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Nr. 249 Drittes Blatt.Sonmag den 22. October
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Z« den bevorstehenden hessischen Landtagswahleu
schreibt die „Kölnische Zeitung": „Anfang November finden die Wahlmännerwahlen für die Hälfte aller Abgeordneten der Zweiten Kammer, deren Wahlzeit (6 Jahre) abgelaufen ist, statt. Sie sind diesmal für die Geschicke des Landes »och wichtiger als sonst. Denn während unter dem früheren Ministerium im allgemeinen ohne allzugroße Rücksicht auf unfruchtbare und zum Fenster hinaus gehaltene Kammerreden regiert wurde, dürfte jetzt, wenigstens für die innere Verwaltung, die Zusammensetzung der Kammer einen entscheidenden Einfluß ausüben. Diese Schwierigkeit der Lage wird noch erhöht durch die verwirrten Parteiverhältnisse.
Da die Nationalliberalen lange Zeit die unbestrittene Herrschaft halten, haben sie sich daran gewöhnt, möglichst jeden von ihnen seine eigenen Pfade gehen zu taffen. Sie haben dadurch die natürlich gebotene Fühlung mit der Regierung und diese mit ihnen verloren. Jeder Teil zeiht den andern der Schuld. Thatsache ist, daß in vielen Fragen Führer der nationalliberalen Partei die Regierung auffallend im Stiche ließen oder gar unklug und disziplinlos angriffen. Das Verhältnis zwischen beiden zeigt viel Ähnlichkeit mit dem zwischen der preußischen Regierung »nd den Konservativen. Es ist zu befürchten, daß jetzt die Nationalliberalen wiederum, wie bei den letzten Wahlen und Nachwahlen geschwächt werden, wenn sie sich nicht zu energischer Sammlung und Agitation und zur Abstoßung einiger Elemente verstehen, die durch die Dauerreden den Mangel an Sachkenntnis und Würde ersetzen »ollen und deshalb seit Jahren weite Kreise verstimmen.
Eine Selbstbescheidung und Verjüngung thut hier dringend not. Sonst haben Sozialdemokraten und Antisemiten den Vorteil davon. Die hessischen Sozialdemokraten im Landtag sind allerdings eine ganz besondere Erscheinung. Sie arbeiten nicht nur fleißig, ja am fleißigsten an der Erfüllung der parlamentarischen Aufgaben mit, sie spielen sogar oft die führende Rolle. An der Sachlichkeit, mit der der sozialdemokratische Schloffermeister Ulrich aus Offenbach als Berichterstatter des Finanzausschusses z. B. die Forderungen für Universitäten und Schulen prüft und sich dabei meist als den eifrigsten und regierungsfreundlichsten Förderer aller Kulturfortschritte erweist, könnte sich manches Mitglied der staaterhaltenden Parteien ein Beispiel nehmen. Unterstützt wird er durch seinen Genoffen Dr. David, der, zwar mehr Doktrinär und Utopist, doch an allgemeiner Bildung viele Abgeordnete weit übertrifft. Kein Wunder, daß mit diesen gemäßigten und deshalb gefährlichen Sozialisten gerechnet werden muß.
Ein Gegenstück zu ihnen bilden die Antisemiten und Bauernbündler, die eigentlich stets die erbittertsten Gegner der Regierung sind; unbelehrbar durch Gründe der Vernunft und Bildung, rauh polternd, unpraktisch und politisch ganz unfruchtbar, stets gekränkt, auch thöricht partikularistisch, vielfach verlacht, vermehren sie sich doch ständig, und es scheint, daß auch jetzt wieder Wahlsiege für sie nicht unmöglich sind.
Es ist eine eigentümliche Erscheinung. In keinem Lande geschieht von Staatswegen soviel für die Hebung der Landwirtschaft als in Hessen, und trotzdem schickt diese immer mehr dieser Oppositionsbauern in die Kammer. Das läßt sich nur aus der jahrelangen Bevormundung des Landes durch Darmstädter Rechtsanwälte, Gymnasiallehrer u. s. w. erklären. In dem an sich nicht
unrichtigen Bestreben, wirkliche Vertreter ihrer Interessen zu wählen, verfallen die Landwirte und Handwerker in den menschlich erklärlichen Fehler eines extremen Standpunktes, ohne zu merken, daß sie dadurch am wenigsten ihre berechtigten Forderungen durchsetzen werden. Das Centrum wird seinen gewohnten Bestand bewahren und seine Ansprüche nicht herabsetzen. Es hat kluge Führer und hohe Gönner, und seine Erfolge machen manchen besorgt, der sich von kulturkämpferischen Anwandlungen frei weiß." Der Artikel enthält sehr viel Richtiges. Am richtigsten wäre wohl die Behauptung, daß der Nationalliberalismus nicht nur die Fühlung mit der Regierung, sondern auch mit dem Volke vollständig verloren hat. Er wird sie nicht wieder gewinnen — dafür sorgen seine parlamentarischen Thaten ...
Die sechste Generalversammlung des Deutschen Patriotenbundes.
Leipzig, den 19. Oktober. Gestern fand hier unter dem Vorsitz des Herrn Architekten Clemens Thieme die 6. Generalversamlung des Deutschen Patriotenbundes statt. In dem von dem ersten Schriftführer, Herrn Dr. Alfred Spitzner, erstatteten Jahresbericht wurde hervorgehoben, daß der Bund auch im vergangenen Jahre seinem hohen Ziele einen bedeutsamen Schritt näher gekommen sei. Einnahme und Ausgabe schließen mit 69330.90 Mark ab. Wesentliche Unterstützung und Förderung fanden die Bestrebungen des Deutschen Patriotenbundes durch die Sammlungen der deutschen Vereine. In den Gesangvereinen wurden mittels Einzeichnungslisten und Sammelbüchsen insgesamt rund 14000 Mark, in den Schützenvereinen 7000 Mark, in den Turnvereinen 4000 Mark gesteuert. Neuerdings ist noch eine, größere Anzahl anderer Vereinsgruppen in die
Feuilleton.
Aas Museum der Kleinstadt?)
Unsere großen Städte bilden Anziehungspunkte für die Bolkswanderung, zu ihnen ergießt sich anhaltend, stetig wachsend der Menschenstrom vom offenen Lande her. Dieser inneren Wanderung der Bevölkerung entspricht auch die lokale Ausbreitung von Wissenschaft und Kunst, die Konzentration ihrer Bildungsmittel in den Großstädten, während entfernt von diesen letzeren, auf dem offenen Lande und m der Kleinstadt meist eine geradezu beschämende Leere an Fürsorge für die kulturelle Fortbildung des Volkes Aafft. Unsere Volksbildungsvereine haben es nun allerdings mit rühmlichen Feuereifer unternommen, der Bevölkerung licht blos in der Großstadt, sondern auch auf dem offenen Lande gemeinverständliche Vorträge, ja da und dort auch Freibibliotheken zu bieten, — mit bestem Erfolge! Aber auf dem Gebiete der bildenden Kunst fehlt noch fast jeder Arbeitsansatz dieser Art, für die Ausbreitung des Kunstverständnisses in der Kleinstadt, geschweige denn auf dem offenen Lande ist bei uns ganz so wie anderwärts bisher noch fast gar nichts geschehen. Und so bildet sich damit ein immer größerer Gegensatz und Abstand zwischen Kunstverständnis und Kunstsinn der Großstadt und der Hunderte von Kleinstädten und Märkten heraus. Allerdings geht ja auch oft der Großstädter als richtiger Böote an all' der Schönheit, die sein Auge in sich aufnehmen könnte, blasiert und verständnislos vorüber, bis er eine — Reise »nternimmt, wo er sich dann von Galerie zu Galerie, von Museum zu Museum im Vollgefühl seiner „Bädeker"-Pflichten ichleppt.
Indes, wir glauben, mit der richtigen Pflege der Volksbildung verträgt sich dieser weite Abstand, diese Kluft der Kunstpflege und des Kunstverständnisses zwischen Groß- und Kleinstadt durchaus nicht. Es müssen sich Mittel finden kaffen, um auch den kleinen Ort und seine Bevölkerung mit teilnehmen zu lassen am geistigen und künstlerischen Ringen unserer Zeit. Es müssen sich, sagen wir, Mittel finden lassen, um Sinn und Verständnis für die moderne Kunstentwicklung hinaus- zntragen, weit, auch bis in die weltentlegene Landgemeinde. Vor Erfindung der Buchdruckerkunst war die Wissenschafts- Hflege Vorrecht einiger Weniger, und erst Gutenberg hat Sie Bildung demokratisiert, erst er hat eine Volksbildung
•) Wie der Verfasser den „Münch. N. N", denen wir vor- Gehenden Artikel entnehmen, nachträglich mitteilt, sollen, waS ihm bei Snttagstellung unbekannt war, Vorschläge ähnlicher Art auch schon W»n Maler Trübner und dem Wiener Kunstschriststeller Dr. Th. v. Zrimmel geäußert worden sein.
erstehen lassen. Und auf dem Gebiete der bildenden Kunst hat ein dem Sinne nach ganz ähnlicher Vorgang begonnen, sowie wirklich künstlerische Reproduktions-Methoden ersonnen und ausgebildet wurden, sie haben der bildenden Kunst auch das einfache Bürgerhaus erschlossen. In Deutschland und Oesterreich — wir verweisen nur auf die Vereinigung der Kunstfreunde bei der Berliner Nationalgalerie, auf die Wiener Gesellschaft für vervielfältigende Kunst und auf die rastlosen Bemühungen G. Hirths in München, dann auf die Reproduktionen von Cl. Braun in Dörnach — ist schon Großes für die Popularisierung der bildenden Kunst begonnen und auch bereits errungen. Indem wir alles das hervorheben, hören wir freilich auch schon die Gegenfrage, was wir unter solchen Umständen noch wünschen können. Sehr viel! Oder besser: sehr wenig, wir fordern nämlich nur eines, die verständnisvolle Organisation der Verbreitung dieser künstlerischen Bildungsmittel!
Die „oberen" Hundert oder Fünfzig der Kleinstadt sind kaum je in der Lage, sich zur Errichtung auch einer nur kleinen Sammlung von Orginal-Kunstwerken zu vereinen. Und das verschlägt auch nichts. Dasselbe Hindernis hält sie übrigens auch vom Ankauf schlechter, geschmackverderbender Stücke zurück. Und da die gute Reproduktion eines edlen Kunstwerkes einem schlechten Orginal entschieden vorzuziehen ist, liegt der Ausweg auch in unserer Frage für die wenig bemittelte Kleinstadt und für die leider ebenso mittellosen Volksbildungsvereine ebenso nahe als billig; das Museum, die Galerie guter Reproduktionen!
Der Staatsverwaltung, den Bezirken und den Gemeinden wie den Volksbildungsvereinen käme es zu, an die Schaffung und Förderung solcher Kleinstadt-Museen zu schreiten. Vor allem wäre für die Sichtung und Bereitstellung der passenden Reproduktionen zu sorgen. Der voraussichtliche Massenabsatz würde es ermöglichen, die Preise entsprechend billig zu stellen. Bahnbrechend würde die Anlage eines oder mehrerer solcher Kleinstadt Museen wirken, sie böten das befeuernde Muster auch für die Gemeinden, denen diese Einrichtung anfänglich noch zu fremd erschiene. Nehmen wir an, die Staatsverwaltung entschlösse sich zur Aufstellung je eines solchen Museums für jede unserer Provinzen (Regierungsbezirke), so könnten diese Museen allmählich von der einen Kleinstadt zur nächsten Kleinstadt als Wander- Museen gebracht werden. Kunstverständigen Sendboten der Staatsverwaltung oder der Volksbildungsvereine fiele es dann zu, in jedem der Orte, die das Wandermnseum berührt — wir denken dabei an überall mehrwöchentlichen Aufenthalt — Sonntags erklärende Vorträge, „Führungen"
zu veranstalten. Wir sind fest überzeugt, daß überall dort, wo das Wandermuseum einmal ausgestellt war, sich dan» gar bald der Wunsch nach seinem bleibenden Besitze regen würde. Und dies auch in anderen, vom „Wandermuseum" noch gar nicht berührten Städten und Märkten. Dazu ist aber der Bestand einer beratenden Zentralstelle nötig, einer Stelle, die ebenso sehr für die zweckmäßige Auswahl guter Reproduktionen wie für finanzielle Erleichterungen bei deren Beschaffung sorgt. Die Kleinstadt, ihre Schule oder einzelne ihrer reicheren Bürger werden sich ja nicht so leichthin entschließen, mit einem Male 5000 bis 10,000 JC für den Ankauf eines solchen „Kleinstadt-Museums" auszn- werfen. Werden aber Zahlungserleichterungen geboten, vor allem die Möglichkeit der allmählichen Abzahlung des Kaufpreises, dann wird das gewiß wesentlich befördernd und erleichternd wirken. Auch in dieser Richtung erblicken wir eine Aufgabe für die Vermittelung des Staates, der Provinz, oder auch der Volksbildungsvereine. In das Kleinstadt- Museum wären unseres Erachtens die typisch wichtigsten Kunstwerke der verschiedenen Kunstepochen und Stilrichtungen in möglichst guten Reproduktionen aufzunehmen. Und zu den Reproduktionen rechnen wir hier selbstverständlich nicht blos Photographie, Kupferstich, Radierung, Heliogravüre, Chromogravüre usw., sondern auch den Gipsabguß, den« auch die Plastik darf nicht unbeachtet bleiben. Wo sich Sinn und Neigung für unseren Vorschlag findet, dort wird auch die Sorge um den örtlichen Pfleger und Hüter des Museums der Kleinstadt bald befriedigt sein.
Auch in der kleinsten Kleinstadt wird der Volksbildungsverein oder die Gemeinde in einem der Lehrer eine Kraft finden, die bereit ist, sich der Verwaltung des Kleinstadt- Museums um ein geringes Entgelt aus Liebe zur guten Sache zu widmen. Und den Volksbildungsvereinen fiele es zu, fortdauernd werbend für den Gedanken des Volksmuseums einzutreten, gehört es doch zu ihren schönsten und ersten Aufgaben, nicht blos Wissenschaft, sondern auch Kunst in’i Volk zu tragen. Kunstverständnis und Kunstliebe, sie dürfen und, wir wollen es hoffen, werden nicht mehr allzu lange das Vorrecht der obersten Schichten der Großstadt bleiben! Unser Vorschlag, wie wir ihn hier den Lesern dargelegt haben, hat auch schon in Oesterreich Beachtung gefunden. Der neu errichtete staatliche Kunstrat hat sich in feiner ersten Sitzung am 16. Februar mit der Anregung des Verfassers dieser Zeilen beschäftigt und sich für die Durchführung des Vorschlages in Oesterreich ausgesprochen; für Stellung von Detailanträgen wurde ein ständiges Komitee eingesetzt. Deutschland wird nnb darf darin nicht zurückbleiben. Heinrich Adler.


