Ausgabe 
22.7.1899 Zweites Blatt
 
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Polizei war machtlos und es mußte telephonisch Militär geholt werden, welches jedoch nicht ernstlich einzugreifen brauchte. Der Auflauf dauerte bis gegen 12 Uhr nachts. Es wurden mehrere Verhaftungen vorgenommen. Am Mittwoch abend wurden die Unruhen ernster. Aufgereizte Volksmassen suchten wieder in dasselbe Fabrikanwesen ein­zudringen, wurden aber von einem Bataillon Infanterie daran gehindert. Die Soldaten beschränkten sich darauf, die Menge mit dem Kolben zurückzudrängen. Eine Schwadron Chevauxlegers säuberte die Straße. Die Polizei mußte wiederholt von der Waffe Gebrauch machen, mehrere Per­sonen und eine größere Anzahl von Schutzleuten wurden verwundet, einer der letzteren ernsthaft. Etwa 20 Ver­haftungen wurden vorgenommen und aufrechterhalten. Die Erregung in dem genannten Stadtteil ist sehr groß, die Ruhestörungen dauerten bis tief in die Nacht.

Samoa. Der bisherige Oberrichter Chambers hat nach neueren Nachrichten seine endgiltige Entlassung beantragt. Er reiste, wie gemeldet, am 14. ds. Mts. ab. Nach dem gestrigen Reuter-Telegramm könnte es scheinen, als ob der neue deutsche Vorsitzende des Munizipalrats Dr. Solf nicht ganz mit Recht die Stellvertretung Chambers' in Anspruch nehme, obwohl er nach den Bestimmungen der Samoa-Akte das Recht der Stellvertretung besitzt. Englische Privatnachrichten werfen nun einiges Licht auf diese dunkle Stelle in der Reuterdepesche; danach ist die Kandidatur des als provisorischer englischer Vertreter nach Samoa berufenen

Major Main für die Vertretung des Herrn Chambers auf­gestellt und damit begründet worden, daß nicht eine Vakanz der Oberrichterstelle vorliege, wie sie die Samoa-Akte vor­sieht, da Chambers ja nicht abberufen und daher sein Posten noch nicht verwaist sei.

Lokales und MsvinMes.

§ Vom Lande, 20. Juli. Noch vor kurzem konnte man in den Zeitungen lesen, wir hätten einen regnerischen, kalten Sommer zu erwarten. Wie diese Voraussetzung wiederum eingetroffen, das zeigt die seit 14 Tagen anhaltende hohe Sommerwärme. Wenn das Thermometer morgens um 10 Uhr 200 r. im Schatten zeigt und das Wasser der Bäche, die meist rasch fließendes Quellwasser führen, die richtige Badetemperatur von 17° R. hat, dann sprich mir noch einer von einemkalten" Sommer. Echte Hundstags­hitze haben wir, obgleich der kalendarische Anfang der Hundstage erst mit nächster Woche beginnt. Solches Sotymer- wetter bringt die Zeit der Ernte. Schon bleicht auf hohen Lagen das Korn. Mit seinem Schnitt dürfte in nächster Woche begonnen werden, lieber seinen vorzüglichen Stand nebst dem des Weizens ist wiederholt berichtet worden. Man hofft nicht ohne Grund auf ein besseres Körnerergebnis der Winterfrucht als im vorigen Jahre. Die Rapsernte hat stattgefunden; der Landwirt kann meistens mit ihrem Er­gebnis zufrieden sein, da es besser ist, als man nach dem

vorjährigen schlechten Anfangsstadium erwarten mochte. Das erste Obst des Sommers, die Kirsche, das nur bei reichen Erträgen auch in den ländlichen Orten zum Kauf angeboten wird, wo es nicht ober doch nur selten gezogen wird, ist hier fast gänzlich ausgeblieben. Das läßt also auf eine schlechte Kirschenernte aus den Kirschengegenden schließen. In den Städten war das Pfund für 30 Pfg. zu kaufen. Die Verwandte der Edelkirsche, die kleine Vogelkirsche, scheint besser geraten zu sein. Sie geht ihrer Reife ent­gegen. Lüsterne Kinderaugen lugen schon lange nach ihr; denn wo es keine großen gibt, da hat man auch die kleinen Kirschen gern. Im Walde lockt die reif gewordene Erd­beere. Die Vorbedingungen zur guten Beerenernte haben nicht gefehlt. In manchen Gegenden bringt die gute Erdbeer­ernte den armen Kindern einen nicht zu verachtenden Ver­dienst. In Scharen sieht man jetzt dort wieder die Kinder zu den benachbarten Städtchen ziehen, die Töpfe an einem Riemen um den Rücken geschnallt, voll köstlicher Erdbeeren. Vergleicht man den Preis der Erdbeeren (der Topf kostet 2025 Pfg.) mit ihrem Wert, der ganz in neuester Zeit in hygienischer Hinsicht betont wird, so muß dieser Preis als ein sehr billiger bezeichnet werden.

§ Grebenhain, 18. Juli. Heute fand der hiesige Schneidermeister Heinrich Franz seine im 44. Lebens­jahre stehende Ehefrau in der Scheune an der sogenannten Gerüstleiter erhängt tot vor. Als Beweggrund der That wird unheilbare Krankheit angenommen.

Arbeitsvergebung.

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1. Ausbesserung und Neuanstrich der Außenflächen des Ver­waltungsgebäudes;

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Die Bedingungen und Arbeitsbeschreibungen liegen während der Dienststunden auf unserem technischen Büreau zur Einsichtnahme offen.

Bezügliche Angebote sind bis zum Freitag dem 28. d. Mts., vormittags 11 Uhr, verschlossen und mit entsprechender Aufschrift ver­sehen bei uns etnzureichen.

Gießen, den 20. Juli 1899.

Städtisches Gas- und Wasserwerk Gießen.

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