zeitungen, welche die einzelne Vereinigung umfaßt, mehr oder weniger einseitig nur deren Interessen vertraten. Ein wirklich allgemein annehmbarer Vorschlag, der die berech­tigten Interessen der kleinen, mittleren und großen Zeitungen mit geringem und hohem Abonnementspreis gleichmäßig be­rücksichtigt, fehlte vollständig. Die vor drei Wochen in Berlin gegründete Posttarif-Vereinigung deutscher Zeitungs­verleger ist diesem thatsächlichen Mangel begegnet. Sie hat zu der vom Bundesrat gutgeheißenen Postzeitungstarif- vorlage einen Gegenvorschlag aufgestellt, der die Ungerechtig­keiten des gegenwärtigen Tarifes beseitigt und dabei doch

rungs- und Baurat versetzt wurde. Erst wer hiervon Kennt­nis'hat, begreift feine Meisterschaft in der Schilderung des Meer- und Strandlebens; verlebte er doch feine Kind­heit und Jugend im Angesicht der gewaltigen See, deren mächtige Eindrücke in feinen Romanen zutage treten.

Im ganzen verlies fein äußeres Dasein friedlich und füll, wenigstens was man so zu nennen pflegt. Wer nicht Abenteuer erlebt, Kämpfe durchmacht, in fremden Erdteilen reift der erlebt nach der Meinung der meisten Menschen nichts, oder nicht viel, und doch stehen diesen großen äußeren Aufregungen die inneren, die Kämpfe des Herzens und der Seele, wohl ebenbürtig zur Seite. ' Wer eine so reiche Entwickelung hinter sich hat, wie Spielhagen, wer sich durch die mannigfachsten Verhältnisse zu seinem wahren Seelen­berufe durchzuringen vermocht und alle die gewaltigen Ereignisse einer so großen und thatenreichen Zeitperiode, wie diejenige, in welcher wir seit 50 Jahren leben, nicht nur in sich zu verarbeiten, sondern auch in geistigen Bildern für die Menschheit nutzbar zu machen verstanden hat, der muß in Wahrheit unendlich viel erlebt, der muß gekämpft, gerungen, der muß auch gelitten haben denn nur aus Leid und Freud gestaltet sich des Dichters tieferes Werk; wer nicht gelitten hat, der hat auch nichts zu sagen!

Im Alter von achtzehn Jahren verwandelte sich der Schüler in den Studenten anfangs in Berlin, später in Bmin und zuletzt in Greifswald. Schon jetzt zeigte sich die noch in ihm vorhandene Unklarheit über ferne Neigun­gen und Talente. Er studierte erst Medizin, bann Jura, schließlich Philosophie unb Philologie. Im übrigen hielt er

allen billigen Wünschen ber Zeitungsverleger in ihrer All­gemeinheit Rechnung trägt. Währenb bie Annahme ber Vorlage burch ben Reichstag bie Existenz einer Reihe be­sonders schwer getroffener Blätter geradezu vernichten würbe, ist ber Gegenvorschlag ber neuen Vereinigung sehr wohl geeignet, bie einem Teile bes Zeitungsgewerbes brohenbe unerträgliche wirtschaftliche Schädigung abzuwenden. Die fiskalischen Gelüste, welche in der Vorlage zum Ausdruck kommen, und die auf ein Mehrerträgnis aus dem Zeitungs­vertriebe von etwa drei Millionen Mark pro Jahr abzielen, werden durch diesen Gegenvorschlag allerdings nicht be­friedigt und sollen auch durch höhere Besteuerung eines her­vorragenden Bildungsmittels für das Volk nicht befriedigt werden. Der von der Posttarifvereinigung ausgearbeitete Gegenvorschlag ist von den Beteiligten als der den that­sächlichen Verhältnissen am besten entsprechende anerkannt worden, und es haben sich ihm deshalb der Verein deutscher Zeitungsverleger, bie Geschäftskommission deutscher Zeitungs­besitzer, sowie der Augustinusverein angeschlossen. Die ganze deutsche Presse ist nun bezüglich der Neugestaltung des Post- zeitnngstarifes einig und wird diese Einigkeit in der an den Reichstag zu richtenden Petion bekunden. Dieser Schritt kann nicht verfehlen, auch in den maßgebenden Kreisen Ein­druck zu machen, und wird hoffentlich beitragen, das ber Presse brohenbe Unheil abzuwenben.

In Hamburg hat gestern bie Konstituierung einer besonderen Industrie-Kommission ftattgefunben, die neben ber Hanbelskammer bestehen unb namentlich bie Interessen ber Jnbustriellen vertreten soll. In ber von mehreren Vereinen einberufenen Versammlung, bie in ber Börse tagte, waren Vertreter von 19 Berufsgenossenschaften ans allen Gewerkszweigen zugegen, bie zum Schluß folgenbe Re­solution annahmen: Die heute hier versammelten Ju- bustriellen erklären sich mit ber Bilbung einer Jnbustrie- Kommission im Anschluß an bie Hanbelskammer unb in ber von den vier einlabenben Vereinen vorgeschlagenen unb von ber Hanbelskammer gebilligten Form als geeignetste Interessenvertretung ber Jubustrie Hamburgs einoerftanben.

Ausland.

Paris, 20. Februar. Ein Vertreter bes Figaro hat bie alte Mutter bes Präsibenteu Loubet auf bem Bauernhöfe ausgesucht, wo sie noch selbst schaltet. Es ist eine stattliche Besitzung, bie zu ber Gemeinbe Marsanne, 15km von Montälinar, gehört unb ber Familie bes bisherigen Senats- präfibenten als Sommeraufenthalt biente. An beiben Seiten der Landstraße stehen Maulbeerbäume, und in den Wiesen fangen Mandelbäume und Pfirsichbäume zu blühen an. Die alte Frau empfing den Gast in ihrer einfachen Schlafstube, deren Hauptschmuck eine Photographie ihres verstorbenen Gatten und ein Heiligenbild sind. Sie saß auf einem sich von dem gewöhnlichen Treiben ber flotten Musensöhne fern, er war in sich gekehrt unb nicht so leicht zugänglich, wie bie jungen Leute seines Alters gewöhnlich finb.

Abolf Strobtmann entwirft von dem Stubenten Spiel- Hagen folgenbes Bild:

Wer damals mit dem blaffen, langhaarigen, stillen unb schroffen Jüngling verkehrte, ber mit bem menschen­scheuen Wesen unb ben wunberlich scharfen, unjugenblichen Zügen feinen luftigen Kommilitionen für einen altklugen Son- berling galt, ber immer Sentenzen von Goethe und Shake­speare, Homer oder Sophokles auf ber Lippe trug, beten Werke er mit vollenbet schönem Ausbruck unb mit einem herrlichen Organ remitierte, unzufrieben mit seinem Lose, unentschieben über bie Wahl seines Berufs, nüchtern unb schüchtern ben stubentischen Lustbarkeiten ausweichenb, selten sich unaufgefordert an ben Scherzen unb Gesprächen feiner Kameraben beteiligen^ nur baß er hin unb roieber eine sarkastische Bemerkung bazwischen warf wer ihn bamals, wie ber Verfasser biefer Skizze" Strobtmann legt biefe Charakteristik in feinem 1879 erschienenen Werke Dichter- Profile" nieberinmitten ber fröhlichen Universitäts- jugenb sah, hätte schwerlich geglaubt, baß sich aus ber grauen Puppe biefer mit sich und der Welt zerfallenen problematischen Natur zehn Jahre später der bunte Falter bex Dichtung so herrlich emporschwingen würbe".

Nun ging bie freie Universitätszeit zu Enbe, ber Jüng­ling ftanb am Scheibewege bes Lebens. Was sollte er wer­ben? Nicht imftanbe, einen festen Entschluß zu fassen, nahm er eine Hauslehrerstelle in Pommern an, bann ver-