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Nr. 19 Erstes Blatt.
Sonntag den 22. Januar
1S99
Gießener Anzeiger
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Amtlicher Heil.
Gefunden: 3 Regenschirme, 1 Taschenmesser, 4 einzelne Handschuhe, 1 Filzhut, 1 Kindercape, 1 Pferdedecke, 2 Ansichtskarten und 1 Hundehalsband.
Gießen, den 21. Januar 1899.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Muhl.
Deutscher Reichstag.
14. Sitzung am 20. Januar. 1 Uhr.
Eingegangen ist das Gesetz, betreffend Revision des Jnv aliditätsgesetzes.
Präsident Graf Ballestrem erbittet und erhält die Ermächtigung, dem Kaiser zu seinem demnächstigen Geburtstage die Glückwünsche des Hauses auszusprechen.
Tagesordnung: Fortsetzung der zweiten Beratung des Etats. Etat des Reichsamts des Innern. Titel Staatssekretär.
Abg. Frhr. v. Stumm (Rp.) 'wendet sich zunächst gegen einige Punkte der gestrigen Ausführungen Roesickes. Die Angriffe des Abgeordneten Roesicke gegen den Central
verband deutscher Industrieller seien vollständig unberechtigt; ebenso unberechtigt und falsch sei die Behauptung, daß die bekannten Februar-Erlasse noch nicht erfüllt seien. Es habe überhaupt niemand in diesem Hause das Recht, diese Erlasse authentisch zu deklarieren. Redner verbreitet sich weiter über verschiedene Fälle von Terrorismus gegen Arbeitswillige in Kiel, Berlin, Spandan, Torgelow.
Abg. Zubeil (Soz.) beleuchtet die übermäßig lange Arbeitszeit und das frühzeitige Hinsiechen der Ziegeleiarbeiter, und weist darauf hin, daß ein Bergarbeiter für 3 Mk. 50 Pfg. täglich sein Leben beständig aufs Spiel setze. Redner bespricht noch die Zuchthausvorlage, und fragt, warum man denn zögere, das Schreckgespenst endlich hervorzubringen.
Vizepräsident v. Frege erklärt den Ausdruck „Schreckgespenst" für unparlamentarisch. (Lebhafte Unruhe und große Heiterkeit.)
Abg. Zubeil (Soz.), fortfahrend: Was man von dem Terrorismus der Arbeiter sage, sei Uebertreibung.
Staatssekretär Graf Posadowsky entgegnet, daß bezüglich der Verhältnisse der Ziegeleiarbeiter weitere Maßnahmen erwogen würden.
Abg. Heyl von Herrnsheim (nl.) bemerkt, der Sekretär des Centralverbandes deutscher Industrieller, Herr Bueck, habe die neulichen sozialpolitischen Aeußerungen des Abgeordneten Bassermann in einer Weise kritisiert und ausgelegt, welche das lebhafteste Mißfallen seiner Fraktion erregt habe. Er habe es so dargestellt, als ob die Basser- mann'sche Rede einen Gegensatz zu dem bisherigen Vorgehen der Partei in sich schließe. Herr Bassermann habe durchaus im Sinne der Partei gesprochen. Redner wendet sich nun gegen die sozialdemokratischen Abgeordneten. Ein Stillstand in der sozialpolitischen Gesetzgebung liege nicht vor, und bemerken wolle er noch, daß gegen die sozialdemokratische Elendstheorie die Millionen sprächen, welche die Sozialdemokratie für Agitationszwecke ausgebe.
Abg. Hitze (Zentr.) führt aus, auch das Zentrum habe seine Schlußfolgerungen ans den Erlassen gezogen, aber in ganz anderem Sinne wie Herr v. Stumm, so z. B. mit dem Zentrumsantrage wegen der Arbeiterkammern. Was die geforderten Zwangsgesetze anlange, so sei das Zentrum bereit zu gewissen schärferen Bestimmungen, wenn die Rechte den Arbeitern auch die von denselben gewünschten Organisationen, die Berufsvereine, zugcständen. Auch müsse die Notwendigkeit der betreffenden Bestimmungen bewiesen werden.
Redner hält weiter für geboten die Ausdehnung der Arbeiterschutzvorschriften über Beschäftigung von weiblichen und jugendlichen Personen auch auf Betriebe mit Gas-, Benzin-, Petroleum-Motoren.
Abg. Singer (Soz.) wendet sich gegen den seiner Partei gemachten Vorwurf, daß sie alle sozialpolitischen Gesetze abgelehnt hätte. Sie thue dies stets Gesetzen gegenüber, die ihren Anforderungen nicht entsprächen. Die sozialdemokratischen Abgeordneten seien von ihren Wählern nicht in den Reichstag geschickt worden, um nationalliberale Gesetze zu machen (Heiterkeit). Herrn v. Stumm wolle er fragen, weshalb er nicht auch anstrebe, daß Sozialdemokraten nicht mehr als Soldaten ausgehoben werden könnten (Heiterkeit). Dem Einflüsse des Herrn v. Stumm sei es zuzuschreiben, daß die kaiserlichen Erlasse von 1890 nicht nur nicht ausgeführt, sondern zum Teil sogar in ihr Gegenteil verkehrt seien. Heutzutage werde Politik gewissermaßen auf Spaziergängen gemacht. Herrn v. Stumm's Einfluß sei größer als der des Reichsamts des Innern und des Reichstages. Er allein sei jetzt Trumpf, und deshalb stehe die Sozialpolitik still.
Abg. Zwick (frj. Bp.) hebt hervor, daß auch seine Partei mit der Weiterentwicklung der Sozialpolitik einverstanden sei, wenn sie auch nicht allen Einrichtungen der Neuzeit zustimmen könne. Für durchaus segensreich hielten seine Freunde die Thätigkeit der Gewerbeaufsicht im Interesse der Einschränkung der Kinderarbeit. In Berlin arbeiteten 25 000 Schulkinder, davon 7500 Mädchen. Bei den Mädchen bringe die Beschäftigung ganz früh am Morgen, vor 6 Uhr, besonders auch Gefahren für die Sittlichkeit mit sich. Dem gegenüber muffe energisch vorgegangen werden.
Staatssekretär Graf Posadowski betont, bei den verbündeten Regierungen schwebten augenblicklich Erwägungen darüber, ob es zweckmäßig fei, die Kinderarbeit gänzlich zu verbieten, es sei dabei in Betracht zu ziehen, daß damit auch das erziehliche Moment, das zweifellos in der Kinderarbeit liege, beseitigt werden würde. Anerkannt werde auch bei den verbündeten Regierungen, daß die übermäßige Kinderarbeit auch in den Familien, wo sie besonders schädlich wirke, beseitigt werden müsse. (Beifall.)
Nächste Sitzung morgen 1 Uhr. Tagesordnung: Fortsetzung der Etatsberatung.
Schluß 51/4 Uhr.
Feuilleton.
Siegfried Idyll.
Im Dezember 1865 hatte Wagner, ermüdet durch den offenen und versteckten Widerstand, der ihm feinen kaum IV-jährigen Münchener Aufenthalt vergällte, sich in die Schweiz zurückgezogen, wo er in Triebschen bei Luzern für die nächsten Jahre einen stillen Zufluchtsort und „seinem Werk die Werdestätte fand". Jetzt war die Zeit gekommen, die seit 1857 ruhende Arbeit am „Ring des Nibelungen" wieder aufzunehmen; sogleich nach der Vollendung und Aufführung der „Meistersinger" setzte er im zweiten Akte des „Siegfried" wieder ein und vollendete 1869 dieses zweite Drama seiner Trilogie.
Es war eine der glücklichsten, friedlichsten Epochen seines bewegten Lebens. Der neugewonnenen Lebensgefährtin verdankte er ein Heim, wie er es Jahrzehnte lang ersehnt hatte; liebe Freunde kamen, oft zu langem Aufenthalt, und freuten sich an dem Wachsen des Lebenswerkes, an dessen Vollendung sie mit dem Meister schon verzweifelt hatten. Es war die rechte Stimmung für den „Siegfried", den sonnigsten, von idyllischer Märchenpoesie erfüllten Teil seiner Tragödie. Und während er den Heldenknaben aus dem wilden Wald zu dem feuerumlohten Berge führte und ihn Vriinnhilde erwecken ließ, ward ihm selbst der Sohn geschenkt, dem er den Namen seines Lieblingshelden bestimmte.
Die Mutter seines Siegfried im Kreise der Familie wieder zu begrüßen, hatte sich Wagner eine hübsche Ueber- raschung ausgesonnen. Ein kleines Orchester, das kein Geringerer als Hans Richter leitete, war auf der Treppe der Veranda versteckt aufgestellt und stimmte in dem Augenblick, als Frau Cosima aus dem Hause trat, eine zarte Musik an, in der sie einige der lieblichsten Motive des „Siegfried" mit neuen verschlungen wiederfand. Diese Gelegenheitsmusik, die erst 1877, gewissermaßen als ein Dank an die
Förderer der ersten Bayreuther Festspiele, der Oeffentlich- keit übergeben wurde, war das „Siegfried-Idyll".
Verhältnismäßig einfach baut sich das Stück auf. Gleich im vierten Takt ertönt das erste Hauptthema, eine ruhig wiegende, träumerische Melodie, die im „Siegfried" zuerst an der Stelle auftritt, wo Brünnhilde das selige Genügen ihrer göttlichen Natur in rührenden Worten schildert. Ihr gesellt sich bald eines der bekanntesten Motive des „Ringes", die Schlummerweise aus dem „Feuerzauber", die ja auch int „Siegfried" bei der Erweckung Brünnhildens eine wichtige Rolle spielt, und, neu und in dieser Umgebung sehr überraschend, ein Schlummermotiv, das sich als Variante von „Schlaf, Kindchen, schlaf" darstellt. Nachdem dieses und das erste Motiv sich zu einem innigen Wiegenlied vereinigt haben, leiten geheimnisvoll dämmerige Klänge, dann lang gedehnte leise Triller zu dem zweiten Hauptmotiv über, das int „Siegfried" das Idealbild des lichten Helden, wie es vor Brünnhildens Seele steht, bezeichnete. Alsbald verbindet sich dieses mit dem ersten und steigert sich, fast als sollte Heroisches aus dem Idyllischen herauswachsen — da lenkt der Komponist mit dem fröhlich resoluten Schlußmotiv des „Siegfried" (das Motiv des „Liebesentschlusses" hat es Wolzogen getauft) und dem Zwitschern des Waldvogels in die heitere Liebeswelt zurück, die bald in strahlendster Schönheit aufleuchtet, als die beiden Hauptmotive mit der Schlummerweife des „Feuerzaubers" sich innig verflechten. Mit einem übermütigen Sprung in das Motiv des Waldvogels, das erst jetzt in seinem ganzen Umfang ertönt, schließt diese Haupt- und Prachtstelle; was folgt, leitet gemächlich in die träumerische Stimmung des Anfangs zurück. Es ist als hätte der schlummernde Knabe den ersten Traum geträumt von Welt und Heldentum; nun versinken die goldenen Bilder wieder, und nur zarter Abglanz schwebt noch um die Pforten des Tages.
Gelegenheitskompositionen wie diese werden leicht ungerecht beurteilt. Für einen ganz intimen Kreis gedacht.
voll von Beziehungen und Anspielungen, die der Welt gleichgiltig sind, bedürfen sie des Kommentars, wenn wachsendes Interesse sie schließlich doch an die Oeffentlich- keit zieht. In diesem Sinne mögen unsere Zeilen auf das nächste Konzert vorbereiten, dessen Programm neben längst weltberühmten Stücken ans „Tristan" und den „Meistersingern", und in der gefährlichen Nachbarschaft von Beethovens A.-ckur-Symphonie das bescheidene Siegfriedidyll aufweist. Wollte man es, als ein Stück absoluter Musik, mit Beethovens herrlicher Symphonie vergleichen, so würde es freilich sehr abfallen; nur wenn man auch hier den Spuren des Dramatikers nachgeht, kann man dem liebenswürdig anspruchslosen Werk gerecht werden. Ein lyrisches Intermezzo im dramatischen Gang seines Schaffens, eine heitere Skizze nach Motiven seines tragischen Weltbildes, mehr will dieses Werk nicht sein. Daß Wagner selbst es nur in diesem Sinne verstand, liest man aus den an feine Gattin gerichteten Widmungsstrophen heraus, mit denen er das Werk der Oeffentlichkeit, d. h. seinem weiteren Freundeskreis übergab:
Es war Dein opfermutig hehrer Wille, der meinem Werk die Werdestätte fand, von Dir geweiht zu weltentrückter Stille, wo nun es wuchs und kräftig uns erstand, die Heldenwelt uns zaubernd zum Idylle, uraltes Fern zu trautem Heimatland.
Erscholl ein Ruf da froh in meine Weisen:
„ein Sohn ist da!" — der mußte Siegfried heißen.
Für ihn und Dich dürft ich in Tönen danken, wie gäb' es Liebesthaten hold'ren Lohn?
Sie hegten wir in uns'res Heimes Schranken, die stille Freude, die hier ward zum Ton.
Die sich uns treu erwiesen ohne Wanken, so Siegfried hold, wie freundlich unf’rem Sohn, mit Deiner Huld sei ihnen jetzt erschlossen, was sonst als tönend Glück wir still genossen. B. 8»


