Dienstag den 2t November
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* Bom Kaiser und vom Volk.
Gießen, 20. November 1899.
Als einst in heftig erregter Zeit der Wunsch des deutschen Volkes nach einer geregelten, parlamentarischen Vertretung sich erfüllte und die Erwählten zuerst zur eifrigen Verhandlung zusammentraten, da schien das Schwergewicht des politischen Interesses der Krone genommen und auf die Volksvertretung übertragen worden zu sein. Aber diese Illusion hat nicht allzulange gewährt, sie ist vollständig zerflossen heute, wo der Träger der Krone in vollbewußter Absicht und mit bewundernswerter Konsequenz die Rechte des Souveräns immer wieder betont und durch seine eigengeartete Persönlichkeit es erreicht hat, daß die Aufmerksamkeit des Volkes in unvergleichlich höherem Maße seinen Handlungen folgt, als den zerflossenen, kaum zu positiven Erfolgen vordringenden Verhandlungen des deutschen Reichsparlamentes. In demselben Verhältnis, in dem die Krone dem Ideal vergangener Zeiten, der erneuten Verkörperung eines patriarchalisch waltenden Absolutismus näher gerückt ist, in demselben Verhältnis ist auch die Bedeutung der Minister als maßgebender, selbständig beratender Faktoren gesunken, und mit ihr zugleich die Bedeutung der Parlamente, die sich eben mit dieser zweiten oder dritten Garnitur begnügen müssen. In dem Worte, das Eugen Richter bei seinem Jubelfeste in Hagen sprach, daß ihm Fürst Bismarck als Gegner fehle, steckt ein richtiges Empfinden: Erst die Bedeutung und Größe des Gegners weckt in vollem Maße die eigenen Fähigkeiten.
Aber gerade weil cs so ist, weil die Persönlichkeit des Monarchen mehr und mehr in den Vordergrund tritt und Einfluß gewinnt auf alle Gebiete des öffentlichen Lebens, sollten ernsthaste Männer sich vor dem Versuche hüten, durch sklavische Zustimmung oder durch wohlberechnete Schmeicheleien auf den Kaiser zu wirken. Auch gesunde Naturen müssen geschädigt werden, wenn nur Schmeichelei und bereitwillige Dienstfertigkeit sich ihnen nähert und der Byzantinismus hat noch immer schnellfaulende Früchte getragen. „Dem Zauber und der Wucht des persönlichen Auftretens unseres Kaisers ist es zu verdanken, daß sich uns im Oriente eine grandiose Perspektive eröffnet, so schreibt ein Berliner Journal, das sich rühmt, die beliebteste Lektüre des Hofes zu bilden. Und es fährt fort: „Bedeutsam ist auch das anscheinend kleine Intermezzo, als der Kaiser beim Besuch der „Iphigenie" in neutralem Gewässer sozusagen französischen Boden betrat und ein begeistertes Echo erweckte!" Wir freilich und auch Andere, deren Selbstgefühl nicht erstorben ist, sind der Meinung, daß nicht die Pilgerfahrt nach Jerusalem „grandiose Perspektiven" im Orient eröffnete, wir stehen mit kühler Skepsis dem Tage von Damaskus und den Hymnen gegenüber, die damals den Helden des Islams erklangen. Wir meinen, daß deutscher Fleiß und deutsche Arbeit, daß die Kraft und solide Tüchtigkeit der Nation das Ansehen begründet haben, dessen wir unter fremden Völkern uns erfreuen dürfen, nicht aber die „Wucht des persönlichen Auftretens" eines Einzelnen, und sei er selbst der begabte und sympathische Träger der Krone. Aber es ist die alte Maxime der Byzantiner, den Herrscher heimlich in den Gedanken zu vertiefen, daß Alles durch ihn und nichts durch das Volk geschehe, daß dort, wo die Spuren seiner Schritte sich in den Sand des Weges drücken, Oelbäume und Feigenbäume und bunte Blumen aufsprießen. Und es ist nur folgerichtig, wenn die Selbft- demütigung der politisch Entmannten den Schluß zieht, daß auch die gewaltigen Leidenschaften, welche die Völker von einander trennen und sie in jene Gegensätze drängen, die oft durch Jahrhunderte die Geschichte bestimmen, ausgelöscht werden können durch Glückwunschschreiben und Beileids- depeschen und höfliche Besuche. Das begeisterte Echo, das in Frankreich erwacht ist, ist längst verhallt, wenn anders es jemals erweckt wurde, und auch der gepriesene Tag der „Iphigenie" wird uns nicht davor schützen, Frankreich stets in der Reihe unserer offenen oder heimlichen Gegner zu finden.
Jede Schmeichelei bildet in Wahrheit eine Insolenz, und wenn der Strafparagraph, der von der beleidigten Majestät handelt, einer Erweiterung bedürfte, so wäre sie nach dieser Richtung gegeben. Denn die Schmeichelei rechnet mit der Eitelkeit zugleich und mit der Urteilslosigkeit. Wenn von dem „sehnsüchtigen Herüberblinzeln der edlen Aankees von den Ufern des Hudson zum schönen Strand der Spree" gesprochen wird, daß „tausend Hände sich huldigend aus- strccken würden, wenn auch nur eine Fingerspitze hinüber-
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Lokales und UrovinsieUes.
Gießen, den 20. November.
*♦ GeschichtSkalenver. (Nachdruck verboten.) Vor 297 Jahren, am 20. November 1602, wurde in Magdeburg der Physiker OUo v. Guericke geboren, der Erfinder der Lufipump--, Lustwage, der Wassermannchen und Elektrisiermaschine. Bekannt sind auch die Guericke'schen Ha'bkugeln, die, luftleer gemacht, bud) die Schwierigkeit deS Vonetnanderreitzens die Stärke des Luftdruckes beweisen. G. starb am 11. Mai 1686 in Hamburg.
— Vor 88 Jahren, am 21 November 1811, endete durch Selbstmord am Ufer des WannseeS bei Potsdam der Dichter Heinrich Kleist. In den weitesten Kreisen wurde er durch sein Nttter- schauspiel „Das Kälchen von Heilbronn" bekannt. Eine echt vaterländische Gesinnung offenbart er in seinem Schauspiel „Die Hermannsschlacht". Als Prosaist bewährte er sich in der Erzählung „M.chael Kohlhas". K. wurde am 18. Oktober 1777 zu Frankfurt a. d. O. geboren.
** Verleihungen. Seine Königliche Hoheit der Groß- Herzog haben geruht, dem Feldbereinigungs-Kommissär für die Provinz Oberhessen, Kreisamtmann Karl Süffert zu Friedberg, den Charakter als Regierungsrat zum 1. Dezember l. I. zu erteilen und dem Bürgermeister Konrad Brücke! V. zu Lang-Göns das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift : „Für langjähige treue Dienste" am Bande des Philipps-Ordens zu verleihen.
•• Aus dem Gerichtsdienst. Durch Entschließung Groß, herzoglichen Ministeriums der Justiz wurde der Gerichtsassessor Brehm in Mainz mit Wahrnehmung der Dienstverrichtungen eines Staatsanwalts am Landgericht der Provinz Rheinhessen und der Gerichtsassessor Bechtold in Mainz mit Wahrnehmung der Dienstverrichtungen eines Amtsanwalts bei dem Amtsgericht Mainz beauftragt.
•* Militärdienst Nachrichten. Noack, DwisionSpfarrer der Großherzogl. Hess. (25.) Division in Darmstadt, zur 22. Div. behufs Wahrnehmung der Geschäfte als Militär- Oberpfarrer nach Kassel zum 15. November d. I. versetzt. Neudörffer, Divisionspfarrer von der 36. Division in Danzig, zur Großh. Hess. (25.) Division nach Darmstadt zum 1. Dezember d. I. versetzt.
** Von hessischen Behörden werden steckbrieflich verfolgt: Schuhmacher Konrad Braun aus Köln Riehl wegen Körperverletzung vom Großh. Amtsanwalt zu Bingen; Viehwärter Johann Heierle aus Gais wegen Körperverletzung, Reisender Sigmund Oskar Stein aus Offenburg wegen Betrugs, Former Karl Seise aus Kaiserslautern wegen Körperverletzung und Dienstmagd Marie Dirigo aus Stettin wegen 'Betrugs, sämtlich vom Großh. Amtsanwalt zu Worms; Schneidermeister Konrad Horn aus Offenbach und Schuhmacher Johann Adolph Correckt aus Krähwinkel, beide wegen Strafvollstreckung vom Großh. Amtsgericht Offenbach; Dienstmagd Philippine Koch aus Kaiserslautern wegen Unterschlagung, Reisender Jakob Schuster aus Mainz wegen Betrugs und Schiffer Hermann Morell aus Roth wegen Sachbeschädigung, sämtlich vom Großh. Amtsanwalt zu Mainz; Steinhauer Wilhelm Lagmotte aus Alsenz und Margaretha Schott aus Hintersteinau, beide wegen schweren Diebstahls von Großh. Staatsanwaltschaft Mainz; Buchdruckereigehilfe Karl Reiß aus Frank« fnrt a. M. wegen Körperverletzung und Metzger Friedrich Wilhelm Affemann aus Erbach i. O. wegen Bettelns, beide vom Großh. Amtsanwalt zu Groß Umstadt; Bergmann Peter Schläppi aus Lenk in der Schweiz wegen Hausfriedensbruchs vom Großh. Amtsgericht Hungen; Anna Spyhalowiz aus Posen wegen Diebstahls und Unter- schlagung von Großh. Staatsanwaltschaft Gießen; Dienstknecht Konrad Bocke! aus Balken und Arbeiter Philipp Wohnsiedler aus Eisenberg, beide wegen Diebstahls vom Großh. Amtsanwalt zu Mainz; Fuhrmann Franz Groß aus Waldersweiher, Taglöhner Philipp Kr au s aus Mainz, Schmied Johann Emil Ludwig Schuler aus Idstein und Agent Heinrich Lach mann aus Roßdorf, sämtlich wegen Strafvollstreckung vom Großh. Amtsgericht Mainz; Dienstknecht Karl Stabe! aus Ossenheim, Dienstknecht Daniel Michel aus Mauchenheim, Friedrich Emil Hartung aus Gungelstadt, Dienstknecht Hermann Wey aus Gungelstadt und Schneidergeselle Friedrich Karl Klamm aus Neuhofen, sämtlich wegen Strafvollstreckung vom Großh. Amtsgericht Alzey.
** Offiziös wird in der „D. Z." mitgeteilt: Die im „Regierungsblatt Nr. 56" von gestern (15. November) veröffentlichte Verordnung, die Zustellungen und Behändigungen betr., vom 12. November 1899, enthält eine für die zukünftigen Dienst- und Einkommensverhältnisse der Gerichtsvollzieher wichtige Bestimmung. Bisher ist ein großer Teil der Zustellungen, welche von Amtswegen
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frhfieint täglich mi: Ausnahme de- MsntagS.
Die Gießener Alamilleuv lälte r »erden dem Anzeiger »öchenttich viermal beigelegt.
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gereicht würde", so streitet die Geschmacklosigkeit mit der Unaufrichtigkeit um den Preis. Wenn aber der Besuch der Königin von Holland in Berlin und die Sendung des Prinzen Albrecht an den jungen Königsknaben von Spanien und gar „das Bedürfnis des Kronprinzen von Schweden, am Kaiserlichen Hofe vorzusprechen", als gewaltige, politische Stimmen, als „Stein auf Stein an dem Riesenbau" bezeichnet werden, den „unser Kaiser mit fester Hand aufführt", so liegt in solchen Versuchen, das Unbedeutende als wichtig hinzustellen, auch die offensichtliche Absicht, dasVolk über wahrhaft ernste Fragen hinwegzutäuschen, eS blindzumachengegenseinewirklichenJnteressen, ihm Flitter und Tand statt echter Steine zu geben. Und in der That fand man überall dort, wo diese Gepflogenheiten zur holden Gewohnheit wurden, nicht ein Wort der ernsten Warnung, der Sorge, daß die Kaiserfahrt nach England schädigend zurückwirken könne auf die Stellung Deutschlands im internationalen Leben, und mit billigem Spott überschüttet man alle, die nicht mit begeisterten Hymnen ein Unternehmen preisen, dessen Erfolg im besten Falle nur darin bestehen kann, daß nichts besprochen, nichts abgeschlossen, nichts an dem Bestehenden geändert wird. (Vgl. Deutsch. Reich.)
Es giebt eben kein Ding zwischen Himmel und Erde, das so widersinnig wäre, daß es nicht von lohnbegierigen Federn verteidigt und am letzten Ende sogar als der Weisheit höchster Schluß gepriesen würde. Vor wenigen Tagen, als gemeldet wurde, daß auch Graf Murawjeff mit dem Zaren zugleich in Potsdam eintreffen werde, da wurde in demselben Atem verkündet, jetzt sei es klar, welch tiefe politische Bedeutung dem russischen Besuch beizumessen sei, und alle Weltgegenden hallten wieder von Andeutungen über staunenswerte Erfolge, die einmal erreicht würden. Wenn aber unser Murawjeff, Graf Bülow, nach London geht, so ist dies „erst recht" ein Zeichen dafür, daß die Kaiserfahrt nur eine harmlose Vetternreise sei, und wer daran zweifelt, wird ein Thor gescholten.
Und während die Aufmerksamkeit der Nation gespannt gerichtet ist auf die Ereignisse des Welttheaters, tagt der Reichstag geruhig und still in Wallots prunkhastem Bau, und die Hallen tönen wieder von gewichtigen Reden über Postvorlage und Telephongebühren. Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und wenn man einst das Tagen der Parlamente ernst verfolgte, so ist man heute schon müde, wenn sie zusammentreten, nicht das Volk allein, sondern auch seine Erwählten. Und trotz der Freifahrtkarten folgen nur wenige Dutzend dem Lockruf des Grafen Ballestrem.
Stimmungsbild aus dem Hteichstage.
(Nachdruck verboten.)
vd. Berlin, 18. November 1899.
Oede und leer sah es heute in dem prächtigen Reichshause am Königsplatz aus. Die auswärtigen Abgeordneten hatten wohl bei der gerade nicht sehr bedeutungsvollen Tagesordnung den heutigen Tag meistens zur Heimreise benutzt, und nur ein kleines Häuslein war zurückgeblieben.
Als Nachtrag zu dem gestern erledigten Postgesetz wurden heute noch 5 Resolutionen fast einstimmig angenommen, fromme Wünsche, die sich auf die Regelung des Zeitungsbestellgeldes und der Zeitungsüberweisungen, ferner auf Portoermäßigung für Geschäftspapiere und auf billige Entschädigung der kleineren Privatpostanstalten bezogen, und denen gegenüber Herr v. Podbielski freundliches Entgegenkommen verhieß.
Die neue Fernsprechgebührenordnung, deren 2. Lesung daran folgte, wurde verhältnismäßig schnell erledigt. Auf die in der ursprünglichen Regierungsvorlage enthalten gewesene Grund- und Gesprächsgebühr wurde gar nicht mehr zurückgegriffen, sondern die von der Kommission beschlossene abgestufte Bauschgebühr gutgeheißen. Danach beträgt die Jahresgebühr bei Netzen von nicht über 50 Teilnehmeranschlüssen 80 Mk. und steigt bei über 50 bezw. 100, 200, 500, 1000, 5000 und 20 000 Teilnehmeranschlüssen auf 100, bezw. 120, 140, 150, 160, 170 und 180 Mk. Es ergibt sich also für die kleineren Ortschaften eine sehr bedeutende Verbilligung, die wohl geeignet ist, neue Netze entstehen zu lassen. Die Angeschloffenen der großen und auch noch der bedeutenderen mittleren Städte werden dagegen etwas mehr zahlen muffen als bisher. Abg. Müller-Sagan (frs. Vp.) bemühte sich zwar, die Sätze auf 50 bis 150 Mk. herabzudrücken, fand aber dabei heftigen Widerstand seitens des Staatssekretärs, der einen Ausfall von 8 Millionen davon befürchtet, und Unterstützung nur bei seinen weiteren Parteifreunden und den Sozialdemokraten. Interessant war es, daß Herr v. Podbielski sich auf Amerika und England, wo die Gebühren viel höher, und Dr. Müller auf Skandinavien, wo sie viel niedriger seien, berief. Für die Klassifizierung der Orte ist nach dem neuen Gesetz die Zahl der Anschlüsse zu Anfang des Jahres maßgebend. Stellt sich dabei eine Erhöhung der Gebühr als notwendig heraus, so tritt diese am 1. April ein, doch haben die Angeschloffenen dann das Recht der einmonatigen Kündigung znm 1. April. Abg. Gamp verzichtet auf einen Versuch, noch besondere Vorteile für das platte Land heravszuschlagen, nachdem vom Regierungstische entgegenkommende Zusicherungen gemacht worden waren. Am Montag beginnt die 2. Beratung der Zuchthausvorlage, die wohl die ganze Woche beherrschen wird.
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