Nr. 248 Erstes Blatt.
Samstag den 21 October
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AmtlicherMl.
Bekanntmachung,
betreffend: Bildung einer öffentlichen Waffergenoffenschaft in Flur I und II der Gemarkung Steinheim.
An der rubrizierten Waffergenoffenschaft sind nach den Akten 175 Grundbesitzer mit 47,8238 ha Fläche beteiligt.
Bei der am 4. d. Mts. stattgehabten Verhandlungstagfahrt hat sich niemand gegen das Unternehmen erklärt; auch wurden Einwendungen von feiten dritter nicht vorgebracht.
Großh. Obere landwirtschaftliche Behörde hat daher laut Zuschrift vom 17. Oktober 1899 dem Unternehmen die in Artikel 67 des Bachgesetzes vom 30. Juli 1887 vorgesehene staatliche Genehmigung mit folgenden Bestimmungen erteilt:
1., daß die 175 beteiligten Grundbesitzer, welche in dem offengelegteu Verzeichnisse (Anlage B) aufgeführt sind, Mitglieder der Waffergenoffenschaft werden;
2., daß das Unternehmen nach dem von der Kultur- rnspektion Gießen aufgestellten Plan ausgeführt wird;
3., daß bezüglich der Verteilung der auf 13,500 Mk. Veranschlagten Meliorationskosten nach Artikel 53 und 68 des Bachgesetzes verfahren wird.
Diese Entscheidung wird unter dem Anfügen zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß innerhalb 14 Tagen nach der Zustellung gegen dieselbe Beschwerde an Großh. Ministerium des Innern erhoben werden kann.
Zugleich geben wir Ihnen hiermit bekannt, daß das mit den Bevollmächtigten beratene Genoffenschaftsstatut ebenfalls 14 Tage nach Maßgabe von Art. 76 des Gesetzes zur Einsicht der Beteiligten auf dem Bureau der Großh. Bürgermeisterei Steinheim offen liegt.
Gießen, den 19. Oktober 1899.
Großh. Kreisamt Gießen.
v. Bechtold.
* Kaiserworte.
Gieße«, 20. Oktober 1899.
Unser Kaiser hat wieder einmal gesprochen, und wie t* fast allen seinen Reden den warmen zu Herzen gehenden Ton gefunden, den nur die selbstloseste Liebe zum Vater- lande und dem Volke verleiht. Klar, scharf und doch herzlich wirken die Kaiserreden bei denjenigen, denen es vergönnt ist, sie direkt zu vernehmen, und mit Bewunderung lauscht die gesamte Welt den kaiserlichen Kundgebungen, die neben der Fülle der Bilder fast durchweg auch auf stilistische Formvollendung Anspruch echehen können. Wir lassen heute die Hamburger Rede im Wortlaute folgen, um uns morgen noch eingehender mit ihr an leitender Stelle zu beschäftigen. Se. Majestät sagte:
„Es gereicht Mir zur besonderen Freude, an dem heutigen historischen Gedenktage wieder in Ihrer Mitte weilen zu können. Ich fühle Mich gleichsam erfrischt und «en gestärkt, so oft Ich von den Wogen des frrsch sprudelnden Lebens einer Hansestadt umspült werde. Es ist ein feierlicher Akt, dem wir soeben beigewohnt, als wir ein neues Stück schwimmender Wehrkraft des Vaterlandes seinem Element übergeben konnten. Ein jeder, der ihn mitgemacht, wird wohl von dem Gedanken durchdrungen gewesen sein, tzaß das stolze Schiff bald seinem Berufe übergeben werden könne; wir bedürfen seiner dringend, und bitter not ist uns eine starke deutsche Flotte. Sein Name erinnert uns an die erste glanzvolle Zeit des alten Reiches und seines mächtigen Schirmherrn. Und auch in jene Zeit fällt der allererste Anfang Hamburgs, wenn auch nur als Ausgangspunkt für die Missionsthätigkeit im Dienste des gewaltigen Kaisers. Hetzt ist unser Vaterland durch Kaiser Wilhelm den Großen «en geeint und im Begriff, sich nach außen hin herrlich zu entfalten. Und gerade hier inmitten dieses mächtigen Handels- emporiums empfindet man die Fülle und Spannkraft, welche das deutsche Volk durch seine Geschlossenheit seinen Unter« «ehmungen zu verleihen imstande ist. Aber auch hier weiß «an es am höchsten zu schätzen, wie notwendig ein kräftiger Schutz und die unentbehrliche Stärkung »nserer Seestreitkräfte für unsere auswärtigen Jn- tereffen sind.
Doch langsam nur greift das Gefühl hierfür im deutschen Baterlande Platz, daS leider noch zu sehr seine
Kräfte in fruchtlosen Parteiungen verzehrt. Mit tiefer Besorgnis habe Ich beobachten muffen, wie langsame Fortschritte das Interesse und politische Verständnis für große, weltbewegende Fragen unter den Deutschen gemacht hat.
Blicken wir um uns her — wie hat seit einigen Jahren die Welt ihr Antlitz verändert! Alte Weltreiche vergehen und neue sind im Entstehen begriffen. Nationen sind plötzlich im Gesichtskreis der Völker erschienen und treten in ihren Wettbewerb mit ein, von denen kurz zuvor der Laie noch wenig bemerkt hatte. Ereigniffe, welche umwälzend wirken auf dem Gebiete internationaler Beziehungen sowohl wie auf dem Gebiete des nationalökonomischen Lebens der Völker, und die in alten Zeiten Jahrhunderte zum Reifen brauchten, vollziehen sich in wenigen Monden.
Dadurch sind die Aufgaben für unser deutsches Reich und Volk in mächtigem Umfange gewachsen und erheischen für Mich und Meine Regierung ungewöhnliche und schwere Anstrengungen, die nur dann von Erfolg gekrönt sein können, wenn einheitlich und fest, den Parteiungen entsagend, die Deutschen hinter uns stehen. Es muß dazu aber unser Volk sich entschließen, Opfer zu bringen.
Vor allem muß eS ablegen seine Sucht, das Höchste in immer schärfer sich ausprägenden Parteirichtungen zu suchen. Es muß aufhören, die Partei über das Wohl des Ganzen zu stellen. Es muß seine alten Erbfehler eindämmen, alles zum Gegenstand ungezügelter Kritik zu machen, und es muß vor den Grenzen Halt machen, die ihm seine eigensten, vitalsten Jntereffen ziehen. Denn gerade diese alten politischen Sünden rächen sich jetzt schwer an unseren See- intereressen und unserer Flotte. Wäre ihre Verstärkung Mir in den ersten acht Jahren Meiner Regierung trotz inständigen Bittens und Warnens nicht beharrlich verweigert worden, wobei sogar Hohn und Spott Mir nicht erspart geblieben sind, wie anders würden wir dann unseren blühenden Handel und unsere überseeischen Interessen fördern können! Doch Meine Hoffnungen, daß der Deutsche sich ermannen werde, sind noch nicht geschwunden. Denn groß und mächtig schlägt die Liebe in ihm zu seinem Vaterlande. Davon zeugen die Oktoberfeuer, die er heute noch auf Bergeshöhen anzündet und mit denen er auch das Andenken an die herrliche Gestalt des heut geborenen Kaisers in der Erinnerung mitfeiert.
Und in der That, einen wundervollen Bau hat Kaiser Friedrich mit Seinem'großen Vater und deffen großen Paladinen errichten helfen und uns als Deutsches Reich hinterlassen. In herrlicher Pracht steht es da, ersehnt von unseren Vätern und besungen von unfern Dichtern! Nun, wohlan, statt wie bisher in ödem Zank sich darüber zu streiten, wie die einzelnen Kammern, Säle, Abteilungen dieses Gebäudes aussehen oder eingerichtet werden sollen, möge unser Volk in idealer Begeisterung, wie die Oktoberfeuer auflodernd, seinem idealen zweiten Kaiser nachstreben und vor allem an dem schönen Bau sich freuen und ihn schützen helfen. Stolz auf seine Größe, bewußt seines inneren Wertes, einen jeden fremden Staat in seiner Entwickelung achtend, die Opfer, die seine Weltmachtstellung verlangt, mit Freuden bringend, dem Parteigeist entsagend, einheitlich und geschloffen hinter seinen Fürsten und seinem Kaiser stehend, so wird unser deutsches Volk auch den Hansestädten ihr großes Werk zum Wohle unseres Vaterlandes fördern helfe«. Das ist Mein Wunsch zum heutigen Tage, mit dem Ich Mein Glas erhebe auf das Wohl Hamburgs."___
* Bom Kriegsschauplatz.
Die Engländer scheinen sich mit ihren Siegesnachrichten den tapferen amerikanischen General Otis zum Muster genommen zu haben, der nach seinen triumphierenden Bulletins bereits sieben Mal mehr Filipinos getötet und gefangen genommen hat, als die ganze Jnsurgentenarmee stark ist, trotzdem sich aber über die nächste Nähe von Manila nicht hinauSwagt. Die von den Engländern „gefangenen" 300 Boeren laufen noch alle vergnügt herum und unterstehen sich sogar, die Rotröcke in reglementswidriger Weise zu belästigen. So besetzten die Boeren den Ort Taungs zwischen Vryburg und Kimberley widerstandslos, ja noch mehr, der Burengeneral Cronje eröffnete nach einer Warnung an die Frauen und Kinder das Bombardement auf Mafeking. Es erfolgte keine Erwiderung.
lieber das schließliche Schicksal der Stadt ist noch nichts Sicheres bekannt -, über ihre Beschießung wird noch gemeldet:
Mich einem Bericht an die Behörden wurde die Mast- finger Wasserleitung abgeschnitten. Nach wenigen Schüssen erschien die weiße Flagge in Mafeking. Die Buren schickten eine Deputation mit Parlamentär-Flaggen, um anzufrageu, ob die Stadt sich ergäbe. Die Deputation wurde sech- Stunden mit verbundenen Augen zurückgehalten und dann ohne Antwort zurückgeschickt. Jetzt richten die Buren Krupp'sche Geschütze auf Mafeking.
Vom Kriegsschauplatz in Natal liegt nach tagelanger Pause wieder ein amtlicher englischer Bericht vor. Wie nämlich aus London telegraphiert wird, meldet das Kriegsamt, daß es Nachrichten von General White erhalten habe, der erwarte, daß die Bewegung der Buren von den Drakensbergen her fortgesetzt würde, und daß die Buren mit den englischen Vorposten zwischen Ladysmith und den Engpäffen der Drakensberge Fühlung gewinnen. Im Norden rücken die Streitkräfte der Buren von Jngagane her mit einigen Batterieen vor. Die Buren am Buffalofluß rücken gegen Rorkesdrift vor. Englische Kavallerie überwacht die Bewegungen.
London, 19. Oktober. Nach hierher gelangten Meld- ungen haben die Buren den ersten gepanzerten Zug von Mafeking vollständig zerstört und dabei 31 Mann und einen Hauptmann zu Gefangenen gemacht. Zur Entsetzung von Mafeking eilte mit Truppen ans Rho- desia auf einem Panzerzuge Oberst Plumer herbei. Die Buren haben diesmal Geschütze bereit gestellt, um den Panzerzug zu beschießen. Bei dem gestrigen Zusammenstoß der englischen Vorposten mit den Buren bei Besters soll eS 7 Tote und Verwundete gegeben haben. 2000 Bure« nahmen an dem Gefecht teil. Dieselben brachten viele Maximgeschütze ins Treffen. Die Bahnverbindung zwischen Ladysmith und Glencoe ist unterbrochen, der Telegraph ist intakt.
London, 19. Oktober. „Daily Telegraph" erfährt, daß die Engländer 2000 Mann bei Akten Hoven ausgestellt haben und daß kleinere Detachements englischer Truppe« sich bei Bester befinden.
London, 19. Oktober. Ein Telegramm von 8 Uhr vormittags vom Berichterstatter des „Daily Telegraph" meldet, daß die Buren aus dem Vanreenen- und Tiva-Paß vorgedrungen sind. Die Truppen unter dem Befehl des Generals Joubert bringen in der Gegend von Glencoe und Bester vor. Ein Telegramm aus Glencoe von gestern nachmittag meldet, daß eine englische Patrouille die Buren bet Haldingspruit 7 Meilen von Ladysmith gesehen hat.
London, 19. Oktober. Die „Times" veröffentliche« eine Meldung, wonach die Buren sich der Festung Makaart bemächtigt haben. Ein Burenspion, welcher zahlreiche Schriftstücke bei sich trug, wurde gefangen genommen. Ec wird standrechtlich erschossen.
London, 19. Oktober. Die britische Regierung beschlagnahmte in Kapstadt eine für die Transvaal- Regierung bestimmte Summe von 150 000 Pfund. Die Buren konzentrieren sich in Swaziland und haben sämtliche Engländer ausgewiesen.
London, 19. Oktober. Ein Telegramm aus Ladysmith von gestern nachmittag 5 Uhr 20 Min. berichtet, daß gestern die Vorposten der britischen Truppen mit denen der Buren bei Aktenhoven 17 Meilen nordwestlich von Ladysmith zusammengestoßen seien. Die ersten Schüsse seien gegen 10 Uhr vormittag gefallen. Der Kampf dauere noch fort. Aus Ladysmith wurde in aller Eile englische Verstärkung abgesandt. Für heute wird eine entscheidende Schlacht erwartet.
— Aus französischen Militärkreisen wird berichtet, daß der Plan der Engländer folgender sei: Die Haupttruppen werden an der westlichen Grenze des Oranje- FreistaateS einen Angriff unternehmen und von hier aus durch den Freistaat nach Transvaal Vordringen. Alle zu landenden Truppen werden sofort nach der Westgrenze des Oranje-FreistaateS transportiert werden.
London, 19. Oktober. Aus Glencoe wird gemeldet, einige Burenabteilungen, welche mit der östlichen Hauptmacht der Buren von Newcastle gegen Dundee vorrückte«, haben sich von dieser getrennt, um sich mit der am Doorn- berg stehenden Streitmacht zu vereinigen.
Johannesburg, 19. Okt. Die Stadt ist fast von der gesamten Bevölkerung verlassen. Die Kohlen- nnd Nahrungsvorräte in einigen Minen sind mit Beschlag belegt.
(Siehe auch „Neueste Meldungen").


