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23/07/1899 Drittes Blatt
 
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Sonntag den 23. Juli

1S99

Nr. 171 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

Bei Postbezug 2 Mark 50 Pfz Vierteljährlich.

Alle Anzeigen-BermittlungSstellen des In« und AuSlantzaA nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgeg«.

Annahme von Anzeigen zu der nachmittag- für den -solgesden Tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr.

ZterngLprei« vierteljährlich

, 2 Mark 20 Pf,.

monatlich 75 Pfg. mit Bringerloh«.

frMetat ttgNch mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener

werden dem Anzeiger wöchentlich viermal beigelegt.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Giefzen.

-kedaktion, Expeditton und Druckerei:

-chutstraße Ar. 7.

Gratisbeilagen: Gießener Familienblatter, Der hessische Landwirt, Mütter für hessische Volkskunde.

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Adreffe für Depeschen: Anzeiger Hiet«« Fernsprecher Nr. 51.

Mittellandkanal oder Nordkanal?

(Nachdruck untersagt.)

In einigen Wochen wird im preußischen Abgeordneten- Hause die Frage entschieden werden, ob der Mittellandkanal, der Elbe, Weser und Rhein verbinden soll, in Angriff genommen wird oder nicht. Im kommenden Monat wird voraussichtlich der Dortmund- Ems-Kanal feierlich eingeweiht werden, der in seinem Teil Dortmund bis Bevergern einen Teil des projektierten Mittellandkanals bildet. Noch ist es ungewiß, welches Schicksal die Regierungsvorlage haben wird, noch weiß man nicht, ob die Regierung im Falle der Ab­lehnung des Kanalprojektes an die Wähler appellieren wird. Man ist allgemein der Ansicht, daß die Aussichten der Vor­lage, die auch von uns schon eingehend besprochen worden ist, weshalb sich eine noch­malige Erörterung des ganzen "Planes erübrigt, sich nicht unerheblich gebessert haben; aber nun ist in den letzten Tagen ein Plan ausgetaucht, der im Abg. Dr. Dietrich Hahn vom Bund der Land­wirte und mit ihm an der Handelskammer zu Ham­burg begeisterte Verteidiger findet. Es handelt sich bei dem vorbereiteten Antrag des

genannten Abgeordneten um Ablehnung des Mittelland­kanals und seine Ersetzung durch einen großen Küstenkanal, der in Verbindung mit dem Dortmund«Ems-Kanal von der unteren Ems über Oldenburg nach der Unterweser geht und sich von hier aus unter Benutzung des Ostekanals nach Stade an der Elbe hinzieht. Von hier aus soll der

Kanal dann parallel der Elbe bis Harburg weitergeführt: werden. Man mag Gegner oder Anhänger des Mittelland­kanals sein, aber zu der Ueberzeugung wird man sehr leicht: gelangen, daß ein Kanal mit der vom Abg. Dr. Hahn: geplanten Trace unmöglich weder die Interessen der In­dustrie noch die der Landwirtschaft vertreten kann, mit einem Wort, daß er ein verfthl- tes Unternehmen sein würde. Hamburg, d. h. die Handels­kammer, ist mit dem Plan einverstanden, da sie von denr Mittellandkanal mit seinem stets gleichen Wasserstande eine erhebliche Ablenkung des Mittelelbe - Verkehrs nach Bremen befürchtet. Olden­burg hat heute schon den Ems-Kanal, der den dortigen landwirtschaftlichen und in­dustriellen Bedürfnissen voll­kommen entspricht, und für das Land Hadeln und Osten, dem Wahlkreis des Abg. Dr. Hahn, ist durch den Oste- Elbe-Kanal in hinreichender Weise gesorgt. Die bei­folgende Karte giebt ein über­sichtliches Bild des eröffneten Dortmund-Ems-Kanals, des projektierten Mittellandkanals und des beantragten Küsten­kanals, und sie wird beson­ders bei der herannahenden Entscheidung für unsere Leser von einigem Interesse sein.

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Arnsbei

Statistische Erhebungen und Berechnungen aus dem Heöiete der Hrovinz Wertesten (1820 öis 1895).

Historisch-statistische Skizzen von Prof. Dr. E. F. Riemann-Leipzig. (Alle Rechte Vorbehalten.) ni.

Die Kreise Friedberg unb Lauterbach.

a. 1871 und 1875.

Z

Stadt

Ortsanwesende Bevölkerung

Bevölk.-Zunahme Abnahme ()

am

1. 12. 1871

am

1. 12. 1875

absolut

durchschn. jährlich in o/o

1

Vilbel . . .

3096

3379

283

2,19

2

Friedberg . .

4250

4356

106

0,62

3

Schlitz . . .

2421

2423

2

0,02

4

Bad-Nauheim

2430

2391

- 39

- 0,40

5

Butzbach . .

2617

2570

47

0,45

6

Lauterbach .

3290

3181

- 109

- 0,84

Nur in Vilbel war die prozentuale Bevölkerungs­zunahme stärker als im Reich (1,15) und im Großherzog­tum (0,92), Fried berg hatte noch mäßiges Wachstum, Schlitz fast Stillstand, Bad-Nauheim, Butzbach und Lauterbach Rückgänge der Einwohnerzahl.

b. 1880 und 1885.

w

K

Stadt

Ortsanwesende Bevölkerung

Bevölk.-Zunahme Abnahme () durchschn.

am

1. 12. 1880

am

1. 12. 1885

absolut

jährlich in °/o

1

Vilbel . . .

3594

3757

163

0,89

2

Schlitz . . .

2469

2563

94

0,75

3

Friedberg. .

4825

4966

141

0,58

4

Butzbach . .

2820

2832

12

0,08

5

Bad-Nauheim

2517

2477

40

0,32

6

Lauterbach. .

3227

3144

- 83

- 0,52

Vilbel und Schlitz

hatten ein stärkeres

Wachstum

auf Hundert als das Reich (0,72), Friedberg als das Großherzogtum (0,43), in Butzbach lag fast Stillstand, in Bad-Nauheim und Lauterbach Depressionen der Seelenzahl vor.

c. 1890 und 1895.

s

Stadt

Ortsanwesende Bevölkerung

Bevölk-Zunahme Abnahme () durchschn.

am

1. 12. 1890

am

2. 12. 1895

absolut

jährlich in o/o

1

Bad-Nauherm

2878

3398

520

3,31

2

Butzbach . .

2751

3122

371

2,53

3

Friedberg . .

5313

5969

656

2,33

4

Lauterbach. .

3345

3444

99

0,58

5

Vilbel . . .

3962

4054

92

0,46

6

Schlitz . . .

2545

2445

- 100

0,80

In Bad-Nauheim, Butzbach und Friedberg nahm die Bevölkerung prozentualiter mehr zu als im Reiche (1,15) und im Großherzogtum (0,93), Lauterbach und Vilbel hatten nur mäßigen Zugang, Schlitz Ver­minderung der Einwohnerzahl.

d. Historisch statistische Erhebungen aus dem Anfang der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts.

Ueber Vilbel liegen in der zeitgenössischen Quelle keine Angaben vor. Die übrigen fünf Städte wiesen folgende Häuser- und Jnsassenziffern aus, woraus sich der Durch­schnittsbelag einer Wohnstätte ergiebt.

Stadt

Häuser- Insassen-

Durchschnitts- ziffer für ein HauS

um da

Zahl

8 Jahr 1820

1

Schlitz ....

579

2856

4,93

2

Lauterbach . . .

538

2836

5,27

3

Friedberg . . .

396

2548

6,43

4

Butzbach....

417

2067

4,96

5

Bad-Nauheim . .

199

1172

5,89

Die Herren von Schlitz, einem uralten Geschlecht an­gehörig, waren im Jahre 1739 in den Grafenstand erhoben worden, ihre Standesherrschaft umfaßte 23/s Geviertmeilen damals mit 6898 Einwohnern. Die Stadt Schlitz besaß vortreffliche Schulanstalten.

Lauterbach gehörte mit standesherrlichen Gerechtsamen den Freiherren von Riedesel, das Gebiet zählte auf 7 */a Geviert­meilen 19 503 Köpfe, in der Stadt Lauterbach gab es Leinen- und Wollzeugwebereien, die Bevölkerung trieb Garn­handel.

Die freie Reichsstadt Friedberg war in den Stürmen der napoleonischen Kriege hessisch geworden. Vor 75 Jahren gab es daselbst 340 Israeliten, ein Schullehrerseminar, einen Frauenverein zur Verbesserung des weiblichen Gesindes und eine Rindviehversicherungsanftalt.

Butzbach war im vorigen Jahrhundert bereits hessen­darmstädtisch, die Bevölkerung lebte von Leder-, Flanell-, Leinwand-, Strumpf- und Handschuhfabrikation.

Nauheim, im vorigen Jahrhundertheffen-hanauischer Besitz, war zu Heffen-Kassel gekommen, sein Salzwerk lieferte vor ^Jahrhundert jährlich 96 000 Centner; als Bad wird es nicht erwähnt.

s. Einwohnerzahlen.

f. Einwohner-Zunahmen bezw. Abnahmen () auf je hundert Personen.

Z

Stadt

Einwohnerzahl im Jahre

1820

1871

1875

1880

1885

1890

1895

1

Schlitz . .

2856

2421

2423

2469

2563

2545

2445

2

Lauterbach .

2836

3290

3181

3227

3144

3345

3444

3

Friedberg .

2548

4250

4356

4825

4966

5313

5969

4

Butzbach. .

2067

2617

2570

2820

2832

2751

3122

5

Bad-Nauheim

lf72

2430

2391

2517

2477

2878

3398

£

Stadt

Einwohner-Zunahme bezw. Abnahme () auf Hundert

vom Jahre 1820 bis zum Jahre

1871

1875

1880

1885 | 1890

1895

1

Schlitz ....

-15,3

-15,2

- 14,1

-10 3- 10,8

-14,9

2

Lauterbach . . .

16,0

12,2

13,8

10,1 17,9

21,4

3

Friedberg . . .

66,8

71,0

89,4

91.0 108,5

134,3

4

Butzbach....

26,7

24,9

36,4

37,0 33,1

51,0

5

Bad-Nauheim. .

107,3

104,0

114,8

111,3 145,6

190,0

g. Vergleichende Ergebnisse.

1. In Bad-Nauheim trat nach einem halben Jahr hundert starke Verdoppelung der Einwohnerzahl ein, dann hielt sie sich bis 1885 ziemlich aus derselben Höhe und stieg dann noch zweimal kräftig, sie hatte sich nach 3/i Jahr­hundert fast verdreifacht, Neuß ält. Linie zeigte etwa dasselbe Wachstum (193,3). In der Provinz Starkenburg zeigte Pfungstadt dieselben Verhältnisse (2029, 5903, 190,9).

2. In Friedberg trat bei steter Vermehrung der Seelenzahl mit 68 Jahren Verdoppelung ein, nach s/< Jahr-