Ausgabe 
21.12.1899 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

ä"',e» fMiti

verkauf

°°*«'«. «Inrnen, zu raumen, rr WM Mn, lUf mgksetzt, Koakursverwaltimg.

"«ilund

"**« Pte 1889, -^LHu.b,88te ad.

*M*h

aren

m Etuis, Vriestaschev- zu raumen, verkaufe ich ble* 8800 MlWj 16, II.

tuiwl

Ä

arjamen Küche

Undecker, Selterßweg 2.

ienfe ganz besonders! 8352

MM

8772

«*

230$

91.70 97Ü 23.60 <ijf0

^llekieur______

II

öav^ ttt'

fesSS-

firn. ®iWlU

|0* 8W6'01 **

ji «K*1«

S

sKs

vr" .Nb

lebt ,,.

1896,

Er. 300 Zweites Blatt

Donnerstag den 21. December

1SO9

ießener Anzeiger

Heneral-AnMer

Zlints- und Attzeigeblcrtt filv den Uveis Gieren

S

nionalllch 75 Pfg. mit Bringerloha.

ZS«,ugspreis vierteljährlich

Bei Postbezug 2 Mark 50 Pf,, vierteljährlich.

Annahme von Anzeigen zu der nachmittag- für den ^vlgmvrn La, erscheinenden Nummer btS vorm. 10 Uhr.

Erscheint täglich mit Ausnahme de» Montag-.

Alle Anzeigen-verw-'Nung-stellen deS In« und LuSlanveO nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgcgau

Die Gießener AamilienSlLtter «erden dem Anzeiger wöchentlich viermal betgrltßt.

Siedaktion, Expedition und Druckerei:

Fchntstraße Ar. 7.

Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Zandwirt, Mütter für hessische DolKsKunde.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieße«.

Fernsprecher Nr. 51.

Aus dem Burenlager vor Ladysmith.

Immer mehr zerfliegt der phantastische Schleier, mit dem die Engländer ihre anfänglichen nebelhaftenSiege" über die Buren zu umgeben wußten. In kläglicher Nackt­heit tritt es zu Tage, daß alle diese sogenannten Erfolge schmähliche Niederlagen waren, und nur das Eine bleibt als Wahrheit zurück: die Unfähigkeit der Führer und die Disziplinlosigkeit der englischen Truppen. In dieser letzteren Beziehung verbreitet jetzt ein Bericht volles Licht, der dem B. L. A." von seinem im Burenlager vor Ladysmith weilenden Spezial-Berichterstatter, einem Deutschen von Geburt, aber naturalisierten Transvaaler und höherem dortigen Staatsbeamten, zugeht. Die Sendung hat beinahe zwei volle Monate gebraucht, um nach Deutschland zu gelangen.

Feldlager vor Ladysmith (Natal), 29. Oktober 1899.

Nach langem, beschwerlichem Ritt endlich ein Ruhe­tag ! Bon Dundee zogen sich die Engländer nach größeren Verlusten eiligst zurück. Die ganze HeereS- abteilung scheint aufgelöst zu sein. Selbst ihre Toten haben die Engländer unbegraben liegen lassen. Kriegspläne, Briefe, Telegramme, Gepäck, alles ist in unsere Hände ge­fallen. Und jetzt sind wir seit sieben Tagen auf dem Ver- folgungSritt begriffen. Wir sind in dieser Zeit kaum mehr aus dem Sattel gekommen, viel weniger denn aus den Kleidern. Seit einer Woche habe ich Stiefel, Rock und Hose nicht vom Leibe gehabt. Dabei der ewig strömende Regen! Die Wege sind geradezu morastig. Der Boden, auf dem man während der Nacht unter freiem Himmel, ohne Zelte und ohne Decken, einige Stunden ruht, ist völlig aufgeweicht.

Leider haben die Engländer einen großen Vorsprung. Auch fliehen sie, wie besessen und scheinen nur den einen Wunsch zu haben, aus dem Bereich der pfeifenden Buren­kugeln zu kommen. Ueberall, auf den Wegen und auf den Gebirgspässen, findet man die Spuren des flüchtenden Feindes, tote oder verwundete Soldaten, Pferdekadaver, Gepäckstücke, Waffen. Die Engländer ziehen sich nach Ladysmith zurück und wollen dort auf Verstärkung warten. Ihre regellose Flucht, die schon kein Rückzug mehr ist, deutet auf die fast gänzliche Auflösung des gesamten Truppenteils hin, der ursprünglich 6000 Mann stark war und jetzt nur noch 2000 bis 3000 zählen soll.

New Castle und Dundee sind in den Händen der Buren, ebenso im Westen Mafeking. Vor Ladysmith wird sich jetzt der Hauptkampf des ersten Teiles des Krieges entwickeln. Die Burengenerale LukaS Meyer (unter dem wir Deutsche zur Bedeckung der Artillerie stehen) und Joubert, sowie das Freistaatkommando werden sich vor Ladysmith vereinigen, und einen Vorstoß gegen die englische Armee, die in den Befestigungen rings nm die Stadt herum liegt, unternehmen. Morgen vielleicht schon werden wir wieder die Kugeln pfeifen hören. Unser deutsches Korps steht unter Komman­dant v. Quitzow, der früher preußischer Offizier war.

Wir sind überzeugt, daß wir siegen werden; denn unsere Sache ist die gerechte. Wir sind alle voller Begeisterung in den Krieg gezogen Gilt es doch die völlige Nieder­werfung des verhaßten Erbfeindes unseres geliebten Trans­vaal. Wir werden nicht eher rasten, als bis kein eng­lischer Fuß mehr auf südafrikanischem Boden steht. Es gilt ein vereinigtes Südafrika unter- eigener Flagge. Die Bevormundung seitens der hoch­mütigen Briten haben wir satt. Darum haben wir zu den Waffen gegriffen; darum werden wir bis auf den letzten Mann fechten. Ja! das Jahrhundert geht hier zu Ende unter Donner und Blitz.

Nur eines thut uns leid, daß man sich in Europa immer noch nicht ganz von der bodenlosen Gemeinheit der englischen Politik überzeugt hat und den englischen Lügen­berichten stets aufs neue wieder Glauben schenkt. Diesen Krieg hat England leichtfertig heraufbeschworen. Der Tag wird auch noch kommen, an dem in Europa die englische Heuchelpolitik durchschaut werden wird.

Ich glaube, daß ich nicht irre gehe, wenn ich annehme, daß die Engländer bis jetzt nur Siegesnachrichten heimgesandt haben. Demgegenüber kann ich nur erklären, daß die englische Armee bis jetzt stets zurückgedrängt worden ist.

Fokales und Prsvinstetles.

Gießen, 20. Dezember 1899.

** Geschichtskalender. (Nachdruck verboten.) Vor 51 Jahren, :«m 21. Dezember 1748, wurde zu Martensee bei Hannover Ludwig

Heinrich Christoph Holty gehören. Er gehörte zu dem Göttinger Hainbünde und charakterisiert sich durch den webmütigen Hauch, der durch die meisten seiner lyrischen und elegischen Schöpf­ungen zieht. Völlig zum Volkslied geworden ist sein Gedicht:lieb' immer Treu und Redlichkeit."

* Leset Zeitungen! Man kann aus ihnen nur lernen. Ueberreich ist der Stoff, der in ihnen gerade jetzt behandelt werden muß. Das wichtigste, über was die Zeitungen vor allem fortgesetzt werden berichten müssen, sind die Erläuter­ungen und Konsequenzen des mit dem 1. Januar 1900 in Kraft tretenden Bürgerlichen Gesetzbuches. Diese ungeheure Umwälzung in unserem Rechtsleben muß jeder studieren, der Jurist wie der Laie, der Bauer, der Handwerker, die selbständige Frau so gut wie der Richter und der Rechts­anwalt. Erst im Laufe der Zeit wird das Bürgerliche Ge­setzbuch durch die fortgesetzten erklärenden Zeitungsartikel populär werden. Mit der Anschaffuug eines Exemplars des genannten Gesetzes ist es noch lange nicht gethan. Aber auch sonst wird es, namentlich in der inneren und äußeren Politik zu Beginn des neuen Jahres eine unerschöpfliche Quelle des interessantesten Lesestoffes geben. Im Reichstag kommt im Januar die Flottenvorlage zur Beratung. Die Frage: wird uns die Ablehnung derselben Neuwahlen bringen? beschäftigt schon jetzt die Gemüter der eifrigeren Politiker. Der Krieg in Südafrika beginnt jetzt erst in die sogenannte schnellere Gangart zu kommen und wird sich aller Voraussicht nach noch viele Monate hinziehen. Wieviel interessante Kriegsberichte sind da noch zu erwarten. Auch für die Frauen wird die Zeitung täglich interessanter. Die Frauen­frage ist ihrem Höhepunkt nahegerückt, und nicht mehr die Frauen DDre. allein beschäftigen sich heute mit derselben. Das Verlangen nach Selbständigkeit der Frau und nach Verbesserung ihrer Lebensbedingungen ist lebendig geworden bis in die Reihen der dienenden Mädchen hinein! Der nie rastende Forschungsgeist hat in den letzten Jahren so be­deutsame Erfindungen gemacht, daß das Interesse für die­selben auch da rege geworden ist, wo man früher mit philisterhafter Geringschätzung auf dievertrakten Neuer­ungen" herabsah. Jeder, der vorwärts kommen will, muß heutzutage unterrichtet sein über die wissenschaftlichen Er­rungenschaften und die technischen Fortschritte. Hier ist es wiederum die Zeitung, aus der man ständig sozusagen auf dem Laufenden erhalten wird. Alles in allem also läßt sich mit Sicherheit annehmen, daß der Aufschwung des Zeitungswesens beim Beginn des neuen Jahres sich in noch bedeutend rascherem Tempo vollziehen wird, als bisher. Wer seine Zeitung schon hält, wird sie angesichts der bevor­stehenden interessanten Ereignisse nicht aufgeben; viele aber, die heute noch kein Blatt halten, werden nunmehr einsehen, daß die wenigen Pfennige, die sie für ein solches anlegen, ihnen das Tausendfache an nützlichem Wissen einbringen werden!

* *

** Geldstücke, die außer Kurs gesetzt werden sollen. Dem Bundesrate ist eine Novelle zum Münzgesetz mit verschiedenen Aenderungen zugegangen. Die Novelle bestimmt, daß die goldenen Fünf mark stücke mit der Frist von einem Jahre außer Kurs gesetzt werden. Ferner sollen bis 1. Januar 1902 die silbernen Zwanzigpfennig­stücke und bis 1904 die Zwanzigpfennigstücke aus Nickel eingezogen und dementsprechend die Zahl der Zehnpfennigstücke vermehrt werden. Weiter bestimmt der Entwurf eine Erhöhung des Gesamtbetrages der Reichs­silbermünzen auf 14 Mk. pro Kopf der Bevölkerung statt bisher auf 10 Mk. Das Publikum wird es hoffentlich nunmehr glauben, daß die sogenanntenkleinen Zwanziger", d. h. die silbernen Zwanzigpfennigstücke, zurzeit noch ihre volle Giltigkeit haben. In den nächsten zwei Jahren werden sie allmählich aus dem Verkehr verschwinden, da die öffentlichen Kassen kein Stück, das sie erhalten, wieder aus­geben werden.

** Die Einführung der neuen Vermögenssteuer macht umfangreiche Vorarbeiten erforderlich. Um eine richtige Grundlage für die Steuer zu gewinnen, ist das Finanz­ministerium zurzeit mit einer Neuschätzung des ge­samten Grundbesitzes im Großherzogtum be­schäftigt. Bei den landwirtschaftlichen Grundstücken wird in jeder Gemarkung für jede Kulturart und Bonitätsklasse durch einen Ausschuß, der aus vier Gemeindeknitgliedern und dem Steuerkommissar besteht, ein Mittelwert festgestellt, der als Durchschnittswert gilt. Bei Gebäuden sollen der Veranlagung der Brandversicherungswert und der Miet­ertrag zugrunde gelegt werden.

* Zn Amerika verstorbene Hessen. In Hazleton, Pa.

John Heiser, 50 Jahre alt, aus Hessen-Darmstadt. In Newyork: Max L. v. Guaita, 26 Jahre alt, aus Frankfurt a. M. In Baltimore, Md.: Nikolaus Balzer, 73 Jahre alt, aus Mittelrode. In Berkin, Can., Adam Gildner, 78 Jahre alt, aus Grebenau. In Stratford, Can., John Bernhard, 70 Jahre alt, aus Birkenau. In Liverpool, N.-A-, Witwe Maria Fischer, geb. Risler, 84 Jahre alt, aus Eich. In Belleville, Jll.: Karl G. Sauer, 43 Jahre alt, au« Bieber. In Leonore, Jll.: Johann Schütz, 82 Jahre alt, aus Hessen-Nassau. In Jenera, O.: Frau Mar­quardt, geborene Kochler, 73 Jahre alt, aus Auerbach. In Washington, D. C.: Christian Exel, 64Jahre alt, aus Wolfsheim. In Van Buren Township, O.: Peter Steinmann aus Ellenbach.

V. Ans dem Vogelsberge, 19. Dezember. Kürzlich hat sich jemand in einem unserer Lokalblätter darüber beklagt, daß der Distrikts-Einnehmer in Ulrichstein die Leute weg­geschickt habe, die gekommen waren, ihre Flurbeschädigungs­gelder in Empfang zu nehmen, und es wäre den Empfängern der Bescheid geworden: der DistrikSeinnehmer brächte die Anweisungen mit auf die Erhebungen, wo die Gelder erst zur Auszahlung kämen. Es wurde gefragt: ob der Herr Distrikts-Einnehmer dazu berechtigt wäre? Das ist er wirklich. Die Militärbehörde verlangt nämlich, daß die Unterschriften der Empfänger ortsgerichtlich be­glaubigt werden müssen. Dies geschieht an den betreffenden Orten, wo die Empfänger wohnen und wo sie ihre Namen in die Abschätzungslisten eintragen, und worauf alle Unter­schriften auf einen Schlag von dem dortigen Bürgermeister beglaubigt werden können. In Ulrichstein würde die Be­glaubigung umständlich und kostspielig sein. Der Herr Distrikts-Einnehmer hat also ganz im Interesse der Em­pfänger gehandelt, und dafür können sie sich schon noch ein paar Tage gedulden.

A Gedern, 19. Dezember. Ein schreckenerregender Fall ereignete sich gestern abend hier. Der dreizehnjährige Sohn des hiesigen Kaufmanns Blumenthal war tagsüber mit Schulkameraden mit Schlittenfahren beschäftigt und abends noch zur Hilfe seines Vaters im Laden. Gegen 10 Uhr sollte er zu Bette gehen, legte sich jedoch anstatt dessen auf ein im Wohnzimmer stehendes Sopha und zwar auf das Gesicht. Da gewöhnlich Herr Blumenthal vor Weihnachten und speziell diesen Abend in seinem Laden stark beschäftigt war, so befand sich niemand seiner Ange­hörigen im Wohnzimmer. Einige Zeit darnach kam die Ehefrau desselben, um etwas zu holen, in das Wohnzimmer und fand ihren Sohn erstarrt da liegen. Sofort kam die ganze Familie durch Hilferufen herbei. Das Kind war beinahe am Ersticken. Infolge des Liegens auf dem Ge­sicht und Beengung des Halses durch den Kragen war die Atmung erschwert geworden und zeigte das Kind starre Augen, blaue Farbe im Gesicht und Schaum vor dem Munde. Sofort wurden die nötigen Wiederbelebungsver­suche durch Reiben u. s. w. angestellt, auch wurde gleich­zeitig der Arzt gerufen, welcher auch bald zur Stelle war, jedoch hier leider wenig thun konnte, und gelang es trotz aller Mühe erst das Kind in etwa einer Stunde zum Be­wußtsein zu bringen. In nur noch wenigen Minuten wäre das Kind andernfalls unrettbar verloren gewesen.

+ Herchenhain im Vogelsberg, 18. Dezember. Die seit einiger Zeit hier bestehende Filiale der Zigarren­fabrik Biermann & Ließner aus Hamburg hat seit gestern morgen 7 Uhr ihre Thätigkeit eingestellt. Es soll dem Vernehmen nach an schlechter Fabrikation der Arbeiter hängen. Es lagert noch ziemlich Rohtabak hier, und man ist neugierig, was daraus werden soll. Die Ar­beiter (meistens junge Mädchen von hier), welche es sich von Anfang an angelegen sein ließen, diese Fabrikation zu er­lernen, sind nun in ihrem Geschäft geschädigt, da sie das Zigarren-Wickeln vergeblich gelernt haben. Allgemein wurde schon zum Anfang prophezeiht, daß diese Fabrikation hier nicht bestehen könne, denn wenn auch die Arbeitslöhne hier sehr billig sind, so kostet doch der Transport an Fracht, Fährlohn, Porto u. s. w. von Hamburg nach hier und zu­rück viel Geld, da auch unser Ort noch ca. 2 Stunden von der nächsten Bahnstation Gedern entfernt ist.

Ilbeshausen, 18. Dezember. An dem Bahnbau Lauterbach-Grebenhain ereignete sich bei BauloS Nr. 4 folgender noch ziemlich gut abgelaufener Unglücks­fall. Es waren mehrere Arbeiter mit dem Sprengen vor Steinmassen beschäftigt, als plötzlich eine Dynamitpatrone explodierte, in dem Moment, als noch in dem Bohrloch