Ar. 118
Sonntag den 21. Mai
Viertes Blatt.
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Gießener A nzeiger
General-Anzeiger
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Friedenskonferenz.
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i.entrittS dieser Konferenz wird einer der hervor-
Kilahion, Expedition und Druckerei:
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Präsident v. Staal beantragte hierauf unter Zustimmung, den Minister de Beaufort zum Ehrenpräsidenten und den ersten niederländischen Vertreter Jonkheer van Karnebeek zum Vizepräsidenten zu ernennen. Weiter wurden neun Schriftführer ernannt. Der Antrag v. Staals, die Verhandlungen der Konferenz als geheime zu behandeln, wurde gleichfalls angenommen. Nachdem die nächste Sitzung auf Sonnabend 11 Uhr angesetzt war, um die Kommissionen und sie Abteilungen zu wählen sowie das Arbeitsprogramm aufzustellen, wurde die Eröffnungssitzung nach einer Dauer von knapp einer halben Stunde aufgehoben.
Oben auf der Galerie hatte auch Frau Bertha von Suttner als einzige Dame der Eröffnung beigewohnt. Fortwährend treffen Abgesandte von Gesellschaften der Friedensfreunde aus den verschiedenen Ländern im Haag ein, und fast allabendlich finden seit einigen Tagen Versammlungen statt, in welchen die Frage der Abrüstung behandelt wird.
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Fernsprecher Nr. 51.
unitootts Völker Europas sich untereinander verständigen, ■ith als Brüder zu leben und sich gegenseitig in ihren Be- düÄchiffrm zu unterstützen. Geleitet von diesen edlen Tra- hitim seines erhabenen Ahnen hat Se. Majestät allen
Die Friedenskonferenz legt zu Füßen Eurer Majestät ihre ergebensten Glückwünsche zu dem heutigen Geburtstage nieder, und drückt ihre aufrichtigste Befriedigung darüber aus, an der Vollendung des großen und edlen Werkes mitwirken zu dürfen, für welches Eure Majestät die hochherzige Initiative ergriffen haben, und für welche die Kommission ihre ergebenste und tiefste Dankbarkeit anzunehmen bittet.
Auch der von de Beaufort gemachte Vorschlag, den russischen Botschafter v. Staal zum Vorsitzenden zu wählen, fand einhellige Zustimmung. Dieser trat sofort sein Amt an, und hielt folgende Ansprache:
„Meine erste Pflicht ist, dem niederländischen Minister der auswärtigen Angelegenheiten meinen Dank auszusprechen für die edlen Worte, welche er soeben meinem erhabenen Herrn gewidmet hat. Seine Majestät wird tief gerührt sein von den hohen Gesinnungen, von denen der Minister de Beaufort sich hat leiten lassen, und von der Bereitwilligkeit, mit welcher diese hohe Versammlung sich diesen Bestrebungen angeschlossen hat. Wenn auf den Kaiser von Rußland die Initiative zur Einberufung der Konferenz zurückzuführen ist so verdanken wir es der Königin der Niederlande, in ihrer Hauptstadt zusammenberufen worden zu sein. Es ist eine glückliche Vorbedeutung für den Erfolg unserer Arbeiten, daß wir unter den Auspizien einer jungen Herrscherin versammelt sind, deren bezaubernde Anmut bis in die weiteste Ferne ihre Wirkung übt, und deren, allem Großen und Edlen zugängliches Herz so viel Sympathie bezeugt hat für die Sache, die uns hierher geführt hat. Inmitten der Ruhe des Haag und im Schooße eines Volkes, das einen so hervorragenden Faktor der allgemeinen Zivilisation bildet, haben wir ein leuchtendes Beispiel dessen vor Augen, was Tapferkeit, Patriotismus und Thatkraft für das Wohl eines Volkes vermögen. Auf dem geschichtlichen Boden der Niederlande sind die größten Probleme des politischen Lebens der Staaten diskutiert worden. Hier, kann man sagen, stand die Wiege der Wissenschaft vom internationalen Recht. Jahrhunderte hindurch wurden hier die hauptsächlichsten Verhandlungen zwischen den europäischen Mächten gepflogen. Hier endlich wurde der bemerkenswerte Vertrag unterzeichnet, welcher einen Waffenstillstand in den blutigen Kämpfen zwischen den Staaten herbeiführte. Wir befinden uns also in lauter historischer Ueberlieferung. Es erübrigt mir noch, dem Minister des Auswärtigen der Niederlande meinen Dank abzustatten für die so schmeichelhaften, zu schmeichelhaften Worte, die speziell mir galten. Ich bin sicher, den Gefühlen aller Mitglieder dieser hohen Versammlung Ausdruck zu geben, wenn ich Exzellenz de Beaufort versichere, wie glücklich wir gewesen wären, wenn wir ihn bei unseren Versammlungen die Präsidentschaft hätten führen sehen. Sein Platz für daö Präsidium war nicht nur durch Vorgänge bei ähnlichen Gelegenheiten, sondern durch die Eigen- schckften des hervorragenden Staatsmannes angezeigt, der gegenwärtig die auswärtige Politik der Niederlande leitet. Sein Präsidium wäre überdies eine weitere Höflichkeitsbezeugung gewesen, welche wir seiner erhabenen Herrin hätten abstatten wollen, die geruht hat, uns liebenswürdige Gastfreundschaft anzubieten. Was mich betrifft, so kann ich die Wahl meiner Person für das Präsidium nur damit als begründet ansehen, daß ich Bevollmächtigter des Kaisers Nikolaus, meines erhabenen Herrn bin, der den Gedanken zur Konferenz angeregt hat. In dieser Eigenschaft nehme ich mit tiefer Dankbarkeit die ausgezeichnete Ehre an, welche mir der Minister des Auswärtigen erwiesen hat, indem er mich für das Präsidium vorschlug und die mir auch die Mitglieder der Konferenz erwiesen, indem sie diese Wahl guthießen. Ich werde alle meine Kräfte anwenden, um Ihr Vertrauen zu rechtfertigen, aber ich lege mir vollkommen Rechenschaft darüber ab, daß das vorgerückte Alter, welches ich erreicht, leider ein trauriges Privileg und ein schwacher Bundesgenosse ist; ich glaube indes, daß dies ein Grund für Sie sein wird, gegen mich nachsichtig zu sein."
Während der Rede des Barons Staal, der übrigens etwas leise sprach, war ein Photograph eifrig an der Arbeit, den geschichtlichen Augenblick der Eröffnung der Konferenz durch verschiedene Aufnahmen zu verewigen. — Folgendes von Staal vorgeschlagene Telegramm an die Königin der Niederlande ward weiter angenommen:
Die zum ersten Male im schönen Schlosse „Huis ten Bosch" versammelten Mitglieder der Konferenz beehren sich Euer Majestät ihre besten Wünsche zu Füßen zu legen mit der Bitte, den Ausdruck ihrer tiefsten Ergebenheit und ihrer Dankbarkeit für die Gastfreundschaft entgegenzunehmen, welche Ew. Majestät geruht haben, denselben in so huldvoller Weise zu gewähren.
Deutsches Keich.
Darmstadt, 19. Mai. Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin sissd am 17. d. M. abends mit Ihrer Majestät der Königin wieder in Schloß Windsor eingetroffen. Seine Königliche Hoheit der Großherzog hatten vorher Ihre Majestät die Königin zur Grundsteinlegung des Kensington-Museums begleitet.
Berlin, 19. Mai. In einem Artikel, betitelt: „Die Waffen nieder", welchen Baronin v. Suttner in der heutigen „Zukunft" veröffentlicht, teilt dieselbe mit, daß ihr der Delegierte einer großen Macht von der Friedens- Konferenz vor einigen Tagen folgendes geschrieben habe: Ich glaube, und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, daß die Konferenz sich der Notwendigkeit nicht wird entziehen können, etwas gutes zu schaffen, mehr als man erwartet. Man wird freiwillig oder widerwillig etwas gutes bieten und einmal auf diesem Pfade bis ans Ende gehen müssen. Man wird nicht mehr innehalten können, innehalten dürfen.
Berlin, 19. Mai. Die Nachricht, daß die Gruftkapelle in Friedrichsruh am 1.Juni dem allgemeinen Zutritt geöffnet werden würde, ist, wie die „Hamb. Nachr." melden, nicht zutreffend. Die Arbeiten in der Umgebung der Kapelle sind noch nicht beendet, und die Heizungen im Innern haben bisher nicht eingestellt werden können, sodaß sich heute noch nicht übersehen läßt, zu welchem Zeitpunkte der Besuch wird freigegeben werden können. Es besteht die Absicht, Besucher an zwei oder drei Tagen in der Woche zuzulassen, sobald alle Arbeiten beendet sein werden; zur Ermöglichung der Aufsicht für den Wächter wird der Besuch aber selbstverständlich immer nur in kleinen Abteilungen von sechs bis acht Personen erfolgen können.
— Zur Arbeiterschutz-Konferenz. Betreffs der Beteiligung Deutschlands an der internationalen Vereinigung zur Förderung des Arbeiterschutzes berichtet die „Soziale Praxis", daß eine große Anzahl Zuschriften von Herren vorliegt, die zu der Arbeiterschutz-Konferenz am 3. Mai in Berlin eingeladen, aber am Erscheinen verhindert waren. Mit dem Plane selbst bekundeten diese Zuschriften durchweg volles Einverständnis. Unter anderem schreibt Kardinal Kopp-Breslau: „Ich halte die private internationale Vereinigung für den Arbeiterschutz für das zurzeit einzig mögliche Mittel, um rückläufigen Bestrebungen entgegenzuwirken und die soziale Gesetzgebung auf einem ruhigen, aber fortschreitenden Gange zu erhalten. Ich trete der Vereinigung daher mit Freuden bei."
— In Heidelberg starb vorgestern der außerordent- liche Professor Di. F. Meyer im Alter von 75 Jahren. Der Verstorbene ist unter seinem Schriftstellernamen Meyer von Waldeck bekannt. Der Schwerpunkt der Arbeitsleistung Meyers liegt in dem, was er für die Kenntnis russischer Zustände in Politik und Litteratur gethan hat. Seine Kenntnis Rußlands gründet sich auf langjährige eigene Anschauung russischen Lebens, wozu Meyer in verschiedenen Stellungen die Gelegenheit gegeben war. Mehrfach versuchte sich Meyer auch im Drama und Epos. Sehr ansprechend sind seine Schilderungen der russischen Preßverhältnisse.
— Aus Bayern. Die Kammer der Reichsräte hat in ihrer gestrigen Sitzung mit allen gegen 9 Stimmen den neuen Gewerbesteuer-Gesetzentwurf nach den Beschlüssen des Reichsrats-Ausschusses angenommen. Im Laufe der Debatte ergriff auch Prinz Ludwig zweimal das Wort und trat der Behauptung entgegen, als ob das neue Gewerbesteuergesetz die Großindustrie zu stark belaste. Prinz Ludwig schilderte
U|JM inti kLgrüßte die ankommenden Wagen. Um halb zwei ' '.hi btogann die Auffahrt zur Konferenz, die sich ungemein jj, doch tarnt out' gestaltete. Die Delegierten kamen in zweispännigen Vwnbmrn. Alle, auch die militärischen Vertreter, trugen slHüMM Rock; nur einige Holländer waren in Uniform ßttttft 'r#iian._ Jonkheer van Hoefft in großer Kammerherrn,
jum & bewillkommnete die diplomatischen Gäste namens der K'MÜ» und machte die Ehren des Hauses in der Vorhalle, ifte 1 UV« sfr he der kleinen Freitreppe waren zwei Militärposten
: dieselben zugesandt. 1 welche vor jeder Equipage das Gewehr präsen- :i vNei!. Die einzigen bunten Elemente in dieser Auffahrt M schwarzen Röcken waren die Türken mit ihrem roten 3 frq untD der Chinese mit seinem blauseidenen Staatskleide. ’lMlflll J-^^aniensaale nahmen die Ankommenden ihre Plätze wllllM/ll ci in, wrllche durch Zettel bezeichnet waren, und allsogleich croiwickillte sich eine lebhafte, wenngleich gedämpfte Unter# OS« tkilhing Das Ganze machte den Endruck eines Parlamentes.
U Ä zwei Uhr nahmen alle Versammelten ihre Sitzplätze i m Der niederländische Minister that drei Schläge mit ^"^^^^deimPinsidentenhammer und begrüßte stehend die Mitglieder »MWDUWM'c'Zsil>ttgresseS. Seine Rede lautete wie folgt:
Mr*i, im |ti Die Bevölkerung des idyllischen Haag scheint der __? Hiirde- iskonferenz wenig Beachtung zu widmen. Am Tage tote Eröffnung war das Gehölz fast ganz menschenleer. . Thr iii der Allee, die zum Parkgitter von „Huis ten Bosch" ' ührt, bildeten etwa zweihundert Zuschauer Spalier. Am C Silier war eine militärische Wache aufgestellt, welche nur ■ 1^2' rit ntitt Karten versehenen Personen passieren ließ. Ein ■ Pferde hielt in der Allee hinter dem Gitter
3n: Namen meiner erhabenen Herrscherin habe ich die Sie willkommen zu heißen und dem Kaiser aller Mm 'H'inficn, welcher durch die Wahl des Haag zum Sitze der
jOU 'tclinierenj unserem Lande eine große Ehre erwies, meine
chchü W tlM "ieiffilt Ehrerbietung und lebhafte Dankbarkeit auszudrücken, oijleneflötin. Dimchfeine edle, in der ganzen zivilisierten Welt mit Beifall L beiWßü Initiative hat der Kaiser von Rußland den von mflw -^ura iriner erhabenen Vorgänger, dem Kaiser Alexander I. ' riusSjibriucften Wunsch erfüllen wollen, daß alle Herrscher
Veuver'schek
läM-
W ’SNehWMgen, deren Vertreter hier anwesend sind, den Zu- iit iarMmiiritt einer Konferenz vorgeschlagen, welche die Auf-
ßunfemil qalH« halben soll, nach Mitteln zu suchen, um den unaufhör-
j;Äen. üchpc Mstungen ein Ziel zu setzen und die schwere Not,
weÄ'h bie ganze Welt bedroht, zu beendigen. Der Tag des Zw issiM entritts dieser Konferenz wird einer der hervor- ***** jpib i achtem Tage in der Geschichte des zur Neige gehenden
für die 8- JabMmderts sein. Er fällt zusammen mit dem Festtage, beni aller Unterthanen des Zaren als nationalen Suche ein Feijiwiag begehen, und indem ich mich aus tiefstem Herzen Men. alle eit Wünschen für das Glück des großherzigen Souveräns
schast |U $ anfetWe, will ich mir erlauben, als Wortführer der ganzen S! n bieieS siöirillMen Welt der Hoffnung Ausdruck zu geben, daß der
y? KaM, der in den Arbeiter dieser Konferenz die Ver- TirÄ.ng seiner großherzigen Ziele sieht, in Zukunft ^SgLbiefW'$ag als den schönsten seines Lebens ansehen wird.
N ajestät, meine erhabene Souveränin, die von den- Gefühlen durchdrungen ist, welche den Kaiser von . Mu.Wb zu seinem Vorgehen angeregt haben, hat der Kon- T\A (iMf i fennn; k».is schönste historische Bauwerk zur Verfügung stellen VOO r°Ä Elches sie besitzt. Der Saal, in welchem Sie sich H i&l) ist von den hervorragendsten Künstlern des 17. Jahr-
* ™ iw «Hilf, ausgestattet und von der Witwe des Prinzen
Heinrich zum Andenken an ihren edlen Gemahl FA^---^uslIerririchl worden. Unter den Gruppen und allegorischen P^eRM1^ welche Sie hier bewundern werden, befindet sich /Zl^-^^mc ^ttllche sich auf den Westfälischen Frieden bezieht und besondere Beachtung verdient, nämlich die Gestalt, ÜÜlV^M^vellch suh über der Eingangsthür dieses Saales befindet, -^M^wo ife .trie Friedensgöttin in diesen Saal eintreten sehen, »ihn Ianustempel zu schließen. Ich hoffe, daß diese V^^^ulss^s-ichöm AIIlegorie von guter Vorbedeutung für Jhre-Arbeiten fcirbc, und daß Sie nach Beendigung derselben sich ^^VslM^wer fiigen können, daß die Friedensgöttin, welche die KunHin diesen Saal zuerst eintreten liefe diesen wieder "verlHn hat, um ihre Wohlthaten der ganzen Menschheit jn 1 Mr den zu lassen.
Üe Rede wurde mit allgemeinen Beifallszeichen auf- u 1 gcncwni. Das gleiche geschah mit dem Vorschläge de jon,r folgende Depesche an den Zaren zu richten:


