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22.1.1899 Zweites Blatt
 
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Nr. 19

Zweites Blatt

Sonntag den 22. Januar

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Kießener Anzeiger

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Zur Personalreform bei der Postverwaltung.

Schon zu Zeiten Stephans ist an den Ansätzen de» Poiietat» im Reichstage nur wenig gestrichen worden; Herr v. Podbielskt scheint in dieser Beziehung das Erbteil seine» Vorgängers angetreten zu haben, denn auch diesmal ist der Etat seines Ressorts unbeanstandet von der Budget- kommisfion genehmigt worden, und auch das Plenum dürfte kaum ernstliche Einwendungen erheben. Die dieser Tage statt- gehabten Verhandlungen der Budgetkommisfion wurden zum großen Teil ausgefüllt durch Besprechungen über die Personal- Verhältnisse der Postbeamten, und au» den Aeußerungen de» Staatssekretär» ist zu entnehmen, daß es mit den Personal­reformen nun bald Ernst werden soll. Wie dieselben sich im einzelnen gestalten werden, ist noch nicht bekannt, aber die Ausführungen de» Chefs der Postverwaltung lassen erkennen, daß die Reformen hauptsächlich den Assistenten zu gute kommen sollen, und zwar insofern, als dem intelligenteren Teile der­selben ein Aufrücken in höhere Dienststellen nicht unbedingt verschlossen sein wird.

Bekanntlich waren die beiden Karrieren der Postbeamten der al» Posteleve und die al» Postgehilfe eingetretenen in ihrem ganzen Verlaufe streng von einander ge­schieden. Hatte der Gehilfe die Stufe als Oberassistent oder als Postverwalter erreicht, so mußte er auf derselben stehen bleiben, mochte er noch so befähigt sein, höhere Dienststellen zu bekleiden. Und dieses Hindernis für seine Karriäre lag nur in dem Umstande begründet, daß er vielleicht aus zwingen­den Gründen ein halbes Jahr früher die Schule hatte ver­lassen müssen, als seine Kollegen von der höheren Laufbahn, welche die Reifeprüfung auf einem Gymnasium oder einer Realschule erster Ordnung hatten ablegen können. Schafft Herr v. Podbielski in dieser Beziehung Wandel, so würde er mancher Unzufriedenheit unter den Postasststenten die Spitze bieten und den Eifer sowie die Berufsfreudtgkeiten dieser Beamten nur erhöhen.

In der Budgetkommission legte Herr v. Podbiel»ki noch dar, daß unter seinem Vorgänger zu viele Aspiranten des mittleren Postdienstes angenommen worden seien und daß dieser Umstand natürlich gewaltig auf die AnstellungSfrtst dieser Beamten drücke. Der verstorbene Stephan war ein großer Reorganisator, und sein Verdienst wird nicht geschmälert, wenn man einzelne Mängel aus seiner Verwaltung hervor- gehört auch die fast uneingeschränkte Annahme von Postgehilfen, welche in den Jahren 18751890 statt- gefunden hat. Wenn man auch in Betracht ziehen durfte, daß der Verkehr sich mächtig entwickele, daß ein großer Bedarf an Beamten eintreten würde, so wußte doch erkannt werden, daß in Bezug auf die Annahme von Postgehilfen de» Guten M viel gethan wurde. Es war gar nichts Seltenes, daß bei ganz kleinen Postämtern zwei Gehilfen zur Erlernung des

Feuilleton.

Z) verwechselte Kakö.

Herr Schaulem war en braver Manu, Der iwerall im Aaseh stann,

'SSPn un" Ahld, bei Groß unn Klaa, Von Wisfig bis nach Weiderschhaa. Daß err e Katsoff von Gewerb, Daß mußt die Kätt unn mußt die Bärb, Daß wußt e jedes, Mann wäi Fraa, In Troh unn uff de Ravenaa.

Unn zog Herr Schaulem aus'm Hau«, Da heppt sein Suldan hibsch vorrau«; Unn wohlgemudh ging'« iwer Land Wo e Mezzie in Aussicht stand. Daß Rewach die Geschäfte macht Ließ nie Herr Schaulem außer acht. Unn trotzdem hott sei Lewe lang Gedhaa er manchen Metzgerschgang.

E jed Geschäft fing bei em aa: Erscht werd en klaane Schluck gedhaa! Doch dabei warsch em ahnerlei Öd'« Scheacher (Bier) oder Branndewei.

Dienstes beschäftigt waren. Allerorten im Reiche entstanden sog. Pressen, in denen Hunderte von jungen Leuten, die keine genügende Schulbildung aufzuweisen hatten, zu PostgehUfen herangebildet wurden. Im Interesse der Verwaltung und der Beamten liegt es, wenn mit diesem System endgiltig gebrochen würde und wenn durch die Aussicht auf Einrücken in höhere Stellen die Berufsfreudigkeit der Beamten Nahrung erhielte. (xx)

Ausland.

Amerika. Infolge der Anforderungen der Reichs- politik erweist sich die Marine der Vereinigten Staaten derzeit als unzureichend. Der Marine-Sekretär Long äußerte, daß er zu seinem Bedauern für absehbare Zeit außer stände sei, die auswärtigen Flottenstationen wieder herzustellen aus Mangel an Offizieren, Mannschaften und Schiffen; er sei nicht im stände, ein einziges Schiff nach Europa zu entsenden. Er halte es für absolut wesentlich, das nordatlantische Geschwader in seiner vollen Stärke zu erhalten, aus Gründen einer gesunden inter­nationalen Politik.

Vermischtes.

* Marburg, 17. Januar. Der nächste städtische Etat wird in Einnahme und Ausgabe mit 1 022315 Mk. balancieren. Er ist also um 163888 Mk. niedriger als im Vorjahre.

* Kreuznach, 18. Januar. Auf dem Banne von Weiler bei Monzingen wurde gelegentlich einer Treibjagd im Ge­sträuche die Leiche eines gut gekleideten, unbekannten Mannes gefunden, die schon monatelang gelegen haben muß, sodaß die Gesichtszüge nicht mehr erkennbar waren. Auf einem neben der Leiche liegenden Zettel standen die Worte;Hier starb ein lebensmüder, aber nicht schlechter Mensch." Auch eine Taschenuhr fand sich bei dem Toten, jedoch sonst nichts, was auf dessen Persönlichkeit schließen ließe, zu deren Ermittelung jeder Anhaltspunkt fehlt.

Dortmund, 17. Januar. Der Bau der elektri­schen Straßenbahn im benachbarten Lütgendort­mund im Anschluß an die Märkische Gesellschaft in Witten wurde in der letzten Gemeinderatssitzung beschlossen. Der Kostenaufwand der Gemeinde beträgt 200000 Mk.

Düsseldorf, 18. Januar. Unsere Stadtverordneten beschlossen endgültig den Bau eines städtischen Kranken­hauses. Es soll 512 Betten erhalten. Die Baukosten sind auf 2 500 000 Mk. berechnet ohne die rund 100000 Mk. betragenden Grunderwerbskosten. Der Bau soll im Frühjahr beginnen und binnen 2/a Jahren beendet sein.

* Entschädigung eines Unbeschuldigten. Zum erstenmal ist von einer staatlichen Entschädigung für unschuldig erlittene

Unn warn die Masematte gut So trank Herr Schaulem Reweblut. Err dacht: Bringt nor'sch Geschäft maß ei, So derf merr aach als schicker sei!

Nach Rodheim lenkt der Schritte Laos Herr Schaulem einst zum Kälwerkaaf; Grob war sein Dorscht unn groß die Hitz, Ftmf Schoppe drank err in ahm Sitz Eh' noch sein Hanne! ferdig war Unn nachher drank err noch e paar. Heut lacht err alle Katsoff aus: En Staat von Kalb bringt err nach Haus. Froh heppt de Suldan vorne weck; Deß Kalb will awer net vom Fleck, So viel ersch aach am Schwenzche dreht Deß Kalb fest wäi e Mauer steht. Da nutzt kaa Hetze, kaa Gedrick! De Schwaaß steht uff'm fingerdick Unn vor Ermattung sinkt err hinn In Schoffeegrawe unn schleft inn.

E» legt de Suldan sich dezu, Unn aach des Kälbche flegt der Ruh; En siebe Schlaf umfängt gar mild Die drei: e« war e lieblich Bild! Unn als dann Awends um halb Acht Herr Schaulem endlich uffgewacht, Da kam'» em vor al« wäi en Draam, Steht uff unn säht: Etz schlepp äich» haam!

Untersuchungshaft zu berichten. DerVolksztg," geht au« Heinrichswalde (Ostpreußen) folgendes Telegramm zu: Auf Anweisung des Justizministers zahlte das hiesige Amts­gericht an die Losfrau Friederike Statscheit aus Obschruten 500 Mk. für unschuldig erlittene Untersuchungshaft. Frau Statscheit hatte wegen Verdachts der Beihllfe zum Morde fast ein Jabr in Untersuchungshaft gesessen.

* Aus der Schweiz, 14. Januar. Der gestrige Sturm hat die grüble Stärke seit zehn Jahren erreicht; das hat man in Zürich beobachten können, wo vor zehn Jahren der Ane­mograph aufgestellt worden ist. Um 99/< Uhr war die Schnelligkeit des Sturmes 30 Meter in der Sekunde, während die stündliche Durchschntttsgeschwindigkeit 90 Kilometer betrug; jene Höchstzahl giebt einen Wtnddruck von fast 85 Kilogramm auf den Quadratmeter. Einen ähnlich stürmischen Januar hat man in Europa seit 1877 nicht erlebt; damals brachte das Ende des Monats in Ostfriesland die grobe Sturmflut. Etwas ähnliches ist jetzt an der westeuropäischen Küste zu befürchten. In den schweizerischen Bergen räumt der Föhn­sturm im Verein mit den warmen Regengüssen schnell mit den Schneemassen auf, so daß fast Hoffnung besteht, die Leichen der am Susterpaß verunglückten deutschen Bergsteiger eher, als man bisher glaubte, zu finden.

* 3* den deutschen Münzstätten sind im Monat De­zember an Reichsmünzen für 17 074800 Mark Doppel­kronen und zwar sämtlich auf Privatrechnung, für 2269845 Mark silberne Fünfmarkstücke, für 373 688 Mark Zweimarkstücke und für 58 136,40 Mark Zehnpfennigstücke geprägt worden. Ende 1898 waren an Reichsmünzen im Umlauf für 3 384,7 Millionen Mark Doppelkronen, 587,1 Millionen Kronen, 5,9 Millionen halbe Kronen. Von den letzteren sind insgesamt für 27,9 Millionen Mark geprägt, jedoch wurden für 22,0 Millionen Mark wieder eingezogen, sodaß ihr völliges Verschwinden aus dem Ver­kehr in absehbarer Zeit erfolgen dürfte. An Silbermünzen sind für 501,6 Millionen im Umlauf, wovon für 102,8 Millionen Fünfmarkstücke, für 122,7 Millionen Zweimark­stücke, für 189,9 Millionen Einmarkstücke, 71,5 Millionen Fünfzig- und 14,7 Millionen Zwanzigpfennigstücke sind. An Nickelmünzen waren für 58,5 und an Kupfermünzen für 14 Millionen Mark in Umlauf.

* Dreißig Kinder verbrannt. Ein entsetzlicher Un­glücksfall ereignete sich in der vorigen Woche zu Gate«- town (England). In der Industrieschule, in welcher die Kinder armer Eltern gegen eine mäßige Entschädigung Kost und Wohnung erhalten, entstand zur Nachtzeit Feuer, welches sich mit solcher Vehemenz ausbreitete, daß von dem Schul­gebäude wenig zu retten war und leider auch von den kleinen Pensionären viele in den Flammen umkamen. Der Brand war im Erdgeschosse in einem großen Saale, der als Näh­schule diente, au-gebrochen und von dort dehnte sich das Feuer in die oberen Räume des Gebäude» aus. Der obere Teil

Err packt deß Kalb an de vier Bah, Hebt» uff die Schuldern sich ellah Unn dorzelt fort, en beese Gang, De Wehk, der mord em gar ze lang, Doch war de Wtndhof bahl in Sicht, Da schimmert schont deß erschte Licht. . . De Braubach« Kall am Hofdhor stann Unn sah den schwerbeladne Mann.

Herr Schaulem, noch so speed allhier? Waß i« dann daß da fir e Dhier? Waß selbe nor der Mann gedhaa, Herr Braubach fing ze lache aa.

Dann dhat ersch laud Herrn Schaulem kund: Eil Ei! Sie schleppe ja ehrn Hund!

Dem i« ganz sicher waß basfiert Unn unnerweg« vielleicht krepiert?

Dem Schaulem ging etz uff e Licht! Gar ärgerlich war die Geschicht; Doch Schuld war nor die forchtbar Hitz Unn die fünf Schoppe uff ahn Sitz . . . E Fuhrwerk halt in selwger Nacht Deß Kalb noch lewend haamgebracht. Herr Schaulem, der de Schade hott Braacht net ze sorge fer de Spott.

Carl Geißler.