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Rr. 248 Zweites Blatt Samstag den 21 Oktober
1899
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Graüsdeilagen: Gießener FamMMStter, Der hessische Kandwirt, glätter für hessische VtNKskMde.
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xx Die Samoafrage.
Die letzten aus der Südsee eingelaufenen Meldungen besagen, daß auf den Samoa-Inseln immer noch nicht diejenige Ruhe und Ordnung herrscht, durch welche allein die deutschen Interessen gesichert erscheinen können. Die Drei- Herrschaft auf den Inseln wird ihre Nachteile niemals verleugnen, und Deutschland wird über kurz oder lang daran gehen müssen, ein Definitivum zu schaffen, bei welchem es nicht mehr, wie bisher von seinem Konkurrenten beiseite geschoben wird. Wer da glaubte, die nach Samoa entsandte Kommission der beteiligten drei Mächte werde dauernde Erfolge erzielen, war in einem Irrtum befangen; jedenfalls haben diejenigen Recht behalten, welche der Entsendung der Kommission von vornherein pessimistisch gegenüberstanden. Erfreulich war es, daß die deutsche Regierung das ungesetzliche und brutale Auftreten der Kommandanten des englischen und amerikanischen Geschwaders vor Apia so energisch zurückgewiesen und ihren Anschauungen mit Nachdruck Geltung verschafft hatte. Man hatte bei uns an maßgebender Stelle auch zu berücksichtigen, daß das Streitobjekt einen wirklichen Kampf mit den beiden anderen Mächten nicht wert sei, ganz abgesehen davon, daß wir mit unseren Streitkräften zur See den Gegnern nicht gewachsen waren. Deshalb war unsererseits mehr als die Entsendung der Kommission nicht durchzusetzen.
Die letztere hatte zwei Aufgaben zu erfüllen: Die Wiederherstellung der Ruhe auf den Inseln und die anderweitige Ordnung der Verwaltung. Die erstere machte nicht viel Schwierigkeiten, denn als die Eingeborenen sahen, daß das sinnlose und ungerechte Auftreten der englischen und amerikanischen Geschwader zu Ende war, da stellten sie von selbst die Feindseligkeiten ein und erklärten, den Frieden wahren zu wollen. Die Neuregelung der Verwaltung begegnete jedoch um so größeren Schwierigkeiten. Bekanntlich schaffte man das Königtum ganz ab, um den immerwährenden Kämpfen der Prätendenten auf den Thron zu begegnen, aber dafür setzte man ein sehr kompliziertes Regiment der drei Konsuln ein, das wohl für den Augenblick der Verlegenheit abhelfen, aber niemals eine dauernde Institution bleiben konnte. Dies wird durch die Thatsachen bestätigt; denn Kenner der samoanischen Verhältnisse sehen baldige neue Unruhen und Wirren voraus, wenn nicht das Regiment auf den Inseln in die Hände einer Macht gelegt werde.
Bekanntlich überwiegen auf Samoa die deutschen Interessen ganz erheblich und sie sind deshalb beim Ausbruch neuer Wirren mehr gefährdet, als diejenigen anderer
Nationen. Sie zu wahren, ist eine Pflicht der deutschen Negierung, welche keinen Grund hat, eine definitive Regelung der Samoafrage noch weiter hinauszuschieben, weil vielleicht England jetzt in Südafrika zu sehr engagiert ist, um seine Aufmerksamkeit auf die Südsee richten zu können. Gerade der jetzige Zeitpunkt erscheint für uns geeignet, zu unserem Rechte zu kommen, denn es steht unzweifelhaft fest, daß Deutschland den größten Anspruch darauf hat, die samoanischen Angelegenheiten in seine Hände gelegt zu sehen. Deshalb sollte unsere Regierung den günstigen Moment nicht verpassen und greifen nach dem, was uns schon von Rechts wegen zukommt.
Kskslrs Md KrsvwzieLes.
Gießen, 20. Oktober 1899.
** Telephonisches. Auch in Deutschland, dem in dieser Beziehung andere Länder schon lange vorangegangen sind, wird mit der Einführung des regelmäßigen telephonischen Nachtdienstes vorgegangen. Zunächst handelt es sich allerdings nur um Berlin, aber man darf wohl erwarten, daß andere Städte bald folgen werden und daß auch die Ausdehnung des Nachtdienstes auf den telephonischen Verkehr mit anderen Städten in die Wege geleitet wird. Wenn die erforderlichen neuen Apparate bis dahin fertig werden, soll der Nachtdienst in Berlin, wie der „Lok.-Anz." mitteilt, schon am 1. November ausgenommen werden. Um einer mißbräuchlichen Benutzung der Einrichtung vorzubeugen, wird für jedes bei Nacht geführte Gespräch von dem Inhaber des Anschlusses eine Gebühr von 20 Pfg. erhoben. Dafür kann von jedem Berliner Teilnehmer (nicht auch der Vororte) der Nachtdienst in Anspruch genommen werden, ohne daß es einer besonderen Anmeldung bedarf. Der Nachtdienst wird ausschließlich von den Fernsprechgehilfinnen versehen. Die Aufsicht führt die jeweilige dienstälteste Beamtin, während männliches Aufsichtsperson«! bei Nacht nicht in Thätigkeit tritt. Zum Schutze der jungen Damen wird eine besondere Verbindung mit dem Pförtner des Amtsgebäudes hergestellt. Die Damen treten ihren Dienst abends an und verlassen des morgens das Amt, sodaß sie nicht genötigt sein werden, bei Nacht die Straße zu betreten. Auch wird ihnen Gelegenheit geboten werden, während des Dienstes der Ruhe zu pflegen, soweit sie nicht durch die Herstellung der Anschlüsse in Anspruch genommen werden. Die Einrichtungen für den Nachtdienst sind so getroffen, daß der ganze Dienst vom Tische der Aufsichtsbeamtin aus gehandhabt werden kann. Es wird dort ein Schrank aufgestellt, dessen einzelner Anschluß je einem Teilnehmerschrank
des ganzen Amtes entspricht. Ruft ein Teilnehmer, so fällt am Aufsichtstisch eine Klappe, welche den Schrank anzeigt, dessen Teilnehmer gerufen hat. Gleichzeitig ertönt ein Glockensignal.
** Verband Deutscher Handlungsgehilfen. (Eingesandt.) Das 100 000. Mitglied hat der im Jahre 1881 begründete Verband Deutsche Handlungsgehilfen zu Leipzig jetzt ausgenommen. Dieses freudige Ereignis ist zugleich ein beredtes Zeugnis der Anerkennung bewährter Einrichtungen und zielbewußter Bestrebungen des Vereins für die Wohlfahrt der kaufmännischen Berufsgenossen in ganz Deutschland. Hat die deutsche Presse fortgesetzt in den verflossenen 18 Jahren den Entwicklungsgang des Leipziger Verbandes verfolgt und weiten Kreisen zur Kenntnis gebracht, so nimmt sie auch heute lebhaften Anteil an dem ehrenvollen Abschnitte in der Geschichte des Verbands. Das bei der Gründung aufgestellte Programm ist nicht nur in allen Teilen ausgeführt, es ist sogar noch erweitert worden und alle Wohlfahrts Unternehmungen des Verbandes stehe« in der besten Blüte. Man wird ein Stück Sozialpolitik erblicken, wenn man diese Vereins-Thätigkeit überschaut. Ueberall das Streben, die wirtschaftliche Lage der Berufsgenossen zu verbessern, den Mitgliedern in den Notfällen des Lebens helfend und fördernd zur Seite zu stehen. Durch die Stellenvermittlung wurden 30800 Handlungsgehilfen in allen Lebensaltern in den verschiedensten Stellungen bis in die höchsten hinauf, untergebracht. Bei dem Rechtsschutz haben sich viele Tausend Auskunft und Belehrung geholt, und Hunderten hat der Verband durch seine Vermittelung bei den Prinzipalen oder durch seine Vertretung bei Gericht den verweigerten Gehalt und Zeugnisse verschafft. Wieviele Sorgen und Not sind gelindert worden, bei den 893 Mitgliedern, die Mk. 47197.45 Unterstützung bei Stellenlosigkeit erhalten konnten. Der Verband hat die Unterstützungsfrage immer ernst und nüchtern, ohne alle Phrasen, erwogen, er hat sich ferngehalteu von Bestrebungen zur Einführung von Versicherung gegen Stellenlosigkeit, da er sie bei den wirtschaftlichen Verhältnissen der Handlungsgehilfen und ohne staatlichen Zwang und Unterstützung für unausführbar erklärt. Die vom Verbände errichteten besonderen und selbständigen Kassen gehören zu den bedeutendsten ihrer Art in Deutschland und haben wesentlichen Einfluß auf die Lebenshaltung der daran beteiligten Handlungsgehilfen. Die Kranken- und Begräbniskasse umfaßt 19000 Mitglieder und 450000 Mk. Vermögen und zahlte bisher 2800000 Mk. Krankenunterstützung in den verschiedenen Formen und Begräbnisgelder aus. Die Wittwen- und Waisenkasse
Feuilleton.
Berliner Brief.
(Plaudereien aus der Kaiserstadt.)
(Nackdruck verboten.) Berliner Fremdeukolonien. — Unsere „lieben Vettern" von jenseits des Kanals. — Englische Krankheiten. — Hoch
Transvaal! — Lustiges von der neuen Markgrafeustraße.
Wer mit aufmerksamen Ohren durch das betäubende Geräusch der Leipziger- oder Friedrichstraße wandert, kann, wenn der Zufall ihn begünstigt, in einer einzigen Viertelstunde die Mehrzahl der europäischen Sprachen zu hören bekommen. Und ein par Brocken krauses Chinesisch, hurtiges Japanisch oder klang und würdevolles Arabisch bekommt er als Draufgabe! Man spürts, daß die Wintersaison beginnt; denn die ausländischen Herrschaften, die an den Freuden derselben teilzunehmen gesonnen sind, haben sich »ach und nach eingestellt. Es ist kein kleiner Kreis, der sich in den eleganten Quartieren von Berlin W eingenistet hat, weitaus größer ist jedoch die Anzahl der Ausländer, die zur Vervollkommnung ihres Wissens und Könnens in der deutschen Hauptstadt leben oder sich hier mit mehr oder weniger Glück im Kampfe umS Dasein eine Existenz gegründet haben. Berlin hat Theehandlungen, die von Chinesen gegründet und geleitet sind; man kann hier echte Japan-Waren von ebenso echten Japanern kaufen; es giebt feurige Spanier, die mit ihren glutvollen Weinen aufmarschieren, und Schweden, die uns auf den mühevollen Wegen der echten schwedischen Heilgymnastik und Massage das Leben und — die Börse erleichtern. Viel häufiger, ,ls man für gewöhnlich annimmt, tauchen auch Franzosen,
zumal Kaufleute, auf dem Pflaster Berlins auf, und es ist eine Beobachtung, die sich nicht wegleugnen läßt: die fröhliche, beinahe liebenswürdige Art unserer noch immer leise grollenden westlichen Nachbarn erobert ihnen überall die Herzen der Berliner. Daher kommt es auch, daß französische Bühnengrößen, Sportsmeister und Künstler von Jahr zu Jahr zahlreicher bei uns auftreten, und immer herzlicher willkommen geheißen werden. Wesentlich anders stellt sich das Verhältnis des Spree-Atheners zu unseren „lieben Vettern" von jenseits des Kanals. Es giebt in England sicher einen ebenso großen Prozentsatz guterzogener Menschen wie in Frankreich; aber sie haben scheinbar keine Sehnsucht nach Deutschland oder fie lassen ihre angenehmen Eigen schäften als überflüssiges Reisegepäck drüben in London: denn niemand ist anspruchsvoller in Berlin, als der Durchschnittsengländer ; niemand nimmt weniger Rücksicht auf seine Mitmenschen im Koupee, auf der Straßenbahn und auf den Spreedampfern, als der Sohn Albions, und wer das Unglück hat, einen der Selbstbewußten dieser Nation neben oder über sich wohnen zu haben, der darf getrost Abschied von der Nachtruhe, wie vom Mittagsschlaf, von geistiger Arbeit oder träumerischem Nichtsthun nehmen. Das englische Wort: „Mein Haus ist meine Burg!" wird von den forschesten unserer stolzen Vettern für den Kontinent in: „Meine Wohnung ist mein Manöverfeld!" verwandelt, denn das Pfeifen und Singen, Trampeln und Poltern nimmt Tag und Nacht kein Ende.
So groß auch englischer Einfluß auf die Entwicklung der Körperpflege durch die schnell beliebt gewordenen Ballspiele rc. gewesen ist, sodaß man zu Zeiten, besonders im Hinblick auf das ebenso rohe wie unästhetische „Fußball", von den in Deutschland grassierenden englischen Krankheiten reden konnte, so unbeliebt sind die Herren Engländer selbst
geblieben, und nirgendwo regt sich ein Zeichen von Sympathie für sie in dem unverfroren begonnenen Kampf gegen die Buren, die englischer Habgier und Hinterlist endlich mit den Waffen in der Hand entgegengetreten sind. Höchstens mag an der Börse ein profitsüchtiges Jobberherz für England schlagen: der ehrliche Berliner wünscht der Nimmersatte« Sippe, die den Streit begonnen, mehr oder weniger verblümt die Jacke voll, und an bewegten Tafelrunden schwingt manch ein zungengewandter Zecher gegen Mitternacht eine nicht immer ganz logische Rede mit dem allseitig warm begrüßte« Schluß: Hoch Transvaal! —
In der „neuen Markgrafeustraße", wie der Berliner die vom Kaiser mit Bildhauerwerken geschmückte Siegesallee getauft hat, rüsten zwei Meister zur Enthüllung der vo« ihnen geschaffenen Denkmäler Friedrich Wilhelm III. und Georg Wilhelms. Es wird damit die noch fast leere Ostseite der Allee endlich auch an die Reihe kommen. „Det war bis jetzt nämlich Oswald Nier'en seine Seite!" erklärte ein fideler Urberliner letzten Sonntag seiner staunenden Gattin, und auf ihre verwunderte Frage: „Wieso denn, Fritze?" sagte er trocken: „Hergott, wieso! Det siehst« doch: die Ungegypste!" Als sie ihm ihr Erstaunen über den „neuen alten Fritzen" aussprach, dem doch vor dem Palais des alten Kaisers schon ein Denkmal errichtet sei, münzte er das gescheite Wort: „Olle Fritzen könne« wir jar nich jenug haben!" und die nachdenkliche Haltung Ottos des Faulen, der seinerzeit die Mark gegen ein Jahrgehalt an die Luxemburger abtrat, verdolmetschte er ihr, als sie fragte, worüber dieser „olle Miesepeter eigentlich simmelire", mit der drolligen Bemerkung: „Ick jede ’n blanken Dahler zum Besten, wenn ick bloS wüßte, wie ick hier zu'n Denkmal gekommen bin!" — Leider verschwand der Biedere alsdann im Gewühle. A. R.


