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Sonntag den 23 Juli
Erstes Blatt.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Fernsprecher Nr. 51.
AmtlicherWl. Bekanntmachung, betr.: Die Hebung der Viehzucht.
Nach dem Grundplan der Bestimmungen des hessischen Haudwirtschaftsrats und den Beschlüssen des Ausschusses des landwirtschaftlichen Provinzialvereins Oberhessen hat in unserem Kreise in diesem Jahre eine Bullenschau für Vogelsberger und Simmenthaler Bullen stattzu- finden, mit welcher eine Eberschau zu verbinden ist. Der geschäftsführende Ausschuß, bestehend aus den Vorstandsmitgliedern des landw. Bezirksvereins, des Kreiszuchtvereins für Vogelsberger und desjenigen für Simmenthaler Rindvieh, chat gestern beschlossen, die Simmenthaler Bulleuschau am Montag, dem 28. August ds. Js., vormittags -9 Ahr, in L a u g s d o r f auf dem dortigen Viehmarktsplatz und die Vogelsberger Bullenschau am Montag, dem 11. September ds. Js., vormittags 9 Uhr, iu Grün berg auf dem Viehmarktplatz abzuhalten. Mit der Langsdorser Schau ist die Eberschau zu verbinden. Für jede Bullenschau sind 4 Preise im Betrage von 75 bis 150 Mk. und 10 Anerkennungen zu 10 Mk. ausgesetzt, für die Eberschau 6 Preise von 30 bis 60 Mk. und 6 Anerkennungen zu 5 Mk.
Es nehmen am Wettbewerb teil Gemeindebullen oder andere Bullen reiner Rasse, die zu Zuchtzwecken in Gemeinden des Kreises aufgestellt sind; eingeführte Tiere nur dann, wenn sie mindestens 6 Monate im Besitz des Ausstellers sind.
Die Anmeldung ist auf Anmeldebogen bei mir zu erstatten, welche von mir zu beziehen sind, und zwar bis spätestens 19. August ds. Js. für Langsdorf und bis spätestens 2. September für Grünberg.
Der Begleiter muß eine amtliche Bescheinigung vorzeigen, daß die Herkunftsgemarkung des Tieres seit vier Wochen seuchensrei ist; die Bullen müssen mit Nasenring versehen oder an beiden Vorderfüßen mit Fallseilen versehen sein. Die Preise werden zur Hälfte sofort, zur anderen Hälfte nach Jahresfrist auf Bescheinigung der Bürgermeisterei nusbezahlt, daß der Bulle noch zur Zucht verwendet wird. Bei gleicher Güte, haben Herdbuch-Bullen vor anderen den Vorzug.
Auf der Eberschau treten in Wettbewerb: reinrassige Eber der Yorkshirerasse; durch Kreuzung mit diesen verbesserte Landschweine und deutsche Landschweine, aber vorausgesetzt, daß sie von der Kreiskörkommission angekört sind.
Ich ersuche die Herren Bürgermeister, ihre Gemeindebullen rechtzeitig formgerecht anzumelden.
Gießen, den 20. Juli 1899.
Der Vorsitzende des geschäftsführenden Ausschusses, v. Bechtold.
Bekanntmachung,
betr.: Wie oben.
Nach den Beschlüsien des Ausschusses des landw. Provinzialvereins werden in diesem Jahre im Kreise Gießen drei Ortsschauen abgehalten. Der geschäftsführende Ausschuß hat gestern beschlossen, die Ortsschau für das Simmer- thaler Rindvieh für die beiden Ortszuchtvereine Lich und Langsdorf in Langsdorf am 28. August in Verbindung mit der Bullenschau abzuhalten, ferner die eine Ortsschau für das Vogelsberger Vieh für die beiden Ortszuchtvereine Lauter und Grünberg mit Umgegend in Grün berg am 11. September mit der Bullenschau, die andere für die OrtszuchtvereineGroßen-Linden und Allendorf a.d.Lahn in Grosteu-Liudeu im Hofe des Gemeindefaselstalles im Monat Oktober ds. Js. abzuhalten.
Bei diesen Ortsschauen nehmen am Wettbewerb nur die zum Herdbuch angekörten oder anzukörenden Tiere der Mitglieder der betr. Ortszuchtvereine, für welche die Schau veranstaltet wird, teil. Für jede Schau sind 440 Mk. ausgesetzt. Außerdem können noch Stallprämien verliehen werden. — Für die Anmeldung gilt das gleiche wie bei den Bullenschauen.
Die Vorsitzenden der einzelnen Ortszuchtvereine ersuche ich, Vorstehendes ihren Mitgliedern bekannt zu geben.
Gießen, den 20. Juli 1899.
Der Vorsitzende des geschäftsführenden Ausschusies v. Bechtold.
Ausland.
Haag, 21. Juli. Die nächste Sitzung der Friedens- Konferenz findet am Mittwoch oder Donnerstag nächster Woche statt. Die letzte Sitzung, in welcher die Abschiedsrede gehalten werden wird, wird in den letzten Tagen des August stattfinden.
Paris, 21. Juli. Der Chemiker Grimaux, welcher infolge seiner Aussage im Zolaprozeß die Professur am Polytechnikum verlor, liegt im Sterben.
Paris, 21. Juli. Der neue Handelsvertrag mit den Vereinigten Staaten wird voraussichtlich morgen unterzeichnet werden.
Paris, 21. Juli. Im Kriegsministerium ist man der Ueberzeugung, daß die Geschichte von der Anwesenheit Boisdeffres und Gonses am vergangenen Sonntag in Rennes nicht auf Wahrheit beruht.
Frankreich. In den neuen Veröffentlichungen Esterhazys ist abermals die Rede davon, daß der Beweis der Schuld Dreyfus in gewissen Schriftstücken zu suchen sei, die auf Angaben von Berliner Agenten beruhen und die anzuführen absolut unmöglich geschienen habe. Aus diesen Angaben würde sich die Schuld Dreyfus ohne weiteres in klarster Weise ergeben. Man könne aber zu diesen Mitteln nicht greifen, weil es Dinge gebe, deren Veröffent
lichung das militärische Deutschland niemals dulden würde. Dazu wird der „Köln. Ztg." aus Berlin folgendes mitgeteilt: Nun ist zweifellos wohl niemand mehr gezwungen, den Angaben Esterhazys besondere Wichtigkeit beizumessen oder gar Esterhazy für einen klassischen Zeugen zu halten. Immerhin hat er bisher die Gewohnheit gehabt, in seinen verschiedenen Enthüllungen Wahres mit Falschem zu mischen^ und so könnte es denn sehr wohl der Fall sein, daß sich wirklich in den „allergeheimsten" Akten angebliche deutsche Schriftstücke befinden, die die Schuld des Dreyfus zu beweisen scheinen. Aus den Verhandlungen des Kassationshofes ist derartiges nicht ersichtlich, wohl aber hat der Kassationshof erklärt, daß er eine ganze Reihe von Aktenstücken als von vornherein unglaubwürdig aus der Zahl der in Betracht zu ziehenden Dokumente ausgeschlossen habe. Ob sich darunter die Berliner Schriftstücke, von welchen Esterhazy spricht, befinden, wissen wir nicht. Wir möchten uns aber mit allem Nachdruck gegen die Auffassung wenden, als ob irgend welche Veröffentlichungen in dieser Angelegenheit Deutschland unangenehm sein oder gar Anlaß geben könnten, wie die Nationalisten glauben machen wollen, Frankreich mit Krieg zu überziehen. Soweit Deutschlend in Frage kommt, kann die französische Regierung unbedenklich alle Schriftstücke der Oeffentlichkeit übergeben, über die sie etwa verfügt. Die frühere Nachricht von einem Vorhandensein eines Kaiserbriefes hat hier gar keine Erregung hervorgerufen, und genau dasselbe ist der Fall, wenn jetzt von einem Briefe des Prinzen Heinrich gesprochen wird, mittelst dessen der Schuldbeweis geführt werden soll. Auch wenn sich vielleicht Herausstellen sollte, daß in der allergeheimsten Sammlung der Falsifikate sich ein Dreyfus denunzierender Brief eines preußischen Obersten befinden sollte, der vielleicht einem Husaren-Regiment angehört haben könnte, so würde das uns Deutsche nicht im geringsten berühren, und auch dem betreffenden Offizier könnte es nur sehr erwünscht sein, wenn ihm durch die Veröffentlichung Gelegenheit geboten würde, derartige Verleumdungen zurückzuweisen, die allerdings nur in den Kreisen der Henry und Esterhazy Glauben gefunden haben könnten. Uns ist es, so schließt die Mitteilung des rheinischen Blattes, vollständig gleichgiltig, ob man mit solchen Veröffentlichungen hervortritt oder nicht. Wir möchten aber nur den Eindruck zerstören, als ob sie in irgend welchem Grade die Befürchtung einer deutschen Einmischung rechtfertigen könnten.
— Der Kriegsminister Gallifet hat soeben befohlen, das Nntersuchungsverfahren gegen den Kapitän Guyot de Villeneuve einzuleiten, welcher in einem Schreiben den Professor Syveton zu der ihm zu Teil gewordenen Maßregelung beglückwünscht und demselben eine Geldsumme als Entschädigung für Gehaltentziehung übersandt hat.
Amerika. Die Krawalle in Brooklyn und New- Ao rk haben nun doch ziemlich rasch ihr Ende gefunden. In beiden Städten war am Donnerstag alles ruhig. Alle Linien der Metropolitan-Tramway mit Ausnahme derjenigen
Die Darmstädter Künstler-Kolonie.
Die „Darmstädter Zeitung" schreibt:
Die von Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog zur Hebung des heimischen Kunstgewerbes ins Leben gerufene „Darmstädter Künstler-Kolonie" hat mit diesem Monat ihre Thätigkeit begonnen. Von den berufenen Künstlern sind bis jetzt hier die Herren:
1. Professor Hans Christiansen, seither in Paris, wo sein künstlerisches Schaffen ihm eine hochangesehene Stellung gesichert hat. Von seinem vielseitigen und bedeutenden Können hat die im April hier im Gewerbemuseum stattgehabte Ausstellung beredtes Zeugnis abgelegt.
2. PatrizHuber, früher in München, ein Mainzer, ist ein junger, talentvoller Möbel-Architekt. Er sei besonders unseren Möbelschreinereien empfohlen.
3. Paul Bürk aus München, ein junger, vielversprechender Künstler, der in dem modernen Flächenornament schon ansehnliche Erfolge aufzuweisen hat. Auf ihn seien vorzugsweise unsere Druckereien und lithographischen Anstalten aufmerksam gemacht.
4. Rudolph Bosselt, seither in Frankfurt a. M. und Paris. Von ihm waren in der Christiansen-Ausstellung einige vortreffliche Plaketten ausgestellt. Erst jüngst hat er bei einer vom preußischen Staat ausgeschriebenen Konkurrenz für den besten Entwurf einer Medaille den ersten Preis im Betrage von 2000 Mark erhalten. Sein Gebiet ist die
feine Metalltechnik. Möchten die hiesigen Kunstgewerbetreibenden sich auch diese künstlerische Kraft zu Nutze machen.
Im Laufe des September werden ferner als Mitglieder der Künstler-Kolonie hier eintreffen die Herren:
Peter Behrens in München, geborener Hamburger, ein hochangesehener Künstler. Er war ursprünglich Maler, hat sich aber, geleitet von einem starken Talent für das rein Dekorative, seit einigen Jahren mit großem Erfolg ausschließlich der angewandten Kunst gewidmet. Die kürzlich hier in der Kunsthalle stattgehabte Behrens-Ausstellung enthielt vorzugsweise Werke aus der früheren Thätigkeit des Künstlers und gab darum ungeachtet der Vortrefflichkeit des Gebotenen von seinem gegenwärtigen Schaffen auf dem Gebiet der Möbelarchitektur, Keramik, Metalltechnik, Teppichwirkerei, Stickerei rc. rc. kein genügendes Bild.
JosephOlbrichin Wien, aus Oesterreichisch-Schlesicn gebürtig. Er ist der rasch berühmt gewordene Erbauer des Äusstellungsgebäudes der Wiener Sezession. Aber nicht nur im Gebiet der eigentlichen Architektur, sondern auch auf dem der Innenausstattung hat Olbrich ein hervorragendes Können gezeigt. In seiner seitherigen Heimat wird seine Gewinnung für Darmstadt als ein schwerer Verlust für das Wiener Kunstleben angesehen.
Ludwig Habich, unser hochgeschätzter Landsmann, der als Bildhauer in München schon bedeutende Erfolge errungen hat. Auf der Ausstellung, welche die „Freie Vereinigung hessischer Künstler" im vorigen Herbst in der Kunst
halle veranstaltet hat, war Habich mit einer Anzahl entzückender kleiner Statuetten und Gebrauchsgegenstände in Bronze, sowie mit einer in Silber montierten großen Gallö- Vase vertreten. Habich arbeitet seit einiger Zeit mit bestem Gelingen auch in der angewandten Kunst.
Für die z. Zt. schon hier thätigen Künstler der Kolonie hat der Großherzog in dem kleinen Prinz Georgs-Palais im Herrngarten provisorische Ateliers einrichten lassen; doch werden Seine Königliche Hoheit baldmöglichst ein allen Anforderungen entsprechendes Atelierhaus auf der Mathilden- höhe erbauen lassen. Die Projektierung dieses Gebäudes wird eine der ersten Aufgaben der jungen Künstlerkolonie sein.
Die drängendste Arbeit der neuen Darmstädter Künstlergemeinde wird indessen der Pariser Weltausstellung gelten. In schon vorgeschrittener Zeit hat auf Wunsch Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs der deutsche Kommiffar für die Pariser Weltausstellung Geheimerat Richter, trotz mancher Schwierigkeiten unsrer Künstler Kolonie einen zwar nicht großen, aber schönen und sehr günstig gelegenen Raum zur Verfügung gestellt. Derselbe soll als feines, bürgerliches Empfangszimmer ausgestattet werden.
An den Entwürfen werden unbeschadet der erforderlichen Einheitlichkeit alle Mitglieder der Künstlerkolonie beteiligt sein. Um die Herstellung der Ausstellungsobjekte sollen möglichst ausschließlich Darmstädter Kunstgewerbe treibende, die damit selbständig als Aussteller Auftreten*


